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Full text of "Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit"

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OAK ST. HDöt 



UNIVERSITYOF 

ILLINOIS LIBRARY 

AT URBANA - CHAMPAIGN 

BOOKSTACKS 



SCHOPENHAUERS 

APHORISMEN ZUR 
LEBENSWEISHEIT 



^ 



MCMXVn 
Im INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 

LIBRARY Ü.OFI.ÜfißANA.C«)IAfP4//», 



V'Xf: 
6. — lo. Tausend 



Sc(v6ap VORWORT 

AUS der frühen Jugendzeit Schopenhauers besitzen 
wir eine Reihe von Tagebüchern und Briefen, die 
alle auf gleichen Ton gestimmt sind: er sieht über- 
all das Traurige und Häßliche der Welt, er sieht die Lei- 
den der Menschen, er sieht das Kleine, das so leicht dem 
Menschlichen anhaftet. Wo er es sieht, da vermag er mit 
seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ein Spottgedicht 
über den Lehrer bringt ihm frühen Ärger; aus den Briefen 
seiner Mutter sehen wir, wie er es liebte, über Menschen 
und Dinge zu lamentieren, so der lebenslustigen Frau und 
seiner Umgebung lästig werdend. Er ist diese Anschau- 
ungen über Menschen, ihre Art, ihren Wert und ihr Glück 
niemals völlig losgeworden. 

Den jungen Schopenhauer trieb es oft genug in die Ge- 
selligkeit. Man würde sich sehr täuschen, wenn man sich 
ihn als einsamen Griesgram vorstellte, der scheu, jam- 
mernd, nur arbeitend in seinem Zimmer saß. Im Gegen- 
teil: wie er in Weimar sehr wohl in den Kreisen der jungen 
Damen verkehrte, wie er später in Dresden regelmäßig 
seinen "Stammtisch" besuchte, wie er in Rom mit der 
deutschen Künstlerkolonie umging, ist uns deutlich genug 
von seinen Bekannten geschildert. Überall aber wurde er 
im Umgang, besonders wo eine größere Zahl von Men- 
schen zusammen war, schnell unbeliebt. Er scheute sich 
nicht, in jedem Moment, unbehindert von jeder Rücksicht, 
alles frei herauszusagen, und seine Meinung wich dann 
von der anderer nicht nur inhaltlich stets ab, sie wurde 
noch dazu in ganz dogmatischer, scharfer, oft höhnischer 
Weise geäußert. Er suchte im Umgang eben nichts weiter 
als eine Fortsetzung dessen, was ihn innerlich beschäftigte, 
und das waren stets hohe, geistige Probleme ganz allein. 
Alle die kleinen Freuden der Geselligkeit, die Behaglich- 
keit des Gemütlichen und Gemütvollen spielten in seinem 
Verkehr keine Rolle: er suchte Geist und nur Geist. Darin 
war er seiner sonst ihm so fremden Mutter verwandt; nur 
daß es ihr lag, den Geist in spielender Form zu geben und 
zu genießen, während der Sohn stets das Logische imd 
_ besonders das Ethische in strengster Form bevorzugte. 



6 VORWORT 

So war er zu geselligem Verkehr in größerem Kreise nicht 
geschafifen; dazu besaß er nicht die nötige Anpassung. Wer 
aber mit der Begabung eines Schopenhauer, mit der Größe 
und Schärfe seines Geistes auf die Suche nach gleich- 
wertigem Geist ausgeht, wer Menschen zum Austausch 
gleichwertiger Gedanken sucht, dem muß es schließlich 
gehen wie dem Diogenes, der mit der Laterne umhergeht, 
um einen Menschen zu suchen, und ihn nicht findet. Die 
Überlegenheit seines Geistes gegenüber den Menschen 
des Umgangs leuchtete ihm dann während des Gesprächs, 
wie beim stillen Nachdenken zu Hause immer mehr ein; 
und so wurde sein Ton den Bekannten gegenüber notwen- 
dig ein herablassender, schließlich, wo es schärfer her- 
ging, ein höhnischer; und so kam es, daß bald er sich von 
ihnen zurückzog, bald sie seinen Umgang mieden. 
Diese Erfahningen des persönlichen Verkehrs wurden durch 
seine persönlichen Lebensschicksale bestätigt und ver- 
stärkt. Der einzige Mensch, den er in seiner Jugend weit 
über sich stellte, Goethe, hatte ihm bei persönlicher Be- 
gegnung menschlich nicht genügt. Das einzige Mal, wo 
ihm der Geist des Menschen zugesagt hätte, da schien ihm 
des Charakters Größe zu versagen. Mit tiefer Niederge- 
schlagenheit hat er selbst das in schönster und stolzester 
Form in seinen Briefen an Goethe gesagt. 
Tief haben auf ihn auch die Erlebnisse in seiner Familie 
eingewirkt. Der Vater war für ihn kaum eine Realität, 
sondern vielmehr ein ideal zurechtgemachtes Bild, das er 
vielleicht großenteils als Gegensatz zur Mutter herausbil- 
dete. Die Mutter geht, je mehr wir von ihr erfahren, um so 
deutlicher als der Typus einer Frau und Mutter hervor, 
die ihren Angehörigen das Leben schwer und peinvoll 
gestaltete. Nicht nur das Bild der Frauen ist für Schopen- 
hauer durch sie bestimmt worden, sondern seine gesamten 
Anschauungen über den Egoismus der Menschheit. Es lag 
nahe, niemand völlig selbstlose Handlungen zuzutrauen, 
wenn man sie der eignen Mutter nicht zutrauen durfte. 
Auch Adele Schopenhauer, seine Schwester, war nicht 
dazu angetan, ihren Bruder besser über die Frauen oder 
über die Menschen denken zu lehren. Einzelne ihrer Briefe 



VORWORT 7 

der späteren Zeit sind nicht nur in der Form, sondern 
auch im Ethos des Inhalts prächtig. Aber Adele ist ofifen- 
bar erst sehr langsam im Sturm und Kampf des Lebens, 
besonders aber im Kampfe mit ihrer Mutter, zu einer so 
starken, sicheren Persönlichkeit geworden. Liest man ihre 
Tagebücher und ihren Briefwechsel mit Ottilie von Goethe, 
der uns erst im letzten Jahre bekannt geworden ist, dann 
bekommt man den Eindruck, daß Schopenhauer auch an 
ihr nicht gerade eine idealere Anschauung von Frauen und 
Welt bekommen konnte. Sie hat auch sehr viel von der 
Unnatur ihrer Mutter: von der Neigung, sich stets zu 
spreizen, eine große Menge von Eitelkeit und besonders 
eine haltlose innere und äußere Unruhe. Sie bewegt sich 
immer in Superlativen, und etwas von einer hysterischen 
Veranlagimg steckt in ihrer ganzen Art, die Dinge zu er- 
leben. Wie konnte Schopenhauer innerlich gut von einem 
Wesen beeinflußt werden, das in den Jahren, da er sein 
Hauptwerk schrieb, ihn in allen Briefen an Ottilie nur 
einmal erwähnt und da nur, um zu sagen, daß sie sich vor 
dem Erscheinen dieses Werkes fürchte, wie vorm Tode. 
Und die übrige Welt! Wie tat sie ihm unrecht, als sie 
sein Werk vernachlässigte, übersah und seinen Namen 
verschwieg. Wie mußte sich in den dreißigjahren völliger 
Unbekanntheit seine Anlage zur Menschenverachtung und 
zum Mißtrauen gegen das Glück verstärken. Wir sehen 
ihn vor uns in den Stunden seiner Einsamkeit, suchend 
nach Menschen von Geist, die über die Mißerfolge im 
Leben, über die mangelnde Einheit von Verdienst und 
Glück ebenso denken wie er. Wir sehen ihn ausschauen 
nach solcher Weisheit der Völker und Menschen, die eben- 
so schlecht von den Menschen denkt wie er. Und glück- 
lich denken wir uns ihn, wenn er ein Sprichwort findet 
oder eine Stelle in der großen Literatur der Welt, die ja 
kaum jemand so gut kannte wie er, in der seine Anschau- 
ung über Menschen und Dinge bestätigt wird. Ein hämi- 
sches Lachen mag dann über sein Gesicht gegangen sein, 
und ein kleiner Moment des Glückes mag es für ihn ge- 
wesen sein, wenn er eine solche Stelle fand, oder wenn 
ihm ein Einfall kam, der seine Lebenserfahrungen schön 



8 VORWORT 

ausdrückte oder in allgemeine Sätze verdichtete. Ein 
ästhetisches Vergnügen, seine eigenen Lebenserfahrungen 
trüber Art bei anderen bestätigt zu finden, vom alten Kohe- 
leth an bis zu Voltaire oder Goethe, ist vielleicht die erste 
Wurzel, ''Aphorismen zur Lebensweisheit" niederzuschrei- 
ben. Ganz besonders erfireut aber ist Schopenhauer offen- 
bar überall, wenn die Weisheit des Volkes, die er in be- 
zug auf Lebenserfahrungen sehr hoch stellt — so niedrig er 
sie in philosophischen Anschauungen schätzt—in einem 
Sprichwort seine Ideen verdichtet hat. Besonders die 
spanischen Sprichworte, aber auch Italien, Frankreich, 
Deutschland müssen da herhalten, um den Stofif seines 
Denkens in konzise, einleuchtende Form zu prägen. 
Daneben leitet ihn ein zweites Motiv zur Niederschrift 
seiner Anschauungen über Weltklugheit. Seine philoso- 
phischen Anschauungen lehren das ewige, unabänderliche 
Leiden in dieser Welt. Niemand kann ihm entrinnen; denn 
es ist mit dem Wesen des Lebens, ja mit dem Wesen der 
Welt, innig verknüpft, es ist ihr Wesen. Verstärkt aber 
wird das natürliche Leiden aller Wesen beim Menschen 
dadurch, daß bei ihm das Unmittelbare noch durch den 
Verstand hindurchgeht und daß es den einen gegeben ist, 
mit dem Verstand bis zu einer gewissen Grenze über ihr 
Wollen, diese Quelle alles Leidens, zu herrschen, anderen 
aber, den Jähzornigen, den Wilden, das versagt ist. Er 
gehört zu den letzten. Und wie seine Philosophie lehrt, 
wie er sich im großen losmachen möchte von den Tiefen 
seines WoUens, so lehrt hier seine Lebensweisheit, wie er 
sich im äußeren Verkehr mit den Menschen losringen will 
von den Oberflächen seines Temperaments. Immer wieder 
sieht er, wie im Verkehr mit Menschen derjenige praktisch 
gut fortkommt, der mit kalter Überlegung das tut, was zu 
seinem Nutzen gut ist, der nicht immer die Menschen 
genießen, aber stets sie zu seinen Zwecken benutzen will. 
Ihm selber aber ist diese Kirnst gar nicht gegeben. Wo 
wir seinen mündlichen oder schriftlichen Verkehr mit 
Menschen kontrollieren können, da läßt er sich bald vom 
unmittelbaren Gefühl, bald von einer starken Willensströ- 
mung treiben, und nichts liegt ihm femer, als vorsichtig 



VORWORT 9 

und überlegt die Menschen zu Zwecken zu benützen. 
Seine Briefe zeigen, wie er um irgendeiner kleinen Streitig- 
keit willen seine treuesten Anhänger, seine Apostel, wie er 
sie nennt, vor den Kopf stößt und mit ihnen bricht, wie er es 
nicht fertigbringt, ein freundlicheres Wort der Anerkennung 
zu schreiben, als er es für durchaus berechtigt hält. Nirgends 
versteht er es im Leben, klug nach den Zipfeln des Glückes 
zu schauen und sie zu erhaschen, stets sieht er über sie 
fort ins Weite. Da schreibt er sich Lebensregeln auf, wie 
sie sich ihm in den stillen Stunden geben, klug erwogene 
Verhaltungsmaßregeln, nach denen er sich vorsetzt, den 
Menschen zu begegnen — und läßt sie sofort im Stich, 
wo er mit Menschen zu tun hat. Man hat Schopenhauer 
so oft vorgeworfen, daß er etwas anderes in seiner Phi- 
losophie des Leidens lehre, als er im Leben selbst erlebt 
habe. Man darf darüber nicht vergessen, daß seine Lehre 
wirklich darstellte, was er innerlich litt, und daß nur sein 
äußeres Leben der Lehre widersprach. Man darf noch 
weniger vergessen, daß auch hier in seinen Bemerkungen 
zurW>ltweisheit, deren Befolgung ihm manche freudige, ja 
glückliche Stunde hätte bringen können, er zwar genau 
wußte, wie es richtig sei, gegen Menschen sich zu ver- 
halten, um mit ihnen gut durchzukommen: wie ihm aber 
ganz zu seinem Nachteil die Gabe, praktisch sich danach 
zu richten, völlig abging. Es ist merkwürdig genug, 
daß dieser Gesichtspunkt niemals hervorgekehrt wird, 
der wohl dazu beitragen kann, Schopenhauer von Vor- 
würfen zu befreien. 

Ein heftiger Wille trieb ihn durch die Welt, derselbe Wille, 
den er als einen ruhelosen, heftigen, unbefriedigten zum 
Grundprinzip der Welt gemacht hat, der von Einsichten 
nicht geführt wurde und dem es nicht gelang, sich eine 
Laterne anzustecken, die ihn geleitet hätte zu einem ge- 
ruhigen Leben. In seiner Lebensweisheit zeigt er über- 
all, wie man bei allem Elend der Welt glücklich, ruhig, 
vernünftig, schön leben könne; selten wußte es einer so 
gut wie er, und auch hier, wo es ihm nur Lust bringen 
konnte, verfehlte er stets, den genau gekannten Weg zu 
srehen. 



lo VORWORT 

So ist auch dieser Teil Schopenhauerscher Lehre ganz 
persönlich zu begreifen. Es ist eine Art Selbstschutz gegen 
das Leben, das er auf der einen Seite verachtete und 
haßte, auf der anderen nach seinen Haupttrieben heiß be- 
gehrte, wie wenige Menschen. Es ist ein Selbstschutz gegen 
seine Begier, mit Menschen umzugehen, gegen seine Freude 
und seine Fähigkeit, mit Menschen sich zu unterhalten. 
Wir sehen es etwa in den Gesprächen mit dem jungen 
Bahr, wie lebhaft Schopenhauer sprach, welche Freude es 
ihm offenbar war, die Fülle von Erfahrungen, Gedanken, 
Geistesblitzen vor einen anderen hinzuschütten — und doch 
ist er stets ein Einsamer geblieben. Da sehen wir in die 
Werkstatt seines Geistes hinein: wie er sich selbst klar- 
macht, warum dieser Drang nach Geselligkeit, dem er nie 
frönen konnte, ohne seinem Charakter nach böse Erfah- 
rungen zu machen, seines Genies unwürdig sei. Er ist aber 
groß genug, das, was aus persönlichem Leben stammt, ins 
Allgemeine zu wenden und jedem Menschen zu zeigen, 
wohin zu viele Geselligkeit, zu vieles Zusammensein mit 
anderen führt, und welchen Stachel der Verkehr mit Men- 
schen hat. 

Auch in seinen allgemeinen Anschauungen über Menschen, 
ihr Verhalten und ihren Wert rückt er nicht weit von seinen 
philosophischen Theorien ab. Das liegt aber nicht etwa im 
Zusammenhang dieser persönlichen Anschauungen mit der 
pessimistischen Grundlage seiner Philosophie begründet. 
Er fühlt sich hier vielmehr völlig einig mit all den großen 
Menschenkennern, die zur Lebensweisheit im praktischen 
Sinne sich geäußert haben. Mag der große Zug einer weiter- 
schauenden Philosophie über die Erbärmlichkeiten des 
einzelnen hinwegschauen lassen — die Betrachtung ins ein- 
zelne pflegt all die Großen, die über Menschen genau 
nachgedacht haben, nicht gerade besonders wohlwollend 
zu machen. Selbst ein Kant, selbst ein so lebensfreudiger 
Philosoph wie Nietzsche sind in ihrem Menschenurteil 
von Schopenhauer nicht weit entfernt. Daher sucht er und 
findet er Unterstützung seiner Meinungen, wo er nur in 
die Literatur und in die Philosophie hineingreift, und selbst 
seine unbarmherzigsten Angriffe gegen die Menschen be- 



VORWORT 1 1 

kommen hier durch die schöne Form etwas Anlockendes. 
Man kann darum die Sammkmg nicht aus der Hand legen 
ohne ästhetische Befriedigung und zugleich ohne Zunahme 
an Weltklugheit. Eine andere Frage ist es, ob man durch 
solche Behandlung der Menschen und der Welt auch an 
Weltweisheit gewinnt. Diese Frage wäre vielleicht zu ver- 
neinen. 

MAX BRAHN. 



APHORISMEN 
ZUR. LEBENSWEISHEIT 

JLe Sonfieürn'estpasdiosei^ 
tfes cMci(e c{c (e trouveren noüsMm- 



APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT. 
EINLEITUNG. 

ICH NEHME DEN BEGRIFF DER LEBENSWEISHEIT 
hier gänzlich im immanenten Sinne, nämlich in dem 
der Kunst, das Leben möglichst angenehm und glück- 
lich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudä- 
monologie genannt werden könnte: sie wäre demnach die 
Anweisung zu einem glücklichen Dasein. Dieses nun 
wieder ließe sich allenfalls definiren ais ein solches, welches, 
rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da es hier auf ein 
subjektives Urtheil ankommt) bei kalter und reiflicher 
Überlegung, dem Nichtsein entschieden vorzuziehn wäre. 
Aus diesem Begriffe desselben folgt, daß wir daranhingen, 
seiner selbst wegen, nicht aber bloß aus Furcht vor dem 
Tode; und hieraus wieder, daß wir es von endloser Dauer 
sehn möchten. Ob nun das menschliche Leben dem Begriff 
eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entspre- 
chen könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philo- 
sophie verneint; während die Eudämonologie die Bejahung 
derselben voraussetzt. Diese nämlich beruht eben auf dem 
angeborenen Irrthum, dessen Rüge das 49. Kapitel im 
2. Bande meines Hauptwerks eröffnet. Um eine solche 
dennoch ausarbeiten zu können, habe ich daher gänzlich 
abgehn müssen von dem höheren, metaphysisch-ethischen 
Standpunkte, zu welchem meine eigentliche Philosophie 
hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu gebende Aus- 
einandersetzung gewissermaaßen auf einer Akkommoda- 
tion, sofern sie nämlich auf dem gewöhnlichen, empiri- 
schen Standpunkte bleibt und dessen Irrthum festhält. 
Demnach kann auch ihr Werth nur ein bedingter sein, da 
selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus ist. 
— Ferner macht auch dieselbe keinen Anspruch auf Voll- 
ständigkeit; theils weil das Thema unerschöpflich ist; theils 
weil ich sonst das von Andern bereits Gesagte hätte wieder- 
holen müssen. 

Als in ähnlicher Absicht, wie gegenwärtige Aphorismen, 
abgefaßt, ist mir nur das sehr lesenswerthe Buch des Car- 
damis de utilitate ex adversis capienda erinnerlich, durch 
welches man also das hier Gegebene vervollständigen 



1 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

kann. Zwar hat auch Aristoteles dem 5. Kapitel des i. 
Buches seiner Rhetorik eine kurze Eudämonologie ein- 
geflochten : sie ist jedoch sehr nüchtern ausgefallen. Be- 
nutzt habe ich diese Vorgänger nicht; da Kompiliren nicht 
meine Sache ist; und um so weniger, als durch dasselbe 
die Einheit der Ansicht verloren geht, welche die Seele 
der Werke dieser Art ist. — ^Im Allgemeinen freilich haben 
die Weisen aller Zeiten immer das Selbe gesagt, und die 
Thoren, d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, 
haben immer das Selbe, nämlich das Gegentheil, gethan: 
und so wird es denn auch femer bleiben. Darum sagt 
Voltaire: nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi 
mdchant que nous l'avons trouvd en y arrivant. 



KAPITEL I. 
GRUNDEINTHEILUNG. 

ARISTOTELES hat (Eth. Nicom. I, 8) die Güter des 
menschlichen Lebens in drei Klassen getheilt, — die 
äußeren, die der Seele und die des Leibes. Hie von nun 
nichts als die Dreizahl beibehaltend sageich, daß was den 
Unterschied im Loose der Sterblichen begründet sich auf 
drei Grundbestimmungen zurückführen läßt. Sie sind: 
i) Was Einer ist: also die Persönlichkeit, im weitesten 
Sinne. Sonach ist hierunter Gesundheit, Kraft, Schönheit, 
Temperament, moralischer Charakter, Intelligenz und Aus- 
bildung derselben begriffen. 

2) Was Einer hat: also Eigenthum und Besitz in jeglichem 
Sinne. 

3) Was Einer vorstellt: unter diesem Ausdruck wird be- 
kanntlich verstanden, was er in der Vorstellung Anderer 
ist, also eigentlich wie er von ihnen vorgestellt wird. Es 
besteht demnach in ihrer Meinung von ihm, und zerfällt 
in Ehre, Rang und Ruhm. 

Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede 
sind solche, welche die Natur selbst zwischen Menschen 
gesetzt hat; woraus sich schon abnehmen läßt, daß der 
Einfluß derselben auf ihr Glück, oder Unglück, viel wesent- 
licher und durchgreifender sein werde, als was die bloß 



GRUNDEINTHEILUNG 17 

aus menschlichen Bestimmungen hervorgehenden, unter 
den zwei folgenden Rubriken angegebenen Verschieden- 
heiten herbeiführen. Zu den ächten persönlichen Vorzügen^ 
dem großen Geiste, oder großen Herzen, verhalten sich 
alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der könig- 
lichen, des Reichthums u. dgl. wie die Theater-Könige 
zu den wirklichen. Schon Metrodorus^ der erste Schüler 
Epikurs, hat ein Kapitel überschrieben: irepi too {istCova 
£?vat TYjV irap' "ifj{xa<; a?Ttav Tcpo? eüSatjiovtav tyj? Ix tü)v 
TrpaYfxaTCüv. (Majorem esse causam ad felicitatem eam, 
quae est ex nobis, eä, quae ex rebus oritur. — Vgl. Clemens 
Alex. Strom. 11, 21, p. 362 der Würzburger Ausgabe der 
opp. polem.) Und allerdings ist für das Wohlsein des 
Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseins, die 
Hauptsache offenbar Das, was in ihm selbst besteht, oder 
vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Be- 
hagen, oder Unbehagen, als welches zunächst das Resul- 
tat seines Empfindens, WoUens und Denkens ist; während 
alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Ein- 
fluß hat. Daher affiziren die selben äußern Vorgänge, 
oder Verhältnisse, Jeden ganz anders, und bei gleicher 
Umgebung lebt doch Jeder in einer andern Welt. Denn 
nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und 
Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu thun: die Au- 
ßendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen, Einfluß auf 
ihn. Die Welt, in der Jeder lebt, hängt zunächst ab von 
seiner Auflassung derselben, richtet sich daher nach der 
Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, 
schaal und flach, oder reich, interessant und bedeutungs- 
voll ausfallen. Während z. B. Mancher den Andern be- 
neidet um die interessanten Begebenheiten, die ihm in 
seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er ihn vielmehr um 
die Aufiassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenhei- 
ten die Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschrei- 
bung haben: denn die selbe Begebenheit, welche in einem 
geistreichen Kopfe ^ sich so interessant darstellt, würde, 
von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine 
schaale Scene aus der Alltagswelt sein. Im höchsten Grade 
zeigt sich Dies bei manchen Gedichten Goethes und By- 
s. 



1 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

rons, denen offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: 
ein thörichter Leser ist im Stande dabei den Dichter um 
die allerliebste Begebenheit zu beneiden, statt um die 
mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich alltäg- 
lichen Vorfall etwas so Großes und Schönes zu machen 
fähig war. Desgleichen sieht der Melancholikus eine 
Trauerspielscene, wo der Sanguinikus nur einen interes- 
santen Konflikt und der Phlegmatikus etwas Unbedeuten- 
des vor sich hat. Dies Alles beruht darauf, daß jede Wirk- 
lichkeit, d. h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften 
besteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so noth- 
wendiger und enger Verbindung, wieOxygenund Hydrogen 
im Wasser. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber 
verschiedener subjektiver, ist daher, so gut wie im um- 
gekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz 
andere: die schönste und beste objektive Hälfte, bei stump- 
fer, schlechter subjektiver, giebt doch nur eine schlechte 
Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen Gegend 
in schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten 
Camera obscura. Oder planer zu reden: Jeder steckt in 
seinem Bewußtsein, wie in seiner Haut, und lebt unmit- 
telbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht 
sehr zu helfen. Auf der Bühne spielt einer den Fürsten, 
ein Anderer den Rath, ein Dritter den Diener, oder den 
Soldaten, oder den General u. s. f. Aber diese Unter- 
schiede sind bloß im Äußern vorhanden, im Innern, als 
Kern einer solchen Erscheinung, steckt bei Allen das 
Selbe: ein armer Komödiant, mit seiner Plage und Noth. 
Im Leben ist es auch so. Die Unterschiede des Ranges 
und Reichthums geben Jedem seine Rolle zu spielen; aber 
keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit 
des Glücks und Behagens, sondern auch hier steckt in 
Jedem der selbe arme Tropf, mit seiner Noth und Plage, 
die wohl dem Stoffe nach bei Jedem eine andere ist, aber 
der Form, d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so ziem- 
lich bei Allen die selbe; wenn auch mit Unterschieden 
des Grades, die sich aber keineswegs nach Stand und 
Reichthum, d. h. nach der Rolle richten. Weil nämlich 
Alles, was für den Menschen da ist und vorgeht, unmittel- 



GRUNDEINTHEILUNG 19 

bar immer nur in seinem Bewußtsein da ist und fiir dieses 
vorgeht; so ist ofifenbar die Beschaflfenheit des Bewußt- 
seins selbst das zunächst Wesentliche, und auf dieselbe 
kommt, in den meisten Fällen, mehr an, als auf die Ge- 
stalten, die darin sich darstellen. Alle Pracht und Ge- 
nüsse, abgespiegelt im dumpfen Bewußtsein eines Tropfs, 
sind sehr arm gegen das Bewußtsein des Cervantes^ als 
er in einem unbequemen Gefangnisse den Don Quijote 
schrieb. — Die objektive Hälfte der Gegenwart und Wirk- 
lichkeit steht in der Hand des Schicksals und ist demnach 
veränderlich: die subjektive sind wir selbst; daher sie im 
Wesentlichen unveränderlich ist. Demgemäß trägt das 
Leben jedes Menschen, trotz aller Abwechselung von au- 
ßen, durchgängig den selben Charakter und ist einer Reihe 
Variationen auf ein Thema zu vergleichen. Aus seiner 
Individualität kann Keiner heraus. Und wie das Thier, 
unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den 
engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen 
unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestre- 
bungen, ein geliebtes Thier zu beglücken, eben wegen 
jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins, stets 
innerhalb enger Schranken sich halten müssen; — so ist 
es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist 
das Maaß seines möglichen Glückes zum voraus bestimmt. 
Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine 
Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für alle Mal festgestellt. 
Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, 
Alles was Menschen, Alles was das Glück für ihn thut, 
nicht vermögen, ihn über das Maaß des gewöhnlichen, 
halb thierisch^n Menschenglücks und Behagens hinaus 
zu fuhren: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Fa- 
milienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitver- 
treib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im 
Ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, 
wenn gleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfal- 
tigsten und die anhaltendesten Genüsse sind die geistigen; 
wie sehr auch wir, in der Jugend, uns darüber täuschen 
mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der geisti- 
gen Kraft ab. — Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück 



20 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

abhängt von Dem, was wir sind^ von unserer Individuali- 
tät; während man meistens nur unser Schicksal, nur Das, 
was wir haben, oder was wir vorstellen, in Anschlag bringt. 
Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem wird man, 
bei innerm Reichthum, von ihm nicht viel verlangen: hin- 
gegen ein Tropf bleibt ein Tropf ein stumpfer Klotz ein 
stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Para- 
diese und von Huris umgeben. Deshalb sagt Goethe: 

Volk und Knecht und Oberwinder, 

Sie gestehn, zu jeder Zeit, 

Höchstes Glück der Erdenkinder 

Sei nur die Persönlichkeit. ^ ^ Divan, 

Daß für unser Glück und unsem Genuß das Subjektive 
imgleich wesentlicher, als das Objektive sei, bestätigt sich 
in Allem: von Dem an, daß Hunger der beste Koch ist 
und der Greis die Göttin des Jünglings gleichgültig an- 
sieht, bis hinauf zum Leben des Genies und des Heiligen. 
Besonders überwiegt die Gesundheit alle äußern Güter 
so sehr, daß wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist, 
als ein kranker König. Ein aus vollkommener Gesundheit 
und glücklicher Organisation hervorgehendes, ruhiges und 
heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, eindringen- 
der und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter 
Wille und demnach ein gutes Gewissen, Dies sind Vor- 
züge, die kein Rang oder Reichthum ersetzen kann. Denn 
was Einer für sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit 
begleitet und was Keiner ihm geben, oder nehmen kann, 
ist offenbar für ihn wesentlicher, als Alles, was er besitzen, 
oder auch was er in den Augen Anderer sein mag. Ein 
geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an 
seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche 
Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwäh- 
rende Abwechselung von Gesellschaften, Schauspielen, 
Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile 
nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter 
Charakter kann unter dürftigen Umständen zufrieden sein; 
während ein begehrlicher, neidischer und böser es bei 
allem Reichthum nicht ist. Nun aber gar Dem, welcher 
beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig 



GRUNDEINTHEILUNG 2 1 

eminenten Individualität hat, sind die meisten der all- 
gemein angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur 
störend und lästig. Daher sagt Horaz von sich: 

Gemmas, mannor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas, 

Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas, 

Sunt qui non habeant, est qui non curat habere; 

und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter 
Luxusartikel: "wie Vieles giebt es doch, was ich nicht nöthig 
habe." 

Für unser Lebensglück ist demnach Das, was wir sind^ 
die Persönlichkeit, durchaus das Erste und Wesentlichste; 
— schon weil sie beständig und unter allen Umständen 
wirksam ist: zudem aber ist sie nicht, wie die Güter der 
zwei andern Rubriken, dem Schicksal unterworfen, und 
kann uns nicht entrissen werden. Ihr Werth kann inso- 
fern ein absoluter heißen, im Gegensatz des bloß rela- 
tiven der beiden andern. Hieraus nun folgt, daß dem 
Menschen von außen viel weniger beizukommen ist, als 
man wohl meint. Bloß die allgewaltige Zeit übt auch hier 
ihr Recht: ihr unterliegen allmälig die körperlichen und 
die geistigen Vorzüge: der moralische Charakter allein 
bleibt auch ihr unzugänglich. In dieser Hinsicht hätten 
denn freilich die Güter der zwei letztern Rubriken, als 
welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor denen der 
ersten einen Vorzug. Einen zweiten könnte man darin 
finden, daß sie, als im Objektiven gelegen, ihrer Natur 
nach, erreichbar sind und Jedem wenigstens die Möglich- 
keit vorliegt, in ihren Besitz zu gelangen; während hin- 
gegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht gegeben 
ist, sondern, jure divino eingetreten, für das ganze Leben 
unveränderlich fest steht; so daß hier unerbittlich der 
Ausspruch gilt: 

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen. 

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, 

Bist alsobald und fort und fort gediehen 

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. 

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen. 

So sagten schon Sibyllen, so Propheten; 

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt 

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. 

Goethe. 



2 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht 
steht, ist, daß wir die gegebene Persönlichkeit zum mög- 
lichsten Vortheile benutzen, demnach nur die ihr ent- 
sprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um die 
Art von Ausbildung bemühen, die ihr gerade angemessen 
ist, jede andere aber meiden, folglich den Stand, die 
Beschäftigung, die Lebensweise wählen, welche zu ihr 
passen. 

Ein herkulischer, mit ungewöhnlicher Muskelkraft be- 
gabter Mensch, der durch äußere Verhältnisse genöthigt 
ist, einer sitzenden Beschäftigung, einer kleinlichen, pein- 
lichen Handarbeit obzuliegen, oder auch Studien und 
Kopfarbeiten zu treiben, die ganz anderartige, bei ihm 
zurückstehende Kräfte erfordern, folglich gerade die bei 
ihm ausgezeichneten Kräfte unbenutzt zu lassen, der wird 
sich zeitlebens unglücklich fühlen; noch mehr aber der, 
bei dem die intellektuellen Kräfte sehr überwiegend 
sind, und der sie unentwickelt und ungenutzt lassen muß, 
um ein gemeines Geschäft zu treiben, das ihrer nicht be- 
darf, oder gar körperliche Arbeit, zu der seine Kraft nicht 
recht ausreicht. Jedoch ist hier, zumal in der Jugend, die 
Klippe der Präsumtion zu vermeiden, daß man sich nicht 
ein tJbermaaß von Kräften zuschreibe, welches man nicht 
hat. 

Aus dem entschiedenen Übergewicht unsrer ersten Ru- 
brik über die beiden andern geht aber auch hervor, daß 
es weiser ist, auf Erhaltung seiner Gesundheit und auf 
Ausbildung seiner Fähigkeiten, als auf Erwerbung von 
Reichthum hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin miß- 
deutet werden darf, daß man den Erwerb des Nöthigen 
und Angemessenen vernachlässigen sollte. Aber eigent- 
licher Reichthum, d. h. großer Überfluß, vermag wenig 
zu unserm Glück; daher viele Reiche sich unglücklich 
fühlen; weil sie ohne eigentliche Geistesbildung, ohne 
Kenntnisse und deshalb ohne irgend ein objektives Inter- 
esse, welches sie zu geistiger Beschäftigung befähigen 
könnte, sind. Denn was der Reichthum über die Befrie- 
digung der wirklichen und natürlichen Bedürfnisse hin- 
aus noch leisten kann ist von geringem Einfluß auf unser 



GRUNDEINTHEILUNG 23 

eigentliches Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestört 
durch die vielen und unvermeidlichen Sorgen, welche 
die Erhaltung eines großen Besitzes herbeiführt. Den- 
noch aber sind die Menschen tausend Mal mehr bemüht, 
sich Reichthum, als Geistesbildung zu erwerben; während 
doch ganz gewiß was man ist viel mehr zu unserm Glücke 
beiträgt, als was man hat. Gar Manchen daher sehn wir, 
in rastloser Geschäftigkeit, emsig wie die Ameise, vom 
Morgen bis zum Abend bemüht, den schon vorhandenen 
Reichthum zu vermehren. Über den engen Gesichtskreis 
des Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: 
sein Geist ist leer, daher für alles andere unempfänglich. 
Die höchsten Genüsse, die geistigen, sind ihm unzugäng- 
lich: durch die flüchtigen, sinnlichen, wenig Zeit, aber 
viel Geld kostenden, die er zwischendurch sich erlaubt, 
sucht er vergeblich jene andern zu ersetzen. Am Ende 
seines Lebens hat er dann, als Resultat desselben, wenn 
das Glück gut war, wirklich einen recht großen Haufen 
Geld vor sich, welchen noch zu vermehren, oder aber 
durchzubringen, er jetzt seinen Erben überläßt. Ein sol- 
cher, wiewohl mit gar ernsthafter und wichtiger Miene 
durchgeführter Lebenslauf ist daher eben so thöricht, wie 
mancher andere, der geradezu die Schellenkappe zum 
Symbol hatte. 

Also was Einer an sich selber hat ist zu seinem Lebens- 
glücke das Wesentlichste. Bloß weil Dieses, in der Re- 
gel, so gar wenig ist, fühlen die meisten von Denen, 
welche über den Kampf mit der Noth hinaus sind, sich 
im Grunde eben so unglücklich, wie Die, welche sich 
noch darin herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das 
Fade ihres Bewußtseins, die Armuth ihres Geistes treibt 
sie zur Gesellschaft, die nun aber aus eben Solchen be- 
steht; weil similis simili gaudet. Da wird dann gemein- 
schaftlich Jagd gemacht auf Kurzweil und Unterhaltung, 
die sie zunächst in sinnlichen Genüssen, in Vergnügungen 
jeder Art und endlich in Ausschweifungen suchen. Die 
Quelle der heillosen Verschwendung, mittelst welcher so 
mancher, reich ins Leben tretende Familiensohn, sein 
großes Erbtheil, oft in unglaublich kurzer Zeit, durch- 



2 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

bringt, ist wirklich keine andere, als nur die Langeweile, 
welche aus der eben geschilderten Annuth und Leere 
des Geistes entspringt. So ein Jüngling war äußerlich 
reich, aber innerlich arm in die Welt geschickt und 
strebte nun vergeblich, durch den äußern Reichthum den 
innem zu ersetzen, indem er Alles von außen empfangen 
wollte, — den Greisen analog, welche sich durch die Aus- 
dünstung junger Mädchen zu stärken suchen. Dadurch 
führte denn am Ende die innere Armuth auch noch die 
äußere herbei. 

Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Güter 
des menschlichen Lebens brauche ich nicht hervorzu- 
heben. Denn der Werth des Besitzes ist heut zu Tage 
so allgemein anerkannt, daß er keiner Empfehlung be- 
darf. Sogar hat die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine 
sehr ätherische Beschafifenheit; da sie bloß in der Mei- 
nung Anderer besteht. Jedoch nach Ehre, d. h. gutem 
Namen, hat Jeder zu streben, nach Rang schon nur Die, 
welche dem Staate dienen, und nach Ruhm gar nur äu- 
ßerst Wenige. Indessen wird die Ehre als ein unschätz- 
bares Gut angesehn, und der Ruhm als das Köstlichste, 
was der Mensch erlangen kann, das goldene Fließ der 
Auserwählten: hingegen den Rang werden nur Thoren 
dem Besitze vorziehn. Die zweite und dritte Rubrik stehn 
übrigens in sogenannter Wechselwirkung; sofern das 
habes, habeberis des Petronius seine Richtigkeit hat und, 
umgekehrt, die günstige Meinung Anderer, in allen ihren 
Formen, oft zum Besitze verhilft. 

KAPITEL n. 
VON DEM, WAS EINER IST. 

DASS Dieses zu seinem Glücke viel mehr beiträgt, als 
was er hat^ oder was er vorstellt^ haben wir bereits 
im Allgemeinen erkannt. Immer kommt es darauf an, 
was Einer sei und demnach an sich selber habe: denn 
seine Individualität begleitet ihn stets und überall, und 
von ihr ist Alles tingirt, was er erlebt. In Allem und bei 
Allem genießt er zunächst nur sich selbst: Dies gilt schon 



VON DEM, WAS EINER IST 25 

von den physischen; wie viel mehr von den geistigen 
Genüssen. Daher ist das Englische to enjoy oneself ein 
sehr treflfender Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt 
he enjoys himself at Paris, also nicht *'er genießt Paris", 
sondern *'er genießt sich in Paris." — Ist nun aber die In- 
dividualität von schlechter Beschaffenheit; so sind alle 
Genüsse wie köstliche Weine in einem mit Galle tin- 
girten Munde. Demnach kommt, im Guten wie im 
Schlimmen, schwere Unglücksfälle bei Seite gesetzt, we- 
niger darauf an, was Einem im Leben begegnet und wider- 
fährt,« als darauf, wie er es empfindet, also auf die Art 
und den Grad seiner Empfänglichkeit in jeder Hinsicht. 
Was Einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die Per- 
sönlichkeit und deren Werth, ist das alleinige Unmittel- 
bare zu seinem Glück und Wohlsein. Alles Andere ist 
mittelbar; daher auch dessen Wirkung vereitelt werden 
kann, aber die der Persönlichkeit nie. Darum eben ist 
der auf persönliche Vorzüge gerichtete Neid der unver- 
söhnlichste, wie er auch der am sorgfältigsten verhehlte 
ist. Ferner ist allein die Beschaffenheit des Bewußtseins 
das Bleibende und Beharrende, und die Individualität 
wirkt fortdauernd, anhaltend, mehr oder minder in jedem 
Augenblick: alles Andere hingegen wirkt immer nur zu 
Zeiten, gelegentlich, vorübergehend, und ist zudem auch 
noch selbst dem Wechsel und Wandel unterworfen: daher 
sagt Aristoteles: i\ ^apcpooi? ßsßata, ou xa )(p7]{xaTa (nam 
natura perennis est, non opes). Eth. Eud. VII, 2. Hierauf 
beruht es, daß wir ein ganz und gar von außen auf uns 
gekommenes Unglück mit mehr Fassung ertragen, als ein 
selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ändern; 
aber die eigene Beschaffenheit nimmer. Demnach also 
sind die subjektiven Güter, wie ein edler Charakter, ein 
fähiger Kopf, ein glückliches Temperament, ein heiterer 
Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig gesunder Leib, also 
überhaupt mens sana in corpore sano (Juvenal. Sat. X, 
356), zu unserm Glücke die ersten und wichtigsten; wes- 
halb wir auf die Beförderung und Erhaltung derselben 
viel mehr bedacht sein sollten, als auf den Besitz äußerer 
Güter und äußerer Ehre. 



26 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Was nun aber, von jenen Allen, uns am unmittelbarsten 
beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute 
Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben 
fröhlich ist hat allemal Ursach es zu sein: nämlich eben 
diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigen- 
schaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während 
sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, 
schön, reich und geehrt; so fragt sich, wenn man sein Glück 
beurtheilen will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen 
heiter; so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder 
pucklich, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher 
Jugend machte ich ein Mal ein altes Buch auf, und da stand: 
"wer viel lacht ist glücklich, und wer viel weint ist un- 
glücklich", — eine sehr einfältige Bemerkung, die ich aber, 
wegen ihrer einfachen Wahrheit, doch nicht habe ver- 
gessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines 
truism's ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, 
wann immer sie sich einstellt, Thür und Thor öffnen: denn 
sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Be- 
denken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem wir erst 
wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht 
Ursach haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir 
fürchten, in unsem ernsthaften Überlegungen und wich- 
tigen Sorgen dadurch gestört zu werden: allein was wir 
durch diese bessern ist sehr ungewiß; hingegen ist Heiter- 
keit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die 
baare Münze des Glückes und nicht, wie alles Andere, 
bloß der Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegen- 
wart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, 
deren Wirklichkeit die Form einer untheilbaren Gegen- 
wart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach 
sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes 
jedem andern Trachten vorsetzen. Nun ist gewiß, daß 
zur Heiterkeit nichts weniger beiträgt, als Reichthum, 
und nichts mehr, als Gesundheit: in den niedrigen, ar- 
beitenden, zumal das Land bestellenden Klassen sind die 
heitern und zufriedenen Gesichter; in den reichen und 
vomehmen die verdrießlichen zu Hause. Folglich sollten 
wir vor Allem bestrebt sein, uns den hohen Grad voll- 



VON DEM, WAS EINER IST 27 

kommener Gesundheit zu erhalten, als dessen Blüthe die 
Heiterkeit sich einstellt. Die Mittel hiezu sind bekannt- 
lich Vermeidung aller Excesse und Ausschweifungen, aller 
heftigen und unangenehmen Gemüthsbewegungen, auch 
aller zu großen oder zu anhaltenden Geistesanstrengung, 
täglich wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in 
freier Luft, viel kaltes Baden und ähnliche diätetische 
Maaßregeln. Ohne tägliche gehörige Bewegung kann 
man nicht gesund bleiben: alle Lebensprocesse erfordern, 
um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der 
Theile, darin sie vorgehn, als des Ganzen. Daher sagt 
Aristoteles mit Recht: 6 ßioc £v ir] xivr^asi sari. Das Leben 
besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im 
ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, 
rasche Bewegung: das Herz, in seiner komplicirten dop- 
pelten Systole und Diastole, schlägt heftig und unermüd- 
lich; mit 2 8 seiner Schläge hat es die gesammte Blutmasse 
durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurch 
getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine 
Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motus 
peristalticus; alle Drüsen saugen und secerniren beständig, 
selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem 
Pulsschlag und jedem Athemzug. Wenn nun hiebei, wie 
es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger 
Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie 
ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches 
Mißverhältniß zwischen der äußern Ruhe und dem innern 
Tumult. Denn sogar will die beständige innere Bewe- 
gung durch die äußere etwas unterstützt sein: jenes Miß- 
verhältniß aber wird dem analog, wenn, in Folge irgend 
eines Affekts, es in unserm Innern kocht, wir aber nach 
Außen nichts davon sehen lassen dürfen. Sogar die 
Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch 
den Wind. Dabei gilt eine Regel, die sich am kürzesten 
lateinisch ausdrücken läßt: omnis motus, quo celerior, eo 
magis motus. — Wie sehr unser Glück von der Heiterkeit 
der Stimmung und diese vom Gesundheitszustande ab- 
hängt, lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die näm- 
lichen äußern Verhältnisse, oder Vorfälle, am gesunden 



2 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

und rüstigen Tage auf uns machen, mit dem, welchen sie 
hervorbringen, wann Kränklichkeit uns verdrießlich und 
ängstlich gestimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv 
und wirklich sind, sondern was sie für uns, in unsrer Auf- 
fassung, sind, macht uns glücklich oder unglücklich: Dies 
eben besagt Epiktets tapaooei tou? avöpwTioo; oo xa 
TrpaY[i.aTa, aXXa xa Trepi toüv 7:paY[i.aTa)v SoYfiara (com- 
movent homines non res, sed de rebus opiniones). Über- 
haupt aber beruhen »/lo unsers Glückes allein auf der Ge- 
sundheit. Mit ihr wird Alles eine Quelle des Genusses: 
hingegen ist ohne sie kein äußeres Gut, welcher Art es auch 
sei, genießbar, und selbst die übrigen subjektiven Güter, 
die Eigenschaften des Geistes, Gemüthes, Temperaments, 
werden durch Kränklichkeit herabgestimmt und sehr ver- 
kümmert. Demnach geschieht es nicht ohne Grund, daß 
man, vor allen Dingen, sich gegenseitig nach dem Gesund- 
heitszustande befragt und einander sich wohlzubefinden 
wünscht: denn wirklich ist Dieses bei Weitem die Haupt- 
sache zum menschlichen Glück. Hieraus aber folgt, daß die 
größte aller Thorheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, 
für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Ge- 
lehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüch- 
tige Genüsse: vielmehr soll man ihr Alles nachsetzen. 
So viel nun aber auch zu der, für unser Glück so wesent- 
lichen Heiterkeit die Gesundheit beiträgt, so hängt jene 
doch nicht von dieser allein ab: denn auch bei vollkom- 
mener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament 
und eine vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der 
letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der ursprüng- 
lichen und daher unabänderlichen Beschafienheit des 
Organismus, und zwar zumeist in dem mehr oder minder 
normalen Verhältniß der Sensibilität zur Irritabilität und 
Reproduktionskraft. Abnormes Übergewicht der Sensi- 
bilität wird Ungleichheit der Stimmung, periodische über- 
mäßige Heiterkeit und vorwaltende Melancholie herbei- 
führen. Weil nun auch das Genie durch ein Übermaaß 
der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist; so hat 
Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete 
und überlegene Menschen melancholisch seien, iravte«; 



VON DEM, WAS EINER IST 29 

öooi TtspiTTOt YSYOvaoiv avops?, 73 xara cptXooocpiav, 7] 

TtoXlTlXYjV, 7) TTOtTJOlV, 7) T£)^vac, CpttlVOVTat [A£XaY)(oXtXOl 

ovTs? (Probl. 30, i). Ohne Zweifel ist dieses die Stelle, 
welche Cicero im Auge hatte, bei seinem oft angeführten 
Bericht: Aristoteles ait, omnes ingeniosos melancholicos 
esse (Tusc. I, 33). Die hier in Betrachtung genommene, 
angeborene, große Verschiedenheit der Grund -Stimmung 
überhaupt aber hat Shakespeare sehr artig geschildert: 

Natura has fram'd stränge fellows in her time: 

Some that will evermore peep through their eyes, 

And laugh, like parrots, at a bag-piper; 

And others of such vinegar aspect, 

That they'U not show their teeth in way of smile, 

Though Nestor swear the jest be laughable*). 

Merch. of Ven. Sc. L 

Eben dieser Unterschied ist es, den Plato durch die Aus- 
drücke 8ooxoXo?und£oxoXo? bezeichnet. Derselbe läßt sich 
zurückführen auf die bei verschiedenen Menschen sehr 
verschiedene Empfänglichkeit für angenehme und unan- 
genehme Eindrücke, in Folge welcher der Eine noch 
lacht bei Dem, was den Andern fast zur Verzweiflung 
bringt: und zwar pflegt die Empfänglichkeit für angenehme 
Eindrücke desto schwächer zu sein, je stärker die für un- 
angenehme ist, und umgekehrt. Nach gleicher Möglich- 
keit des glücklichen und des unglücklichen Ausgangs einer 
Angelegenheit, wird der SuoxoXo? beim unglücklichen sich 
ärgern oder grämen, beim glücklichen aber sich nicht 
freuen; der suxoXo? hingegen wird über den unglücklichen 
sich nicht ärgern, noch grämen, aber über den glücklichen 
sich freuen. Wenn dem 800x0X0? von zehn Vorhaben 
neun gelingen; so freut er sich nicht über diese, sondern 
ärgert sich über das Eine mißlungene: der soxoXo; weiß, 
im umgekehrten Fall, sich doch mit dem Einen gelun- 
genen zu trösten und aufzuheitern. — Wie nun aber nicht 

*) Die Natur hat, in ihren Tagen, seltsame Käuze hervorgebracht, 
Einige, die stets aus ihren Äugelein vergnügt hervorgucken, und, 
wie Papageien über einen Dudelsackspieler lachen, und Andere von 
so sauertöpfischem Ansehn, daß sie ihre Zähne nicht durch ein 
Lächeln bloß legen, wenn auch Nestor selbst schwüre, der Spaaß 
sei lachenswerth. 



30 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

leicht ein Übel ohne alle Kompensation ist; so ergiebt 
sich auch hier, daß die 8ua/oXoi, also die finstern und 
ängstlichen Charaktere, im Ganzen, zwar mehr imaginäre, 
dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehn 
haben werden, als die heitern und sorglosen: denn wer 
Alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet und 
demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft 
verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere 
Farbe und Aussicht leiht. — Wann jedoch eine krankhafte 
Affektion des Nervensystems, oder der Verdauungswerk- 
zeuge, der angeborenen ouoxoXia in die Hände arbeitet; 
dann kann diese den hohen Grad erreichen, wo dauerndes 
Mißbehagen Lebensüberdruß erzeugt und demnach Hang 
zum Selbstmord entsteht. Diesen vermögen alsdann selbst 
die geringsten Unannehmlichkeiten zu veranlassen; ja, bei 
den höchsten Graden des Übels, bedarf es derselben nicht 
ein Mal; sondern bloß in Folge des anhaltenden Miß- 
behagens wird der Selbstmord beschlossen und alsdann 
mit so kühler Überlegung und fester Entschlossenheit aus- 
geführt, daß der meistens schon unter Aufsicht gestellte 
Kranke, stets darauf gerichtet, den ersten unbewachten 
Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampfund Zurück- 
beben, jenes ihm jetzt natürliche und willkommene Er- 
leichterungsmittel zu ergreifen. Ausführliche Beschrei- 
bungen dieses Zustandes giebt Esquirol, des maladies 
mentales. Allerdings aber kann, nach Umständen, auch 
der gesundeste und vielleicht selbst der heiterste Mensch 
sich zum Selbstmord entschließen, wenn nämlich die Größe 
der Leiden, oder des unausweichbar herannahenden Un- 
glücks, die Schrecken des Todes überwältigt. Der Unter- 
schied liegt allein in der verschiedenen Größe des dazu 
erforderlichen Anlasses, als welche mit der ouoxoXia in 
umgekehrtem Verhältniß steht. Je größer diese ist, desto 
geringer kann jener sein, ja am Ende auf Null herab- 
sinken: je größer hingegen die suxoXia und die sie unter- 
stützende Gesundheit, desto mehr muß im Anlaß liegen. 
Danach giebt es unzählige Abstufungen der Fälle, zwischen 
den beiden Extremen des Selbstmordes, nämlich dem des 
rein aus krankhafter Steigerung der angebomen dooxoXta 



VON DEM, WAS EINER IST 31 

entspringenden, und dem des Gesunden und Heiteren, 
ganz aus objektiven Gründen. 

Der Gesundheit zum Theil verwandt ist die Schönheit. 
Wenn gleich dieser subjektive Vorzug nicht eigentlich 
unmittelbar zu unserm Glücke beiträgt, sondern bloß 
mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so ist er doch 
von großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit ist 
ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum Vor- 
aus für uns gewinnt: daher gilt besonders von ihr der 
Homerische Vers : 

Ou TOI aroßXiQT eoTi deoov eptxuSea Stopa, 
'Oooa x£v auTOi Swat, evttuv S'oux av Ttc dXoixo. 

Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden 
Feinde des menschlichen Glückes, den Schmerz und die 
Langeweile. Dazu noch läßt sich bemerken, daß, in dem 
Maaße, als es uns glückt, vom einen derselben uns zu 
entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt; 
so daß unser Leben wirklich eine stärkere, oder schwä- 
chere Oscillation zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt 
daraus, daß beide in einem doppelten Antagonismus zu 
einander stehn, einem äußern, oder objektiven, und einem 
innem, oder subjektiven. Äußerlich nämlich gebiert Noth 
und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und 
Überfluß die Langeweile. Demgemäß sehn wir die nie- 
dere Volksklasse in einem beständigen Kampf gegen die 
Noth, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt 
hingegen in einem anhaltenden, oft wirklich verzweifelten 
Kampf gegen die Langeweile. Der innere, oder subjek- 
tive Antagonismus derselben aber beruht darauf, daß, im 
einzelnen Menschen, die Empfänglichkeit für das Eine 
in entgegengesetztem Verhältniß zu der für das Andere 
steht, indem sie durch das Maaß seiner Geisteskräfte be- 
stimmt wird. Nämlich Stumpfheit des Geistes ist durch- 
gängig im Verein mit Stumpfheit der Empfindung und 
Mangel an Reizbarkeit, welche Beschaffenheit für Schmer- 
zen und Betrübnisse jeder Art und Größe weniger emp- 
fänglich macht: aus eben dieser Geistesstumpfheit aber 
geht andrerseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausge- 
prägte, wie auch durch die beständig rege Aufmerksam- 



3 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

keit auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der Außen- 
welt sich verrathende innere Leerheit hervor, welche die 
wahre Quelle der Langenweile ist und stets nach äußerer 
Anregung lechzt, um Geist und Gemüth durch irgend etwas 
in Bewegung zu bringen. In der Wahl desselben ist sie 
daher nicht ekel; wie Dies die Erbärmlichkeit der Zeit- 
vertreibe bezeugt, zu denen man Menschen greifen sieht, 
imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation, 
nicht weniger die vielen Thürsteher und Fensterkucker. 
Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die 
Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus 
jeder Art, welche Viele zur Verschwendung und dann 
zum Elende führt. Vor diesem Elende bewahrt nichts so 
sicher, als der innere Reichthum, der Reichthum des 
Geistes : denn dieser läßt, je mehr er sich der Eminenz 
nähert, der Langenweile immer weniger Raum. Die uner- 
schöpfliche Regsamkeit der Gedanken aber, ihr an den 
mannigfaltigen Erscheinungen der Innen- und Außenwelt 
sich stets erneuerndes Spiel, die ELraft und der Trieb zu 
immer andern Kombinationen derselben, setzen den emi- 
nenten Kopf, die Augenblicke der Abspannung abge- 
rechnet, ganz außer den Bereich der Langenweile. An- 
drerseits nun aber hat die gesteigerte Intelligenz eine er- 
höhte Sensibilität zur unmittelbaren Bedingung, und 
größere Heftigkeit des Willens, also der Leidenschaft- 
lichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein mit diesen erwächst 
nun eine viel größere Stärke aller Afifekte und eine ge- 
steigerte Empfindlichkeit gegen die geistigen und selbst 
gegen körperliche Schmerzen, sogar größere Ungeduld 
bei allen Hindernissen, oder auch nur Störungen; welches 
alles zu erhöhen die aus der Stärke der Phantasie ent- 
springende Lebhaftigkeit sämmtlicher Vorstellungen, also 
auch der widerwärtigen, mächtig beiträgt. Das Gesagte 
gilt nun verhältnißmäßig von allen den Zwischenstufen, 
welche den weiten Raum vom stumpfesten Dummkopf 
bis zum größten Genie ausfüllen. Demzufolge steht Je- 
der, wie objektiv, so auch subjektiv, der einen Quelle der 
Leiden des menschlichen Lebens um so näher, als er von 
der andern entfernter ist. Dem entsprechend wird sein 



VON DEM, WAS EINER IST 33 

natürlicher Hang ihn anleiten, in dieser Hinsicht, das Ob- 
jektive dem Subjektiven möglichst anzupassen, also gegen 
^zV Quelle der Leiden, für welche er die größere Empfäng- 
lichkeit hat, die größere Vorkehr zu treffen. Der geist- 
reiche Mensch wird vor Allem nach Schmerzlosigkeit, 
Ungehudeltsein, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, 
bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben su- 
chen und demgemäß, nach einiger Bekanntschaft mit den 
sogenannten Menschen, die Zurückgezogenheit und, bei 
großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen. Denn je 
mehr Einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von 
außen und desto weniger auch können die Übrigen ihm 
sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungesellig- 
keit. Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch 
die Quantität ersetzen ließe; da wäre es der Mühe werth, 
sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben 
hundert Narren, auf Einem Haufen, noch keinen gescheuten 
Mann. — Der vom andern Extrem hingegen wird, sobald 
die Noth ihn zu Athem kommen läßt, Kurzweil und Ge- 
sellschaft, um jeden Preis, suchen und mit Allem leicht 
vorlieb nehmen, nichts so sehr fliehend, wie sich selbst. 
Denn in der Einsamkeit, als wo Jeder auf sich selbst 
zurückgewiesen ist, da zeigt sich was er an sich selber hat: 
da seufzt der Tropf im Purpur unter der unabwälzbaren 
Last seiner armseligen Individualität; während der Hoch- 
' begabte die ödeste Umgebung mit seinen Gedanken be- 
völkert und belebt. Daher ist sehr wahr was Seneka sagt: 
omnis stultitia laborat fastidio sui (ep. 9); wie auch Jesus 
Sirachs Ausspruch: "des Narren Leben ist ärger, denn 
der Tod." Demgemäß wird man, im Ganzen, finden, daß 
Jeder in dem Maaße gesellig ist, wie er geistig arm und 
überhaupt gemein ist. Denn man hat in der Welt nicht 
viel mehr, als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemein- 
heit. Die geselligsten aller Menschen sollen die Neger 
sein, wie sie eben auch intellektuell entschieden zurück- 
stehn: Nach Berichten aus Nord- Amerika, in Französischen 
Zeitungen (le Commerce, Octbr. 19, 1837), sperren die 
Schwarzen, Freie und Sklaven durcheinander, in großer 
Anzahl, sich in den engsten Raum zusammen, weil sie ihr 
s. 



34 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

schwarzes Stumpfnasengesicht nicht oft genug wiederholt 
erblicken können. 

Dem entsprechend, daß das Gehirn als der Parasit, oder 
Pensionär, des ganzen Organismus auftritt, ist die er- 
rungene freie Muße eines Jeden, indem sie ihm den 
freien Genuß seines Bewußtseins und seiner Individuali- 
tät giebt, die Frucht und der Ertrag seines gesammten 
Daseins, welches im Übrigen nur Mühe und Arbeit ist. 
Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen 
ab? Langeweile und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche 
Genüsse, oder Albernheiten dasind, sie auszufüllen. Wie 
völlig werthlos sie ist, zeigt die Art, wie sie solche zu- 
bringen: sie ist eben das ozio lungo d'uomini ignoranti 
des Ariosto. Die gewöhnlichen Leute sind bloß darauf 
bedacht, die Zeit zuzubringen^ wer irgend ein Talent hat, 
— sie zu benutzen. — Daß die beschränkten Köpfe der 
Langeweile so sehr ausgesetzt sind, kommt daher, daß 
ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als das Medium der 
Motive für ihren Willen ist. Sind nun vor der Hand keine 
Motive aufzufassen da; so ruht der Wille und feiert der 
Intellekt; dieser, weil er so wenig wie jener auf eigene 
Hand in Thätigkeit geräth: das Resultat ist schreckliche 
Stagnation aller Kräfte im ganzen Menschen, — Lange- 
weile. Dieser zu begegnen, schiebt man nun dem Willen 
kleine, bloß einstweilige und beliebig angenommene 
Motive vor, ihn zu erregen und dadurch auch den In- 
tellekt, der sie aufzufassen hat, in Thätigkeit zu versetzen: 
diese verhalten sich demnach zu den wirklichen und na- 
türlichen Motiven, wie Papiergeld zu Silber; da ihre Gel- 
tung eine willkürlich angenommene ist. Solche Motive 
nun sind die Spiele^ mit Karten u. s.w., welche zu besag- 
tem Zweck erfunden worden sind. Fehlt es daran, so hilft 
der beschränkte Mensch sich durch klappern und trom- 
meln, mit Allem, was er in die Hand kriegt. Auch die 
Cigarre ist ihm ein willkommenes Surrogat der Gedan- 
ken. — Daher also ist, in allen Ländern, die Hauptbeschäf- 
tigung aller Gesellschaft das Kartenspiel geworden: es ist 
der Maaßstab des Werthes derselben und der deklarirte 
Bankrott an allen Gedanken. Weil sie nämlich keine Ge- 



VON DEM, WAS EINER IST 35 

danken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus 
und suchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches 
Geschlecht! Um indessen auch hier nicht ungerecht zu 
sein, will ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß man 
zur Entschuldigung des Kartenspiels allenfalls anführen 
könnte, es sei eine Vorübung zum Welt- und Geschäfts- 
leben, sofern man dadurch lernt, die vom Zufall unabän- 
derlich gegebenen Umstände (Karten) klug zu benutzen, 
um daraus was immer angeht zu machen, zu welchem 
Zwecke man sich denn auch gewöhnt, Contenance zu hal- 
ten, indem man zum schlechten Spiel eine heitere Miene 
aufsetzt. Aber eben deshalb hat andererseits das Karten- 
spiel einen demoralisirenden Einfluß. Der Geist des Spiels 
nämlich ist, daß man auf alle Weise, durch jeden Streich 
und jeden Schlich, dem Andern das Seinige abgewinne. 
Aber die Gewohnheit, im Spiel so zu verfahren, wurzelt 
ein, greift über in das praktische Leben, und man kommt 
allmälig dahin, in den Angelegenheiten des Mein und 
Dein es eben so zu machen und jeden Vortheil, den man 
eben in der Hand hält, für erlaubt zu halten, sobald man 
nur es gesetzlich darf. Belege hiezu giebt ja das bürger- 
liche Leben täglich. — ^Weil also, wie gesagt, dit freie Muße 
die Blüthe, oder vielmehr die Frucht des Daseins eines 
Jeden ist, indem nur sie ihn in den Besitz seines eigenen 
Selbst einsetzt, so sind Die glücklich zu preisen, welche 
dann auch etwas Rechtes an sich selber erhalten; während 
den Allermeisten die freie Muße nichts abwirft, als einen 
Kerl, mit dem nichts anzufangen ist, der sich schrecklich 
langweilt, sich selber zur Last. Demnach freuen wir uns, 
''ihr lieben Brüder, daß wir nicht sind der Magd Kinder, 
sondern der Freien." (Gal. 4, 31.) 

Femer, wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger, 
oder keiner, Einfuhr bedarf; so auch der Mensch, der an 
seinem Innern Reichthum genug hat und zu seiner Unter- 
haltung wenig, oder nichts, von außen nöthig hat; da der- 
gleichen Zufuhr viel kostet, abhängig macht, Gefahr bringt, 
Verdruß verursacht und am Ende doch nur ein schlechter 
Ersatz ist für die Erzeugnisse des eigenen Bodens. Denn 
von Andern, von außen überhaupt, darf man in keiner 



Z6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Hinsicht viel erwarten. Was Einer dem Andern sein kann, 
hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch Jeder 
allein, und da kommt es darauf an, wer jetzt allein sei. 
Auch hier gilt demnach, was Goethe (Dicht, u. Wahrh. 
Bd. 3, S. 474) im Allgemeinen ausgesprochen hat, daß, in 
allen Dingen, Jeder zuletzt auf sich selbst zurückgewiesen 
wird, oder wie Oliver Goldsmith sagt: 

Still to ourselves in ev'ry place consign'd, 
Our owB felicity we make or find. 

(The Traveller v. 431 sq.) 

Das Beste und Meiste muß daher Jeder sich selber sein 
und leisten. Je mehr nun Dieses ist, und je mehr dem- 
zufolge er die Quellen seiner Genüsse in sich selbst findet, 
desto glücklicher wird er sein. Mit größtem Rechte also 
sagt Aristoteles: r^ £u8at[xovia T(üv aurapxtüv eatt (Eth. 
Eud. VII, 2), zu deutsch: das Glück gehört Denen, die sich 
selber genügen. Denn alle äußern Quellen des Glückes 
und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, 
mißlich, vergänglich und dem Zufall unterworfen, dürften 
daher, selbst unter den günstigsten Umständen, leicht 
stocken; ja. Dieses ist unvermeidlich, sofern sie doch 
nicht stets zur Hand sein können. Im Alter nun gar ver- 
siegen sie fast alle nothwendig: denn da verläßt uns Liebe, 
Scherz, Reiselust, Pferdelust und Tauglichkeit für die Ge- 
sellschaft: sogar die Freunde und Verwandten entführt 
uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als je, darauf an, 
was Einer an sich selber habe. Denn Dieses wird am 
längsten Stich halten. Aber auch in jedem Alter ist und 
bleibt es die ächte und allein ausdauernde Quelle des 
Glücks. Ist doch in der Welt überall nicht viel zu holen: 
Noth und Schmerz erfüllen sie, und auf Die, welche diesen 
entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. 
Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft 
darin und die Thorheit das große Wort. Das Schicksal 
ist grausam und die Menschen sind erbärmlich. In einer 
so beschaffenen Welt gleicht Der, welcher viel an sich 
selber hat, der hellen, warmen, lustigen Weihnachtsstube, 
mitten im Schnee und Eise der Decembemacht. Dem- 
nach ist eine vorzügliche, eine reiche Individualität und 



VON DEM, WAS EINER IST 3 7 

besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glück- 
lichste Loos auf Erden; so verschieden es etwan auch von 
dem glänzendesten ausgefallen sein mag. Daher war es 
ein weiser Ausspruch der erst 19jährigen Königin Chri- 
stine von Schweden, über den ihr noch bloß durch einen 
Aufsatz und aus mündlichen Berichten bekannt geworde-' 
nen Kartesius, welcher damals seit 2 o Jahren in der tief- 
sten Einsamkeit, in Holland, lebte: Mr. Descartes est le 
plus heureux de tous les hommes, et sa condition me 
semble digne d'envie. (Vie de Descartes par Baillet, Liv. 
VII, eh. 10.) Nur müssen, wie es eben auch der Fall des 
Kartesius war, die äußern Umstände es so weit begün- 
stigen, daß man auch sich selbst besitzen und seiner froh 
werden könne; weshalb schon Koheleth (7,12) sagt: ''Weis- 
heit ist gut mit einem Erbgut, und hilft, daß Einer sich 
der Sonne freuen kann." Wem nun, durch Gunst der 
Natur und des Schicksals, dieses Loos beschieden ist, der 
wird mit ängstlicher Sorgfalt darüber wachen, daß die 
innere Quelle seines Glückes ihm zugänglich bleibe; wozu 
Unabhängigkeit und Muße die Bedingungen sind. Diese 
wird er daher gern durch Mäßigkeit und Sparsamkeit er- 
kaufen; um so mehr, als er nicht, gleich den Andern, auf 
die äußern QueUen der Genüsse verwiesen ist. Darum 
wird die Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst und Beifall der 
Welt, ihn nicht verleiten, sich selber aufzugeben, um den 
niedrigen Absichten, oder dem schlechten Geschmacke, 
der Menschen sich zu fügen. Vorkommenden Falls wird 
er es machen wie Horaz in der Epistel an den Mäcenas 
(Lib. I, ep. 7). Es ist eine große Thorheit, um nach Außen 
zu gewinnen, nach Innen zu verlieren, d. h. für Glanz, 
Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Un- 
abhängigkeit ganz oder großen Theils hinzugeben. Dies 
hat aber Goethe gethan. Mich hat mein Genius mit Ent- 
schiedenheit nach der andern Seite gezogen. 
Die hier erörterte Wahrheit, daß die Hauptquelle des 
menschlichen Glückes im eigenen Innern entspringt, findet 
ihre Bestätigung auch an der sehr richtigen Bemerkung 
des Aristoteles^ in der Nikomachäischen Ethik (I, 7; et 
VII, 13, 14), daß jeglicher Genuß irgend eine Aktivität, 



38 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

also die Anwendung irgend einer Kraft voraussetzt und 
ohne solche nicht bestehn kann. Diese Aristotelische 
Lehre, daß das Glück eines Menschen in der ungehinder- 
ten Ausübung seiner hervorstechenden Fähigkeit bestehe, 
giebt auch Stobäos wieder in seiner Darstellung der peri- 
patetischen Ethik (Ecl. eth. II, c. 7, p. 268 — 278), z. B. 
evsp^eiav eivai tyjv suoaitioviav xax apexTjv, ev irpa^sai 
TTpoTjYoujxEvat? xar* zuyt]'^ (felicitatem esse functionem 
secundum virtutem, per actiones successus compotes); 
auch mit der Erklärung, daß ap£T7] jede Virtuosität sei. 
Nun ist die ursprüngliche Bestimmung der Kräfte, mit 
welchen die Natur den Menschen ausgerüstet hat, der 
Kampf gegen die Noth, die ihn von allen Seiten bedrängt. 
Wenn aber dieser Kampf ein Mal rastet, da werden ihm 
die unbeschäftigten Kräfte zur Last: er muß daher jetzt 
mit ihnen spielen^ d. h. sie zwecklos gebrauchen: denn 
sonst fällt er der andern Quelle des menschlichen Leidens, 
der Langenweile, sogleich anheim. Von dieser sind da- 
her vor Allen die Großen und Reichen gemartert, und 
hat von ihrem Elend schon Lukretius eine Schilderung 
gegeben, deren Treffendes zu erkennen man noch heute, 
in jeder großen Stadt, täglich Gelegenheit findet: 

Exit saepe foras magnis ex aedibus ille, 
Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat, 
Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse. 
Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter, 
Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans: 
Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae; 
Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit; 
Aut etiam properans urbem petit, atque revisit. 

in, 1073. 

Bei diesen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft 
und die Zeugungskraft herhalten. Aber späterhin bleiben 
nur die Geisteskräfte: fehlt es dann an diesen, oder an 
ihrer Ausbildung und dem angesammelten Stoffe zu ihrer 
Thätigkeit; so ist der Jammer groß. Weil nun der Wille 
die einzige unerschöpfliche ICraft ist; so wird ^r jetzt an- 
gereizt durch Erregiuig der Leidenschaften, z. B. durch 
hohe Hasardspiele, dieses wahrhaft degradirende Laster. 



VON DEM, WAS EINER IST 39 

— Überhaupt aber wird jedes unbeschäftigte Individuum, 
je nach der Art der in ihm vorwaltenden Kräfte, sich ein 
Spiel zu ihrer Beschäftigung wählen: etwan Kegel ^ oder 
Schach; Jagd, oder Malerei; Wettrennen, oder Musik; 
Kartenspiel, oder Poesie; Heraldik, oder Philosophie, 
u. s. w. Wir können sogar die Sache methodisch unter- 
suchen, indem wir auf die Wurzel aller menschlichen 
Kraftäußerungen zurückgehn, also dMi diQ drei physiologi- 
schen Grundkräfte: welche wir demnach hier in ihrem 
zwecklosen Spiele zu betrachten haben, in welchem sie 
als die Quellen dreier Arten möglicher Genüsse auftreten, 
aus denen jeder Mensch, je nachdem die eine, oder die 
andere jener Kräfte in ihm vorwaltet, die ihm angemes- 
senen erwählen wird. Also zuerst, die Genüsse der Re- 
produktionskraft: siebestehn im Essen, Trinken, Verdauen, 
Ruhen und Schlafen. Diese werden daher sogar ganzen 
Völkern als ihre Nationalvergnügungen von den andern 
nachgerühmt. Zweitens, die Genüsse der Irritabilität: sie 
bestehn im Wandern, Springen, Ringen, Tanzen, Fechten, 
Reiten und athletischen Spielen jeder Art, wie auch in 
der Jagd und sogar in Kampf und Krieg. Drittens, die 
Genüsse der Sensibilität: sie bestehn im Beschauen, Den- 
ken, Empfinden, Dichten, Bilden, Musiciren, Lernen,Lesen, 
Meditiren, Erfinden, Philosophiren u. s. w. — Über den 
Werth, den Grad, die Dauer jeder dieser Arten der Ge- 
nüsse lassen sich mancherlei Betrachtungen anstellen, die 
dem Leser selbst überlassen bleiben. Jedem aber wird 
dabei einleuchten, daß unser, allemal durch den Gebrauch 
der eigenen Kräfte bedingter Genuß und mithin unser, 
in dessen häufiger Wiederkehr bestehendes Glück, um 
so größer sein wird, je edlerer Art die ihn bedingende 
Kraft ist. Den Vorrang, welchen, in dieser Hinsicht, die 
Sensibilität, deren entschiedenes Überwiegen das Aus- 
zeichnende des Menschen vor den übrigen Thiergeschlech- 
tern ist, vor den beiden andern physiologischen Grund- 
kräften hat, als welche in gleichem und sogar in höherem 
Grade den Thieren einwohnen, wird ebenfalls Niemand 
ableugnen. Der Sensibilität gehören unsere Erkenntniß- 
kräfte an: daher befähigt das Überwiegen derselben zu 



40 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

den im Erkennen bestehenden, also den sogenannten 
geistigen Genüssen, und zwar zu um so größeren, je ent- 
schiedener jenes Überwiegen \s\.\). Dem normalen, ge- 
wöhnlichen Menschen kann eine Sache allein dadurch 
lebhafte Theilnahme abgewinnen, daß sie seinen Willen 
anregt, also ein persönliches Interesse für ihn hat. Nun 
ist aber jede anhaltende Erregung des Willens wenigstens 
gemischter Art, also mit Schmerz verknüpft. Ein absicht- 
liches Erregungsmittel desselben, und zwar mittelst so 
kleiner Interessen, daß sie nur momentane und leichte, 

•}^) Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen 
und chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum Vege- 
tabilischen und seinem dumpfen Selbstgenuß, von da zum Thier- 
reich, mit welchem die Intelligenz und das Bewußtsein anbricht und 
nun von schwachen Anfangen stufenweise immer höher steigt und 
endli ch durch den letzten und groß ten Schritt bis zum Menschen sich 
erhebt, in dessen Intellekt also die Natur den Gipfelpunkt und das 
Ziel ihrer Produktionen erreicht, also das Vollendeteste und Schwie- 
rigste liefert, was sie hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb 
der menschlichen Species aber stellt der Intellekt noch viele und 
merkliche Abstufungen dar und gelangt höchst selten zur obersten, 
der eigentlich hohen Intelligenz. Diese nun also ist im engem und 
strengem Sinne das schwierigste und höchste Produkt der Natur, 
mithin das Seltenste und WerthvoUste, was die Welt aufzuweisen 
hat. In einer solchen Intelligenz tritt das klarste Bewußtsein ein 
und stellt demgemäß die Welt sich deutlicher und vollständiger, als 
irgend wo dar. Der damit Ausgestattete besitzt demnach das Edelste 
und Köstlichste auf Erden und hat dem entsprechend eine Quelle 
von Genüssen, gegen welche alle übrigen gering sind; so daß er von 
außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, sich dieses Besitzes 
ungestört zu erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen. Denn 
alle andern, also nicht intellektuellen Genüsse sind niedrigerer Art: 
sie laufen sämmtlich auf Willensbewegungen hinaus, also auf Wün- 
schen, Hoffen, Fürchten und Erreichen, gleichviel auf was es gerich- 
tet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehn kann, und zudem mit 
dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttäuschung ein- 
tritt, statt daß bei den intellektuellen Genüssen die Wahrheit immer 
klärer wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, son- 
dern Alles ist Erkenntniß. Alle intellektuellen Genüsse sind nun 
aber Jedem nur vermittelst und also nach Maaßgabe seiner eigenen 
Intelligenz zugänglich: denn tout l'esprit, qui est au monde, est 
inutile ^ celui qui n'en a point. Ein wirklicher jenen Vorzug be- 
gleitender Nachtheil aber ist, daß, in der ganzen Natur, mit dem 
Grad der Intelligenz die Fähigkeit zum Schmerze sich steigert, also 
ebenfalls erst hier ihre höchste Stufe erreicht. 



VON DEM, WAS EINER IST 41 

nicht bleibende und ernstliche Schmerzen verursachen 
können, sonach als ein bloßes Kitzeln des Willens zu be- 
trachten sind, ist das Kartenspiel, diese durchgängige 
Beschäftigung der ''guten Gesellschaft'', aller Ortenf). 
— Der Mensch von überwiegenden Geisteskräften hin- 
gegen ist der lebhaftesten Theilnahme auf dem Wege 
bloßer Erkenntniß, ohne alle Einmischung des Willens^ 
fähig, ja bedürftig. Diese Theilnahme aber versetzt ihn 
alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich 
fremd ist, gleichsam in die Atmosphäre der leicht leben- 
den Götter, Oswv psia C«>ovtü>v. Während demnach das 
Leben der Übrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr 
Dichten und Trachten gänzlich auf die kleinlichen Inter- 
essen der persönlichen Wohlfahrt und dadurch auf Mi- 
seren aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche Lange- 
weile sie befällt, sobald die Beschäftigung mit jenen 
Zwecken stockt und sie auf sich selbst zurückgewiesen 
werden, indem nur das wilde Feuer der Leidenschaft 
einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen ver- 
mag; so hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften 
ausgestattete Mensch ein gedankenreiches, durchweg be- 
lebtes und bedeutsames Dasein: würdige und interessante 
Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich ihnen über- 

f) Die Vulgarität besteht im Grunde darin, daß im Bewußtsein 
das Wollen das Erkennen gänzlich überwiegt, womit es den Grad 
erreicht, daß durchaus nur zum Dienste des Willens das Erkennen 
eintritt, folglich wo dieser Dienst es nicht heischt, also eben keine 
Motive, weder große noch kleine, vorliegen, das Erkennen ganz 
cessirt, folglich völlige Gedankenleere eintritt. Nun ist aber er- 
kenntnißloses Wollen das Gemeinste, was es giebt: jeder Klotz Holz 
hat es und zeigt es wenigstens wenn er fällt. Daher macht jener 
Zustand die Vulgarität aus. In demselben bleiben bloß die Sinnes- 
werkzeuge und die geringe, zur Apprehension ihrer Data erforderte 
Verstandesthätigkeit aktiv, in Folge wovon der vulgare Mensch allen 
Eindrücken beständig offen steht, also Alles was um ihn herum 
vorgeht augenblicklich wahrnimmt, so daß der leiseste Ton und 
jeder, auch noch so geringfügige Umstand seine Aufmerksamkeit 
sogleich erregt, eben wie bei den Thieren. Dieser ganze Zustand 
wird in seinem Gesicht und ganzen Äußern sichtbar, — woraus dann 
das vulgare Ansehn hervorgeht, dessen Eindruck um so widerlicher 
ist, wann, wie meistens, der hier das Bewußtsein allein erfüllende 
Wille ein niedriger, egoistischer und überhaupt schlechter ist. 



42 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

lassen darf, und in sich selbst trägt er eine Quelle der 
edelsten Genüsse. Anregung von außen geben ihm die 
Werke der Natur und der Anblick des menschlichen 
Treibens, sodann die so verschiedenartigen Leistungen 
der Hochbegabten aller Zeiten und Länder, als welche 
eigentlich nur ihm ganz genießbar, weil nur ihm ganz 
verständlich und fühlbar sind. Für ihn demnach haben 
Jene wirklich gelebt, an ihn haben sie sich eigentlich ge- 
wendet; während die Übrigen nur als zufällige Zuhörer 
Eines und das Andere halb auffassen. Freilich aber hat 
er durch dieses Alles ein Bedürfniß mehr, als die Andern, 
das Bedürfniß zu lernen, zu sehn, zu studiren, zu medi- 
tiren, zu üben, folglich auch das Bedürfniß freier Muße: 
aber eben weil, wie Voltaire richtig bemerkt, il n'est de 
vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins, so ist dies Bedürf- 
niß die Bedingung dazu, daß ihm Genüsse offen stehn, 
welche den Andern versagt bleiben, als welchen Natur- 
und Kunstschönheiten und Geisteswerke jeder Art, selbst 
wenn sie solche um sich anhäufen, im Grunde doch nur 
Das sind, was Hetären einem Greise. Ein so bevorzugter 
Mensch führt in Folge davon, neben seinem persönlichen 
Leben, noch ein zweites, nämlich ein intellektuelles, wel- 
ches ihm allmälig zum eigentlichen Zweck wird, zu welchem 
er jenes erstere nur noch als Mittel ansieht: während den 
Übrigen dieses schaale, leere und betrübte Dasein selbst 
als Zweck gelten muß. Jenes intellektuelle Leben wird 
daher ihn vorzugsweise beschäftigen, und es erhält, durch 
den fortwährenden Zuwachs an Einsicht und Erkenntniß, 
einen Zusammenhang, eine beständige Steigerung, eine 
sich mehr und mehr abrundende Ganzheit und Vollendung, 
wie ein werdendes Kunstwerk; wogegen das bloß prak- 
tische, bloß auf persönliche Wohlfahrt gerichtete, bloß 
eines Zuwachses in der Länge, nicht in der Tiefe fähige 
Leben der Andern traurig absticht, dennoch ihnen, wie 
gesagt, als Selbstzweck gelten muß; während es Jenem 
bloßes Mittel ist. 

Unser praktisches, reales Leben nämlich ist, wenn nicht 
die Leidenschaften es bewegen, langweilig und fade; wenn 
sie aber es bewegen, wird es bald schmerzlich: darum 



VON DEM, WAS EINER IST 43 

sind Die allein beglückt, denen irgend ein Überschuß des 
Intellekts, über das zum Dienst ihres Willens erforderte 
Maaß, zu Theil geworden. Denn damit führen sie, neben 
ihrem wirklichen, noch ein intellektuelles Xeben, welches 
sie fortwährend auf eine schmerzlose Weise und doch leb- 
haft beschäftigt und unterhält. Bloße Muße, d. h. durch 
den Dienst des Willens unbeschäftigter Intellekt, reicht 
dazu nicht aus; sondern ein wirklicher Überschuß der 
Kraft ist erfordert: denn nur dieser befähigt zu einer dem 
Willen nicht dienenden, rein geistigen Beschäftigung: hin- 
gegen otium sine litteris mors est et hominis vivi sepul- 
tura (Sen. ep. 82). Je nachdem nun aber dieser Über- 
schuß klein oder groß ist, giebt es unzählige Abstufungen 
jenes, neben dem realen zu führenden intellektuellen 
Lebens, vom bloßen Insekten-, Vögel-, Mineralien-, 
Münzen- Sammeln und Beschreiben, bis zu den höchsten 
Leistungen der Poesie und Philosophie. Ein solches in- 
tellektuelles Leben schützt aber nicht nur gegen die Lange- 
weile, sondern auch gegen die verderblichen Folgen der- 
selben. Es wird nämlich zur Schutzwehr gegen schlechte 
Gesellschaft und gegen die vielen Gefahren, Unglücks- 
fälle, Verluste und Verschwendungen, in die man geräth, 
wenn man sein Glück ganz in der realen Welt sucht. So 
hat z. B. mir meine Philosophie nie etwas eingebracht; 
aber sie hat mir sehr viel erspart. 

Der normale Mensch hingegen ist, hinsichtlich des Ge- 
nusses seines Lebens, auf Dinge außer ihin gewiesen, auf 
den Besitz, den Rang, auf Weib und Kinder, Freunde, 
Gesellschaft u. s. w., auf diese stützt sich sein Lebens- 
glück: darum fällt es dahin, wenn er sie verliert, oder er 
sich in ihnen getäuscht sah. Dies Verhältniß auszudrücken, 
können wir sagen, daß sein Schwerpunkt außer ihm fällt. 
Eben deshalb hat er auch stets wechselnde Wünsche und 
Grillen: er wird, wenn seine Mittel es erlauben, bald Land- 
häuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben, bald Reisen 
machen, überhaupt aber großen Luxus treiben; weil er 
eben in Dingen aller Art ein Genüge von außen sucht; 
wie der Entkräftete aus Consommd's und Apothekerdrogen 
die Gesundheit und Stärke zu erlangen hoift, deren wahre 



44 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Quelle die eigene Lebenskraft ist. Stellen wir nun, um 
nicht gleich zum andern Extrem überzugehn, neben ihn 
einen Mann von nicht gerade eminenten, aber doch das 
gewöhnliche knappe Maaß überschreitenden Geistes- 
kräften; so sehn wir diesen etwan irgend eine schöne 
Kunst als Dilettant üben, oder aber eine Realwissenschaft, 
wie Botanik, Mineralogie, Physik, Astronomie, Geschichte, 
u. dgl. betreiben und alsbald einen großen Theil seines 
Genusses darin finden, sich daran erholend, wenn jene 
äußern Quellen stocken, oder ihn nicht mehr befriedigen. 
Wir können insofern sagen, daß sein Schwerpunkt schon 
zum Theil in ihn selbst fällt. Weil jedoch bloßer Dilet- 
tantismus in der Kunst noch sehr weit von der hervor- 
bringenden Fähigkeit liegt, und weil bloße Realwissen- 
schaften bei den Verhältnissen der Erscheinungen zu 
einander stehn bleiben; so kann der ganze Mensch nicht 
darin aufgehn, sein ganzes Wesen kann nicht bis auf 
den Grund von ihnen erfüllt werden und daher sein 
Dasein sich nicht mit ihnen so verweben, daß er am Übrigen 
alles Interesse verlöre. Dies nun bleibt der höchsten 
geistigen Eminenz allein vorbehalten, die man mit dem 
Namen des Genie's zu bezeichnen pflegt: denn nur sie 
nimmt das Dasein und Wesen der Dinge im Ganzen und 
absolut zu ihrem Thema, wonach sie dann ihre tiefe Auf- 
fassung desselben, gemäß ihrer individuellen Richtung, 
durch Kunst, Poesie, oder Philosophie auszusprechen 
streben wird. Daher ist allein einem Menschen dieser Art 
die ungestörte Beschäftigung mit sich, mit seinen Ge- 
danken und Werken dringendes Bedürfniß, Einsamkeit 
willkommen, freie Muße das höchste Gut, alles Übrige 
entbehrlich, ja, wenn vorhanden, oft nur zur Last. Nur 
von einem solchen Menschen können wir demnach sagen, 
daß sein Schwerpunkt ganz in ihn fällt. Hieraus wird 
sogar erklärlich, daß die höchst seltenen Leute dieser Art, 
selbst beim besten Charakter, doch nicht jene innige und 
grenzenlose Theilnahme an Freunden, Familie und Ge- 
meinwesen zeigen, deren Manche der Andern fähig sind: 
denn sie können sich zuletzt über Alles trösten; wenn sie 
nur sich selbst haben. Sonach liegt in ihnen ein isoliren- 



VON DEM, WAS EINER IST 45 

des Element mehr, welches um so wirksamer ist, als die 
Andern ihnen eigentlich nie vollkommen genügen, wes- 
halb sie in ihnen nicht ganz und gar ihres Gleichen sehn 
können, ja, da das Heterogene in Allem und Jedem ihnen 
stets fühlbar wird, allmälig sich gewöhnen, unter den 
Menschen als verschiedenartige Wesen umherzugehn und, 
in ihren Gedanken über dieselben, sich der dritten, nicht 
der ersten Person Pluralis zu bedienen. — 
Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun Der, welchen 
die Natur in intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet 
hat, als der Glücklichste; so gewiß das Subjektive uns 
näher liegt, als das Objektive, dessen Wirkung, welcher 
Art sie auch sei, immer erst diurch jenes vermittelt, also 
nur sekundär ist. Dies bezeugt auch der schöne Vers: 

nXouTo; 6 Tf]i 'l'^X'^l* i^XouTOi; jj,ovo; eoxtv akri^fi^, 
TaXXa B'eyei axYjv TrXetova tojv xreavcov. 

Lucian in Anthol. I, 67. 

Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts 
weiter, als eines negativen Geschenks, nämlich freier 
Muße, um seine geistigen Fähigkeiten ausbilden und ent- 
wickeln und seinen innern Reichthum genießen zu können, 
also eigentlich nur der Erlaubniß, sein ganzes Leben hin- 
durch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu 
dürfen. Wenn Einer bestimmt ist, die Spur seines Geistes 
dem ganzen Menschengeschlechte aufzudrücken; so giebt 
es für ihn nur Ein Glück oder Unglück, nämlich seine An- 
lagen vollkommen ausbilden und seine Werke vollenden 
zu können, — oder aber hieran verhindert zu sein. Alles 
Andere ist für ihn geringfügig. Demgemäß sehn wir die 
großen Geister aller Zeiten auf freie Muße den aller- 
höchsten Werth legen. Denn die freie Muße eines Jeden 
ist so viel werth, wie er selbst werth ist. Aoxsi 8s ii 
£ü8ai}iovia sv t^ '^X^^^ stvat (videtur beatitudo in otio 
esse Sita) sagt Aristoteles (Eth. Nie. X, 7), und Diogenes 
Laertius (II, 5,31) berichtet, daß Scüxparyj? STr-jfjvei ay^QkriVj 
(b; xaXXioTov XTYj[iaT«)v (Socrates otium ut possessionum 
omnium pulcherrimam laudabat). Dem entspricht auch, 
daß Aristoteles (Eth. Nie. X, 7, 8, 9) das philosophische 
Leben für das glücklichste erklärt. Sogar gehört hieher. 



46 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

was er in der Politik (IV, ii) sagt: tov euSatfiova ßiov 
eivat TOV xar* apsxYjv avsjxirooiarov, welches, gründlich 
übersetzt, besagt: ''seine Trefflichkeit, welcher Art sie auch 
sei, ungehindert üben zu können, ist das eigentliche Glück", 
und also zusammentrifft mit Goethe' s Ausspruch, im Wilh. 
Meister: ''wer mit einem Talent zu einem Talent geboren 
ist^ findet in demselben sein schönstes Dasein." — Nun 
aber ist freie Muße zu besitzen nicht nur dem gewöhnlichen 
Schicksal, sondern auch der gewöhnlichen Natur des 
Menschen fremd: denn seine natürliche Bestimmung ist, 
daß er seine Zeit mit Herbeischafifung des zu seiner und 
seiner Familie Existenz Nothwendigen zubringe. Er ist 
ein Sohn der Noth, nicht eine freie Intelligenz. Dem ent- 
sprechend wird freie Muße dem gewöhnlichen Menschen 
bald zur Last, ja, endlich zur Quaal, wenn er sie nicht, 
mittelst allerlei erkünstelter und fingirter Zwecke, durch 
Spiel, Zeitvertreib und Steckenpferde jeder Gestalt aus- 
zufüllen vermag: auch bringt sie ihm, aus dem selben 
Grunde, Gefahr, da es mit Recht heißt difficilis in otio 
quies. Andrerseits jedoch ist ein über das normale Maaß 
weit hinausgehender Intellekt ebenfalls abnorm, also un- 
natürlich. Ist er dennoch ein Mal vorhanden, so bedarf 
es, für das Glück des damit Begabten, eben jener den 
Andern bald lästigen, bald verderblichen freien Muße; da 
er ohne diese ein Pegasus im Joche, mithin unglücklich 
sein wird. TreJBfen nun aber beide Unnatürlichkeiten, die 
äußere und die innere, zusammen; so ist es ein großer 
Glücksfall: denn jetzt wird der so Begünstigte ein Leben 
höherer Art führen, nämlich das eines Eximirten von den 
beiden entgegengesetzten Quellen des menschlichen Lei- 
dens, der Noth und der Langenweile, oder dem sorglichen 
Treiben für die Existenz und der Unfähigkeit, die Muße 
(d. i. die freie Existenz selbst) zu ertragen, welchen beiden 
Übeln der Mensch sonst nur dadurch entgeht, daß sie 
selbst sich wechselseitig neutralisiren und aufheben. 
Gegen dieses Alles jedoch kommt andrerseits in Betracht, 
daß die großen Geistesgaben, in Folge der überwiegenden 
Nerventhätigkeit, eine überaus gesteigerte Empfindlich- 
keit für den Schmerz, in jeglicher Gestalt, herbeiführen, 



VON DEM, WAS EINER IST 47 

daß ferner das sie bedingende leidenschaftliche Tempe- 
rament und zugleich die von ihnen unzertrennliche größere 
Lebhaftigkeit und Vollkommenheit aller Vorstellungen 
eine ungleich größere Heftigkeit der durch diese erregten 
Affekte herbeiführt, während es doch überhaupt mehr 
peinliche, als angenehme Affekte giebt; endlich auch, daß 
die großen Geistesgaben ihren Besitzer den übrigen 
Menschen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr er 
an sich selber hat, desto weniger er an ihnen finden kann. 
Hundert Dinge, an welchen sie großes Genüge haben, sind 
ihm schaal und ungenießbar; wodurch denn das überall 
sich geltend machende Gesetz der Kompensation viel- 
leicht auch hier in Kraft bleibt; ist doch sogar oft genug, 
und nicht ohne Schein, behauptet worden, der geistig be- 
schränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste; wenn 
gleich Keiner ihn um dieses Glück beneiden mag. In der 
definitiven Entscheidung der Sache will ich um so weniger 
dem Leser vorgreifen, als selbst Sophokles hierüber zwei 
einander diametral entgegengesetzte Aussprüche gethan 

hat: 

üoXXo) TO cppoveiv euSatfxovta; irpajxov ÖTiap^et. 

(Sapere longe prima felicitatis pars est.) 

Antig. 1328. 
und wieder: 

Ev Ttii cppoveiv Y^p fXTjSev -i^jSioto; ßto?. 
(nihil cogitantium jucundissima vita est,) 

Ajax. 550. 

Eben so uneinig mit einander sind die Philosophen des 

A.T. 

"Des Narren Leben ist ärger denn der Tod!" 

(tou y^P fAojpou 67:ep öavatou Ct«^ TtovTjpa.) 

j Tes. Sir. 22, 12. 

und •' 

"Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens." 

(6 irpo4xi&£i; Y'^"*"''') Trpo^Q^Tjoei d^Y^pa.) Kohel. i, 18. 

Inzwischen will ich hier doch nicht unerwähnt lassen, daß 
der Mensch, welcher, in Folge des streng und knapp 
normalen Maaßes seiner intellektuellen Kräfte, keine gei~ 
stige Bedürfnisse hat ^ es eigentlich ist, den ein der deutschen 
Sprache ausschließlich eigener, vom Studentenleben aus- 
gegangener, nachmals aber in einem höheren, wiewohl 



48 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

dem ursprünglichen, durch den Gegensatz zum Musen- 
sohne, immer noch analogen Sinne gebrauchter Ausdruck 
als den /%///^/^r bezeichnet. Dieser nämlich ist und bleibt 
der djjLOuoog dvYj p. Nun würde ich zwar, von einem höhern 
Standpunkt aus, die Definition der Philister so aussprechen, 
daß sie Leute wären, die immerfort auf das Ernstlichste 
beschäftigt sind mit einer Realität, die keine ist. Allein 
eine solche, schon transscendentale Definition, würde dem 
populären Standpunkt, auf welchen ich mich in dieser 
Abhandlung gestellt habe, nicht angemessen, daher auch 
vielleicht nicht durchaus jedem Leser faßlich sein. Jene 
erstere hingegen läßt leichter eine specielle Erläuterung 
zu und bezeichnet hinreichend das Wesentliche der Sache, 
die Wurzel aller der Eigenschaften, die den Philister 
charakterisiren. Er ist demnach ein Mensch ohne geistige 
Bedürfnisse. Hieraus nun folgt gar mancherlei: erstlich, 
in Hinsicht auf ihn selbst^ daß er ohne geistige Genüsse 
bleibt; nach dem schon erwähnten Grundsatz: il n'est de 
vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins. Kein Drang nach 
Erkenntniß und Einsicht, um ihrer selbst Willen, belebt 
sein Dasein, auch keiner nach eigentlich ästhetischen Ge- 
nüssen, als welcher dem ersteren durchaus verwandt ist. 
Was dennoch von Genüssen solcher Art etwan Mode, 
oder Auktorität, ihm aufdringt, wird er als eine Art 
Zwangsarbeit möglichst kurz abthun. Wirkliche Genüsse 
für ihn sind allein die sinnlichen: durch diese hält er sich 
schadlos. Demnach sind Austern und Champagner der 
Höhepunkt seines Daseins, und sich Alles, was zum leib- 
lichen Wohlsein beiträgt, zu verschafifen, ist der Zweck 
seines Lebens. Glücklich genug, wenn dieser ihm viel 
zu schaffen macht! Denn, sind jene Güter ihm schon zum 
voraus oktroyirt; so fällt er unausbleiblich der Langen- 
weile anheim; gegen welche dann alles Ersinnliche ver- 
sucht wird: Ball, Theater, Gesellschaft, Kartenspiel, Hasard- 
spiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen u. s. w. Und doch 
reicht dies Alles gegen die Langeweile nicht aus, wo 
Mangel an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse 
unmöglich macht. Daher auch ist dem Philister ein 
dumpfer, trockener Ernst, der sich dem thierischen nähert, 



VON DEM, WAS EINER IST 49 

eigen und charakteristisch. Nichts freut ihn, nichts erregt 
ihn, nichts gewinnt ihm Antheil ab. Denn die sinnlichen 
Genüsse sind bald erschöpft; die Gesellschaft, aus eben 
solchen Philistern bestehend, wird bald langweilig; das 
Kartenspiel zuletzt ermüdend. Allenfalls bleiben ihm noch 
die Genüsse der Eitelkeit, nach seiner Weise, welche denn 
darin bestehn, daß er an Reichthum, oder Rang, oder 
Einfluß und Macht, Andere übertrifft, von welchen er dann 
deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, daß er wenig- 
stens mit Solchen, die in Dergleichen eminiren, Umgang 
hat und so sich im Reflex ihres Glanzes sonnt (a snob). 
— Aus der aufgestellten Grundeigenschaft des Philisters 
folgt zweitens, in Hinsicht auf Andere, daß, da er keine 
geistige, sondern nur physische Bedürfnisse hat, er Den 
suchen wird, der diese, nicht Den, der jene zu befriedigen 
im Stande ist. Am allerwenigsten wird daher unter den 
Anforderungen, die er an Andere macht, die irgend über- 
wiegender geistiger Fähigkeiten sein: vielmehr werden 
diese, wenn sie ihm aufstoßen, seinen Widerwillen, ja, 
seinen Haß erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl 
von Inferiorität, und dazu einen dumpfen, heiöilichen 
Neid verspürt, den er aufs Sorgfältigste versteckt, indem 
er ihn sogar sich selber zu verhehlen sucht, wodurch aber 
gerade solcher bisweilen bis zu einem stillen Ingrimm 
anwächst. Nimmermehr demnach wird es ihm einfallen, 
nach dergleichen Eigenschaften seine Werth Schätzung, 
oder Hochachtimg abzumessen; sondern diese wird aus- 
schließlich dem Range und Reichthum, der Macht und 
dem Einfluß vorbehalten bleiben, als welche in seinen 
Augen die allein wahren Vorzüge sind, in denen zu ex- 
celliren auch sein Wunsch wäre. — Alles Dieses aber folgt 
daraus, daß er ein Mensch ohne geistige Bedürfnisse ist. 
Das große Leiden aller Philister ist, daß Idealitäten ihnen 
keine Unterhaltung gewähren, sondern sie, um der Langen- 
weile zu entgehn, stets der Realitäten bedürfen. Diese 
nämlich sind theils bald erschöpft, wo sie, statt zu unter- 
halten, ermüden; theils führen sie Unheil jeder Art herbei; 
während hingegen die Idealitäten unerschöpflich und an 
sich unschuldig und unschädlich sind. — 
S. 



50 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Ich habe in dieser ganzen Betrachtung der persönlichen 
Eigenschaften, welche zu unserm Glücke beitragen, nächst 
den physischen, hauptsächlich die intellektuellen berück- 
sichtigt. Auf welche Weise nun aber auch die moralische 
Trefflichkeit unmittelbar beglückt, habe ich früher in 
meiner Preisschrift über das Fundament der Moral § 22, 
S. 275 (Inselausg. III, 668) dargelegt, wohin ich also von 
hier verweise. 

KAPITEL m. 
VON DEM, WAS EINER HAT. 

RICHTIG und schön hat der große Glückseligkeitslehrer 
Epikuros die menschlichen Bedürfnisse in drei Klassen 
getheilt. Erstlich, die natürlichen und die nothwendigen: 
es sind die, welche, wenn nicht befriedigt, Schmerz ver- 
ursachen. Folglich gehört hieher nur victus et amictus. 
Sie sind leicht zu befriedigen. Zweitens, die natürlichen, 
jedoch nicht nothwendigen: es ist das Bedürfniß der Ge- 
schlechtsbefriedigung; wiewohl Epikur Dies im Berichte 
des Laertius nicht ausspricht; (wie ich denn überhaupt 
seine Lehre hier etwas zurechtgeschoben und ausgefeilt 
wiedergebe). Dieses Bedürfniß zu befriedigen hält schon 
schwerer. Drittens, die weder natürlichen, noch nothwen- 
digen: es sind die des Luxus, der Üppigkeit, des Prunkes 
und Glanzes: sie sind endlos und ihre Befriedigung ist 
sehr schwer. (Siehe Diog. Laert. L. X, c. 27, § 149, auch 
§ 127.— Cic. de fin. I, 13.) ^^« 

Die Grenze unsrer vernünftigen Wünsche hinsichtlich des 
Besitzes zu bestimmen ist schwierig, wo nicht unmöglich. 
Denn die Zufriedenheit eines Jeden, in dieser Hinsicht, 
beruht nicht auf einer absoluten, sondern auf einer bloß 
relativen Größe, nämlich auf dem Verhältniß zwischen 
seinen Ansprüchen und seinem Besitz: daher dieser 
Letztere, für sich allein betrachtet, so bedeutungsleer 
ist, wie der Zähler eines Bruchs ohne den Nenner. Die 
Güter, auf welche Anspruch zu machen einem Men- 
schen nie in den Sinn gekommen ist, entbehrt er durchaus 
nicht, sondern ist, auch ohne sie, völlig zufrieden; während 



VON DEM, WAS EINER HAT 5 1 

ein Anderer, der hundert Mal mehr besitzt als er, sich 
unglücklich fühlt, weil ihm Eines abgeht, darauf er An- 
spruch macht. Jeder hat, auch in dieser Hinsicht, einen 
eigenen Horizont des für ihn möglicherweise Erreichbaren: 
so weit wie dieser gehn seine Ansprüche. Wann irgend 
ein innerhalb desselben gelegenes Objekt sich ihm so dar- 
stellt, daß er auf dessen Erreichung vertrauen kann, fühlt 
er sich glücklich; hingegen unglücklich, wann eintretende 
Schwierigkeiten ihm die Aussicht darauf benehmen. Das 
außerhalb dieses Gesichtskreises Liegende wirkt gar nicht 
auf ihn. Daher beunruhigen den Armen die großen Be- 
sitzthümer der Reichen nicht, und tröstet andrerseits den 
Reichen, bei verfehlten Absichten, das Viele nicht, was er 
schon besitzt. (Der Reichthum gleicht dem Seewasser: 
je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. — 
Das Selbe gilt vom Ruhm.) — Daß nach verlorenem Reich- 
thum^ oder Wohlstande, sobald der erste Schmerz über- 
standen ist, unsre habituelle Stimmung nicht sehr verschie- 
den von der früheren ausfällt, kommt daher, daß, nachdem 
das Schicksal den Faktor unsers Besitzes verkleinert hat, 
wir selbst nun den Faktor unsrer Ansprüche gleich sehr 
vermindern. Diese Operation aber ist das eigentlich 
Schmerzhafte, bei einem Unglücksfall: nachdem sie voll- 
zogen ist, wird der Schmerz immer weniger, zuletzt gar 
nicht mehr gefühlt: die Wunde vernarbt. Umgekehrt wird, 
bei einem Glücksfall, der Kompressor unsrer Ansprüche 
hinaufgeschoben, und sie dehnen sich aus: hierin liegt die 
Freude. Aber auch sie dauert nicht länger, als bis diese 
Operation gänzlich vollzogen ist: wir gewöhnen uns an 
das erweiterte Maaß der Ansprüche und werden gegen den 
demselben entsprechenden Besitz gleichgültig. Dies be- 
sagt schon die homerische Stelle, Od. XVIII, 130 — 137, 
welche schließt: 

Toio; fap vooc eaxiv eutyOovitov av^pwjiojv, 
'Otov £cp' iQixap ayet TCatTjp avoptov re Oecav xe. 

Die Quelle unsrer Unzufriedenheit liegt in unsern stets 
erneuerten Versuchen, den Faktor der Ansprüche in die 
Höhe zu schieben, bei der Unbeweglichkeit des andern 
Faktors, die es verhindert. — 



52 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Unter einem so bedürftigen und aus Bedürfnissenbestehen- 
dem Geschlecht, wie das menschliche, ist es nicht zu ver- 
wundern, daß Reichthum mehr und aufrichtiger, als alles 
Andere, geachtet, ja verehrt wird, und selbst die Macht 
nur als Mittel zum Reichthum; wie auch nicht, daß zum 
Zwecke des Erwerbs alles Andere bei Seite geschoben, 
oder über den Haufen geworfen wird, z. B. die Philoso- 
phie von den Philosophieprofessoren. — Daß die Wünsche 
der Menschen hauptsächlich auf Geld gerichtet sind und 
sie dieses über Alles lieben, wird ihnen oft zum Vorwurf 
gemacht. Jedoch ist es natürlich, wohl gar unvermeidlich. 
Das zu lieben, was, als ein unermüdlicher Proteus, jeden 
Augenblick bereit ist, sich in den jedesmaligen Gegen- 
stand unsrer so wandelbaren Wünsche und mannigfalti- 
gen Bedürfnisse zu verwandeln. Jedes andere Gut näm- 
lich kann nur einem Wunsch, einem Bedürfniß genügen: 
Speisen sind bloß gut für den Hungrigen, Wein für den 
Gesunden, Arznei für den Kranken, ein Pelz für den Win- 
ter, Weiber für die Jugend u. s. w. Sie sind folglich alle 
nur ayaOa Trpo? ti, d. h. nur relativ gut. Geld allein ist 
das absolut Gute: weil es nicht bloß einem Bedürfniß in 
concreto begegnet, sondern dem Bedürfniß überhaupt, in 
abstracto. — 

Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutz- 
mauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle; nicht 
als eine Erlaubniß oder gar Verpflichtung, die Plaisirs der 
Welt heranzuschaffen. — Leute die von Hause aus kein 
Vermögen haben, aber endlich in die Lage kommen, durch 
ihre Talente, welcher Art sie auch seien, viel zu verdienen, 
gerathen fast immer in die Einbildung, ihr Talent sei das 
bleibende Kapital und der Gewinn dadurch die Zinsen. 
Demgemäß legen sie dann nicht das Erworbene theilweise 
zurück, um so ein bleibendes Kapital zusammenzubringen; 
sondern geben aus, in dem Maaße, wie sie verdienen. 
Danach aber werden sie meistens in Armuth gerathen; 
weil ihr Erwerb stockt, oder aufhört, nachdem entweder 
das Talent selbst erschöpft ist, indem es vergänglicher 
Art war, wie z. B. das zu fast allen schönen Künsten, oder 
auch, weil es nur unter besondern Umständen und Kon- 



VON DEM, WAS EINER HAT 53 

junkturen geltend zu machen war, welche aufgehört haben. 
Handwerker mögen immerhin es auf die besagte Weise 
halten; weil die Fähigkeiten zu ihren Leistungen nicht 
leicht verloren gehn, auch durch die Kräfte der Gesellen 
ersetzt werden, und weil ihre Fabrikate Gegenstände des 
Bedürfnisses sind, also alle Zeit Abgang finden; weshalb 
denn auch das Sprichwort "ein Handwerk hat einen gol- 
denen Boden" richtig ist. Aber nicht so steht es um die 
Künstler und virtuosi jeder Art. Eben deshalb werden 
diese theuer bezahlt. Daher aber soll was sie erwerben 
ihr Kapital werden; während sie, vermessener Weise, es 
für bloße Zinsen halten und dadurch ihrem Verderben 
entgegengehn. — Leute hingegen, welche ererbtes Ver- 
mögen besitzen, wissen wenigstens sogleich ganz richtig, 
was das Kapital und was die Zinsen sind. Die Meisten 
werden daher jenes sicher zu stellen suchen, keinenfalls 
es angreifen, ja, wo möglich, wenigstens i/g der Zinsen 
zurücklegen, künftigen Stockungen zu begegnen. Sie bleiben 
daher meistens im Wohlstande. — Auf Kaufleute ist diese 
ganze Bemerkung nicht anwendbar: denn ihnen ist das 
Geld selbst Mittel zum ferneren Erwerb, gleichsam Hand- 
werksgeräth; daher sie, auch wenn es ganz von ihnen 
selbst erworben ist, es sich, durch Benutzung, zu erhalten 
und zu vermehren suchen. Demgemäß ist in keinem Stande 
der Reichthum so eigentlich zu Hause, wie in diesem. 
Überhaupt aber wird man, in der Regel, finden, daß Die- 
jenigen, welche schon mit der eigentlichen Noth und dem 
Mangel handgemein gewesen sind, diese ungleich weniger 
fürchten und daher zur Verschwendung geneigter sind, 
als Die, welche solche nur von Hörensagen kennen. Zu 
den Erster en gehören Alle, die durch Glücksfälle irgend 
einer Art, oder durch besondere Talente, gleichviel wel- 
cher Gattung, ziemlich schnell aus der Armuth in den 
Wohlstand gelangt sind: die Andern hingegen sind Die, 
welche im Wohlstande geboren und geblieben sind. Diese 
sind durchgängig mehr auf die Zukunft bedacht und daher 
ökonomischer, als jene. Man könnte daraus schließen, 
daß die Noth nicht eine so schlimme Sache wäre, wie sie, 
von Weitem gesehn, scheint. Doch möchte der wahre 



54 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Grund vielmehr dieser sein, daß Dem, der in angestamm- 
tem Reichthume geboren ist, dieser als etwas Unent- 
behrliches erscheint, als das Element des einzig möglichen 
Lebens, so gut wie die Luft; daher er ihn bewacht wie 
sein Leben, folglich meistens ordnungsliebend, vorsichtig 
und sparsam ist. Dem in angestammter Armuth Geborenen 
hingegen erscheint diese als der natürliche Zustand; der 
ihm danach irgendwie zugefallene Reichthum aber als 
etwas Überflüssiges, bloß tauglich zum Genießen und Ver- 
prassen; indem man, wann er wieder fort ist, sich, so gut 
wie vorher, ohne ihn behilft und noch eine Sorge los ist. 
Da geht es denn wie Shakespeare sagt: 

The adage must be verified, 

That beggars mounted run tbeir horse to death. 

(Das Sprichwort muß bewährt werden, daß der zu Pferde gesetzte 
Bettler sein Thier zu Tode jagt.) 

Henry VI. P. 3. A. i. 

Dazu kommt denn freilich noch, daß solche Leute ein 
festes und übergroßes Zutrauen theils zum Schicksal, theils 
zu den eigenen Mitteln, die ihnen schon aus Noth und 
Armuth herausgeholfen haben, nicht sowohl im Kopf, als 
im Herzen tragen und daher die Untiefen derselben nicht, 
wie es wohl den reich Geborenen begegnet, für bodenlos 
halten, sondern denken, daß man, auf den Boden stoßend, 
wieder in die Höhe gehoben wird. — Aus dieser mensch- 
lichen Eigenthümlichkeit ist es auch zu erklären, daß 
Frauen, welche arme Mädchen waren, sehr oft anspruchs- 
voller und verschwenderischer sind, als die, welche eine 
reiche Aussteuer zubrachten; indem meistentheils die 
reichen Mädchen nicht bloß Vermögen mitbringen, son- 
dern auch mehr Eifer, ja, angeerbten Trieb zur Erhaltung 
desselben, als arme. Wer inzwischen das Gegentheil be- 
haupten will findet eine Auktorität für sich am Ariosto in 
dessen erster Satire; hingegen stimmt Dr. Johnson meiner 
Meinung bei: A woman of fortune being used to the hand- 
ling of money, spends it judiciously: but a woman who 
gets the command of money for the first time upon her 
marriage, has such a gust in spending it, that she throws 



VON DEM, WAS EINER HAT 55 

it away with great profusion. (S. Boswell, Life of John- 
son, ann. 1776, aetat. 67.) Jedenfalls aber möchte ich 
Dem, der ein armes Mädchen heirathet, rathen, sie nicht 
das Kapital, sondern eine bloße Rente erben zu lassen, 
besonders aber dafür zu sorgen, daß das Vermögen der 
Kinder nicht in ihre Hände geräth. 
Ich glaube keineswegs etwas meiner Feder Unwürdiges 
zu thun, indem ich hier die Sorge für Erhaltung des er- 
worbenen und des ererbten Vermögens anempfehle. Denn 
von Hause aus so viel zu besitzen, daß man, wäre es auch 
nur für seine Person und ohne Familie, in wahrer Unab- 
hängigkeit, d. h. ohne zu arbeiten, bequem leben kann, 
ist ein unschätzbarer Vorzug: denn es ist die Exemtion 
und die Immunität von der dem menschlichen Leben an- 
hängenden Bedürftigkeit und Plage, also die Emancipa- 
tion vom allgemeinen Frohndienst, diesem naturgemäßen 
Loose des Erdensohns. Nur unter dieser Begünstigung 
des Schicksals ist man als ein wahrer Freier geboren: denn 
nur so ist man eigentlich sui juris, Herr seiner Zeit und 
seiner Kräfte, und darf jeden Morgen sagen: "der Tag 
ist mein." Auch ist ebendeshalb zwischen Dem, der 
tausend, und Dem, der hundert Tausend Thaler Renten 
hat, der Unterschied unendlich kleiner, als zwischen 
Ersterem und Dem, der nichts hat. Seinen höchsten 
Werth aber erlangt das angeborene Vermögen, wenn es 
Dem zugefallen ist, der mit geistigen ICräften höherer Art 
ausgestattet, Bestrebungen verfolgt, die sich mit dem Er- 
werbe nicht wohl vertragen: denn alsdann ist er vom 
Schicksal doppelt dotirt und kann jetzt seinem Genius 
leben: der Menschheit aber wird er seine Schuld dadurch 
hundertfach abtragen, daß er leistet was kein Anderer 
konnte und etwas hervorbringt, das ihrer Gesammtheit 
zu Gute kommt, wohl auch gar ihr zur Ehre gereicht. Ein 
Anderer nun wieder wird, in so bevorzugter Lage, sich 
durch philanthropische Bestrebungen um die Menschheit 
verdient machen. Wer hingegen nichts von dem Allen, 
auch nur einigermaaßen, oder versuchsweise, leistet, ja, 
nicht ein Mal, durch gründliche Erlernung irgend einer 
Wissenschaft, sich wenigstens die Möglichkeit eröffnet, 



5 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

dieselbe zu fördern, — ein Solcher ist, bei angeerbtem Ver- 
mögen, ein bloßer Tagedieb und verächtlich. Auch wird 
er nicht glücklich sein: denn die Exemtion von der Noth 
liefert ihn dem andern Pol des menschlichen Elends, der 
Langenweile, in die Hände, die ihn so martert, daß er 
viel glücklicher wäre, wenn die Noth ihm Beschäftigung 
gegeben hätte. Eben diese Langeweile aber wird ihn 
leicht zu Extravaganzen verleiten, welche ihn um jenen 
Vorzug bringen, dessen er nicht würdig war. Wirklich 
befinden Unzählige sich bloß deshalb in Mangel, weil, 
als sie Geld hatten, sie es ausgaben, um nur sich augen- 
blickliche Linderung der sie drückenden Langenweile zu 
verschaffen. 

Ganz anders nun aber verhält es sich, wenn der Zweck ist, 
es im Staatsdienste hoch zu bringen, wo demnach Gunst, 
Freunde, Verbindungen erworben werdenmüssen, um durch 
sie, von Stufe zu Stufe, Beförderung, vielleicht gar bis 
zu den höchsten Posten, zu erlangen: hier nämlich ist es 
im Grunde wohl besser, ohne alles Vermögen in die Welt 
gestoßen zu sein. Besonders wird es Dem, welcher nicht 
adelig, hingegen mit einigem Talent ausgestattet ist, zum 
wahren Vortheil und zur Empfehlung gereichen, wenn er 
ein ganz armer Teufel ist. Denn was Jeder, schon in der 
bloßen Unterhaltung, wieviel mehr im Dienste, am meisten 
sucht und liebt, ist die Inferiorität des Andern. Nun aber 
ist allein ein armer Teufel von seiner gänzlichen, tiefen, 
entschiedenen und allseitigen Inferiorität und seiner völli- 
gen Unbedeutsamkeit und Werthlosigkeit in dem Grade 
überzeugt und durchdrungen, wie es hier erfordert wird. 
Nur er demnach verbeugt sich oft und anhaltend genug, 
und nur seine Bücklinge erreichen volle 90°: nur er läßt 
Alles über sich ergehn und lächelt dazu; nur er erkennt 
die gänzliche Werthlosigkeit der Verdienste; nur er preist 
öffentlich, mit lauter Stimme, oder auch in großem Druck, 
die litterarischen Stümpereien der über ihn Gestellten, 
oder sonst Einflußreichen, als Meisterwerke; nur er ver- 
steht zu betteln: folglich kann nur er, bei Zeiten, also in 
der Jugend, sogar ein Epopte jener verborgenen Wahr- 
heit werden, die Goethe uns enthüllt hat in den Worten: 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 57 



"Über's Niederträchtige 
Niemand sich beklage: 
Denn es ist das Mächtige, 
Was man dir auch sage." 



W. Ö. Divan. 



Hingegen Der, welcher von Hause aus zu leben hat, wird 
sich meistens ungebärdig stellen: er ist gewohnt tete levde 
zu gehn, hat alle jene Künste nicht gelernt, trotzt dazu 
vielleicht noch auf etwanige Talente, deren Unzulänglich- 
keit vielmehr, dem mddiocre et rampant gegenüber, er 
begreifen sollte; er ist am Ende wohl gar im Stande, die 
Inferiorität der über ihn Gestellten zu merken; und wenn 
es nun vollends zu den Indignitäten kommt, da wird er 
statisch oder kopfscheu. Damit poussirt man sich nicht 
in der Welt: vielmehr kann es mit ihm zuletzt dahin kom- 
men, daß er mit dem frechen Voltaire sagt: nous n'avons 
que deux jours ä vivre: ce n'est pas la peine de les passer 
ä ramper sous des coquins m^prisables: — leider ist, bei- 
läufig gesagt, dieses coquin mdprisable ein Prädikat, zu 
dem es in der Welt verteufelt viele Subjekte giebt. — Man 
sieht also, daß das Juvenalische 

Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat 
Res angusta domi, 

mehr von der Laufbahn der Virtuositäten, als von der der 
Weltleute, gültig ist. — 

Zu Dem, was Einer hat, habe ich Frau und Kinder nicht 
gerechnet; da er von diesen vielmehr gehabt wird. Eher 
ließen sich Freunde dazu zählen: doch muß auch hier der 
Besitzende im gleichen Maaße der Besitz des Andern sein. 



KAPITEL IV. 
VON DEM, WAS EINER VORSTELLT. 

DIESES, also unser Dasein in der Meinung Anderer, 
wird, in Folge einer besondem Schwäche unsrer 
Natur, durchgängig viel zu hoch angeschlagen; obgleich 
schon die leichteste Besinnung lehren könnte, daß es, an 
sich selbst, für unser Glück, unwesentlich ist. Es ist dem- 
nach kaum erklärlich, wie sehr jeder Mensch sich inner- 



58 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

lieh freut, so oft er Zeichen der günstigen Meinung An- 
derer merkt und seiner Eitelkeit irgendwie geschmeichelt 
wird. So unausbleiblich wie die Katze spinnt, wenn man 
sie streichelt, malt süße Wonne sich auf das Gesicht des 
Menschen, den man lobt, und zwar in dem Felde seiner 
Prätension, sei das Lob auch handgreiflich lügenhaft. Oft 
trösten ihn, über reales Unglück, oder über die Kargheit, 
mit der für ihn die beiden, bis hieher abgehandelten 
Hauptquellen unsers Glückes fließen, die Zeichen des 
fremden Beifalls: und, umgekehrt, ist es zum Erstaunen, 
wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgend einem 
Sinne, Grad, oder Verhältniß, jede Geringschätzung, 
Zurücksetzung, Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft 
tief schmerzt. Sofern auf dieser Eigenschaft das Gefühl 
der Ehre beruht, mag sie für das Wohlverhalten Vieler, 
als Surrogat ihrer Moralität, von ersprießlichen Folgen 
sein; aber auf das eigene Glück des Menschen, zunächst 
auf die diesem so wesentliche Gemüthsruhe und Unab- 
hängigkeit, wirkt sie mehr störend und nachtheilig, als 
förderlich ein. Daher ist es, von unserm Gesichtspunkt 
aus, rathsam, ihr Schranken zu setzen und, mittelst ge- 
höriger Überlegung und richtiger Abschätzung des Werthes 
der Güter, jene große Empfindlichkeit gegen die fremde 
Meinung möglichst zu mäßigen, sowohl da, wo ihr ge- 
schmeichelt wird, als da, wo ihr wehe geschieht: denn 
Beides hängt am selben Faden. Außerdem bleibt man 
der Sklave fremder Meinung und fremden Bedünkens: 

Sic leve, sie parvum est, animum quod laudis avarum 
Subruit ac reficit. 

Demnach wird eine richtige Abschätzung des Werthes 
Dessen, was man in und für sich selbst ist, gegen Das, 
was man bloß in den Augen Anderer ist, zu unserm Glücke 
viel beitragen. Zum Ersteren gehört die ganze Ausfüllung 
der Zeit unsers eigenen Daseins, der innere Gehalt des- 
selben, mithin alle die Güter, welche unter den Titeln 
"was Einer ist" und '^was Einer hat" von uns in Betrach- 
tung genommen worden sind. Denn der Ort, in welchem 
alles Dieses seine Wirkungssphäre hat, ist das eigene Be- 
wußtsein. Hingegen ist der Ort Dessen, was wir für 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 59 

Andere sind, das fremde Bewußtsein: es ist die Vorstel- 
luns:, unter welcher wir darin erscheinen, nebst den Be- 
griffen, die auf diese angewandt werdenf). Dies nun ist 
etwas, das unmittelbar gar nicht für uns vorhanden ist, 
sondern bloß mittelbar, nämlich sofern das Betragen der 
Andern gegen uns dadurch bestimmt wird. Und auch 
Dieses selbst kommt eigentlich nur in Betracht, sofern 
es Einfluß hat auf irgend etwas, wodurch Das, was wir 
in und für uns selbst sind, modifizirt werden kann. Außer- 
dem ist ja was in einem fremden Bewußtsein vorgeht, als 
solches, für uns gleichgültig, und auch wir werden all- 
mälig gleichgültig dagegen werden, wenn wir von der 
Oberflächlichkeit und Futilität der Gedanken, von der 
Beschränktheit der Begriffe, von der Kleinlichkeit der 
Gesinnung, von der Verkehrtheit der Meinungen und von 
der Anzahl der Irrthümer in den allermeisten Köpfen eine 
hinlängliche Kenntniß erlangen, und dazu aus eigener Er- 
fahrung lernen, mit welcher Geringschätzung gelegentlich 
von Jedem geredet wird, sobald man ihn nicht zu fürchten 
hat, oder glaubt, es komme ihm nicht zu Ohren; insbe- 
sondere aber nachdem wir ein Mal angehört haben, wie 
vom größten Manne ein halbes Dutzend Schaafsköpfe mit 
Wegwerfung spricht. Wir werden dann einsehn, daß wer 
auf die Meinung der Menschen einen großen Werth legt 
ihnen zu viel Ehre erzeigt. 

Jedenfalls ist Der auf eine kümmerliche Ressource hinge- 
wiesen, der sein Glück nicht in den beiden, bereits abge- 
handelten Klassen von Gütern findet, sondern es in dieser 
dritten suchen muß, also nicht in Dem, was er wirklich, 
sondern in Dem, was er in der fremden Vorstellung ist. 
Denn überhaupt ist die Basis unsers Wesens und folglich 
auch unsers Glücks unsere animalische Natur. Daher ist, 
für unsere Wohlfahrt, Gesundheit das Wesentlichste, nächst 
dieser aber die Mittel zu unserer Erhaltung, also ein sorgen- 
freies Auskommen. Ehre, Glanz, Rang, Ruhm, so viel 

f) Die höchsten Stände, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und 
Prunk und Herrlichkeit und Repräsentation jeder Art können sa- 
gen: unser Glück liegt ganz außerhalb unserer Selbst: sein Ort 
sind die Köpfe Anderer. 



6o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Werth auch Mancher darauf legen mag, können mit jenen 
wesentlichen Gutem nicht kompetiren, noch sie ersetzen: 
vielmehr würden sie, erforderlichen Falles, unbedenkHch 
für jene hingegeben werden. Dieserwegen wird es zu 
unserm Glücke beitragen, wenn wir bei Zeiten die simple 
Einsicht erlangen, daß Jeder zunächst und wirklich in 
seiner eigenen Haut lebt, nicht aber in der Meinung An- 
derer, und daß demnach unser realer und persönlicher 
Zustand, wie er durch Gesundheit, Temperament, Fähig- 
keiten, Einkommen, Weib, Kind, Freunde, Wohnort u. s.w. 
bestimmt wird, für unser Glück hundert Mal wichtiger ist, 
als was es Andern beliebt aus uns zu machen. Der ent- 
gegengesetzte Wahn macht unglücklich. Wird mit Emphase 
ausgerufen ''über's Leben geht noch die Ehre", so besagt 
dies eigentlich: ''Dasein und Wohlsein sind nichts; son- 
dern was die Andern von uns denken, das ist die Sache." 
Allenfalls kann der Ausspruch als eine Hyperbel gelten, 
der die prosaische Wahrheit zum Grunde liegt, daß zu 
unserm Fortkommen und Bestehn unter Menschen die 
Ehre, d. h. die Meinung derselben von uns, oft unum- 
gänglich nöthig ist; worauf ich weiterhin zurückkommen 
werde. Wenn man hingegen sieht, wie fast Alles, wonach 
Menschen, ihr Leben lang, mit rastloser Anstrengung und 
unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten, unermüdlich 
streben, zum letzten Zwecke hat, sich dadurch in der 
Meinung Anderer zu erhöhen, indem nämlich nicht nur 
Ämter, Titel und Orden, sondern auch Reichthum, und 
selbst Wissenschaft"}*) und Kunst, im Grunde und haupt- 
sächlich deshalb angestrebt werden, und der größere Re- 
spekt Änderer das letzte Ziel ist, darauf man hinarbeitet; 
so beweist Dies leider nur die Größe der menschlichen 
Thorheit. Viel zu viel Werth auf die Meinung Anderer 
zu legen ist ein allgemein herrschender Irrwahn: mag er 
nun in unserer Natur selbst wurzeln, oder in Folge der 
Gesellschaft und Civilisation entstanden sein; jedenfalls 
übt er auf unser gesammtes Thun und Lassen einen ganz 
übermäßigen und unserm Glücke feindlichen Einfluß aus, 
den wir verfolgen können, von da an, wo er sich in 
•f) Scire tuum nihil est, nisi te scire hoc sciat alter. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 6i 

der ängstlichen und sklavischen Rücksicht auf das qu'en 
dira-t-on zeigt, bis dahin, wo er den Dolch des Virgi- 
nius in das Herz seiner Tochter stößt, oder den Menschen 
verleitet, für den Nachruhm, Ruhe, Reichthum und Ge- 
sundheit, ja, das Leben zu opfern. Dieser Wahn bietet 
allerdings Dem, der die Menschen zu beherrschen, oder 
sonst zu lenken hat, eine bequeme Handhabe dar; wes- 
halb in jeder Art von Menschendressirungskunst die Wei- 
sung, das Ehrgefühl rege zu erhalten und zu schärfen, eine 
Hauptstelle einnimmt: aber in Hinsicht auf das eigene 
Glück des Menschen, welches hier unsere Absicht ist, 
verhält die Sache sich ganz anders, und ist vielmehr da- 
von abzumahnen, daß man nicht zu viel Werth auf die 
Meinung Anderer lege. Wenn es, wie die tägliche Er- 
fahrung lehrt, dennoch geschieht, wenn die meisten Men- 
schen gerade auf die Meinung Anderer von ihnen den 
höchsten Werth legen und es ihnen darum mehr zu thun 
ist, als um Das, was, weil es in ihrem eigenen Bewußtsein 
vorgeht, unmittelbar für sie vorhanden ist; wenn demnach, 
mittelst Umkehrung der natürlichen Ordnung, ihnen Jenes 
der reale, Dieses der bloß ideale Theil ihres Daseins zu 
sein scheint, wenn sie also das Abgeleitete und Sekundäre 
zur Hauptsache machen und ihnen mehr das Bild ihres 
Wesens im Kopfe Anderer, als dieses Wesen selbst am 
Herzen liegt; so ist diese unmittelbare Werthschätzung 
Dessen, was für uns unmittelbar gar nicht vorhanden ist, 
diejenige Thorheit, welche man Eitelkeit^ vanitas, genannt 
hat, um dadurch das Leere und Gehaltlose dieses Stre- 
bens zu bezeichnen. Auch ist aus dem Obigen leicht ein- 
zusehn, daß sie zum Vergessen des Zwecks über die Mittel 
gehört, so gut wie der Geiz. 

In der That überschreitet der Werth, den wir auf die Mei- 
nung Anderer legen, und unsere beständige Sorge in 
Betreff derselben, in der Regel, fast jede vernünftige Be- 
zweckung, so daß sie als eine Art allgemein verbreiteter, 
oder vielmehr angeborener Manie angesehn werden kann. 
Bei Allem, was wir thun und lassen, wird, fast vor allem 
Andern, die fremde Meinung berücksichtigt, und aus der 
Sorge um sie werden wir, bei genauer Untersuchung, fast 



62 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

die Hälfte aller Bekümmernisse und Ängste, die wir je- 
mals empfunden haben, hervorgegangen sehn. Denn sie 
liegt allem unserm, so oft gekränkten, weil so krankhaft 
empfindlichen, Selbstgefühl, allen unsern Eitelkeiten und 
Prätensionen, wie auch unserm Prunken und Großthun, 
zum Grunde. Ohne diese Sorge und Sucht würde der 
Luxus kaum ^^^ dessen sein, was er ist. Aller und jeder 
Stolz, point d'honneur und puntiglio, so verschiedener 
Gattung und Sphäre er auch sein kann, beruht auf ihr, — 
und welche Opfer heischt sie da nicht oft! Sie zeigt sich 
schon im Kinde, sodann in jedem Lebensalter, jedoch 
am Stärkesten im späten; weil dann, beim Versiegen der 
Fähigkeit zu sinnlichen Genüssen, Eitelkeit und Hoch- 
muth nur noch mit dem Geize die Herrschaft zu theilen 
haben. Am deutlichsten läßt sie sich an den Franzosen 
beobachten, als bei welchen sie ganz endemisch ist und 
sich oft in der abgeschmacktesten Ehrsucht, lächerlichsten 
National-Eitelkeit und unverschämtesten Prahlerei Luft 
macht; wodurch dann ihr Streben sich selbst vereitelt, 
indem es sie zum Spotte der andern Nationen gemacht 
hat und die grande nation ein Neckname geworden ist. 
Um nun aber die in Rede stehende Verkehrtheit der über- 
schwänglichen Sorge um die Meinung Anderer noch spe- 
ciell zu erläutern, mag hier ein, durch den LichtefFekt des 
Zusammentreffens der Umstände mit dem angemessenen 
Charakter, in seltenem Grade begünstigtes, recht super- 
latives Beispiel jener in der Menschennatur wurzelnden 
Thorheit Platz finden, da an demselben die Stärke dieser 
höchst wunderlichen Triebfeder sich ganz ermessen läßt. 
Es ist folgende, den Times vom 31. März 1846 entnom- 
mene Stelle aus dem ausführlichen Bericht von der so- 
eben vollzogenen Hinrichtung des Thomas Wzx, eines 
Handwerksgesellen, der aus Rache seinen Meister er- 
mordet hatte: ''An dem zur Hinrichtung festgesetzten 
Morgen fand sich der hochwürdige Gefängnißkaplan zeitig 
bei ihm ein. Allein IVix, obwohl sich ruhig betragend, 
zeigte keinen Antheil an seinen Ermahnungen: vielmehr 
war das Einzige, was ihm am Herzen lag, daß es ihm ge- 
lingen möchte, vor den Zuschauem seines schmachvollen 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 63 

Endes, sich mit recht großer Bravour zu benehmen. 

— Dies ist ihm denn auch gelungen. Auf dem Hofraum, 
den er zu dem, hart am Gefängniß errichteten Galgen- 
schaffot zu durchschreiten hatte, sagte er: , Wohlan denn, 
wie Doktor Dodd gesagt hat, bald werde ich das große 
Geheinmiß wissen!' Er ging, obwohl mit gebundenen 
Armen, die Leiter zum Schaffot ohne die geringste Bei- 
hülfe hinauf: daselbst angelangt machte er gegen die Zu- 
schauer, rechts und links, Verbeugungen, welche denn auch 
mit dem donnernden Beifallsruf der versammelten Menge 
beantwortet und belohnt wurden, u. s. w." — Dies ist ein 
Prachtexemplar der Ehrsucht, den Tod, in schrecklichster 
Gestalt, nebst der Ewigkeit dahinter, vor Augen, keine 
andere Sorge zu haben, als die um den Eindruck auf den 
zusammengelaufenen Haufen der Gafifer und die Meinung, 
welche man in deren Köpfen zurücklassen wird! — Und 
doch war eben so der im selben Jahr in Frankreich, wegen 
versuchten Königsmordes, hingerichtete Zecomte, bei 
seinem Proceß, hauptsächlich darüber verdrießlich, daß 
er nicht in anständiger Kleidung vor der Pairskammer 
erscheinen konnte, und selbst bei seiner Hinrichtung war 
es ihm ein Hauptverdruß, daß man ihm nicht erlaubt 
hatte, sich vorher zu rasiren. Daß es auch ehemals nicht 
anders gewesen, ersehen wir aus Dem, was Mateo Aleman, 
in der, seinem berühmten Romane, Guzman de Alfarache, 
vorgesetzten Einleitung (declaracion) anführt, daß nämlich 
viele bethörte Verbrecher die letzten Stunden, welche sie 
ausschließlich ihrem Seelenheile widmen sollten, diesem 
entziehn, um eine kleine Predigt, die sie auf der Galgen- 
leiter halten wollen, auszuarbeiten und zu memoriren. — 
An solchen Zügen jedoch können wir selbst uns spiegeln: 
denn kolossale Fälle geben überall die deutlichste Erläu- 
terung. Unser Aller Sorgen, Kümmern, Wmrmen, Ärgern, 
iVngstigen, Anstrengen u. s. w. betrifft, in vielleicht den 
meisten Fällen, eigentlich die fremde Meinung und ist 
eben so absurd, wie das jener armen Sünder. Nicht 
weniger entspringt unser Neid und Haß größtentheils aus 
besagter Wurzel. 
Offenbar nun könnte zu unserm Glücke, als welches aller- 



64 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

größtentheils auf Gemüthsruhe und Zufriedenheit beruht, 
kaum irgend etwas so viel beitragen, als die Einschränkung 
und Herabstimmung dieser Triebfeder auf ihr vernünftig 
zu rechtfertigendes Maaß, welches vielleicht ^^^ des gegen- 
wärtigen sein wird, also das Herausziehn dieses immer- 
fort peinigenden Stachels aus unserm Fleisch. Dies ist 
jedoch sehr schwer: denn wir haben es piit einer natür- 
lichen und angeborenen Verkehrtheit zu thun. Etiam sa- 
pientibus cupido gloriae novissima exuitur sagt Tacitus 
(bist. IV, 6). Um jene allgemeine Thorheit los zu werden, 
wäre das alleinige Mittel, sie deutlich als eine solche zu 
erkennen und zu diesem Zwecke sich klar zu machen, wie 
ganz falsch, verkehrt, irrig und absurd die meisten Mei- 
nungen in den Köpfen der Menschen zu sein pflegen, 
daher sie, an sich selbst, keiner Beachtung werth sind; 
sodann, wie wenig realen Einfluß auf uns die Meinung 
Anderer, in den meisten Dingen und Fällen, haben kann; 
ferner, wie ungünstig überhaupt sie meistentheils ist, so 
daß fast Jeder sich krank ärgern würde, wenn er vernähme, 
was Alles von ihm gesagt und in welchem Tone von ihm 
geredet wird; endlich, daß sogar die Ehre selbst doch 
eigentlich nur von mittelbarem und nicht von unmittel- 
barem Werthe ist u. dgl. m. Wenn eine solche Bekehrung 
von der allgemeinen Thorheit uns gelänge; so würde die 
Folge ein unglaublich großer Zuwachs an Gemüthsruhe und 
Heiterkeit und ebenfalls ein festeres und sichereres Auf- 
treten, ein durchweg unbefangeneres und natürlicheres 
Betragen sein. Der so überaus wohlthätige Einfluß, den 
eine zurückgezogene Lebensweise auf unsere Gemüths- 
ruhe hat, beruht größtentheils darauf, daß eine solche uns 
dem fortwährenden Leben vor den Augen Anderer, folg- 
lich der steten Berücksichtigung ihrer etwanigen Meinung 
entzieht und dadurch uns uns selber zurückgiebt. Im- 
gleichen würden wir sehr vielem realen Unglück entgehn, 
in welches nur jenes rein ideale Streben, richtiger jene 
heillose Thorheit, uns zieht, würden auch viel mehr Sorg- 
falt für solide Güter übrig behalten und dann auch diese 
ungestörter genießen. Aber, wie gesagt •/^clXb'kol la xaXa. 
Die hier geschilderte Thorheit unsrer Natur tjeibt haupt- 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 65 

sächlich drei Sprößlinge: Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. 
Zwischen diesen zwei letzteren beruht der Unterschied 
darauf, daß der Stolz die bereits feststehende Überzeugung 
vom eigenen überwiegenden Werthe, in irgend einer Hin- 
sicht, ist; Eitelkeit hingegen der Wunsch, in Andern eine 
solche Überzeugung zu erwecken, meistens begleitet von 
der stillen Hoffnung, sie, in Folge davon, auch selbst zu 
der seinigen machen zu können. Demnach ist Stolz 
die von innen ausgehende, folglich direkte Hochschätzung 
seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben, solche von 
außen her, also indirekt zu erlangen. Dem entsprechend 
macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam. Aber 
der Eitele sollte wissen, daß die hohe Meinung Anderer, 
nach der er trachtet, sehr viel leichter und sicherer durch 
anhaltendes Schweigen zu erlangen ist, als durch Spre- 
chen, auch wenn Einer die schönsten Dinge zu sagen 
hätte. — Stolz ist nicht wer will, sondern höchstens kann 
wer will Stolz affektiren, wird aber aus dieser, wie aus 
jeder angenommenen Rolle bald herausfallen. Denn nur 
die feste, innere, unerschütterliche Überzeugung von über- 
wiegenden Vorzügen und besonderm Werthe macht wirk- 
lich stolz. Diese Überzeugung mag nun irrig sein, oder 
auch auf bloß äußerlichen und konventionellen Vorzügen 
beruhen, — das schadet dem Stolze nicht, wenn sie nur 
wirklich und ernstlich vorhanden ist. Weil also der Stolz 
seine Wurzel in der Überzeugung hat, steht er, wie alle 
Erkenntniß, nicht in unsrer^/Z/^Ä^r. Sein schlimmster Feind, 
ich meine sein größtes Hinderniß, ist die Eitelkeit, als wel- 
che um den Beifall Anderer buhlt, um die eigene hohe Mei- 
nung von sich erst darauf zu gründen, in welcher bereits 
ganz fest zu sein die Voraussetzung des Stolzes ist. 
So sehr nun auch durchgängig der Stolz getadelt und ver- 
schrien wird; so vermuthe ich doch, daß dies hauptsäch- 
lich von Solchen ausgegangen ist, die nichts haben, dar- 
auf sie stolz sein könnten. Der Unverschämtheit und 
Dummdreistigkeit der meisten Menschen gegenüber, thut 
Jeder, der irgend welche Vorzüge hat, ganz wohl, sie selbst 
im Auge zu behalten, um nicht sie gänzlich in Vergessen- 
heit gerathen zu lassen: denn wer, solche gutmüthig ig- 



66 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

norirend, mit Jenen sich gerirt, als wäre er ganz ihres 
Gleichen, den werden sie treuherzig sofort dafür halten. 
Am meisten aber möchte ich solches Denen anempfehlen, 
deren Vorzüge von der höchsten Art, d. h. reale, und also 
rein persönliche sind, da diese nicht, wie Orden und Titel, 
jeden Augenblick durch sinnliche Einwirkung in Erinne- 
rung gebracht werden: denn sonst werden sie oft genug 
das sus Minervam exemplificirt sehn. "Scherze mit dem 
Sklaven; bald wird er dir den Hintern zeigen" — ist ein 
vortreffliches Arabisches Sprichwort, und das Horazische 
sume superbiam, quaesitam meritis ist nicht zu verwerfen. 
Wohl aber ist die Tugend der Bescheidenheit eine er- 
kleckliche Erfindung für die Lumpe; da ihr gemäß Je- 
der von sich zu reden hat, als wäre auch er ein solcher, 
welches herrlich nivellirt, indem es dann so herauskommt, 
als gäbe es überhaupt nichts als Lumpe. 
Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der National- 
stolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel 
an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, 
indem er sonst nicht zu Dem greifen würde, was er mit 
so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende persönliche 
Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen 
Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten 
erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in 
der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das 
letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz 
zu sein: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich be- 
reit, alle Fehler undThorheiten, die ihr eigen sind, 7:u$ xai 
Xa$ zu vertheidigen. Daher wird man z. B. unter fünfzig 
Engländern kaum mehr als Einen finden, welcher mitein- 
stimmt, wenn man von der stupiden und degradirenden 
Bigotterie seiner Nation mit gebührender Verachtung 
spricht: der Eine aber pflegt ein Mann von Kopf zu sein. 
— Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und legen 
hiedurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlich- 
keit ab; vom Gegentheil aber Die unter ihnen, welche einen 
solchen vorgeben und lächerlicher Weise affektiren; wie 
Dies zumeist die "deutschen Brüder" und Demokraten 
thun, die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 67 

Es heißt zwar, die Deutschen hätten das Pulver er- 
funden: ich kann jedoch dieser Meinung nicht beitreten. 
Und Lichtenberg fragt: "warum giebt sich nicht leicht je- 
mand, der es nicht ist, für einen Deutschen aus, sondern 
gemeiniglich, wenn er sich für etwas ausgeben will, für 
einen Franzosen oder Engländer?" Übrigens überwiegt 
die Individualität bei Weitem die Nationalität, und in 
einem gegebenen Menschen verdient jene tausend Mal 
mehr Berücksichtigung, als diese. Dem Nationalcharakter 
wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicher- 
weise nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die 
menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtig- 
keit in jedem Lande in einer andern Form und diese 
nennt man den Nationalcharakter. Von einem derselben 
degoutirt loben wir den andern, bis es uns mit ihm eben 
so ergangen ist. — ^Jede Nation spottet über die andere, und 
alle haben Recht. — 

Der Gegenstand dieses Kapitels, also was wir in der Welt 
vorstellen^ d. h. in den Augen Anderer sind, läßt sich nun, 
wie schon oben bemerkt, eintheilen in Ehre^ Rang und 
Ruhm. 

Der Rang, so wichtig er in den Augen des großen Haufens 
und der Philister, und so groß sein Nutzen im Getriebe 
der Staatsmaschine sein mag, läßt sich, für unsem Zweck, 
mit wenigen Worten abfertigen. Es ist ein konventionel- 
ler, d. h. eigentlich ein simulirter Werth: seine Wirkung 
ist eine simulirte Hochachtung, und das Ganze eine Ko- 
mödie für den großen Haufen. — Orden sind Wechselbriefe, 
gezogen auf die öffentliche Meinung: ihr Werth beruht auf 
dem Kredit des Ausstellers. Inzwischen sind sie, auch 
ganz abgesehn von dem vielen Gelde, welches sie, als 
Substitut pekuniärer Belohnungen, dem Staat ersparen, 
eine ganz zweckmäßige Einrichtung; vorausgesetzt, daß 
ihre Vertheilung mit Einsicht und Gerechtigkeit geschehe. 
Der große Haufe nämlich hat Augen und Ohren, aber nicht 
viel mehr, zumal blutwenig Urtheilskraft und selbst wenig 
Gedächtniß. Manche Verdienste liegen ganz außerhalb der 
Sphäre seines Verständnisses, andere versteht und bejubelt 
er, bei ihrem Eintritt, hat sie aber nachher bald vergessen. 



6S APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Da finde ich es ganz passend, durch Kreuz oder Stern, 
der Menge jederzeit und überall zuzurufen: "der Mann ist 
nicht eures Gleichen: er hat Verdienste!" Durch unge- 
rechte, oderurtheilslose, oder übermäßige Vertheilung ver- 
lieren aber die Orden diesen Werth; daher ein Fürst mit 
ihrer Ertheilung so vorsichtig sein sollte, wie ein Kauf- 
mann mit dem Unterschreiben der Wechsel. Die Inschrift 
pour le mdrite auf einem Kreuze ist ein Pleonasmus: jeder 
Orden sollte pour le mdrite sein, — ga va sans dire. — 
Viel schwerer und weitläufiger, als die des Ranges, ist die 
Erörterung der jEAre. Zuvörderst hätten wir sie zu de- 
finiren. Wenn ich nun in dieser Absicht etwan sagte: die 
Ehre ist das äußere Gewissen, und das Gewissen die innere 
Ehre; — so könnte Dies vielleicht Manchem gefallen; würde 
jedoch mehr eine glänzende, als eine deutliche und gründ- 
liche Erklärung sein. Daher sage ich: die Ehre ist, objektiv, 
die Meinung Anderer von unserm Werth, und subjektiv, 
unsere Furcht vor dieser Meinung. In letzterer Eigen- 
schaft hat sie oft eine sehr heilsame, wenn auch keines- 
wegs rein moralische Wirkung, — im Mann von Ehre. 
Die Wurzel und der Ursprung des jedem, nicht ganz ver- 
dorbenen Menschen einwohnenden Gefühls für Ehre und 
Schande, wie auch des hohen Werthes, welcher ersterer 
zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der Mensch für sich 
allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: 
nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag 
er viel. Dieses Verhältnisses wird er inne, sobald sein 
Bewußtsein sich irgend zu entwickeln anfängt, und alsbald 
entsteht in ihm das Bestreben, für ein taugliches Mitglied 
der menschlichen Gesellschaft zu gelten, also für eines, 
das fähig ist, pro parte virili mitzuwirken, und dadurch 
berechtigt, der Vortheile der menschlichen Gemeinschaft 
theilhaft zu werden. Ein solches nun ist er dadurch, daß 
er, erstlich. Das leistet, was man von Jedem überall, und 
sodann Das, was man von ihm in der besondem Stelle, 
die er eingenommen hat, fordert und erwartet. Eben so 
bald aber erkennt er, daß es hiebei nicht darauf ankommt, 
daß er es in seiner eigenen, sondern daß er es in der 
Meinung der Anderen sei. Hieraus entspringt demnach 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 69 

sein eifriges Streben nach der günstigen Meinung Anderer 
und der hohe Werth, den er auf diese legt: Beides zeigt sich 
mit der Ursprünglichkeit eines angeborenen Gefühls, wel- 
ches man Ehrgefühl und, nach Umständen, Gefühl der 
Schaam(verecundia) nennt. Dieses ist es, was seine Wangen 
röthet, sobald er glaubt, plötzlich in der Meinung Anderer 
verlieren zu müssen, selbst wo er sich unschuldig weiß; 
sogar da, wo der sich aufdeckende Mangel eine nur rela- 
tive, nämlich willkürlich übernommene Verpflichtung be- 
trifft: und andrerseits stärkt nichts seinen Lebensmuth 
mehr, als die erlangte, oder erneuerte Gewißheit von der 
günstigen Meinung Anderer; weil sie ihm den Schutz und 
die Hülfe der vereinten Kräfte Aller verspricht, welche eine 
unendlich größere Wehrmauer gegen die Übel des Lebens 
sind, als seine eigenen. 

Aus den verschiedenen Beziehungen, in denen der Mensch 
zu Andern stehn kann und in Hinsicht auf welche sie Zu- 
trauen zu ihm, also eine gewisse gute Meinung von ihm, 
zu hegen haben, entstehn mehrere Arten der Ehre. Diese 
Beziehungen sind hauptsächlich das Mein und Dein, so- 
dann die Leistungen der Anheischigen, endlich das Sexual- 
verhältniß: ihnen entsprechen die bürgerliche Ehre, die 
Amtsehre und die Sexualehre, jede von welchen noch 
wieder Unterarten hat. 

Die weiteste Sphäre hat die bürgerliche Ehre: sie besteht 
in der Voraussetzung, daß wir die Rechte eines Jeden 
unbedingt achten und daher uns nie ungerechter, 
oder gesetzlich unerlaubter Mittel zu unserm Vortheile 
bedienen werden. Sie ist die Bedingung zur Theilnahme 
an allem friedlichen Verkehr. Sie geht verloren durch 
eine einzige offenbar und stark dawider laufende Handlung, 
folglich auch durch jede Kriminalstrafe; wiewohl nur unter 
Voraussetzung der Gerechtigkeit derselben. Immer aber 
beruht die Ehre, in ihrem letzten Grunde, auf der Über- 
zeugung von der UnveränderHchkeit des moralischen Cha- 
rakters, vermöge welcher eine einzige schlechte Handlung 
die gleiche moralische Beschaffenheit aller folgenden, 
sobald ähnliche Umstände eintreten werden, verbürgt: 
dies bezeugt auch der Englische Ausdruck character für 



70 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Ruf, Reputation, Ehre. Deshalb eben ist die verlorene 
Ehre nicht wiederherzustellen; es sei denn, daß der Verlust 
auf Täuschung, wie Verläumdung, oder falschem Schein, 
beruht hätte. Demgemäß giebt es Gesetze gegen Ver- 
läumdung, Pasquille, auch Injurien: denn die Injurie, das 
bloße Schimpfen, ist eine summarische Verläumdung, 
ohne Angabe der Gründe: dies ließe sich Griechisch gut 
ausdrücken: sou yj Xoioopta Siaßo^Tj ouvtojxo;, — welches 
jedoch nirgends vorkommt. Freilich legt Der, welcher 
schimpft, dadurch an den Tag, daß er nichts Wirkliches 
und Wahres gegen den Andern vorzubringen hat; da er 
sonst Dieses als die Prämissen geben und die Konklusion 
getrost den Hörern überlassen würde; statt dessen er die 
Konklusion giebt und die Prämissen schuldig bleibt: allein 
er verläßt sich auf die Präsumtion, daß Dies nur beliebter 
Kürze halber geschehe. — Die bürgerliche Ehre hat zwar 
ihren Namen vom Bürgerstande; allein ihre Geltung er- 
streckt sich über alle Stände, ohne Unterschied, sogar die 
allerhöchsten nicht ausgenommen: kein Mensch kann ihrer 
entrathen und ist es mit ihr eine gar ernsthafte Sache, 
die Jeder sich hüten soll leicht zu nehmen. Wer Treu 
und Glauben bricht hat Treu und Glauben verloren, auf 
immer, was er auch thun und wer er auch sein mag: die 
bittem Früchte, welche dieser Verlust mit sich bringt, 
werden nicht ausbleiben. 

Die Ehre hat, in gewissem Sinne, einen negativen Cha- 
rakter, nämlich im Gegensatz des Ruhmes^ der ^mtn posi- 
tiven Charakter hat. Denn die Ehre ist nicht die Meinung 
von besondem, diesem Subjekt allein zukommenden Eigen- 
schaften, sondern nur von den, der Regel nach, voraus- 
zusetzenden, als welche auch ihm nicht abgehn sollen. 
Sie besagt daher nur, daß dies Subjekt keine Ausnahme 
mache; während der Ruhm besagt, daß es eine mache. 
Ruhm muß daher erst erworben werden: die Ehre hin- 
gegen braucht bloß nicht verloren zu gehn. Dem ent- 
sprechend ist Ermangelung des Ruhmes Obskurität, ein 
Negatives; Ermangelung der Ehre ist Schande, ein Posi- 
tives. — Diese Negativität darf aber nicht mit Passivität 
verwechselt werden: vielmehr hat die Ehre einen ganz 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 71 

aktiven Charakter. Sie geht nämlich allein von dem 
Ä^/^yV/^/ derselben aus, beruht auf j^^^^wThun und Lassen, 
nicht aber auf Dem, was Andere thun und was ihm wider- 
fährt: sie ist also tcdv scp' yj{xiv. Dies ist, wie wir bald sehn 
werden, ein Unterscheidungsmerkmal der wahren Ehre 
von der ritterlichen, oder Afterehre. Bloß durch Ver- 
läumdung ist ein Angriff von außen auf die Ehre möglich: 
das einzige Gegenmittel ist Widerlegung derselben, mit 
ihr angemessener Öffenthchkeit und Entlarvung des Ver- 
läumders. 

Die Achtung vor dem Alter scheint darauf zu beruhen, 
daß die Ehre junger Leute zwar als Voraussetzung an- 
genommen, aber noch nicht erprobt ist, daher eigentlich 
auf Kredit besteht. Bei den Älteren aber hat es sich im 
Laufe des Lebens ausweisen müssen, ob sie, durch ihren 
Wandel, ihre Ehre behaupten konnten. Denn weder die 
Jahre an sich, als welche auch Thiere, und einige in viel 
höherer Zahl, erreichen, noch auch die Erfahrung, als 
bloße, nähere Kenntniß vom Laufe der Welt, sind hin- 
reichender Grund für die Achtung der Jüngeren gegen die 
Älteren, welche doch überall gefordert wird: die bloße 
Schwäche des höheren Alters würde mehr auf Schonung, als 
auf Achtung Anspruch geben. Merkwürdig aber ist es, daß 
dem Menschen ein gewisser Respekt vor weißen Haaren 
angeboren und daher wirklich instinktiv ist. Runzeln, ein 
ungleich sichereres Kennzeichen des Alters, erregen diesen 
Respekt keineswegs: nie wird von ehrwürdigen Runzeln, 
aber stets vom ehrwürdigen weißen Haare geredet. 
Der Werth der Ehre ist nur ein mittelbarer. Denn, wie 
bereits am Eingang dieses Kapitels auseinandergesetzt 
ist, die Meinung Anderer von uns kann nur insofern Werth 
für uns haben, als sie ihr Handeln gegen uns bestimmt, 
oder gelegentlich bestimmen kann. Dies ist jedoch der 
Fall, so lange wir mit oder unter Menschen leben. Denn, 
da wir, im civilisirten Zustande, Sicherheit und Besitz 
nur der Gesellschaft verdanken, auch der Anderen, bei 
allen Unternehmungen, bedürfen und sie Zutrauen zu uns 
haben müssen, um sich mit uns einzulassen; so ist ihre 
Meinung von uns von hohem, wiewohl immer nur mittel- 



7 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

barem Werthe für uns: einen unmittelbaren kann ich ihr 
nicht zuerkennen. In Übereinstimmung hiemit sagt auch 
Cicero-, de bona autem fama Chrysippus quidem et Diogenes, 
detracta utilitate, ne digitum quidem, ejus causa, porri- 
gendum esse dicebant. Quibus ego vehementer assentior. 
(fin. in, 17.) Imgleichen giebt eine weitläufuge Aus- 
einandersetzung dieser Wahrheit Helvetius^ in seinem 
Meisterwerke, de Tesprit (Disc. III, eh. 13), deren Resul- 
tat ist: nous n'aimons pas l'estime pour l'estime, mais 
uniquement pour les avantages qu'elle procure. Da nun 
das Mittel nicht mehr werth sein kann, als der Zweck; so 
ist der Paradespruch ''die Ehre geht über das Leben", 
wie gesagt, eine Hyperbel. 

Soviel von der bürgerlichen Ehre. Die Amtsehre ist die 
allgemeine Meinung Anderer, daß ein Mann, der ein Amt 
versieht, alle dazu erforderlichen Eigenschaften wirklich 
habe und auch in allen Fällen seine amtliche Obliegen- 
heiten pünktlich erfülle. Je wichtiger und größer der 
Wirkungskreis eines Mannes im Staate ist, also je höher 
und einflußreicher der Posten, auf dem er steht, desto 
größer muß die Meinung von den intellektuellen Fähig- 
keiten und moralischen Eigenschaften sein, die ihn dazu 
tauglich machen: mithin hat er einen um so hohem Grad 
von Ehre, deren Ausdruck seine Titel, Orden u. s. w. sind, 
wie auch das sich unterordnende Betragen Anderer gegen 
ihn. Nach dem selben Maaßstabe bestimmt nun durch- 
gängig der Stand den besondem Grad der Ehre, wiewohl 
dieser modificirt wird durch die Fähigkeit der Menge über 
die Wichtigkeit des Standes zu urtheilen. Immer aber 
erkennt man Dem, der besondere Obliegenheiten hat und 
erfüllt, mehr Ehre zu, alä dem gemeinen Bürger, dessen 
Ehre hauptsächlich auf negativen Eigenschaften beruht. 
Die Amtsehre erfordert ferner, daß wer ein Amt versieht, 
das Amt selbst, seiner Kollegen und Nachfolger wegen, 
im Respekt erhalte, eben durch jene pünktliche Erfüllung 
seiner Pflichten und auch dadurch, daß er Angriflfe auf das 
Amt selbst und auf sich, soferne er es versieht, d. h. Äu- 
ßerimgen, daß er das Amt nicht pünktlich versehe, oder 
daß das Amt selbst nicht zum allgemeinen Besten gereiche, 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 73 

nicht ungeahndet lasse, sondern durch die gesetzliche 
Strafe beweise, daß jene Angriffe ungerecht waren. 
Unterordnungen der Amtsehre sind die des Staatsdieners, 
des Arztes, des Advokaten, jedes öffentlichen Lehrers, ja 
jedes Graduirten, kurz eines Jeden, der durch öffentliche 
Erklärung für eine gewisse Leistung geistiger Art qualifi- 
cirt erklärt worden ist und sich eben deshalb selbst dazu 
anheischig gemacht hat; also mit einem Wort die Ehre 
aller öffentlich Anheischigen als solcher. Daher gehört 
auch hieher die wahre Soldatenehre: sie besteht darin, daß 
wer sich zur Vertheidigung des gemeinsamen Vaterlandes 
anheischig gemacht hat, die dazu nöthigen Eigenschaften, 
also vor Allem Muth, Tapferkeit und Kraft wirklich be- 
sitze und ernstlich bereit sei, sein Vaterland bis in den 
Tod zu vertheidigen und überhaupt die Fahne, zu der er 
einmal geschworen, um nichts auf der Welt zu verlassen. 
— Ich habe hier die Amtsehre in einem weitern Sinne ge- 
nommen, als gewöhnlich, wo sie den dem Amt selbst ge- 
bührenden Respekt der Bürger bedeutet. 
Die Sexualehre scheint mir einer näheren Betrachtung und 
Zurückführung ihrer Grundsätze auf die Wurzel derselben 
zu bedürfen, welche zugleich bestätigen wird, daß alle Ehre 
zuletzt auf Nützlichkeitsrücksichten beruht. Die Sexual- 
ehre zerfällt, ihrer Natur nach, in Weiber- und Männer- 
Ehre, und ist von beiden Seiten ein wohlverstandener 
esprit de corps. Die erstere ist bei Weitem die wich- 
tigste von beiden: weil im weiblichen Leben das Sexual- 
verhältniß die Hauptsache ist. — Die weibliche Ehre also 
ist die allgemeine Meinung von einem Mädchen, daß sie 
sich gar keinem Manne, und von einer Frau, daß sie sich 
nur dem ihr angetrauten hingegeben habe. Die Wichtig- 
keit dieser Meinung beruht auf Folgendem. Das weib- 
liche Geschlecht verlangt und erwartet vom männlichen 
Alles, nämlich Alles, was es wünscht und braucht: das 
männliche verlangt vom weiblichen zunächst und un- 
mittelbar nur Eines. Daher mußte die Einrichtung ge- 
troffen werden, daß das männliche Geschlecht vom weib- 
lichen jenes Eine nur erlangen kann gegen Übernahme 
der Sorge für Alles und zudem für die aus der Verbindung 



74 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

entspringenden Kinder: auf dieser Einrichtung beruht die 
Wohlfahrt des ganzen weiblichen Geschlechts. Um sie 
durchzusetzen, muß nothwendig das weibliche Geschlecht 
zusammenhalten und esprit de corps beweisen. Dann 
aber steht es als ein Ganzes und in geschlossener Reihe 
dem gesammten männlichen Geschlechte, welches durch 
das Übergewicht seiner Körper- und Geisteskräfte von 
Natur im Besitz aller irdischen Güter ist, als dem gemein- 
schaftlichen Feinde gegenüber, der besiegt und erobert 
werden muß, um, mittelst seines Besitzes, in den Besitz 
der irdischen Güter zu gelangen. Zu diesem Ende nun 
ist die Ehrenmaxime des ganzen weiblichen Geschlechts, 
daß dem männlichen jeder uneheliche Beischlaf durchaus 
versagt bleibe; damit jeder Einzelne zur Ehe, als welche 
eine Art von Kapitulation ist, gezwungen und dadurch 
das ganze weibliche Geschlecht versorgt werde. Dieser 
Zweck kann aber nur vermittelst strenger Beobachtung 
der obigen Maxime vollkommen erreicht werden: daher 
wacht das ganze weibliche Geschlecht, mit wahrem esprit 
de corps, über die Aufrechthaltung derselben unter allen 
seinen Mitgliedern. Demgemäß wird jedes Mädchen, 
welches durch unehelichen Beischlaf einen Verrath gegen 
das ganze weibliche Geschlecht begangen hat, weil dessen 
Wohlfahrt durch das Allgemeinwerden dieser Handlungs- 
weise untergraben werden würde, von demselben ausge- 
stoßen und mit Schande belegt: es hat seine Ehre verloren. 
Kein Weib darf mehr mit ihm umgehn: es wird, gleich 
einer Verpesteten, gemieden. Das gleiche Schicksal trißl 
die Ehebrecherin; weil diese dem Manne die von ihm 
eingegangene Kapitulation nicht gehalten hat, durch sol- 
ches Beispiel aber die Männer vom Eingehen derselben 
abgeschreckt werden; während auf ihr das Heil des ganzen 
weiblichen Geschlechts beruht. Aber noch überdies ver- 
liert die Ehebrecherin, wegen der groben Wortbrüchigkeit 
und des Betruges in ihrer That, mit der Sexualehre zu- 
gleich die bürgerliche. Daher sagt man wohl, mit einem 
entschuldigenden Ausdruck, ''ein gefallenes Mädchen", 
aber nicht **eine gefallene Frau", und der Verführer kann 
Jene, durch die Ehe, wieder ehrlich machen; nicht so 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 75 

der Ehebrecher diese, nachdem sie geschieden worden. — 
Wenn man nun, in Folge dieser klaren Einsicht, einen 
zwar heilsamen, ja notwendigen, aber wohlberechneten 
und auf Interesse gestützten esprit de corps als die Grund- 
lage des Princips der weiblichen Ehre erkennt; so wird 
man dieser zwar die größte Wichtigkeit für das weibliche 
Dasein und daher einen großen relativen, jedoch keinen 
absoluten, über das Leben und seine Zwecke hinausliegen- 
den und demnach mit diesem selbst zu erkaufenden Werth 
beilegen können. Demnach nun wird man den überspann- 
ten, zu tragischen Farben ausartenden Thaten derLukretia 
und des Virginius keinen Beifall schenken können. Daher 
eben hat der Schluß der Emilia Galotti etwas so Empören- 
des, daß man das Schauspielhaus in völliger Verstimmung 
verläßt. Hingegen kann man nicht umhin, der Sexualehre 
zum Trotz, mit dem Klärchen des Egmont zu sympathisiren. 
Jenes auf die Spitze Treiben des weiblichen Ehrenprin- 
cips gehört, wie so Manches, zum Vergessen des Zwecks 
über die Mittel: denn der Sexualehre wird, durch solche 
Überspannung, ein absoluter Werth angedichtet; während 
sie, noch mehr als alle andere Ehre, einen bloß relativen 
hat; ja, man möchte sagen einen bloß konventionellen, 
wenn man aus dem Thomasius de concubinatu ersieht, 
wie in fast allen Ländern und Zeiten, bis zur Lutherischen 
Reformation, das Konkubinat ein gesetzlich erlaubtes und 
anerkanntes Verhältniß gewesen ist, bei welchem die Kon- 
kubine ehrlich blieb; der Mylitta zu Babylon (Herodot 1,199) 
U.S.W, gar nicht zu gedenken. Auch giebt es allerdings 
bürgerliche Verhältnisse, welche die äußere Form der 
Ehe unmöglich machen, besonders in katholischen Ländern, 
wo keine Scheidung stattfindet; überall aber für regierende 
Herren, als welche, meiner Meinung nach, viel moralischer 
handeln, wenn sie eine Mätresse halten, als wenn sie eine 
morganatische Ehe eingehen, deren Descendenz, beim 
etwanigen Aussterben der legitimen, einst Ansprüche er- 
heben könnte; weshalb, sei es auch noch so entfernt, durch 
solche Ehe die Möglichkeit eines Bürgerkrieges herbei- 
geführt wird. Überdies ist eine solche morganatische, d. h. 
eigentlich allen äußern Verhältnissen zum Trotz geschlos- 



7 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

sene Ehe, im letzten Grunde, eine den Weibern und den 
Pfaffen gemachte Koncession, zweien Klassen, denen man 
etwas einzuräumen sich möglichst hüten sollte. Ferner 
ist zu erwägen, daß Jeder im Lande das Weib seiner Wahl 
ehelichen kann, bis auf Einen, dem dieses natürliche Recht 
benommen ist: dieser arme Mann ist der Fürst. Seine 
Pland gehört dem Lande und wird nach der Staatsraison, 
d. h. dem Wohl des Landes gemäß, vergeben. Nun aber 
ist er doch ein Mensch und will auch ein Mal dem Hange 
seines Herzens folgen. Daher ist es so ungerecht und 
undankbar, wie es spießbürgerlich ist, dem Fürsten das 
Halten einer Mätresse verwehren,odervorwerfen zu wollen; 
versteht sich, so lange ihr kein Einfluß auf die Regierung 
gestattet wird. Auch ihrerseits ist eine solche Mätresse, 
hinsichtlich der Sexualehre, gewissermaaßen eine Aus- 
nahmsperson, eine Eximirte von der allgemeinen Regel: 
denn sie hat sich bloß einem Manne ergeben, der sie und 
den sie lieben, aber nimmermehr heirathen konnte. — 
Überhaupt aber zeugen von dem nicht rein natürlichen 
Ursprünge des weiblichen Ehrenprincips die vielen bluti- 
gen Opfer, welche demselben gebracht werden, — im Kin- 
dermorde und Selbstmorde der Mütter. Allerdings begeht 
ein Mädchen, die sich ungesetzlich Preis giebt, dadurch 
einen Treuebruch gegen ihr ganzes Geschlecht: jedoch ist 
diese Treue nur stillschweigend angenommen und nicht 
beschworen. Und da, im gewöhnlichen Fall, ihr eigener 
Vortheil am unmittelbarsten darunter leidet, so ist ihre Thor- 
heit dabei xmendlich größer, als ihre Schlechtigkeit. 
Die Geschlechtsehre der Männer wird durch die der Weiber 
hervorgerufen, als der entgegengesetzte esprit de corps, 
welcher verlangt, daß Jeder, der die dem Gegenpart so 
sehr günstige Kapitulation, die Ehe, eingegangen ist, jetzt 
darüber wache, daß sie ihm gehalten werde; damit nicht 
selbst dieses Paktum, durch das Einreißen einer laxen Ob- 
servanz desselben, seine Festigkeit verliere und die Männer, 
indem sie Alles hingeben, nicht ein Mal des Einen ver- 
sichert seien, was sie dafür erhandeln, des Alleinbesitzes 
des Weibes. Demgemäß fordert die Ehre des Mannes, 
daß er den Ehebruch seiner Frau ahnde und, wenigstens 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 7 7 

durch Trennung von ihr, strafe. Duldet er ihn wissentlich, 
so wird er von der Männergemeinschaft mit Schande be- 
legt: jedoch ist diese lange nicht so durchgreifend, wie 
die durch den Verlust der Geschlechtsehre das Weib tref- 
fende, vielmehr nur eine levioris notae macula; weil beim 
Manne die Geschlechtsbeziehung eine untergeordnete ist, 
indem er in noch vielen andern und wichtigeren steht. 
Die zwei großen dramatischen Dichter der neuern Zeit 
haben, jeder zwei Mal, diese Männerehre zu ihrem Thema 
genommen: Shakespeare, im Othello und im Wintermähr- 
chen, und Calderon, in el medico de su honra (der Arzt 
seiner Ehre) und a secreto agravio secreta venganza (für 
geheime Schmach geheime Rache). Übrigens fordert diese 
Ehre nur die Bestrafung des Weibes, nicht die ihres Buhlen; 
welche bloß ein opus supererogationis ist: hiedurch be- 
stätigt sich der angegebene Ursprung derselben aus dem 
esprit de corps der Männer. — 

Die Ehre, wie ich sie bis hieher, in ihren Gattungen und 
Grundsätzen, betrachtet habe, findet sich bei allen Völkern 
und zu allen Zeiten als allgemein geltend; wenn gleich der 
Weiberehre sich einige lokale und temporäre Modifikationen 
ihrer Grundsätze nachweisen lassen. Hingegen giebt es 
noch eine, von jener allgemein und überall gültigen gänz- 
lich verschiedene Gattung der Ehre, von welcher weder 
Griechen noch Römer einen Begrifif hatten, so wenig wie 
Chinesen, Hindu und Mohammedaner, bis auf den heutigen 
Tag, irgend etwas von ihr wissen. Denn sie ist erst im Mit- 
telalter entstanden und bloß im christlichen Europa ein- 
heimisch geworden, ja, selbst hier nur unter einer äußerst 
kleinen Fraktion der Bevölkerung, nämlich unter den höhern 
Ständen der Gesellschaft und was ihnen nacheifert. Es ist 
die ritterliche Ehre^ oder das point d'honneur. Da ihre 
Grundsätze von denen der bis hieher erörterten Ehre gänz- 
lich verschieden, sogar diesen zum Theil entgegengesetzt 
sind, indem jene erstere den Ehrenmann^ diese hingegen 
den Mann von Ehre macht; so will ich ihre Principien 
hier besonders aufstellen, als einen Kodex, oder Spiegel 
der ritterlichen Ehre, 
i) Die Ehre besteht nicht in der Meinung Anderer von 



78 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

unserm Werth, sondern ganz allein in den Äußerungen 
einer solchen Meinung; gleichviel ob die geäußerte Mei- 
nung wirklich vorhanden sei, oder nicht; geschweige, ob 
sie Grund habe. Demnach mögen Andere, in Folge unsers 
Lebenswandels, eine noch so schlechte Meinung von uns 
hegen, uns noch so sehr verachten; so lange nur Keiner 
sich untersteht, solches laut zu äußern, schadet es der 
Ehre durchaus nicht. Umgekehrt aber, wenn wir auch 
durch unsere Eigenschaften und Handlungen alle Andern 
zwingen, uns sehr hoch zu achten (denn das hängt nicht 
von ihrer Willkür ab); so darf dennoch nur irgend Einer, 
— und wäre es der Schlechteste und Dümmste — , seine 
Geringschätzung über uns aussprechen, und alsbald ist 
unsere Ehre verletzt, ja, sie ist auf immer verloren; wenn 
sie nicht wieder hergestellt wird. — Ein überflüssiger Beleg 
dazu, daß es keineswegs auf die Meinung Anderer, son- 
dern allein auf die Äußerung einer solchen ankomme, ist 
der, daß Verunglimpfungen zurückgenommen^ nöthigenfalls 
abgebeten werden können, wodurch es dann ist, als wären 
sie nie geschehn: ob dabei die Meinung, aus der sie ent- 
sprungen, sich ebenfalls geändert habe und weshalb dies 
geschehn sein sollte, thut nichts zur Sache: nur die Äuße- 
rung wird annullirt, und dann ist Alles gut. Hier ist es 
demnach nicht darauf abgesehn, Respekt zu verdienen, 
sondern ihn zu ertrotzen. 

2) Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf Dem, was er 
thut^ sondern auf Dem, was er leidet^ was ihm widerfährt. 
Wenn, nach den Grundsätzen der zuerst erörterten, all- 
gemein geltenden Ehre, diese allein abhängt von Dem, 
was er selbst sagt, oder thut; so hängt hingegen die ritter- 
liche Ehre ab von Dem, was irgend ein Anderer sagt, oder 
thut. Sie liegt sonach in der Hand, ja, hängt an der Zun- 
genspitze eines Jeden, und kann, wenn dieser zugreift, 
jeden Augenblick auf immer verloren gehn, falls nicht der 
Betroffene, durch einen bald zu erwähnenden Herstellungs- 
proceß, sie wieder an sich reißt, welches jedoch nur mit 
Gefahr seines Lebens, seiner Gesundheit, seiner Freiheit, 
seines Eigenthums und seiner Gemüthsruhe geschehn kann. 
Diesem zufolge mag das Thun und Lassen eines Mannes 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 79 

das rechtschaffenste und edelste, sein Gemüth das reinste 
und sein Kopf der eminenteste sein; so kann dennoch 
seine Ehre jeden Augenblick verloren gehn, sobald es 
nämlich irgend Einem, — der nur noch nicht diese Ehren- 
gesetze verletzt hat, übrigens aber der nichtswürdigste 
Lump, das stupideste Vieh, ein Tagedieb, Spieler, Schul- 
denmacher, kurz, ein Mensch, der nicht werth ist, daß 
Jener ihn ansieht, sein kann, — beliebt, ihn zu schimpfen. 
Sogar wird es meistentheils gerade ein Subjekt solcher 
Art sein, dem Dies beliebt; weil eben, wie Seneka richtig 
bemerkt, ut quisque contemtissimus et ludibrio est, ita 
solutissimae linguae est (de constantia, 11): auch wird ein 
Solcher gerade gegen Einen, wie der zuerst Geschilderte, 
am leichtesten aufgereizt werden; weil die Gegensätze 
sich hassen und weil der Anblick überwiegender Vorzüge 
die stille Wuth der Nichtswürdigkeit zu erzeugen pÜegt; 
daher eben Goethe sagt: 

Was klagst du über Feinde? 
Sollten Solche je werden Freunde, 
Denen das Wesen wie du bist, 
Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist? 

W. ö. Divan. 

Man sieht, wie sehr viel gerade die Leute der zuletzt ge- 
schilderten Art dem Ehrenprincip zu danken haben; da 
es sie mit Denen nivellirt, welche ihnen sonst in jeder Be- 
ziehung unerreichbar wären. — Hat nun ein Solcher ge- 
schimpft, d. h. dem Andern eine schlechte Eigenschaft 
zugesprochen; so gilt dies, vor der Hand, als ein objektiv 
wahres und gegründetes Urtheil, ein rechtskräftiges Dekret, 
ja, es bleibt für alle Zukunft wahr und gültig, wenn es nicht 
alsbald mit Blut ausgelöscht wird: d. h. der Geschimpfte 
bleibt (in den Augen aller ''Leute von Ehre") Das, was 
der Schimpfer (und wäre dieser der letzte aller Erdensöhne) 
ihn genannt hat: denn er hat es (dies ist der terminus 
technicus) "auf sich sitzen lassen." Demgemäß werden 
die "Leute von Ehre" ihn jetzt durchaus verachten, ihn 
wie einen Verpesteten fliehen, z. B. sich laut und öffent- 
lich weigern, in eine Gesellschaft zu gehn, wo er Zutritt 
hat u. s. w.- — Den Ursprung dieser weisen Grundansicht 



8o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

glaube ich mit Sicherheit darauf zurückführen zu können, 
daß (nach C. G. von Wächters ''Beiträge zur deutschen 
Geschichte, besonders des deutschen Strafrechts" 1845) 
im Mittelalter, bis ins 15. Jahrhundert, bei Kriminalpro- 
cessen, nicht der Ankläger die Schuld, sondern der An- 
geklagte seine Unschuld zu beweisen hatte. Dies konnte 
geschehn durch einen Reinigungseid, zu welchem er jedoch 
noch der Eideshelfer (consacramentales) bedurfte, welche 
beschworen, sie seien überzeugt, daß er keines Meineides 
fähig sei. Hatte er diese nicht, oder ließ der Ankläger 
sie nicht gelten; so trat Gottesurtheil ein und dieses bestand 
gewöhnlich im Zweikampf. Denn der Angeklagte war jetzt 
ein ''Bescholtener" und hatte sich zu reinigen. Wir sehn 
hier den Ursprung des Begriffs des Bescholtenseins und 
des ganzen Hergangs der Dinge, wie er noch heute unter 
den "Leuten von Ehre" Statt findet, nur mit Weglassung 
des Eides. Eben hier ergiebt sich auch die Erklärung der 
obligaten, hohen Indignation, mit welcher "Leute von 
Ehre" den Vorwurf der Lüge empfangen und blutige Rache 
dafür fordern, welches, bei der Alltäglichkeit der Lügen, 
sehr seltsam erscheint, aber besonders in England zum 
tiefwurzelnden Aberglauben erwachsen ist. (Wirklich müßte 
Jeder, der den Vorwurf der Lüge mit dem Tode zu strafen 
droht, in seinem Leben nicht gelogen haben.) Nämlich 
in jenen Kriminalprocessen des Mittelalters war die kürzere 
Form, daß der Angeklagte dem Ankläger erwiderte: "das 
lügst du"; worauf dann sofort auf Gottesurtheil erkannt 
wurde: daher also schreibt es sich, daß, nach dem ritter- 
lichen Ehrenkodex, auf den Vorwurf der Lüge sogleich 
die Appellation an die Waffen erfolgen muß. — So viel, was 
das Schimpfen betrifit. Nun aber giebt es sogar noch etwas 
Ärgeres, als Schimpfen, etwas so Erschreckliches, daß ich 
wegen dessen bloßer Erwähnung in diesem Kodex der 
ritterlichen Ehre, die "Leute von Ehre" um Verzeihung 
zu bitten habe, da ich weiß, daß beim bloßen Gedanken 
daran ihnen die Haut schaudert und ihr Haar sich empor- 
sträubt, indem es das summum malum, der Übel größtes 
auf der Welt, und ärger als Tod und Verdammniß ist Es 
kann nämlich, horribile dictu, Einer dem Andern einen 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 8i 

Klaps, oder Schlag versetzen. Dies ist eine entsetzliche 
Begebenheit und führt einen so kompleten Ehren tod herbei, 
daß, wenn alle andern Verletzungen der Ehre schon durch 
Blutlassen zu heilen sind, diese zu ihrer gründlichen Heilung 
einen kompleten Todtschlag erfordert. 

3) Die Ehre hat mit Dem, was der Mensch an und für sich 
sein mag, oder mit der Frage, ob seine moralische Be- 
schaffenheit sich jemals ändern könne, und allen solchen 
Schulfuchsereien, ganz und gar nichts zu thun; sondern 
wann sie verletzt, oder vor der Hand verloren ist, kann 
sie, wenn man nur schleunig dazuthut, recht bald und 
vollkommen wiederhergestellt werden, durch ein einziges 
Universalmittel, das Duell. Ist jedoch der Verletzer nicht 
aus den Ständen, die sich zum Kodex der ritterlichen Ehre 
bekennen, oder hat derselbe diesem schon ein Mal zuwider 
gehandelt; so kann man, zumal wenn die Ehrenverletzung 
eine thätliche, aber auch wenn sie eine bloß wörtliche 
gewesen sein sollte, eine sichere Operation vornehmen, 
indem man, wenn man bewaffnet ist, ihn auf der Stelle, 
allenfalls auch noch eine Stunde nachher, niedersticht; 
wodurch dann die Ehre wieder heil ist. Außerdem aber, 
oder wenn man, aus Besorgniß vor daraus entstehenden 
Unannehmlichkeiten, diesen Schritt vermeiden möchte, 
oder wenn man bloß ungewiß ist, ob der Beleidiger sich 
den Gesetzen der ritterhchen Ehre unterwerfe, oder nicht, 
hat man ein Palliativmittel, an der "Avantage." Diese 
besteht darin, daß, wenn er grob gewesen ist, man noch 
merklich gröber sei: geht dies mit Schimpfen nicht mehr 
an, so schlägt man drein und zwar ist auch hier ein Klimax 
der Ehrenrettung: Ohrfeigen werden durch Stockschläge 
kurirt, diese durch Hetzpeitschenhiebe: selbst gegen Letz- 
tere wird von Einigen das Anspucken als probat empfohlen. 
Nur wenn man mit diesen Mitteln nicht mehr zur Zeit 
kommt, muß durchaus zu blutigen Operationen geschritten 
werden. Diese Palliativmethode hat ihren Grund eigentlich 
in der folgenden Maxime. 

4) Wie Geschimpftwerden eine Schande, so ist Schimpfen 
eine Ehre. Z. B. auf der Seite meines Gegners sei Wahr- 
heit, Recht und Vernunft; ich aber schimpfe; so müssen 

s. 



82 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

diese Alle einpacken, und Recht und Ehre ist auf meiner 
Seite: er hingegen hat vorläufig seine Ehre verloren, — 
bis er sie herstellt, nicht etwan durch Recht und Vernunft, 
sondern durch Schießen und Stechen. Demnach ist die 
Grobheit eine Eigenschaft, welche, im Punkte der Ehre, 
jede andere ersetzt, oder überwiegt: der Gröbste hat alle- 
mal Recht: quid multa? Welche Dummheit, Ungezogen- 
heit, Schlechtigkeit Einer auch begangen haben mag; — 
durch eine Grobheit wird sie als solche ausgelöscht und so- 
fort legitimirt. Zeigt etwan in einer Diskussion, oder sonst 
im Gespräch ein Anderer richtigere Sachkenntniß, strengere 
Wahrheitsliebe, gesünderes Urtheil, mehr Verstand, als 
wir, oder überhaupt, läßt er geistige Vorzüge blicken, die 
uns in Schatten stellen; so können wir alle dergleichen 
Überlegenheiten und unsere eigene durch sie aufgedeckte 
Dürftigkeit sogleich aufheben und nun umgekehrt selbst 
überlegen sein, indem wir beleidigend und grob werden. 
Denn eine Grobheit besiegt jedes Argument und eklipcirt 
allen Geist: wenn daher nicht etwan der Gegner sich dar- 
auf einläßt und sie mit einer größeren erwidert, wodurch 
wir in den edelen Wettkampf der Avantage gerathen; so 
bleiben wir Sieger und die Ehre ist auf unserer Seite: Wahr- 
heit, Kenntniß, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken 
und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen 
Grobheit. Daher werden "Leute von Ehre", sobald Jemand 
eine Meinung äußert, die von der ihrigen abweicht, oder 
auch nur mehr Verstand zeigt, als sie ins Feld stellen können, 
sogleich Miene machen, jenes Kampfroß zu besteigen; und 
wenn etwan, in einer Kontroverse, es ihnen an einem 
Gegen -Argument fehlt, so suchen sie nach einer Grobheit, 
als welche ja den selben Dienst leistet und leichter zu 
finden ist: darauf gehn sie siegreich von dannen. Man 
sieht schon hier, wie sehr mit Recht dem Ehrenprincip 
die Veredelung des Tones in der Gesellschaft nachgerühmt 
wird. — Diese Maxime beruht nun wieder auf der folgenden, 
welche die eigentliche Grundmaxime und die Seele des 
ganzen Kodex ist. 

5) Der oberste Richterstuhl des Rechts, an den man, in 
allen Differenzen, von jedem andern, soweit es die Ehre 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 83 

betrifft, appelliren kann, ist der der physischen Gewalt, 
d. h. der Thierheit. Denn jede Grobheit ist eigentlich eine 
Appellation an die Thierheit, indem sie den Kampf der 
geistigen Kräfte, oder des moralischen Rechts, für inkom- 
petent erklärt und an deren Stelle den Kampf der phy- 
sischen Kräfte setzt, welcher bei der Species Mensch, die 
von Franklin ein toolmaking animal (Werkzeuge verferti- 
gendes Thier) definirt wird, mit den ihr demnach eigen- 
thümlichen Waffen, im Duell, vollzogen wird und eine 
unwiderrufliche Entscheidung herbeiführt. — Diese Grund- 
maxime wird bekanntlich, mit Einem Worte, durch den 
Ausdruck Faustrecht ^ welcher dem Ausdruck Aberwitz 
analog und daher, wie dieser, ironisch ist, bezeichnet: 
demnach sollte, ihm gemäß, die ritterliche Ehre die Faust- 
Ehre heißen. — 

6) Hatten wir, weiter oben, die bürgerliche Ehre sehr 
skrupulös gefunden im Punkte des Mein und Dein, der 
eingegangenen Verpflichtungen und des gegebenen Wortes; 
so zeigt hingegen der hier in Betrachtung genommene 
Kodex darin die nobelste Liberalität. Nämlich nur ein Wort 
darf nicht gebrochen werden, das Ehrenwort, d. h. das 
Wort, bei dem man gesagt hat ''auf Ehrel" — woraus die 
Präsumtion entsteht, daß jedes andere Wort gebrochen 
werden darf. Sogar bei dem Bruch dieses Ehrenworts 
läßt sich zur Noth die Ehre noch retten, durch das Uni- 
versalmittel, das Duell, hier mit Denjenigen, welche be- 
haupten, wir hätten das Ehrenwort gegeben. — Ferner: nur 
eine Schuld giebt es, die unbedingt bezahlt werden muß, 
— die Spielschuld, welche auch demgemäß den Namen 
"Ehrenschuld" führt. Um alle übrigen Schulden mag man 
Juden und Christen prellen: das schadet der ritterlichen 
Ehre durchaus nicht. — 

Daß nun dieser seltsame, barbarische und lächerliche 
Kodex der Ehre nicht aus dem Wesen der menschlichen 
Natur, oder einer gesunden Ansicht menschlicher Verhält- 
nisse hervorgegangen sei, erkennt der Unbefangene auf 
den ersten Blick. Zudem aber wird es durch den äußerst 
beschränkten Bereich seiner Geltung bestätigt: dieser näm- 
lich ist ausschließlich Europa und zwar nur seit dem Mittel- 



84 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

alter, und auch hier nur beim Adel, Militär und was diesen 
nacheifert. Denn weder Griechen, noch Römer, noch die 
hochgebildeten Asiatischen Völker, alter und neuer Zeit, 
wissen irgend etwas von dieser Ehre und ihren Grund- 
sätzen. Sie alle kennen keine andere Ehre, als die zuerst 
analysirte. Bei ihnen allen gilt demnach der Mann für Das, 
wofür sein Thun und Lassen ihn kund giebt, nicht aber 
für Das, was irgend einer losen Zunge beliebt von ihm zu 
sagen. Bei ihnen allen kann was Einer sagt, oder thut, 
wohl seine eigene Ehre vernichten, aber nie die eines An- 
dern. Ein Schlag ist bei ihnen allen eben nur ein Schlag, 
wie jedes Pferd und jeder Esel ihn gefährlicher versetzen 
kann: er wird, nach Umständen, zum Zorne reizen, auch 
wohl auf der Stelle gerächt werden: aber mit der Ehre 
hat er nichts zu thun, und keineswegs wird Buch gehalten, 
über Schläge oder Schimpfwörter, nebst der dafür gewor- 
denen, oder aber einzufordern versäumten ^'Satisfaktion." 
An Tapferkeit und Lebensverachtung stehn sie den Völkern 
des christlichen Europa' s nicht nach. Griechen und Römer 
waren doch wohl ganze Helden: aber sie wußten nichts 
vom point d'honneur. Der Zweikampf war bei ihnen nicht 
Sache der Edeln im Volke, sondern feiler Gladiatoren, 
preisgegebener Sklaven und verurtheilter Verbrecher, wel- 
che, mit wilden Thieren abwechselnd, aufeinander gehetzt 
wurden, zur Belustigung des Volks. Bei Einführung des 
Christenthums wurden die Gladiatorenspiele aufgehoben: 
an ihre Stelle aber ist, in der christlichen Zeit, unter Ver- 
mittelung des Gottesurtheils, das Duell getreten. Waren 
jene ein grausames Opfer, der allgemeinen Schaulust ge- 
bracht; so ist dieses ein grausames Opfer, dem allgemeinen 
Vorurtheil gebracht; abernicht wie jenes, von Verbrechern, 
Sklaven und Gefangenen; sondern von Freien und Edeln. 
Daß den Alten jenes Vorurtheil völlig fremd war, bezeugen 
eine Menge uns aufbehaltener Züge. Als z. B. ein Teuto- 
nischer Häuptling den Marius zum Zweikampf herausge- 
fordert hatte, ließ dieser Held ihm antworten: ''wenn er 
seines Lebens überdrüssig wäre, möge er sich aufhängen"^ 
bot ihm jedoch einen ausgedienten Gladiator an, mit dem 
er sich herumschlagen könne (Freinsh. suppl. in Liv. Hb. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 85 

LXVin, c. 12). Im Plutarch (Them. 11) lesen wir, daß 
der Flottenbefehlshaber Eurybiades, mit dem Themistokles 
streitend, den Stock aufgehoben habe, ihn zu schlagen; 
jedoch nicht, daß dieser darauf den Degen gezogen, viel- 
mehr, daß er gesagt habe: iraxaSov |j,£v oov, axoooov os: 
"schlage mich, aber höre mich." Mit welchem Unwillen 
muß doch der Leser ''von Ehre" hiebei die Nachricht ver- 
missen, daß das Atheniensische Offizierkorps sofort erklärt 
habe, unter so einem Themistokles nicht ferner dienen zu 
wollen! — Ganz richtig sagt demnach ein neuerer Franzö- 
sischer Schriftsteller: si quelqu'un s'avisait de dire que 
Demosthene fut un homme d'honneur, on sourirait de 

pitid; Cic^ron n'etait pas un homme d'honneur non 

plus. (Soirdes littdraires, par C. Durand. Ronen 1828. 
Vol. 2. p. 300.) Femer zeigt die Stelle imPlato (de leg. 
IX, die letzten 6 Seiten, imgleichen XI p. 131 Bip.) über 
die ar/ia, d.h. Mißhandlungen, zur Genüge, daß die Alten 
von der Ansicht des ritterlichen Ehrenpunktes bei solchen 
Sachen keine Ahndung hatten. Sokrates ist, in Folge seiner 
häufigen Disputationen, oft thätlich mißhandelt worden, 
welches er gelassen ertrug: als er einst einen Fußtritt er- 
hielt, nahm er es geduldig hin und sagte Dem, der sich 
hierüber wunderte: "würde ich denn, wenn mich ein Esel 
gestoßen hätte, ihn verklagen?" — (Diog. Laert. II, 21.) 
Als, ein ander Mal, Jemand zu ihm sagte: "schimpft und 
schmäht dich denn Jener nicht?" war seine Antwort: "nein: 
denn was er sagt paßt nicht auf mich" (ibid. 36). — Stobäos 
(Florileg., ed. Gaisford, Vol. I, p. 327 — 330) hat eine 
lange Stelle des Musonius uns aufbewahrt, daraus zu er- 
sehn, wie die Alten die Injurien betrachteten: sie kannten 
keine andere Genugthuung, als die gerichtliche; und weise 
Männer verschmähten auch diese. Daß die Alten für eine 
erhaltene Ohrfeige keine andere Genugthuung kannten, 
als eine gerichtliche, ist deutlich zu ersehn aus Plato's 
Gorgias (S. 86 Bip.); woselbst auch (S. 133) die Meinung 
des Sokrates darüber steht. Das Selbe erhellt auch aus 
dem Berichte des Gellius (XX, i) von einem gewissen 
Lucius Veratius, welcher den Muthwillen übte, den ihm 
auf der Straße begegnenden römischen Bürgern, ohne An- 



86 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

laß, eine Ohrfeige zu versetzen, in welcher Absicht er, 
um allen Weitläuftigkeiten darüber vorzubeugen, sich von 
einem Sklaven mit einem Beutel Kupfermünze begleiten 
ließ, der den also Überraschten sogleich das gesetzmäßige 
Schmerzensgeld von 2 5 Aß auszahlte. Krates^ der berühmte 
Kyniker, hatte vom Musiker Nikodromos eine so starke 
Ohrfeige erhalten, daß ihm das Gesicht angeschwollen und 
blutrünstig geworden war: darauf befestigte er an seiner 
Stirn ein Brettchen, mit der Inschrift NtxoSpofio? stcoisi 
(Nicodromus fecit), wodurch große Schande auf den Flöten- 
spieler fiel, der gegen einen Mann, den ganz Athen wie 
einen Hausgott verehrte (Apul. Flor. p. 126 bip.), eine 
solche Brutalität ausgeübt hatte. (Diog. Laert. VI, 89.) 
— ^Vom Diogenes aus Sinope haben wir darüber, daß die 
betrunkenen Söhne der Athener ihn geprügelt hatten, einen 
Brief an den Melesippus, dem er bedeute^, das habe nichts 
auf sich. (Nota Casaub. ad Diog. Laert. VI, 33.) — Seneka 
hat, im Buche de constantia sapientis, vom C. 10 an bis 
zum Ende, die Beleidigung, contumelia, ausführlich in Be- 
tracht genommen, um darzulegen, daß der Weise sie nicht 
beachtet. Kapitel 1 4 sagt er: ''at sapiens colaphis percussus, 
quid faciet?" quod Cato, cum illi os percussum esset: non 
excanduit, non vindicavit injuriam: nee remisit quidem, 
sed factam negavit. 

"Ja," ruft ihr, "das waren Weise!" — Ihr aber seid Narren? 
Einverstanden. — 

Wir sehn also, daß den Alten das ganze ritterliche Ehren- 
princip durchaus unbekannt war, weil sie eben in allen 
Stücken der unbefangenen, natürlichen Ansicht der Dinge 
getreu blieben und daher solche sinistre und heillose Frat- 
zen sich nicht einreden ließen. Deshalb konnten sie auch 
einen Schlag ins Gesicht für nichts Anderes halten, als 
was er ist, eine kleine physische Beeinträchtigung; während 
er den Neuern eine Katastrophe und ein Thema zu Trauer- 
spielen geworden ist, z. B. im Cid des Corneille, auch in 
einem neueren deutschen bürgerlichen Trauerspiele, wel- 
ches "die Macht der Verhältnisse" heißt, aber "die Macht 
des Vorurtheils" heißen sollte: wenn aber gar ein Mal in 
der Pariser Nationalversammlung eine Ohrfeige fällt, so 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 87 

hallt ganz Europa davon wieder. Den Leuten ''von Ehre" 
nun aber, welche durch obige klassische Erinnerungen und 
angeführte Beispiele aus dem Alterthume verstimmt sein 
müssen, empfehle ich, als Gegengift, in Diderots Meister- 
werke, Jaques le fataliste, die Geschichte des Herrn Des- 
glands zu lesen, als ein auserlesenes Musterstück moder- 
ner ritterlicher Ehrenhaftigkeit, daran sie sich letzen und 
erbauen mögen. 

Aus dem Angeführten erhellt zur Genüge, daß das ritter- 
liche Ehrenprincip keineswegs ein ursprüngliches, in der 
menschlichen Natur selbst gegründetes sein kann. Es ist 
also ein künstliches, und sein Ursprung ist nicht schwer 
zu finden. Es ist offenbar ein Kind jener Zeit, wo die 
Fäuste geübter waren, als die Köpfe, und die Pfaffen die 
Vernunft in Ketten hielten, also des belobten Mittelalters 
und seines Ritterthums. Damals nämlich ließ man für sich 
den lieben Gott, nicht nur sorgen, sondern auch urtheilen. 
Demnach wurden schwierige Rechtsfälle durch Ordalien, 
oder Gottesurtheile, entschieden: diese nun bestanden, 
mit wenigen Ausnahmen, in Zweikämpfen, keineswegs 
bloß unter Rittern, sondern auch unter Bürgern; — wie dies 
ein artiges Beispiel in Shakespeare's Heinrich VI. (Th. 2, 
A. 2, Sc. 3) bezeugt. Auch konnte von jedem richter- 
lichen Urtheilsspruch immer noch an den Zweikampf, als 
die höhere Instanz, nämlich das Urtheil Gottes, appellirt 
werden. Dadurch war nun eigentlich die physische Kraft 
und Gewandtheit, also die thierische Natur, statt der Ver- 
nunft, auf den Richterstuhl gesetzt, und über Recht oder 
Unrecht entschied nicht was Einer gethan hatte, sondern 
was ihm widerfuhr, — ganz nach dem noch heute geltenden 
ritterlichen Ehrenprincip. Wer an diesem Ursprünge des 
Duellwesens noch zweifelt lese das vortreffliche Buch von 
J, G. Mellingen, the history of duelling. 1849. J^-, noch heut 
zu Tage findet man unter den, dem ritterlichen Ehrenprincip 
nachlebenden Leuten, welche bekanntlich nicht gerade die 
unterrichtetesten und nachdenkendesten zu sein pflegen, 
Einige, die den Erfolg des Duells wirklich für eine göttliche 
Entscheidung des ihm zum Grunde liegenden Streites halten; 
gewiß nach einer traditionell fortgeerbten Meinung. 



88 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Abgesehn von diesem Ursprünge des ritterlichen Ehren- 
princips, ist seine Tendenz zunächst diese, daß man, durch 
Androhung physischer Gewalt, die äußerlichen Bezeugun- 
gen derjenigen Achtung erzwingen will, welche wirklich 
zu erwerben man entweder für zu beschwerlich, oder für 
überflüssig hält. Dies ist ungefähr so, wie wenn Jemand, 
die Kugel des Thermometers mit der Hand erwärmend, 
am Steigen des Quecksilbers darthun wollte, daß sein Zim- 
mer wohlgeheizt sei. Näher betrachtet ist der Kern der 
Sache dieser: wie die bürgerliche Ehre, als welche den 
friedlichen Verkehr mit Andern im Auge hat, in der Mei- 
nung dieser von uns besteht, daß wir vollkommenes Zu- 
trauen verdienen, weil wir die Rechte eines Jeden unbe- 
dingt achten; so besteht die ritterUche Ehre in der Meinung 
von uns, daß wir zu fürchten sti^n^ weil wir unsere eigenen 
Rechte unbedingt zu vertheidigen gesonnen sind. Der 
Grundsatz, daß es wesentlicher sei, gefürchtet zu werden, 
als Zutrauen zu genießen, würde auch, weil auf die Ge- 
rechtigkeit der Menschen wenig zu bauen ist, so gar falsch 
nicht sein, wenn wir im Naturzustande lebten, wo jeder 
sich selbst zu schützen und seine Rechte unmittelbar zu 
vertheidigen hat. Aber im Stande der Civilisation, wo 
der Staat den Schutz unserer Person und unseres Eigen - 
thums übernommen hat, findet er keine Anwendung mehr, 
und steht da, wie die Burgen und Warten aus den Zeiten 
des Faustrechts, unnütz und verlassen, zwischen wohlbe- 
bauten Feldern und belebten Landstraßen, oder gar Eisen- 
bahnen. Demgemäß hat denn auch die ihn festhaltende 
ritterliche Ehre sich auf solche Beeinträchtigungen der 
Person geworfen, welche der Staat nur leicht, oder, nach 
dem Princip de rainimis lex non curat, gar nicht bestraft, 
indem es unbedeutende Kränkungen und zum Theil bloße 
Neckereien sind. Sie aber hat in Hinsicht auf diese sich 
hinaufgeschroben zu einer der Natur, der Beschaflen- 
heit und dem Loose des Menschen gänzlich unangemes- 
senen Überschätzung des Werthes der eigenen Person, 
als welchen sie bis zu einer Art von Heiligkeit steigert 
und demnach die Strafe des Staates für kleine Kränkun- 
gen derselben durchaus unzulänglich findet, solche daher 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 89 

selbst zu strafen übernimmt und zwar stets am Leibe und 
Leben des Beleidigers. Offenbar liegt hier der unmäßig- 
ste Hochmuth und die empörendeste Hoffahrt zum Grunde, 
welche, ganz vergessend was der Mensch eigentlich ist, 
eine unbedingte Unverletzlichkeit, wie auch Tadellosig- 
keit, für ihn in Anspruch nehmen. Allein Jeder, der diese 
mit Gewalt durchzusetzen gesonnen ist und dem zufolge 
die Maxime proklamirt: ''wer mich schimpft, oder gar 
mir einen Schlag giebt, soll des Todes sein", — verdient 
eigentlich schon darum aus dem Lande verwiesen zu wer- 
denf). Da wird denn, zur Beschönigung jenes vermes- 
senen Übermuthes, allerhand vorgegeben. Von zwei un- 
erschrockenen Leuten, heißt es, gebe keiner je nach, da- 
her es vom leisesten Anstoß zu Schimpfreden, dann zu 
Prügeln und endlich zum Todtschlag kommen würde; dem- 
nach sei es besser, Anstands halber die Mittelstufen zu 
überspringen und gleich an die Waffen zu gehn. Das 
speciellere Verfahren hiebei hat man dann in ein steifes, 

f) Die ritterliche Ehre ist ein Kind des Hochinnths und der Narr- 
heit. (Die ihr entgegengesetzte Wahrheit spricht am schärfsten 
el principe constante aus in den Worten: "esa es la herencia de 
Adan".) Sehr auflallend ist es, daß dieser Superlativ alles Hoch- 
muths sich allein und ausschließlich unter den Genossen derje- 
nigen Religion findet, welche ihren Anhängern die äußerste De- 
muth zur Pflicht macht; da weder frühere Zeiten noch andere Welt- 
theile jenes Princip der ritterlichen Ehre kennen. Dennoch darf 
man dasselbe nicht der Religion zuschreiben, vielmehr dem Feu- 
dalwesen, bei welchem jeder Edele sich als einen kleinen Souverän^ 
der keinen menschlichen Richter über sich erkannte, ansah und 
sich daher eine völlige Unverletzlichkeit und Heiligkeit der Per- 
son beilegen lernte, daher ihm jedes Attentat gegen dieselbe, also 
jeder Schlag und jedes Schimpfwort, ein todeswürdiges Verbre- 
chen schien. Demgemäß waren das Ehrenprincip und die Duelle 
ursprünglich nur Sache des Adels und in Folge davon in spätem 
Zeiten der Offiziere, denen sich nachher hin und wieder, wiewohl 
nie durchgängig, die andern höhern Stände anschlössen, um nicht 
weniger zu gelten. Wenn auch die Duelle aus den Ordalien her- 
vorgegangen sind; so sind diese doch nicht der Grund, sondern 
die Folge und Anwendung des Ehrenprincips: wer keinen mensch- 
lichen Richter erkennt, appellirt an den göttlichen. Die Ordalien 
selbst aber sind nicht dem Christenthum eigen, sondern finden sich 
auch im Hinduismus sehr stark, zwar meistens in älterer Zeit, doch 
Spuren davon auch noch jetzt. — 



90 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

pedantisches System, mit Gesetzen und Regeln, gebracht, 
welches die ernsthafteste Posse von der Welt ist und als 
ein wahrer Ehrentempel der Narrheit dasteht. Nun aber 
ist der Grundsatz selbst falsch: bei Sachen von geringer 
Wichtigkeit (die von großer bleiben stets den Gerichten 
anheimgestellt) giebt von zwei unerschrockenen Leuten 
allerdings einer nach, nämlich der Klügste, und bloße 
Meinungen läßt man auf sich beruhen. Den Beweis hie- 
von liefert das Volk, oder vielmehr alle die zahlreichen 
Stände, welche sich nicht zum ritterlichen Ehrenprincip 
bekennen, bei denen daher die Streitigkeiten ihren natür- 
lichen Verlauf haben: unter diesen Ständen ist der Todt- 
schlag hundert Mal seltener, als bei der vielleicht nur 
Y^-^ der Gesammtheit betragenden Fraktion, welche je- 
nem Principe huldigt; und selbst eine Prügelei ist eine 
Seltenheit. — Sodann aber wird behauptet, der gute Ton 
und die feine Sitte der Gesellschaft hätten zum letzten 
Grundpfeiler jenes Ehrenprincip, mit seinen Duellen, als 
welche die Wehrmauer gegen die Ausbrüche der Rohheit 
und Ungezogenheit wären. Allein in Athen, Korinth und 
Rom war ganz gewiß gute und zwar sehr gute Gesell- 
schaft, auch feine Sitte und guter Ton anzutreffen; ohne 
daß jener Popanz der ritterlichen Ehre dahinter gesteckt 
hätte. Freilich aber führten daselbst auch nicht, wie bei 
uns, die Weiber den Vorsitz in der Gesellschaft, welches, 
wie es zunächst der Unterhaltung einen frivolen und läp- 
pischen Charakter ertheilt und jedes gehaltvolle Gespräch 
verbannt, gewiß auch sehr dazu beiträgt, daß in unsrer 
guten Gesellschaft der persönliche Muth den Rang vor 
jeder andern Eigenschaft behauptet; während er doch 
eigentlich eine sehr untergeordnete, eine bloße Unteroffi- 
zierstugend ist, ja, eine, in welcher sogar Thiere uns über- 
treffen, weshalb man z. B. sagt: "muthig wie ein Löwe." 
Sogar aber ist, im Gegentheil obiger Behauptung, das rit-* 
terliche Ehrenprincip oft das sichere Asylum, wie im Gro- 
ßen der Unredlichkeit und Schlechtigkeit, so im Kleinen 
der Ungezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Flegelei, in- 
dem eine Menge sehr lästiger Unarten stillschweigend 
geduldet werden, weil eben Keiner Lust hat, an die Rüge 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 91 

derselben den Hals zu setzen. — Dem Allen entsprechend 
sehn wir das Duell im höchsten Flor und mit blutdürsti- 
gem Ernst betrieben, gerade bei der Nation, welche in 
politischen und finanziellen Angelegenheiten Mangel an 
wahrer Ehrenhaftigkeit bewiesen hat: wie es damit bei 
ihr im Privatverkehr stehe, kann man bei Denen erfragen, 
die Erfahrung darin haben. Was aber gar ihre Urbanität 
und gesellschaftliche Bildung betrifft, so ist sie als nega- 
tives Muster längst berühmt. 

Alle jene Vorgeben halten also nicht Stich. Mit mehr 
Recht kann urgirt werden, daß, wie schon ein ange- 
knurrter Hund wieder knurrt, ein geschmeichelter wieder 
schmeichelt, es auch in der Natur des Menschen liege, 
jede feindliche Begegnung feindlich zu erwidern und 
durch Zeichen der Geringschätzung, oder des Hasses, 
erbittert und gereizt zu werden; daher schon Cicero sagt: 
habet quendam aculeum contumelia, quem pati prudentes 
ac viri boni difficillime possunt; wie denn auch nirgends 
auf der Welt (einige fromme Sekten bei Seite gesetzt) 
Schimpfreden, oder gar Schläge, gelassen hingenommen 
werden. Jedoch leitet die Natur keinen Falls zu etwas 
Weiterem, als zu einer der Sache angemessenen Ver- 
geltung, nicht aber dazu, den Vorwurf der Lüge, der 
Dummheit, oder der Feigheit, mit dem Tode zu bestra- 
fen, und der altdeutsche Grundsatz "auf eine Maulschelle 
gehört ein Dolch" ist ein empörender ritterlicher Aber- 
glaube. Jedenfalls ist die Erwiderung, oder Vergeltung, 
von Beleidigungen Sache des Zorns, aber keineswegs der 
Ehre und Pflicht, wozu das ritterliche Ehrenprincip sie 
stempelt. Vielmehr ist ganz gewiß, daß jeder Vorwurf 
nur in dem Maaße, als er trifift, verletzen kann; welches 
auch daran ersichtlich ist, daß die leiseste Andeutung, 
welche trifft, viel tiefer verwundet, als die schwerste An- 
schuldigung, die gar keinen Grund hat. Wer daher wirklich 
sich bewußt ist, einen Vorwurf nicht zu verdienen, darf 
und wird ihn getrost verachten. Dagegen aber fordert das 
Ehrenprincip von ihm, daß er eine Empfindlichkeit zeige, 
die er gar nicht hat, und Beleidigungen, die ihn nicht 
verletzen, blutig räche. Der aber muß selbst eine schwache 



92 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Meinung von seinem eigenen Werthe haben, der sich be- 
eilt, jeder denselben anfechtenden Äußerung den Daumen 
aufs Auge zu drücken, damit sie nicht laut werde. Dem- 
zufolge wird, bei Injurien, wahre Selbstschätzung wirk- 
liche Gleichgültigkeit verleihen, und wo dies, aus Mangel 
derselben, nicht der Fall ist, werden Klugheit und Bil- 
dung anleiten, den Schein davon zu retten und den Zorn 
zu verbergen. Wenn man demnach nur erst den Aber- 
glauben des ritterlichen Ehrenprincips los wäre, so daß 
Niemand mehr vermeinen dürfte, durch Schimpfen irgend 
etwas der Ehre eines Andern nehmen oder der seinigen 
wiedergeben zu können, auch nicht mehr jedes Unrecht, 
jede Rohheit, oder Grobheit, sogleich legitimirt werden 
könnte durch die Bereitwilligkeit Satisfaktion zu geben, 
d. h. sich dafür zu schlagen; so würde bald die Einsicht 
allgemein werden, daß, wenn es an's Schmähen und 
Schimpfen geht, der in diesem Kampfe Besiegte der Sie- 
ger ist, und daß, wie Vincenzo Monti sagt, die Injurien 
es machen wie die Kirchenprocessionen, welche stets da- 
hin zurückkehren von wo sie ausgegangen sind. Femer 
würde es alsdann nicht mehr, wie jetzt, hinreichend sein, 
daß Einer eine Grobheit zu Markte brächte, um Recht zu 
behalten; mithin würden alsdann Einsicht und Verstand 
ganz anders zum Worte kommen, als jetzt, wo sie immer 
erst zu berücksichtigen haben, ob sie nicht irgendwie den 
Meinungen der Beschränktheit und Dummheit, als welche 
schon ihr bloßes Auftreten allarmirt und erbittert hat, 
Anstoß geben und dadurch herbeiführen können, daß das 
Haupt, in welchem sie wohnen, gegen den flachen Schä- 
del, in welchem jene hausen, aufs Würfelspiel gesetzt 
werden müsse. Sonach würde alsdann in der Gesellschaft 
die geistige Überlegenheit das ihr gebührende Primat er- 
langen, welches jetzt, wenn auch verdeckt, die physische 
Überlegenheit und die Husarenkourage hat, und in Folge 
hievon würden die vorzüglichsten Menschen doch schon 
Einen Grund weniger haben, als jetzt, sich von der Ge- 
sellschaft zurückzuziehn. Eine Veränderung dieser Art 
würde demnach den wahren guten Ton herbeiführen und 
der wirklich guten Gesellschaft den Weg bahnen, in der 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 93 

Form, wie sie, ohne Zweifel, in Athen, Korinth und Rom 
bestanden hat. Wer von dieser eine Probe zu sehn wünscht, 
dem empfehle ich das Gastmahl des Xenophon zu lesen. 
Die letzte Vertheidigung des ritterlichen Kodex wird aber, 
ohne Zweifel, lauten: ''Ei, da könnte ja, Gott sei bei uns! 
wohl gar Einer dem Andern einen Schlag versetzen!" — 
worauf ich kurz erwidern könnte, daß dies bei den -^^^ 
der Gesellschaft, die jenen Kodex nicht anerkennen, oft 
genug der Fall gewesen, ohne daß je Einer daran ge- 
storben sei, während bei den Anhängern desselben, in 
der Regel, jeder Schlag ein tödtlicher wird. Aber ich will 
näher darauf eingehen. Ich habe mich oft genug bemüht, 
für die unter einem Theil der menschlichen Gesellschaft 
so fest stehende Überzeugung von der Entsetzlichkeit 
eines Schlages, entweder in der thierischen, oder in der 
vernünftigen Natur des Menschen, irgend einen halt- 
baren, oder wenigstens plausibeln, nur nicht in bloßen 
Redensarten bestehenden, sondern auf deutliche Begrifife 
zurückführbaren Grund zu finden; jedoch vergeblich. Ein 
Schlag ist und bleibt ein kleines physisches Übel, welches 
jeder Mensch dem Andern verursachen kann, dadurch 
aber weiter nichts beweist, als daß er stärker, oder ge- 
wandter sei, oder daß der Andere nicht auf seiner Hut 
gewesen. Weiter ergiebt die Analyse nichts. Sodann sehe 
ich den selben Ritter, welchem ein Schlag von Menschen- 
hand der Übel Größtes dünkt, einen zehn Mal starkem 
Schlag von seinem Pferde erhalten und, mit verbissenem 
Schmerz davonhinkend , versichern, es habe nichts zu 
bedeuten. Da habe ich gedacht, es läge an der Men- 
schenhand. Allein ich sehe unsem Ritter von dieser 
Degenstiche und Säbelhiebe im Kampfe erhalten und ver- 
sichern, es sei Kleinigkeit, nicht der Rede werth. Sodann 
vernehme ich, daß selbst Schläge mit der flachen Klinge 
bei Weitem nicht so schlimm seien, wie die mit dem 
Stocke, daher, vor nicht langer Zeit, die Kadetten wohl 
jenen, aber nicht diesen ausgesetzt waren: und nun gar 
der Ritterschlag, mit der Klinge, ist die größte Ehre. 
Da bin ich denn mit meinen psychologischen und mora- 
lischen Gründen zu Ende, und mir bleibt nichts übrig, 



94 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

als die Sache für einen alten, festgewurzelten Aberglauben 
zu halten, für ein Beispiel mehr, zu so vielen, was Alles 
man den Menschen einreden kann. Dies bestätigt auch 
die bekannte Thatsache, daß in China Schläge mit dem 
Bambusrohr eine sehr häufige bürgerliche Bestrafung, 
selbst für Beamte aller Klassen sind; indem sie uns zeigt, 
daß die Menschennatur, und selbst die hoch civilisirte, 
dort nicht das Selbe aussagt*). Sogar aber lehrt ein un- 
befangener Blick auf die Natur des Menschen, daß die- 
sem das Prügeln so natürlich ist, wie den reißenden Thie- 
ren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen: er ist 
eben ein prügelndes Thier. Daher auch werden wir em- 
pört, wenn wir, in seltenen Fällen, vernehmen, daß ein 
Mensch den andern gebissen habe; hingegen ist, daß er 
Schläge gebe und empfange, ein so natürliches, wie leicht 
eintretendes Ereigniß. Daß höhere Bildung sich auch 
diesem, durch gegenseitige Selbstbeherrschung, gern ent- 
zieht, ist leicht erklärlich. Aber einer Nation, oder auch 
nur einer Klasse, aufzubinden, ein gegebener Schlag sei 
ein entsetzliches Unglück, welches Mord und Todtschlag 
zur Folge haben müsse, ist eine Grausamkeit. Es giebt 
der wahren Übel zu viele auf der Welt, als daß man sich 
erlauben dürfte, sie durch imaginäre, welche die wahren 
herbeiziehn, zu vermehren: das thut aber jener dumme 
und boshafte Aberglaube. Ich muß daher sogar mißbilli- 
gen, daß Regierungen und gesetzgebende Körper dem- 
selben dadurch Vorschub leisten, daß sie mit Eifer auf 
Abstellung aller Prügelstrafen, beim Civil und Militär, 
dringen. Sie glauben dabei im Interesse der Humanität 
zu handeln; während gerade das Gegentheil der Fall ist, 
indem sie dadurch an der Befestigung jenes widernatür- 
lichen und heillosen Wahnes, dem schon so viele Opfer 
gefallen sind, arbeiten. Bei allen Vergehungen, mit Aus- 
nahme der schwersten, sind Prügel die dem Menschen 

*) Vingt ou trente coups de canne sur le derriere, c'est, pour ainsi 
dire, le pain quotidien des Chinois. C'est une correction paternelle 
du mandarin, laquelle n'a rien d'infamant, et qu'ils regoivent avec 
action de gräces. — Lettres ^difiantes et curieuses, Edition de 
1819. Vol. II, p. 454. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 95 

zuerst einfallende, daher die natürliche Bestrafung: wer für 
Gründe nicht empfänglich war, wird es für Prügel sein: und 
daß Der, welcher am Eigenthum, weil er keines hat, nicht 
gestraft werden kann, und den man an der Freiheit, weil 
man seiner Dienste bedarf, nicht ohne eigenen Nachtheil 
strafen kann, durch mäßige Prügel gestraft werde, ist so 
billig, wie natürlich. Auch werden gar keine Gründe da- 
gegen aufgebracht, sondern bloße Redensarten von der 
''Würde des Menschen", die sich nicht auf deutliche Be- 
griffe, sondern eben nur wieder auf obigen verderblichen 
Aberglauben stützen. Daß dieser der Sache zum Grunde 
liege hat eine fast lächerliche Bestätigung daran, daß noch 
vor Kurzem, in manchen Ländern, beim Militär, die Prügel- 
strafe durch die Lattenstrafe ersetzt worden war, welche 
doch, ganz und gar wie jene, die Verursachung eines 
körperlichen Schmerzes ist, nun aber nicht ehrenrührig 
und entwürdigend sein soll. 

Durch dergleichen Beförderung des besagten Aberglaubens 
arbeitet man aber dem ritterlichen Ehrenprincip und da- 
mit dem Duell in die Hände, während man dieses andrer- 
seits durch Gesetze abzustellen bemüht ist, oder doch es 
zu sein vorgiebtf). In Folge davon treibt denn jenes 

f) Der eigentliche Grund, aus welchem die Regierungen schein- 
bar sich beeifem das Duell zu unterdrücken und, während dies 
offenbar, zumal auf Universitäten, sehr leicht wäre, sich stellen, als 
wolle es ihnen nur nicht gelingen, scheint mir folgender: Der 
Staat ist nicht im Stande die Dienste seiner Offiziere und Civilbe- 
amten mit Geld zum Vollen zu bezahlen; daher läßt er die andere 
Hälfte ihres Lohnes in der Ehre bestehn, welche repräsentirt wird 
durch Titel, Uniformen und Orden. Um nun diese ideale Vergütung 
ihrer Dienste im hohen Kourse zu erhalten, muß das Ehrgefühl 
auf alle Weise genährt, geschärft, allenfalls etwas überspannt werden: 
da aber zu diesem Zweck die bürgerliche Ehre nicht ausreicht, schon 
weil man sie mit Jedem theilt; so wird die ritterliche Ehre zu Hülfe 
genommen und besagterweise aufrecht erhalten. In England, als 
wo Militär- und Civil -Besoldungen sehr viel höher stehn, als auf 
dem Kontinent, ist die besagte Aushülfe nicht nöthig: daher eben 
Ist daselbst, zumal in diesen letzten zwanzig Jahren, das Duell fast 
ganz ausgerottet, kommt jetzt höchst selten vor, und wird dann als 
eine Narrheit verlacht; gewiß hat die große Anti-duelling-society, 
welche eine Menge Lords, Admiräle und Generäle zu ihren Mit- 
gliedern zählt, hiezu viel beigetragen, und der Moloch muß sich 
ohne seine Opfer behelfen. 



96 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Fragment des Faustrechts, aus den Zeiten des rohesten 
Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert herabgeweht, sich 
in diesem, zum öffentlichen Skandal, noch immer herum: 
es ist nachgerade an der Zeit, daß es mit Schimpf und 
Schande hinausgeworfen werde. Ist es doch heut zu Tage 
nicht ein Mal erlaubt, Hunde, oder Hähne, methodisch 
auf einander zu hetzen (wenigstens werden in England 
dergleichen Hetzen gestraft); aber Menschen werden, 
wider Willen, zum tödtlichen Kampf auf einander gehetzt, 
durch den lächerlichen Aberglauben des absurden Princips 
der ritterlichen Ehre und durch dessen bornirte Vertreter 
und Verwalter, welche ihnen die Verpflichtung auflegen, 
wegen irgend einer Lumperei, wie Gladiatoren mit ein- 
ander zu kämpfen. Unseren deutschen Puristen schlage 
ich daher, für das Wort Duell, welches wahrschein- 
lich nicht vom lateinischen duellum, sondern vom Spa- 
nischen duelo, Leid, Klage, Beschwerde, herkommt, — 
die Benennung Ritterhetze vor. Die Pedanterei, mit der 
die Narrheit getrieben wird, giebt allerdings Stoff zum 
Lachen. Indessen ist es empörend, daß jenes Princip und 
sein absurder Kodex einen Staat im Staate begründet, 
welcher, kein anderes als das Faustrecht anerkennend, die 
ihm unterworfenen Stände dadurch tyrannisirt, daß er ein 
heiliges Vehmgericht offen hält, vor welches Jeder Jeden, 
mittelst sehr leicht herbeizuführender Anlässe als Schergen, 
laden kann, um ein Gericht auf Tod und Leben über ihn 
und sich ergehn zu lassen. Natürlich wird nun dies der 
Schlupfwinkel, von welchem aus jeder Verworfenste, wenn 
er nur jenen Ständen angehört, den Edelsten und Besten, 
der ihm als solcher nothwendig verhaßt sein muß, be- 
drohen, ja, aus der Welt schaffen kann. Nachdem heut 
zu Tage Justiz und Polizei es so ziemlich dahin gebracht 
haben, daß nicht mehr auf der Landstraße jeder Schurke 
uns zurufen kann ''die Börse oder das Leben", sollte end- 
lich auch die gesunde Vernunft es dahin bringen, daß nicht« 
mehr, mitten im friedlichen Verkehr, jeder Schurke uns 
zurufen könne "die Ehre oder das Leben." Und die Be- 
klemmung sollte den hohem Ständen von der Brust ge- 
nommen werden, welche daraus entsteht, daß Jeder, jeden 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 97 

Augenblick, mit Leib und Leben verantwortlich werden 
kann für die Rohheit, Grobheit, Dummheit oder Bosheit 
irgend eines Andern, dem es gefällt, solche gegen ihn aus- 
zulassen. Daß, wenn zwei junge, unerfahrne Hitzköpfe 
mit Worten an einander gerathen, sie Dies mit ihrem Blut, 
ihrer Gesundheit, oder ihrem Leben büßen sollen, ist 
himmelschreiend, ist schändlich. Wie arg die Tyrannei 
jenes Staates im Staate und wie groß die Macht jenes 
Aberglaubens sei, läßt sich daran ermessen, daß schon 
öfter Leute, denen die Wiederherstellung ihrer verwun- 
deten ritterlichen Ehre, wegen zu hohen, oder zu nied- 
rigen Standes, oder sonst unangemessener Beschaffenheit 
des Beleidigers unmöglich war, aus Verzweiflung darüber 
sich selbst das Leben genommen und so ein tragikomisches 
Ende -gefunden haben. — Da das Falsche und Absurde sich 
am Ende meistens dadurch entschleiert, daß es, auf seinem 
Gipfel, den Widerspruch als seine Blüthe hervortreibt; so 
tritt dieser zuletzt auch hier in Form der schreiendesten 
Antinomie hervor: nämlich dem Offizier ist das Duell ver- 
boten: aber er wird durch Absetzung gestraft, wenn er es, 
vorkommenden Falls, unterläßt. 

Ich will aber, da ich ein Mal dabei bin, in der Parrhesia 
noch weiter gehn. Beim Lichte und ohne Vorurtheil be- 
trachtet, beruht bloß darauf, daß, wie gesagt, jener Staat 
im Staate kein anderes Recht, als das des Stärkeren, also 
das Faustrecht, anerkannt und dieses, zum Gottesurtheil 
erhoben, seinem Kodex zum Grunde gelegt hat, der so 
wichtig gemachte und so hoch genommene Unterschied, 
ob man seinen Feind im offenen, mit gleichen Waffen 
geführten Kampf, oder aus dem Hinterhalt erlegt habe. 
Denn durch Ersteres hat man doch weiter nichts bewiesen, 
als daß man der Stärkere, oder der Geschicktere sei. Die 
Rechtfertigung, die man im Bestehen des offenen Kampfes 
sucht, setzt also voraus, daß das Recht des Stärkeren wirk- 
lich ein Recht sei. In Wahrheit aber giebt der Umstand, 
daß der Andere sich schlecht zu wehren versteht, mir 
zwar die Möglichkeit, jedoch keineswegs das Recht, ihn 
umzubringen; sondern dieses letztere, also meine mora- 
lische Rechtfertigung, kann allein auf den Motiven^ die ich 



98 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

ihm das Leben zu nehmen, habe, beruhen. Nehmen wir 
nun an, diese wären wirklich vorhanden und zureichend; 
so ist durchaus kein Grund da, es jetzt noch davon ab- 
hängig zu machen, ob er, oder ich, besser schießen oder 
fechten könne, sondern dann ist es gleichviel, aufweiche 
Art ich ihm das Leben nehme, ob von hinten oder von 
vorne. Denn moralisch hat das Recht des Stärkeren nicht 
mehr Gewicht, als das Recht des Klügeren, welches beim 
hinterlistigen Morde angewandt wird: hier wiegt also dem 
Faustrecht das Kopfrecht gleich; wozu noch bemerkt sei, 
daß auch beim Duell das eine wie das andere geltend ge- 
macht wird, indem schon jede Finte, beim Fechten, Hin-^ 
terlist ist. Halte ich mich moralisch gerechtfertigt, Einem 
das Leben zu nehmen; so ist es Dummheit, es jetzt noch 
erst darauf ankommen zu lassen, ob er etwan besser 
schießen oder fechten könne, als ich; in welchem Fall er 
dann, umgekehrt, mir, den er schon beeinträchtigt hat, 
noch obendrein das Leben nehmen soll. Daß Beleidi- 
gungen nicht durch das Duell, sondern durch Meuchel- 
mord zu rächen seien, ist Rousseau^s Ansicht, die er be- 
hutsam andeutet, in der so geheimnißvoll gehaltenen 2 1 . 
Anmerkung zum 4. Buche des Emile (S. 173, Bip.). Da- 
bei aber ist er so stark im ritterlichen Aberglauben be- 
fangen, daß er schon den erlittenen Vorwurf der Lüge als 
eine Berechtigung zum Meuchelmorde ansieht; während 
er doch wissen mußte, daß jeder Mensch diesen Vorwurf 
unzählige Mal verdient hat, ja, er selbst im höchsten 
Grade. Das Vorurtheil aber, welches die Berechtigung, 
den Beleidiger zu tödten, durch den oflfenen Kampf, mit 
gleichen Wafifen, bedingt sein läßt, hält offenbar das Faust- 
recht für ein wirkliches Recht und den Zweikampf für ein 
Gottesurtheil. Der Italiäner hingegen, welcher, von Zorn 
entbrannt, seinen Beleidiger, wo er ihn findet, ohne Wei- 
teres, mit dem Messer anfällt, handelt wenigstens konse- 
quent und naturgemäß: er ist klüger, aber nicht schlechter, 
als der Duellant. Wollte man sagen, daß ich, bei der 
Tödtung meines Feindes im Zweikampf, dadurch gerecht- 
fertigt sei, daß er eben sich bemühe, mich zu tödten; so 
steht Dem entgegen, daß ich, durch die Herausforderung, 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 99 

ihn in den Fall der Nothwehr versetzt habe. Dieses sich 
absichtlich gegenseitig in den Fall der Nothwehr versetzen, 
heißt im Grunde nur, einen plausibeln Vorwand für den 
Mord suchen. Eher ließe sich die Rechtfertigung durch 
den Grundsatz volenti non fit injuria hören; sofern man 
durch gegenseitige Übereinkunft sein Leben auf dieses 
Spiel gesetzt hat: aber Dem steht entgegen, daß es mit 
dem volenti nicht seine Richtigkeit hat; indem die Tyran- 
nei des ritterlichen Ehrenprincips und seines absurden 
Kodex der Scherge ist, welcher beide, oder wenigstens 
einen der beiden Kämpen vor dieses blutige Vehmgericht 
geschleppt hat. 

Ich bin über die ritterliche Ehre weitläuftig gewesen, aber 
in guter Absicht und weil gegen die moralischen und in- 
tellektuellen Ungeheuer auf dieser Welt der alleinige Her- 
kules die Philosophie ist. Zwei Dinge sind es hauptsäch- 
lich, welche den gesellschaftlichen Zustand der neuen Zeit 
von dem des Alterthums, zum Nachtheil des ersteren unter- 
scheiden, indem sie demselben einen ernsten, finstern, 
sinistern Anstrich gegeben haben, von welchem frei das 
Alterthum heiter und unbefangen, wie der Morgen des 
Lebens, dasteht. Sie sind: das ritterliche Ehrenprincip 
und die venerische Krankheit, — par nobile fratrum! Sie 
zusammen haben vetxo? xat cptXta des Lebens vergiftet. 
Die venerische Krankheit nämlich erstreckt ihren Einfluß 
viel weiter, als es auf den ersten Blick scheinen möchte, 
indem derselbe keineswegs ein bloß physischer, sondern 
auch ein moralischer ist. Seitdem Amors Köcher auch 
vergiftete Pfeile führt, ist in das Verhältniß der Geschlech- 
ter zu einander ein fremdartiges, feindseliges, ja teufli- 
sches Element gekommen; in Folge wovon ein finsteres 
und furchtsames Mißtrauen es durchzieht; und der mittel- 
bare Einfluß einer solchen Änderung in der Grundfeste 
aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt sich, mehr oder 
weniger, auch auf die übrigen geselligen Verhältnisse; wel- 
ches auseinanderzusetzen mich hier zu weit abführen würde. 
— Analog, wiewohl ganz anderartig, ist der Einfluß des 
ritterlichen Ehrenprincips, dieser ernsthaften Posse, welche 
den Alten fi-emd war, hingegen die moderne Gesellschaft 



I oo APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

steif, ernst und ängstlich macht, schon weil jede flüchtige 
Äußerung skrutinirt und ruminirt wird. Aber mehr als 
Dies! Jenes Princip ist ein allgemeiner Minotaur, dem 
nicht, wie dem antiken, von einem, sondern von jedem 
Lande in Europa, alljährlich eine Anzahl Söhne edeler 
Häuser zum Tribut gebracht werden muß. Daher ist es 
an der Zeit, daß diesem Popanz ein Mal kühn zu Leibe 
gegangen werde, wie hier geschehn. Möchten doch beide 
Monstra der neueren Zeit im 19. Jahrhundert ihr Ende 
finden! Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß es 
mit dem ersteren den Ärzten, mittelst der Prophylaktika, 
endlich doch noch gelingen werde. Den Popanz aber ab- 
zuthun ist Sache des Philosophen, mittelst Berichtigung 
der Begriffe, da es den Regierungen, mittelst Handhabung 
der Gesetze, bisher nicht hat gelingen wollen, zudem auch 
nur auf dem ersteren Wege das Übel an der Wurzel an- 
gegriffen wird. Sollte es inzwischen den Regierungen mit 
der Abstellung des Duellwesens wirklich Ernst sein und 
der geringe Erfolg ihres Bestrebens wirklich nur an ihrem 
Unvermögen liegen; so will ich ihnen ein Gesetz vor- 
schlagen, für dessen Erfolg ich einstehe, und zwar ohne 
blutige Operationen, ohne Schafott, oder Galgen, oder 
lebenswierige Einsperrungen, zu Hülfe zu nehmen. Viel- 
mehr ist es ein kleines, ganz leichtes, homöopathisches 
Mittelchen: wer einen Andern herausfordert, oder sich 
stellt, erhält, älaChinoise, am hellen Tage, vor der Haupt- 
wache, 12 Stockschläge vom Korporal, die Kartellträger 
und Sekundanten jeder 6. Wegen der etwanigen Folgen 
wirklich vollzogener Duelle bliebe das gewöhnliche krimi- 
nelle Verfahren. Vielleicht würde ein ritterlich Gesinnter 
mir einwenden, daß nach Vollstreckung solcher Strafe 
mancher ''Mann von Ehre" im Stande sein könnte, sich 
todtzuschießen; worauf ich antworte: es ist besser, daß so 
ein Narr sich selber todtschießt, als Andere.- — Im Grunde 
aber weiß ich sehr wohl, daß es den Regierungen mit der 
Abstellung der Duelle nicht Ernst ist. Die Gehalte der 
Civilbeamten, noch viel mehr aber die der Offiziere, stehen 
(von den höchsten Stellen abgesehn) weit unter dem Werth 
ihrer Leistungen. Zur andern Hälfte werden sie daher mit 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT i o i 

der Ehre bezahlt. Diese wird zunächst durch Titel und 
Orden vertreten, im weiteren Sinne durch die Standes- 
ehre überhaupt. Für diese Standesehre nun ist das Duell 
ein brauchbares Handpferd; daher es auch schon auf den 
Universitäten seine Vorschule hat. Die Opfer desselben 
bezahlen demnach mit ihrem Blut das Deficit der Ge- 
halte. — 

Der Vollständigkeit wegen sei hier noch die Nationalehre 
erwähnt. Sie ist die Ehre eines ganzen Volkes als Theiles 
der Völkergemeinschaft. Da es in dieser kein anderes 
Forum giebt, als das der Gewalt, und demnach jedes Mit- 
glied derselben seine Rechte selbst zu schützen hat; so 
besteht die Ehre einer Nation nicht allein in der erwor- 
benen Meinung, daß ihr zu trauen sei (Kredit), sondern 
auch in der, daß sie zu fürchten sei: daher darf sie Ein- 
griffe in ihre Rechte niemals ungeahndet lassen. Sie ver- 
einigt also den Ehrenpunkt der bürgerlichen mit dem der 
ritterlichen Ehre. — 

Zu Dem, was einer vorstellt^ d. h. in den Augen der Welt 
ist, war oben, in letzter Stelle, der Ruhm gezählt worden: 
diesen hätten wir also noch zu betrachten. — Ruhm und 
Ehre sind Zwillingsgeschwister; jedoch so, wie die Dios- 
kuren, von denen PoUux unsterblich und Kastor sterblich 
war: der Ruhm ist der unsterbliche Bruder der sterblichen 
Ehre. Freilich ist dies nur vom Ruhme höchster Gattung, 
dem eigentlichen und ächten Ruhme, zu verstehen: denn 
es giebt allerdings auch mancherlei ephemeren Ruhm. — 
Die Ehre, nun ferner, betrifft bloß solche Eigenschaften, 
welche von Jedem, der in den selben Verhältnissen steht, 
gefordert werden; der Ruhm bloß solche, die man von 
Niemanden fordern darf; die Ehre solche, die Jeder sich 
selber öffentlich beilegen darf; der Ruhm solche, die 
Keiner sich selber beilegen darf. Während unsere Ehre 
so weit reicht, wie die Kunde von uns; so eilt, umge- 
kehrt, der Ruhm der Kunde von uns voran und bringt 
diese so weit er selbst gelangt. Auf Ehre hat Jeder An- 
spruch; auf Ruhm nur die Ausnahmen: denn nur durch 
außerordentliche Leistungen wird Ruhm erlangt. Diese 
nun wieder sind entweder Thaten, oder Werke; wonach 



I02 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

zum Ruhme zwei Wege offen stehn. Zum Wege der Thaten 
befähigt vorzüglich das große Herz; zu dem der Werke 
der große Kopf. Jeder der beiden Wege hat seine eigenen 
Vortheile und Nachtheile. Der Hauptunterschied ist, daß 
die Thaten vorübergehn, die Werke bleiben. Die edelste 
That hat doch nur einen zeitweiligen Einfluß; das geniale 
Werk hingegen lebt und wirkt, wohlthätig und erhebend, 
durch alle Zeiten. Von den Thaten bleibt nur das An- 
denken, welches immer schwächer, entstellter und gleich- 
gültiger wird, allmälig sogar erlöschen muß, wenn nicht 
die Geschichte es aufnimmt und es nun im petrificirten 
Zustande der Nachwelt überliefert. Die Werke hingegen 
sind selbst unsterblich, und können, zumal die schrift- 
lichen, alle Zeiten durchleben. Von Alexander dem Großen 
lebt Name und Gedächtniß: aber Plato und Aristoteles, 
Homer und Horaz sind noch selbst da, leben und wirken 
unmittelbar. Die Veden, mit ihren Upanischaden, sind 
da: aber von allen den Thaten, die zu ihrer Zeit geschehn, 
ist gar keine Kunde auf uns gekommen f ). — Ein anderer 
Nachtheil der Thaten ist ihre Abhängigkeit von der Ge- 
legenheit, als welche erst die Möglichkeit dazu geben muß; 
woran sich knüpft, daß ihr Ruhm sich nicht allein nach 
ihrem innern Werthe richtet, sondern auch nach den Um- 
ständen, welche ihnen Wichtigkeit und Glanz ertheilen. 

f ) Demnach ist es ein schlechtes Kompliment, wenn man, wie heut 
zu Tage Mode ist, Werke dadurch zu ehren vermeint, daß man sie 
Thaten titulirt. Denn Werke sind wesentlich höherer Art. Eine 
That ist immer nur eine Handlung auf Motiv, mithin ein Einzelnes, 
Vorübergehendes, und ist ein dem allgemeinen und ursprünglichen 
Element der Welt, dem Willen, Angehöriges. Ein großes oder 
schönes Werk hingegen ist ein Bleibendes, weil von allgemeiner 
Bedeutung, und ist der Intelligenz entsprossen, der schuldlosen, 
reinen, dieser Willenswelt wie ein Duft entsteigenden. 
Ein Vortheil des Ruhmes der Thaten ist, daß er in der Regel sogleich 
eintritt mit einer starken Explosion, oft so stark, daß sie in ganz 
Europa gehört wird; während der Ruhm der Werke langsam und 
allmälig eintritt, erst leise, dann immer lauter, und oft erst nach 
hundert Jahren seine ganze Stärke erreicht : dann aber bleibt er, 
weil die Werke bleiben, bisweilen Jahrtausende hindurch. Jener 
andere hingegen wird, nachdem die erste Explosion vorüber ist, 
allmälig schwächer, Wenigeren bekannt und immer Wenigeren, bis 
er zuletzt nur noch in der Historie ein gespensterhaftes Dasein führt. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 103 

Zudem ist er, wenn, wie im Kriege, die Thaten rein per- 
sönliche sind, von der Aussage weniger Augenzeugen ab- 
hängig: diese sind nicht immer vorhanden und dann nicht 
immer gerecht und unbefangen. Dagegen aber haben die 
Thaten den Vortheil, daß sie, als etwas Praktisches, im 
Bereich der allgemeinen menschlichen Urtheilsfähigkeit 
liegen; daher ihnen, wenn dieser nur die Data richtig über- 
liefert sind, sofort Gerechtigkeit widerfährt; es sei denn, 
daß ihre Motive erst später richtig erkannt, oder gerecht 
abgeschätzt werden: denn zum Verständniß einer jeden 
Handlung gehört Kenntniß des Motivs derselben. Um- 
gekehrt steht es mit den Werken: ihre Entstehung hängt 
nicht von der Gelegenheit, sondern allein von ihrem Ur- 
heber ab, und was sie an und für sich sind bleiben sie, so 
lange sie bleiben. Bei ihnen liegt dagegen die Schwierig- 
keit im Urtheil, und sie ist um so größer, in je höherer 
Gattung sie sind: oft fehlt es an kompetenten, oft an un- 
befangenen und redlichen Richtern. Dagegen nun wieder 
wird ihr Ruhm nicht von einer Instanz entschieden; son- 
dern es findet Appellation Statt. Denn während, wie ge- 
sagt, von den Thaten bloß das Andenken auf die Nach- 
welt kommt und zwar so, wie die Mitwelt es überliefert; 
so kommen hingegen die Werke selbst dahin, und zwar, 
etwan fehlende Bruchstücke abgerechnet, so, wie sie sind: 
hier giebt es also keine Entstellung der Data, und auch der 
etwan nachtheilige Einfluß der Umgebung, bei ihrem Ur- 
sprünge, fallt später weg. Vielmehr bringt oft erst die 
Zeit, nach und nach, die wenigen wirklich kompetenten 
Richter heran, welche, schon selbst Ausnahmen, über noch 
größere Ausnahmen zu Gerichte sitzen: sie geben successiv 
ihre gewichtigen Stimmen ab, und so steht, bisweilen 
freilich erst nach Jahrhunderten, ein vollkommen gerech- 
tes Urtheil da, welches keine Folgezeit mehr umstößt. So 
sicher, ja, unausbleiblich ist der Ruhm der Werke. Hin- 
gegen daß ihr Urheber ihn erlebe, hängt von äußern Um- 
ständen und dem Zufall ab: es ist um so seltener, je 
höherer und schwierigerer Gattung sie waren. Diesem 
gemäß sagt Seneka (ep. 79.) unvergleichlich schön, daß 
dem Verdienste sein Ruhm so unfehlbar folge, wie dem 



I04 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Körper sein Schatten, nur aber freilich, eben wie auch 
dieser, bisweilen vor, bisweilen hinter ihm herschreite, 
und fügt, nachdem er dies erläutert hat, hinzu: etiamsr 
Omnibus tecum viventibus silentium livor indixerit^ venient 
qui sine offensa, sine gratia judicent; woraus wir neben- 
bei ersehn, daß die Kunst des Unterdrückens der Ver- 
dienste durch hämisches Schweigen und Ignoriren, um, 
zu Gunsten des Schlechten, das Gute dem Publiko zu ver- 
bergen, schon bei den Lumpen des Seneka'schen Zeit- 
alters üblich war, so gut wie bei denen des unsrigen, und 
daß jenen, wie diesen, der Neid die Lippen zudrückte. — In 
der Regel wird sogar der Ruhm, je länger er zu dauern hat, 
desto später eintreten; wie ja alles Vorzügliche langsam 
heranreift. Der Ruhm, welcher zum Nachruhm werden 
will, gleicht einer Eiche, die aus ihrem Saamen sehr lang- 
sam emporwächst; der leichte, ephemere Ruhm den ein- 
jährigen, schnellwachsenden Pflanzen, und der falsche 
Ruhm gar dem schnell hervorschießenden Unkraute, das 
schleunigst ausgerottet wird. Dieser Hergang beruht 
eigentlich darauf, daß, je mehr Einer der Nachwelt, d. i. 
eigentlich der Menschheit überhaupt und im Ganzen, an- 
gehört, desto fremder er seinem Zeitalter ist; weil was er 
hervorbringt nicht diesem speciell gewidmet ist, also nicht 
demselben als solchem, sondern nur sofern es ein Theil 
der Menschheit ist, angehört und daher auch nicht mit 
dessen Lokalfarbe tingirt ist: in Folge hievon aber kann 
es leicht kommen, daß dasselbe, ihn fremd an sich vor- 
tibergehn läßt. Es schätzt vielmehr Die, welche den An- 
gelegenheiten seines kurzen Tages, oder der Laune des 
Augenblicks dienen und daher ganz ihm angehören, mit 
ihm leben und mit ihm sterben. Demgemäß lehren Kunst- 
und Litteratur- Geschichte durchgängig, daß die höchsten 
Leistungen des menschlichen Geistes, in der Regel, mit 
Ungunst aufgenommen worden und darin so lange ge- 
blieben sind, bis Geister höherer Art herankamen, die 
von ihnen angesprochen wurden und sie zu dem Ansehn 
brachten, in welchem sie nachher, durch die so erlangte 
Auktorität, sich erhalten haben. Dies Alles nun aber 
beruht, im letzten Grunde, darauf, daß Jeder eigentlich 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 105 

nur das ihm Homogene verstehn und schätzen kann. Nun 
aber ist dem Platten das Platte, dem Gemeinen das Ge- 
meine, dem Unklaren das Verworrene, dem Hirnlosen das 
Unsinnige homogen, und am allerbesten gefallen Jedem 
^eine eigenen Werke, als welche ihm durchaus homogen 
sind. Daher sang schon der alte fabelhafte Epicharmos: 

öaufxacto'^ ouBev eoxi, (ae raud' 06x01 XsYeiv, 
Kai dvBavetv auxoioiv auxou?, %ai Boxsiv 
KaXtoc 7:£cpu%£vaf xat y^P ^ ^utov ■xuvi 
KaXXtoxov etfjt-ev cpaivexat, xai ßoy? ßot, 
Ovo« 5e ovip xaXXioxov, u; Se öt. 

welches ich, damit es Keinem verloren gehe, verdeut- 
schen will: 

Kein Wunder ist es, daß ich red' in meinem Sinn, 
Und Jene, selbst sich selbst gefallend, stehn im Wahn, 
Sie wären lobenswerth: so scheint dem Hund der Hund 
Das schönste Wesen, so dem Ochsen auch der Ochs, 
Dem Esel auch der Esel, und dem Schwein das Schwein. 

Wie selbst der kräftigste Arm, wenn er einen leichten 
Körper fortschleudert, ihm doch keine Bewegung ertheilen 
kann, mit der er weit flöge und heftig träfe, sondern der- 
selbe schon in der Nähe matt niederfällt, weil es ihm an 
eigenem materiellen Gehalte gefehlt hat, die fremde Kraft 
aufzunehmen; — eben so ergeht es schönen und großen 
Gedanken, ja den Meisterwerken des Genies, wenn, sie 
aufzunehmen, keine andere, als kleine, schwache, oder 
schiefe Köpfe dasind. Dies zu bejammern haben die 
Stimmen der Weisen aller Zeiten sich zum Chorus ver- 
eint. Z. B. Jesus Sirach sagt, "wer mit einem Narren 
redet, der redet mit einem Schlafenden. Wenn es aus 
ist, so spricht er: was ist's?" — Und Hamlet: a knavish 
speech sleeps in a fool's ear (eine schalkhafte Rede schläft 
im Ohr eines Narren). Und Goethe: 

Das glücklichste Wort es wird verhöhnt, 
Wenn der Hörer ein Schiefohr ist. 

und wieder: 

Du wirkest nicht. Alles bleibt so stumpf, 
Sei guter Dinge! 
Der Stein im Sumpf 
Macht keine Ringe. 



I o6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Und Lichtenberg: ''wenn ein Kopf und ein Buch zusam- 
menstoßen und es klingt hohl; ist denn das allemal im 
Buche?" — und wieder: ''Solche Werke sind Spiegel, wenn 
ein Affe hineinguckt, kann kein Apostel heraussehn," Ja, 
Vater Geliert's gar schöne und rührende Klage darüber, 
verdient wohl ein Mal wieder in Erinnerung gebracht zu 
werden: 

"Daß oft die allerbesten Gaben 

Die wenigsten Bewund'rer haben, 

Und daß der größte Theil der Welt 

Das Schlechte für das Gute hält; 

Dies Übel sieht man alle Tage. 

Jedoch, wie wehrt man dieser Pest? 

Ich zweifle, daß sich diese Plage 

Aus unsrer Welt verdrängen läßt. 

Ein "einzig Mittel ist auf Erden, 

Allein es ist unendlich schwer: 

Die Narren müssen weise werden; 

Und seht! sie werden's nimmermehr. 

Nie kennen sie den Werth der Dinge. 

Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand: 

Sie loben ewig das Geringe, 

Weil sie das Gute nie gekannt." 

Zu dieser intellektuellen Unfähigkeit der Menschen, in 
Folge welcher das Vortreffliche, wie Goethe sagt, noch 
seltener erkannt und geschätzt, als gefunden wird, ge- 
sellt sich nun, hier wie überall, auch noch die moralische 
Schlechtigkeit derselben, und zwar als Neid auftretend. 
Durch den Ruhm nämlich, den Einer erwirbt, wird aber- 
mals Einer mehr über Alle seiner Art erhoben: diese 'wer- 
den also um eben so viel herabgesetzt, so daß jedes aus- 
gezeichnete Verdienst seinen Ruhm auf Kosten Derer 
erlangt, die keines haben. 

"Wenn wir Andern Ehre geben. 
Müssen wir uns selbst entadeln." 

Goethe. W. Ö. Divan. 

Hieraus erklärt es sich, daß, in welcher Gattimg auch 
immer das Vortreffliche auftreten mag, sogleich die ge- 
sammte, so zahlreiche Mittelmäßigkeit verbündet tmd 
verschworen ist, es nicht gelten zu lassen, ja, wo möglich, 
es zu ersticken. Ihre heimliche Parole ist: ä bas le mdrite. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 107 

Aber sogar auch Die, welche selbst Verdienste besitzen 
und bereits den Ruhm desselben erlangt haben, werden 
nicht gern das Auftreten eines neuen Ruhmes sehn, durch 
dessen Glanz der des ihrigen um so viel weniger leuchtet. 
Daher sagt selbst Goethe: 

"Hätt'ich gezaudert zu werden, 

Bis man mir's Leben gegönnt, 

Ich wäre noch nicht auf Erden, 

Wie ihr begreifen könnt, 

Wenn ihr seht, wie sie sich geberden, 

Die, um etwas zu scheinen, 

Mich gerne möchten verneinen." 

Während also die Ehre^ in der Regel, gerechte Richter 
findet und kein Neid sie anficht, ja sogar sie Jedem zum 
voraus, auf Kredit, verliehen wird, muß der Ruhm^ dem 
Neid zum Trotz, erkämpft werden, und den Lorbeer theilt 
ein Tribunal entschieden ungünstiger Richter aus. Denn 
die Ehre können und wollen wir mit Jedem theilen: der 
Ruhm wird geschmälert oder erschwert, durch Jeden, der 
ihn erlangt. — Nun ferner steht die Schwierigkeit der Er- 
langung des Ruhmes durch Werke im umgekehrten Ver- 
hältniß der Menschenzahl, die das Publikum solcher Werke 
ausmacht; aus leicht abzusehenden Gründen. Daher ist 
sie viel größer bei Werken, welche Belehrung, als bei 
solchen, welche Unterhaltung verheißen. Am größten ist 
sie bei philosophischen Werken; weil die Belehrung, welche 
diese versprechen, einerseits ungewiß, und andrerseits 
ohne materiellen Nutzen ist; wonach denn solche zunächst 
vor einem Publiko auftreten, das aus lauter Mitbewerbern 
besteht. — Aus den dargelegten Schwierigkeiten, die der 
Erlangung des Ruhmes entgegenstehn, erhellt, daß wenn 
Die, welche ruhmwürdige Werke vollenden, es nicht aus 
Liebe zu diesen selbst und eigener Freude daran thäten, 
sondern der Aufmunterung durch den Ruhm bedürften, 
die Menschheit wenige, oder keine, unsterbliche Werke 
erhalten haben würde. Ja, sogar muß, wer das Gute und 
Rechte hervorbringen und das Schlechte vermeiden soll, 
dem Urtheile der Menge und ihrer Wortführer Trotz bieten, 
mithin sie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der 
Bemerkung, die besonders Osorius (de gloria) hervorhebt. 



io8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

daß der Ruhm vor Denen flieht, die ihn suchen, und Denen 
folgt, die ihn vernachlässigen: denn Jene bequemen sich 
dem Geschmack ihrer Zeitgenossen an. Diese trotzen ihm. 
So schwer es demnach ist, den Ruhm zu erlangen, so leicht 
ist es, ihn zu behalten. Auch hierin steht er im Gegensatz 
mit der Ehre. Diese wird Jedem, sogar auf Kredit, ver- 
liehen: er hat sie nur zu bewahren. Hier aber liegt die 
Aufgäbe: denn durch eine einzige nichtswürdige Handlung 
geht sie unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen 
kann eigentlich nie verloren gehn: denn die That, oder 
das Werk, durch die er erlangt worden, stehn für immer 
fest, und der Ruhm derselben bleibt ihrem Urheber, auch 
wenn er keinen neuen hinzufügt. Wenn jedoch der Ruhm 
wirklich verklingt, wenn er überlebt wird; so war er un- 
ächt, d.h. unverdient, durch augenblickliche Überschätzung 
entstanden, wo nicht gar so ein Ruhm wie Hegel ihn hatte 
und Lichtenberg ihn beschreibt, ^'ausposaunt von einer 
freundschaftlichen Kandidatenjunta und vom Echo leerer 

Köpfe widergehallt; aber die Nachwelt, wie wird sie 

lächeln, wann sie dereinst an die bunten Wörtergehäuse, 
die schönen Nester ausgeflogener Mode und die Woh- 
nungen weggestorbener Verabredungen anklopfen und 
Alles, Alles leer finden wird, auch nicht den kleinsten Ge- 
danken, der mit Zuversicht sagen könnte: hereinV — 
Der Ruhm beruht eigentlich auf Dem, was Einer im Ver- 
gleich mit den Übrigen ist. Demnach ist er wesentlich 
ein Relatives, kann daher auch nur relativen Werth haben. 
Er fiele ganz weg, wenn die Übrigen würden was der Ge- 
rühmte ist. Absoluten Werth kann nur Das haben, was ihn 
unter allen Umständen behält, also hier, was Einer un- 
mittelbar und für sich selbst ist: folglich muß hierin der 
Werth und das Glück des großen Herzens und des großen 
Kopfes liegen. Also nicht der Ruhm, sondern Das, wo- 
durch man ihn verdient, ist das WerthvoUe. Denn es ist 
gleichsam die Substanz und der Ruhm nur das Accidens 
der Sache: ja dieser wirkt auf den Gerühmten hauptsäch- 
lich als ein äußerliches Symptom, durch welches er die 
Bestätigung seiner eigenen hohen Meinung von sich selbst 
erhält; demnach man sagen könnte, daß, wie das Licht 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 109 

gar nicht sichtbar ist, wenn es nicht von einem Körper 
zurückgeworfen wird; ebenso jede Trefflichkeit erst durch 
den Ruhm ihrer selbst recht gewiß wird. Allein er ist nicht 
ein Mal ein untrügliches Symptom; da es auch Ruhm ohne 
Verdienst und Verdienst ohne Ruhm giebt; weshalb ein 
Ausdruck Lessings so artig herauskommt: "einige Leute 
sind berühmt, und andere verdienen es zu sein." Auch 
wäre es eine elende Existenz, deren Werth oder Unwerth 
darauf beruhte, wie sie in den Augen Anderer erschiene: 
eine solche aber wäre das Leben des Helden und des 
Genies, wenn dessen Werth im Ruhme, d. h. im Beifall 
Anderer, bestände. Vielmehr lebt und existirt ja jegliches 
Wesen seiner selbst wegen, daher auch zunächst in sich 
und für sich. — Was Einer ist, in welcher Art und Weise 
es auch sei, das ist er zuvörderst und hauptsächlich für 
sich selbst: und wenn es hier nicht viel werth ist, so ist 
es überhaupt nicht viel. Hingegen ist das Abbild seines 
Wesens in den Köpfen Anderer ein Sekundäres, Abgelei- 
tetes und dem Zufall Unterworfenes, welches nur sehr 
mittelbar sich auf das Erstere zurückbezieht. Zudem sind 
die Köpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als daß 
auf ihm das wahre Glück seinen Ort haben könnte. Viel- 
mehr ist daselbst nur ein chimärisches Glück zu finden. 
Welche gemischte Gesellschaft trifft doch in jenem Tempel 
des allgemeinen Ruhms zusammen! Feldherren, Minister, 
Quacksalber, Gaukler, Tänzer, Sänger, Millionäre und 
Juden: ja, die Vorzüge aller dieser werden dort viel auf- 
richtiger geschätzt, finden viel mehr estime sentie, als die 
geistigen, zumal der hohen Art, die ja bei der großen 
Mehrzahl nur eine estime sur parole erlangen. In eudä- 
monologischer Hinsicht ist also der Ruhm nichts weiter, 
als der seltenste und köstlichste Bissen für unsern Stolz 
und unsere Eitelkeit. Diese aber sind in den meisten Men- 
schen, obwohl sie es verbergen, übermäßig vorhanden, 
vielleicht sogar am Stärkesten in Denen, die irgendwie 
geeignet sind, sich Ruhm zu erwerben, und daher meistens 
das unsichere Bewußtsein ihres überwiegenden Werthes 
lange in sich herumtraten müssen, ehe die Gelegenheit 
kommt, solchen zu erproben und dann die Anerkennung 



1 1 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

desselben zu erfahren: bis dahin war ihnen zu Muthe, als 
erlitten sie ein heimliches Unrecht^). Überhaupt aber 
ist ja, wie am Anfange dieses Kapitels erörtert worden, 
der Werth, den der Mensch auf die Meinung Anderer von 
ihm legt, ganz unverhältnißmäßig und unvernünftig; so 
daß Hobbes die Sache zwar sehr stark, aber vielleicht doch 
richtig ausgedrückt hat in den Worten: omnis animi vo- 
luptas, omnisque alacritas in eo sita est, quod quis habeat 
quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de se 
ipso (de cive. I, 5). Hieraus ist der hohe Werth erklärlich, 
den man allgemein auf den Ruhm legt, und die Opfer, 
welche man bringt, in der bloßen Hoffnung, ihn dereinst 
zu erlangen: 

Farne is the spur, that the clear spirit doth raise 

(That last infirmity of noble minds) 

To scom delights and live laborious days. 

wie auch: 

how hard it is to climb 
The hights where Fame's proud temple shines afar. 

Hieraus endlich erklärt es sich auch, daß die eitelste aller 
Nationen beständig la gloire im Munde führt und solche 
unbedenklich als die Haupttriebfeder zu großen Thaten 
und großen Werken ansieht. — Allein, da unstreitig der 
Ruhm nur das Sekundäre ist, das bloße Echo, Abbild, 
Schatten, Symptom des Verdienstes, und da jedenfalls das 
Bewunderte mehr Werth haben muß, als die Bewunderung; 
so kann das eigentlich Beglückende nicht im Ruhme liegen, 
sondern in Dem, wodurch man ihn erlangt, also im Ver- 
dienste selbst, oder, genauer zu reden, in der Gesinnung 
und den Fähigkeiten, aus denen es hervorging, es mag 
nun morahscher, oder intellektueller Art sein. Denn das 
Beste, was Jeder ist, muß er noth wendig für sich selbst 
sein: was davon in den Köpfen Anderer sich abspiegelt 
und er in ihrer Meinung gilt ist Nebensache und kann nur 

•f) Da unser größtes Vergnügen darin besteht, bewundert zu wer- 
den, die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern 
dazu herbeilassen; so ist der Glücklichste Der, welcher, gleichviel 
wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundem. 
Nur müssen die Andern ihn nicht irre machen. 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 1 1 1 

von untergeordnetem Interesse für ihn sein. Wer dem- 
nach nur den Ruhm verdient^ auch ohne ihn zu erhalten, 
besitzt bei Weitem die Hauptsache, und was er entbehrt 
ist etwas, darüber er sich mit derselben trösten kann. 
Denn nicht daß Einer von der urtheilslosen, so oft be- 
thörten Menge für einen großen Mann gehalten werde, 
sondern daß er es sei, macht ihn beneidenswerth; auch 
nicht, daß die Nachwelt von ihm erfahre, sondern daß in 
ihm sich Gedanken erzeugen, welche verdienen, Jahr- 
hunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu wer- 
den, ist ein hohes Glück. Zudem kann Dieses ihm nicht 
entrissen werden: es ist xwv ecp' "J^jfitv, jenes Andere tcuv 
oux ecp' T?j}iiv. Wäre hingegen die Bewunderung selbst die 
Hauptsache; so wäre das Bewunderte ihrer nicht werth. 
Dies ist wirklich der Fall beim falschen, d. i. unverdienten 
Ruhm. An diesem muß sein Besitzer zehren, ohne Das, 
wovon derselbe das Symptom, der bloße Abglanz, sein 
soll, wirklich zu haben. Aber sogar dieser Ruhm selbst 
muß ihm oft verleidet werden, wann bisweilen, trotz aller, 
aus der Eigenliebe entspringenden Selbsttäuschung, ihm 
auf der Höhe, für die er nicht geeignet ist, doch schwin- 
delt, oder ihm zu Muthe wird, als wäre er ein kupferner 
Dukaten; wo dann die Angst vor Enthüllung und verdien- 
ter Demüthigung ihn ergreift, zumal wann er auf den Stir- 
nen der Weiseren schon das Urtheil der Nachwelt liest. 
Er gleicht sonach dem Besitzer durch ein falsches Testa- 
ment. — Den ächtesten Ruhm, den Nachruhm, vernimmt 
sein Gegenstand ja nie, und doch schätzt man ihn glück- 
lich. Also bestand sein Glück in den großen Eigenschaften 
selbst, die ihm den Ruhm erwarben, und darin, daß er 
Gelegenheit fand, sie zu entwickeln, also daß ihm ver- 
gönnt wurde, zu handeln, wie es ihm angemessen war, 
oder zu treiben was er mit Lust und Liebe trieb: denn 
nur die aus dieser entsprungenen Werke erlangen Nach- 
ruhm. Sein Glück bestand also in seinem großen Herzen, 
oder auch im Reichthum eines Geistes, dessen Abdruck, 
in seinen Werken, die Bewunderung kommender Jahr- 
hunderte erhält; es bestand in den Gedanken selbst, wel- 
chen nachzudenken, die Beschäftigung und der Genuß der 



1 1 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

edelsten Geister einer unabsehbaren Zukunft ward. Der 
Werth des Nachruhms liegt also im Verdienen desselben, 
und dieses ist sein eigener Lohn. Ob nun die Werke, 
welche ihn erwarben, unterweilen auch den Ruhm der 
Zeitgenossen hatten, hing von zufälligen Umständen ab 
und war nicht von großer Bedeutung. Denn da die Men- 
schen in der Regel ohne eigenes Urtheil sind und zumal 
hohe und schwierige Leistungen abzuschätzen durchaus 
keine Fähigkeit haben; so folgen sie hier stets fremder 
Auktorität, und der Ruhm, in hoher Gattung, beruht bei 
99 unter loo Rühmem, bloß auf Treu und Glauben. Da- 
her kann auch der vielstimmigste Beifall der Zeitgenossen 
für denkende Köpfe nur wenig Werth haben, indem sie 
in ihm stets nur das Echo weniger Stimmen hören, die 
zudem selbst nur sind, wie der Tag sie gebracht hat. Würde 
wohl ein Virtuose sich geschmeichelt fühlen durch das 
laute Beifallsklatschen seines Publikums, wenn ihm be- 
kannt wäre, daß es, bis auf Einen oder Zwei, aus lauter 
völlig Tauben bestände, die, um einander gegenseitig ihr 
Gebrechen zu verbergen, eifrig klatschen, sobald sie die 
Hände jenes Einen in Bewegung sähen? Und nun gar, 
wenn die Kenntniß hinzukäme, daß jene Vorklatscher sich 
oft bestechen ließen, um dem elendesten Geiger den laute- 
sten Applaus zu verschaffen! — Hieraus ist erklärlich, war- 
um der Ruhm der Zeitgenossen so selten die Metamorphose 
in Nachruhm erlebt; weshalb d'Alembert^ in seiner überaus 
öchönen Beschreibung des Tempels des litterarischen Ruh- 
mes, sagt: ''das Innere des Tempels ist von lauter Todten 
bewohnt, die während ihres Lebens nicht darin waren, 
und von einigen Lebenden, welche fast alle, wann sie 
sterben, hinausgeworfen werden." Und beiläufig sei es 
hier bemerkt, daß Einem bei Lebzeiten ein Monument 
setzen die Erklärung ablegen heißt, daß hinsichtlich seiner 
der Nachwelt nicht zu trauen sei. — Wenn dennoch Einer 
den Ruhm, welcher zum Nachruhm werden soll, erlebt; 
so wird es selten früher, als im Alter geschehn: allenfalls 
giebt es bei Künstlern und Dichtern Ausnahmen von die- 
ser Regel, am wenigsten bei Philosophen. Eine Bestäti- 
gung derselben geben die Bildnisse der durch ihre Werke 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 1 1 3 

berühmten Männer, da dieselben meistens erst nach dem 
Eintritt ihrer Celebrität angefertigt wurden: in der Regel 
sind sie alt und grau dargestellt, namentlich die Philo- 
sophen. Inzwischen steht, eudämonologisch genommen, 
die Sache ganz recht. Ruhm und Jugend auf Ein Mal ist 
zu viel für einen Sterblichen. Unser Leben ist so arm, 
daß seine Güter haushälterischer vertheilt werden müssen. 
Die Jugend hat vollauf an ihrem eigenen Reichthum und 
kann sich daran genügen lassen. Aber im Alter, wann alle 
Genüsse und Freuden, wie die Bäume im Winter, abge- 
storben sind, dann schlägt am gelegensten der Baum des 
Ruhmes aus, als ein achtes Wintergrün: auch kann man 
ihn den Winterbirnen vergleichen, die im Sommer wach- 
sen, aber im Winter genossen werden. Im Alter giebt es 
keinen schönem Trost, als daß man die ganze Kraft seiner 
Jugend Werken einverleibt hat, die nicht mit altern. 
Wollen wir jetzt noch etwas näher die Wege betrachten, 
aufweichen man, in den Wissenschaften, als dem uns zu- 
nächst Liegenden, Ruhm erlangt; so läßt sich hier folgende 
Regel aufstellen. Die durch solchen Ruhm bezeichnete 
intellektuelle Überlegenheit wird allemal an den Tag ge- 
legt durch eine neue Kombination irgendwelcher Data. 
Diese nun können sehr verschiedener Art sein; jedoch 
wird der durch ihre Kombination zu erlangende Ruhm 
um so größer und ausgebreiteter sein, je mehr sie selbst 
allgemein bekannt und Jedem zugänglich sind. Bestehn 
z. B. die Data in einigen Zahlen, oder Kurven, oder auch 
in irgend einer speziellen physikalischen, zoologischen, 
botanischen, oder anatomischen Thatsache, oder auch in 
einigen verdorbenen Stellen alter Autoren, oder in halb- 
verlöschten Inschriften, oder in solchen, deren Alphabet 
uns fehlt, oder in dunkeln Punkten der Geschichte; so 
wird der durch die richtige Kombination derselben zu 
erlangende Ruhm sich nicht viel weiter erstrecken, als 
die Kenntniß der Data selbst, also auf eine kleine Anzahl 
meistens zurückgezogen lebender und auf den Ruhm in 
ihrem Fach neidischer Leute. — Sind hingegen die Data 
solche, welche das ganze Menschengeschlecht kennt, sind 
es z, B. wesentliche. Allen gemeinsame Eigenschaften 



1 1 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

des menschlichen Verstandes, oder Gemüthes, oder Na- 
turkräfte, deren ganze Wirkungsart wir beständig vor 
Augen haben, oder der allbekannte Lauf der Natur über- 
haupt; so wird der Ruhm, durch eine neue, wichtige und 
evidente Kombination Licht über sie verbreitet zu haben, 
sich mit der Zeit fast über die ganze civilisirte Welt er- 
strecken. Denn, sind die Data Jedem zugänglich, so wird 
ihre Kombination es meistens auch sein. — Dennoch wird 
hiebei der Ruhm allemal nur der überwundenen Schwie- 
rigkeit entsprechen. Denn, je allbekannter die Data sind, 
desto schwerer ist es, sie auf eine neue und doch rich- 
tige Weise zu kombiniren; da schon eine überaus große 
Anzahl von Köpfen sich an ihnen versucht und die mög- 
lichen Kombinationen derselben erschöpft hat. Hingegen 
werden Data, welche, dem großen Publiko unzugänglich, 
nur auf mühsamen und schwierigen Wegen erreichbar 
sind, fast immer noch neue Kombinationen zulassen: wenn 
man daher an solche nur mit geradem Verstände und ge- 
sunder Urtheilskraft, also einer mäßigen geistigen Über- 
legenheit, kommt; so ist es leicht möglich, daß man eine 
neue und richtige Kombination derselben zu machen das 
Glück habe. Allein der hiedurch erworbene Ruhm wird 
ungefähr dieselben Grenzen haben, wie die Kenntniß der 
Data. Denn zwar erfordert die Lösung von Problemen 
solcher Art großes Studium und Arbeit, schon um nur 
die Kenntniß der Data zu erlangen; während in jener an- 
dern Art, in welcher eben der größte und ausgebreiteteste 
Ruhm zu erwerben ist, die Data unentgeltlich gegeben 
sind: allein in dem Maaße, wie diese letztere Art weniger 
Arbeit erfordert, gehört mehr Talent, ja Genie dazu, und 
mit diesen hält, hinsichtlich des Werthes und der Werth- 
schätzung, keine Arbeit, oder Studium, den Vergleich 
aus. 

Hieraus nun ergiebt sich, daß Die, welche einen tüchtigen 
Verstand und ein richtiges Urtheil in sich spüren, ohne 
jedoch die höchsten Geistesgaben sich zuzutrauen, viel 
Studium und ermüdende Arbeit nicht scheuen dürfen, 
um mittelst dieser sich aus dem großen Haufen der Men- 
schen, welchen die allbekannten Data vorliegen, heraus- 



VON DEM, WAS EINER VORSTELLT 1 1 5 

zuarbeiten und zu den entlegeneren Orten zu gelangen, 
welche nur dem gelehrten Fleiße zugänglich sind. Denn 
hier, wo die Zahl der Mitbewerber unendlich verringert 
ist, wird der auch nur einigermaaßen überlegene Kopf 
bald zu einer neuen und richtigen Kombination der Data 
Gelegenheit finden: sogar wird das Verdienst seiner Ent- 
deckung sich mit auf die Schwierigkeit, zu den Datis zu 
gelangen, stützen. Aber der also erworbene Applaus sei- 
ner Wissensgenossen, als welche die alleinigen Kenner 
in diesem Fache sind, wird von der großen Menge der 
Menschen nur von Weitem vernommen werden. — Will 
man nun den hier angedeuteten Weg bis zum Extrem ver- 
folgen; so läßt sich der Punkt nachweisen, wo die Data, 
wegen der großen Schwierigkeit ihrer Erlangung, für sich 
allein und ohne daß eine Kombination derselben erfor- 
dert wäre, den Ruhm zu begründen hinreichen. Dies lei- 
sten Reisen in sehr entlegene und wenig besuchte Länder: 
man wird berühmt durch Das, was man gesehn, nicht 
durch Das, was man gedacht hat. Dieser Weg hat auch 
noch einen großen Vortheil darin, daß es viel leichter ist, 
was man gesehn, als was man gedacht hat. Andern mit- 
zutheilen und es mit dem Verständniß sich eben so verhält: 
demgemäß wird man für das Erstere auch viel mehr Leser 
finden, als für das Andere. Denn, wie schon Asmus sagt: 

"Wenn Jemand eine Reise thut, 
So kann er was erzählen." 

Diesem allen entspricht es aber auch, daß, bei der per- 
sönlichen Bekanntschaft berühmter Leute dieser Art Einem 
oft die Horazische Bemerkung einfällt: 

Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt, 

(Epist. I, II, V. 27.) 

Was aber nun andrerseits den mit hohen Fähigkeiten ausge- 
statteten Kopf betrifft, als welcher allein sich an die Lösung 
der großen, das Allgemeine und Ganze betreffenden und 
daher schwierigsten Probleme wagen darf; so wird dieser 
zwar wohl daran thun, seinen Horizont möglichst auszu- 
dehnen, jedoch immer gleichmäßig, nach allen Seiten, 
und ohne je sich zu weit in irgend eine der besondern 



1 1 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

und nur Wenigen bekannten Regionen zu verlieren, d. h. 
ohne auf die Specialitäten irgend einer einzelnen Wissen- 
schaft weit einzugehen, geschweige sich mit den Mikrolo- 
gien zu befassen. Denn er hat nicht nöthig, sich an die 
schwer zugänglichen Gegenstände zu machen, um dem 
Gedränge der Mitbewerber zu entgehn; sondern eben das 
Allen Vorliegende wird ihm Stoff zu neuen, wichtigen und 
wahren Kombinationen geben. Dem nun aber gemäß wird 
sein Verdienst von allen Denen geschätzt werden können, 
welchen die Data bekannt sind, also von einem großen 
Theile des menschlichen Geschlechts. Hierauf gründet 
sich der mächtige Unterschied zwischen dem Ruhm, den 
Dichter und Philosophen erlangen, und dem, welcher Phy- 
sikern, Chemikern, Anatomen, Mineralogen, Zoologen, 
Philologen, Historikern u. s. w. erreichbar ist. 

KAPITEL V. 
PARÄNESEN UND MAXIMEN. 

WENIGER noch, als irgendwo, bezwecke ich hier 
Vollständigkeit; da ich sonst die vielen, von Den- 
kern aller Zeiten aufgestellten, zum Theil vortrefflichen 
Lebensregeln zu wiederholen haben würde, vom Theognis 
und Pseudo-Salomo an, bis auf den Rochefoucauld her- 
ab; wobei ich dann auch viele, schon breit getretene 
Gemeinplätze nicht würde vermeiden können. Mit der 
Vollständigkeit fällt aber auch die systematische Anord- 
nung größtentheils weg. Über beide tröste man sich da- 
mit, daß sie, in Dingen dieser Art, fast unausbleiblich die 
Langeweile in ihrem Gefolge haben. Ich habe bloß ge- 
geben, was mir eben eingefallen ist, der Mittheilung werth 
schien und, so viel mir erinnerlich, noch nicht, wenigstens 
nicht ganz und eben so, gesagt worden ist, also eben nur 
eine Nachlese zu dem auf diesem unabsehbaren Felde be- 
reits von Andern Geleisteten. 

Um jedoch in die große Mannigfaltigkeit der hieher ge- 
hörigen Ansichten und Rathschläge einige Ordnung zu 
bringen, will ich sie eintheilen in allgemeine, in solche, 
welche unser Verhalten gegen uns selbst, dann gegen 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 1 7 

Andere, und endlich gegen den Weltlauf und das Schick- 
sal betreffen. 

A. Allgemeine. 
i) Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich 
einen Satz an, den Aristoteles beiläufig ausgesprochen hat, 
in der Nikomachäischen Ethik (VII, 12): cppovijio? to 
aXoTTov 8i(ü7.£t, 00 TO Tjou (quod dolore vacat, non quod 
suave est, persequitur vir prudens. Besser noch deutsch 
ließe sich dieser Satz etwan so wiedergeben: "Nicht dem 
Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige 
nach"; oder: "Der Vernünftige geht auf Schmerzlosigkeit, 
nicht auf Genuß aus.") Die Wahrheit desselben beruht 
darauf, daß aller Genuß und alles Glück negativer, hin- 
gegen der Schmerz positiver Natur ist. Die Ausführung 
und BegTÜndung dieses letzteren Satzes findet man in 
meinem Hauptwerke Bd. I, § 58. Doch will ich densel- 
ben hiernoch an einer täglich zu beobachtenden Thatsache 
erläutern. Wenn der ganze Leib gesund und heil ist, bis 
auf irgend eine kleine wunde, oder sonst schmerzende 
Stelle; so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins 
Bewußtsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf 
den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen 
der gesammten Lebensempfindung ist aufgehoben. — Eben 
so, wenn alle unsere Angelegenheiten nach unserm Sinne 
gehn, bis auf eine^ die unsrer Absicht zuwider läuft, so 
kommt diese, auch wenn sie von geringer Bedeutung ist, 
uns immer wieder in den Kopf: wir denken häufig an sie 
und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die 
nach unserm Sinne gehn. — In beiden Fällen nun ist das 
Beeinträchtigte der Wille, ein Mal, wie er sich im Orga- 
nismus, das andere, wie er sich im Streben des Menschen 
objektivirt, und in beiden sehn wir, daß seine Befriedi- 
gung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt 
empfunden wird, sondern höchstens auf dem Wege der 
Reflexion ins Bewußtsein kommt. Hingegen ist seine 
Hemmung das Positive und daher sich selbst Ankündi- 
gende. Jeder Genuß besteht bloß in der Aufhebung die- 
ser Hemmung, in der Befreiung davon, ist mithin von 
kurzer Dauer. 



1 1 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische 
Regel, welche uns anweist, unser Augenmerk nicht auf 
die Genüsse und Annehmlichkeiten des Lebens zu richten, 
sondern darauf, daß wir den zahllosen Übeln desselben, 
so weit es möglich ist, entgehn. Wäre dieser Weg nicht 
der richtige: so müßte auch Voltaire^s Ausspruch, le bon- 
heur n'est qu'un reve, et la douleur est rdelle, so falsch 
sein, wie er in der That wahr ist. Demnach soll auch 
Der, welcher das Resultat seines Lebens, in eudämono- 
logischer Rücksicht, ziehn will, die Rechnung nicht nach 
den Freuden, die er genossen, sondern nach den Übeln, 
denen er entgangen ist, aufstellen. Ja, die Eudämonologie 
hat mit der Belehrung anzuheben, daß ihr Name selbst 
ein Euphemismus ist und daß unter "glücklich leben" 
nur zu verstehn ist "weniger unglücklich", also erträg- 
lich leben. Allerdings ist das Leben nicht eigentlich da, 
um genossen, sondern um überstanden, abgethan zu wer- 
den; dies bezeichnen auch manche Ausdrücke, wie degere 
vitam, vita defungi, das Italienische si scampa cosi, das 
Deutsche "man muß suchen durchzukommen", "er wird 
schon durch die Welt kommen", u. dgl. m. Ja, es ist ein 
Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich 
hat. Demnach nun hat das glücklichste Loos Der, welcher 
sein Leben ohne übergroße Schmerzen, sowohl geistige, als 
körperliche, hinbringt; nicht aber Der, dem die lebhaftesten 
Freuden, oder die größten Genüsse zu Theil geworden. 
Wer nach diesen letzteren das Glück eines Lebenslaufes 
bemessen will, hat einen falschen Maaßstab ergrififen. Denn 
die Genüsse sind und bleiben negativ: daß sie beglücken 
ist ein Wahn, den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. 
Die Schmerzen hingegen werden positiv empfunden: da- 
her ist ihre Abwesenheit der Maaßstab des Lebensglückes. 
Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesen- 
heit der Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesent- 
lichen erreicht: denn das Übrige ist Chimäre. Hieraus nun 
folgt, daß man nie Genüsse durch Schmerzen, ja, auch 
nur durch die Gefahr derselben, erkaufen soll; weil man 
sonst ein Negatives und daher Chimärisches mit einem 
Positiven und Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 1 9 

Gewinn, wenn man Genüsse opfert, um Schmerzen zu ent- 
gehn. In beiden Fällen ist es gleichgültig, ob die Schmer- 
zen den Genüssen nachfolgen, oder vorhergehn. Es ist 
wirklich die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des 
Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt 
der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden 
sich zum Ziele zu stecken; wie doch so Viele thun. Viel 
weniger irrt wer, mit zu finsterm Blicke, diese Welt als 
eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht 
ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen. 
Der Thor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht 
sich betrogen: der Weise vermeidet die Übel. Sollte ihm 
jedoch auch Dieses mißglücken; so ist es dann die Schuld 
des Geschicks, nicht die seiner Thorheit. So weit es ihm 
aber glückt, ist er nicht betrogen: denn die Übel, denen 
er aus dem Wege ging, sind höchst real. Selbst wenn er 
etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte 
und Genüsse unnöthigerweise geopfert hätte; so ist ei- 
gentlich doch nichts verloren: denn alle Genüsse sind 
chimärisch, und über die Versäumniß derselben zu trauern 
wäre kleinlich, ja lächerlich. 

Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus 
begünstigt, ist die Quelle vielen Unglücks. Während wir 
nämlich von Leiden frei sind, spiegeln unruhige Wünsche 
uns die Chimären eines Glückes vor, das gar nicht existirt, 
und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen wir 
den Schmerz, der unleugbar real ist, auf uns herab. Dann 
jammern wir über den verlorenen schmerzlosen Zustand, 
der, wie ein verscherztes Paradies, hinter uns liegt, und 
wünschen vergeblich, das Geschehene ungeschehn machen 
zu können. So scheint es, als ob ein böser Dämon uns 
aus dem schmerzlosen Zustande, der das höchste wirkliche 
Glück ist, stets herauslockte, durch die Gaukelbilder der 
Wünsche. — Unbesehens glaubt der Jüngling, die Welt sei 
da, um genossen zu werden; sie sei der Wohnsitz eines 
positiven Glückes, welches nur Die verfehlen, denen es 
an Geschick gebricht, sich seiner zu bemeistern. Hierin 
bestärken ihn Romane und Gedichte, wie auch die Gleiß- 
nerei, welche die Welt, durchgängig und überall, mit dem 



1 2 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

äußern Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen 
werde. Von nun an ist sein Leben eine, mit mehr oder 
weniger Überlegung angestellte Jagd nach dem positiven 
Glück, welches, als solches, aus positiven Genüssen be- 
stehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei aussetzt, 
müssen in die Schanze geschlagen werden. Da führt denn 
diese Jagd nach einem Wilde, welches gar nicht existirt, in 
der Regel, zu sehr realem, positivem Unglück. Dies stellt 
sich ein als Schmerz, Leiden, Krankheit, Verlust, Sorge, 
Armuth, Schande und tausend Nöthe. Die Enttäuschung 
kommt zu spät. — Ist hingegen, durch Befolgung der hier in 
Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens auf Ver- 
meidung der Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der 
Krankheit und jeder Noth, gerichtet; so ist das Ziel ein reales: 
da läßt sich etwas ausrichten, und um so mehr, je weniger 
dieser Plan gestört wird durch das Streben nach der Chi- 
märe des positiven Glücks. Hiezu stimmt auch was Goethe, 
in den Wahlverwandtschaften, den, für das Glück der 
Andern stets thätigen Mittler sagen läßt: "Wer ein Übel 
los sein will, der weiß immer was er will: wer was besseres 
will, als er hat, der ist ganz staarblind." Und dieses erin- 
nert an den schönen französischen Ausspruch: le mieux est 
Pennemi du bien. Ja, hieraus ist sogar der Grundgedanke 
des Kynismus abzuleiten, wie ich ihn dargelegt habe, in 
meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog 
die Kyniker zur Verwerfung aller Genüsse, wenn es nicht 
eben der Gedanke an die mit ihnen, näher oder ferner, 
verknüpften Schmerzen war, welchen aus dem Wege zu 
gehn ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener. 
Sie waren tief ergriffen von der Erkenntniß der Negativität 
des Genusses und der Positivität des Schmerzes; daher sie, 
konsequent. Alles thaten für die Vermeidung der Übel, 
hiezu aber die völlige und absichtliche Verwerfung der Ge- 
nüsse nöthig erachteten; weil sie in diesen nur Fallstricke 
sahen, die uns dem Schmerze überliefern. 
In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich 
Alle: d. h. wir treten in die Welt, voll Ansprüche auf Glück 
und Genuß, und hegen die thörichte Hoffnung, solche 
durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt bald das Schick- 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 2 1 

sal, packt uns unsanft an und belehrt uns, daß nichts unser 
ist, sondern Alles sein^ indem es ein unbestrittenes Recht 
hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb und auf 
Weib und Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge 
und Ohr, ja, auf die Nase mitten im Gesicht. Jedenfalls 
aber kommt, nach einiger Zeit, die Erfahrung und bringt 
die Einsicht, daß Glück und Genuß eine Fata Morgana 
sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, 
wenn man herangekommen ist; daß hingegen Leiden und 
Schmerz Realität haben, sich selbst unmittelbar vertreten 
und keiner Illusion, noch Erwartung bedürfen. Fruchtet 
nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und Genuß 
zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz 
und Leiden möglichst den Zugang zu versperren. Wir er- 
kennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten 
hat, eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist, und 
beschränken unsere Ansprüche auf diese, um sie desto 
sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr unglücklich 
zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht ver- 
lange, sehr glücklich zu sein. Dies hatte auch Goethe's 
Jugendfreund Merck erkannt, da er schrieb: ''die garstige 
Prätension an Glückseligkeit, und zwar an das Maaß, das 
wir uns träumen, verdirbt Alles auf dieser Welt. Wer sich 
davon los machen kann und nichts begehrt, als was er 
vor sich hat, kann sich durchschlagen" (Briefe an und 
von Merck, S. 100). Demnach ist es gerathen, seine An- 
sprüche auf Genuß, Besitz, Rang, Ehre u. s. f. auf ein 
ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das Streben und 
Ringen nach Glück, Glanz und Genuß es ist, was die 
großen Unglücksfälle herbeizieht. Aber schon darum ist 
Jenes weise und rathsam, weil sehr unglücklich zu sein 
gar leicht ist; sehr glücklich hingegen nicht etwan schwer, 
sondern ganz unmöglich. Mit großem Rechte also singt 
der Dichter der Lebensweisheit: 

Auream quisquis mediocritatem 
Diligit, tutus caret obsoleti 
Sordibus tecti, caret invidenda 
Sobrius aula. 



1 2 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Saevius ventis agitatur ingens 
Pinus: et celsae graviore casu 
Decidunt turres: feriuntque summos 
Fulgura montes. 

Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich 
aufgenommen hat und daher weiß, daß unser ganzes Da- 
sein etwas ist, das besser nicht wäre und welches zu ver- 
neinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der wird 
auch von keinem Dinge, oder Zustand große Erwar- 
tungen hegen, nach nichts auf der Welt mit Leidenschaft 
streben, noch große Klagen erheben über sein Verfehlen 
irgend einer Sache; sondern er wird von Plato's "outs ti 
TCüv avöpu>mv«)v a^iov jisYaXTj? otuouByj? (rep. X, 604) 
durchdrungen sein, sowie auch hievon: 

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen. 
Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts; 
Und hast du einer Welt Besitz gewonnen, 
Sei nicht erfreut darüber, es ist nichts. 
Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen, 
Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts. 

Anwari Soheili. 
(Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, übers, von Graf.) 

Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten 
besonders erschwert, ist die schon oben erwähnte Gleiß - 
nerei der Welt, welche man daher der Jugend früh auf- 
decken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten sind bloßer 
Schein, wie die Theaterdekoration, und das Wesen der 
Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und bekränzte Schiffe, 
Kanonenschüsse, Illumination, Pauken und Trompeten, 
Jauchzen und Schreien u. s. w., dies Alles ist das Aus- 
hängeschild, die Andeutung, die Hieroglyphe der Freude: 
aber die Freude ist daselbst meistens nicht zu finden: sie 
allein hat beim Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich ein- 
findet, da kommt sie, in der Regel, ungeladen und unge- 
meldet, von selbst und sansfagon, ja, still herangeschlichen, 
oft bei den unbedeutendesten, futilsten Anlässen, unter 
den alltäglichsten Umständen, ja, bei nichts weniger als 
glänzenden, oder ruhmvollen Gelegenheiten: sie ist, wie 
das Gold in Australien, hierhin und dorthin gestreuet, 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 23 

nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und Gesetz, 
meist nur in ganz kleinen Körnchen, höchst selten in 
großen Massen. Bei allen jenen oben erwähnten Dingen 
hingegen ist auch der Zweck bloß, Andere glauben zu 
machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieser Schein, 
im Kopfe Anderer, ist die Absicht. Nicht anders als mit 
der Freude verhält es sich mit der Trauer. Wie schwer- 
müthig kommt jener lange und langsame Leichenzug da- 
her! der Reihe der Kutschen ist kein Ende. Aber seht 
nur hinein: sie sind alle leer, und der Verblichene wird 
eigentlich bloß von sämmtlichen Kutschern der ganzen 
Stadt zu Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freund- 
schaft und Hochachtung dieser Welt! Dies also ist die 
Falschheit, Hohlheit und Gleißnerei des menschlichen 
Treibens. — Ein anderes Beispiel wieder geben viele ge- 
ladene Gäste in Feierkleidern, unter festlichem Empfange; 
sie sind das Aushängeschild der edelen, erhöhten Gesellig- 
keit: aber statt ihrer ist, in der Regel, nur Zwang, Pein 
und Langeweile gekommen: denn schon wo viele Gäste sind, 
ist viel Pack, — und hätten sie auch sämmtlich Sterne auf 
der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft nämlich ist, 
überall und nothwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen 
glänzende, rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine 
Leere, wohl gar einen Mißton im Innern; schon weil sie 
dem Elend und der Dürftigkeit unsers Daseins laut wider- 
sprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit. Jedoch 
von außen gesehn wirkt jenes Alles: und Das war der 
Zweck. Ganz allerliebst sagt daher Chamforf: lasocidtd, les 
cercles, les salons, ce qu'on appelle le monde, est une 
pi^ce misdrable, un mauvais opdra, sans intdr6t, qui se sou- 
tient un peu par les machines, les costumes, et les dd- 
corations. — Desgleichen sind nun auch Akademien und 
philosophische Katheder das Aushängeschild, der äußere 
Schein der Weisheit: aber auch sie hat meistens abgesagt 
und ist ganz wo anders zu finden. — Glockengebimmel, 
Priesterkostüme, fromme Gebärden und fratzenhaftes Thun 
ist das Aushängeschild, der falsche Schein der Andacht, 
U.S.W. — So ist denn fast Alles in der Welt hohle Nüsse 
zu nennen: der Kern ist an sich selten, und noch seltener 



1 2 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

steckt er in der Schaale. Er ist ganz wo anders zu suchen 
und wird meistens nur zufällig gefunden. 

2) Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glück- 
lichkeit nach, abschätzen will, soll man nicht fragen nach 
Dem, was ihn vergnügt, sondern nach Dem, was ihn be- 
trübt: denn, je geringfügiger Dieses, an sich selbst ge- 
nommen, ist, desto glücklicher ist der Mensch; weil ein 
Zustand des Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinig- 
keiten empfindlich zu sein: im Unglück spüren wir sie gar 
nicht. 

3) Man hüte sich, das Glück seines Lebens, mittelst vieler 
Erfordernisse zu demselben, auf ein breites Fundament zu 
bauen: denn auf einem solchen stehend stürzt es am leich- 
testen ein, weil es viel mehr Unfällen Gelegenheit darbietet 
und diese nicht ausbleiben. Das Gebäude unsers Glückes 
verhält sich also, in dieser Hinsicht, umgekehrt wie alle 
anderen, als welche auf breitem Fundament am festesten 
stehn. Seine Ansprüche, im Verhältniß zu seinen Mitteln 
jeder Art, möglichst niedrig zu stellen, ist demnach der 
sicherste Weg, großem Unglück zu entgehn. 
Überhaupt ist es eine der größten und häufigsten Thor- 
heiten, daß man weitläuftige Anstalten zum Leben macht, 
in welcher Art auch immer dies geschehe. Bei solchen 
nämlich ist zuvörderst auf ein ganzes und volles Men- 
schenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige er- 
reichen. Sodann fällt es, selbst wenn sie so lange leben, 
doch für die gemachten Pläne zu kurz aus; da deren Aus- 
führung immer sehr viel mehr Zeit erfordert, als ange- 
nommen war: ferner sind solche, wie alle menschlichen 
Dinge, dem Mißlingen, den Hindernissen so vielfach aus- 
gesetzt, daß sie sehr selten zum Ziele gebracht werden. 
Endlich, wenn zuletzt auch Alles erreicht wird, so waren 
die Umwandlungen, welche die Zeit an uns selbst hervor- 
bringt, außer Acht und Rechnung gelassen; also nicht be- 
dacht worden, daß weder zum Leisten, noch zum Ge- 
nießen, unsere Fähigkeiten das ganze Leben hindurch 
vorhalten. Daher kommt es, daß wir oft auf Dinge hin- 
arbeiten, welche, wenn endlich erlangt, uns nicht mehr 
angemessen sind; wie auch, daß wir mit den Vorarbeiten 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 2 5 

zu einem Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen 
unvermerkt uns die Kräfte zur Ausführung desselben 
rauben. So geschieht es denn oft, daß der mit so langer 
Mühe und vieler Gefahr erworbene Reichthum uns nicht 
mehr genießbar ist und wir für Andere gearbeitet haben; 
oder auch, daß wir den durch vieljähriges Treiben und 
Trachten endlich erreichten Posten auszufüllen nicht mehr 
im Stande sind: die Dinge sind zu spät für uns gekommen. 
Oder auch umgekehrt, wir kommen zu spät mit den Din- 
gen; da nämlich, wo es sich um Leistungen, oder Pro- 
duktionen handelt: der Geschmack der Zeit hat sich ge- 
ändert; ein neues Geschlecht ist herangewachsen, welches 
an den Sachen keinen Antheil nimmt; Andere sind, auf 
kürzeren Wegen, uns zuvorgekommen u. s. f. Alles unter 
dieser Nummer Angeführte hat Horaz im Sinne, wenn er 
sagt: 

quid aeternis minorem 
Consiliis animum fatigas? 

Der Anlaß zu diesem häufigen Mißgriff ist die unvermeid- 
liche optische Täuschung des geistigen Auges, vermöge 
welcher das Leben ^ vom Eingange aus gesehn, endlos, 
aber wenn man vom Ende der Bahn zurückblickt, sehr 
kurz erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie 
käme schwerlich etwas Großes zu Stande. 
Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wande- 
rer, vor welchem, indem er vorwärts schreitet, die Gegen- 
stände andere Gestalten annehmen, als die sie von ferne 
zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er sich 
nähert. Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft 
finden wir etwas ganz Anderes, ja. Besseres, als wir such- 
ten; oft auch das Gesuchte selbst auf einem ganz anderen 
Wege, als den wir zuerst vergeblich danach eingeschla- 
gen hatten. Zumal wird uns oft da, wo wir, Genuß, Glück, 
Freude suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntniß, 
— ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen 
und scheinbaren. Dies ist auch der Gedanke, welcher im 
Wilhelm Meister als Grundbaß durchgeht, indem dieser 
ein intellektueller Roman und eben dadurch höherer Art 
ist, als alle übrigen, sogar die von Walter Scott, als welche 



1 2 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

sämmtlich nur ethisch sind, d. h. die menschliche Na- 
tur bloß von der Willens-Seite auffassen. Ebenfalls in 
der Zauberflöte, dieser grottesken, aber bedeutsamen und 
vieldeutigen Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke, 
in großen und groben Zügen, wie die der Theaterdekora- 
tionen sind, symbolisirt; sogaxwürde er es vollkommen sein, 
wenn, am Schlüsse, der Tamino, vom Wunsche, die Ta- 
mina zu besitzen, zurückgebracht, statt ihrer, allein die 
Weihe im Tempel der Weisheit verlangte und erhielte; 
hingegen seinem nothwendigen Gegensatze, dem Papa- 
geno, richtig seine Papagena würde. — Vorzügliche und 
edle Menschen werden jener Erziehung des Schicksals 
bald inne und fügen sich bildsam und dankbar in dieselbe: 
sie sehn ein, daß in der Welt wohl Belehrung, aber nicht 
Glück zu finden sei, werden es sonach gewohnt und zu- 
frieden, Hoffnungen gegen Einsichten zu vertauschen, und 
sagen endlich mit Petrarka: 

Altro diletto, che 'mparar, non provo. 
Es kann damit sogar dahin kommen, daß sie ihren Wün- 
schen und Bestrebungen gewissermaaßen nur noch zum 
Schein und tändelnd nachgehn, eigentlich aber und im 
Ernst ihres Innern, bloß Belehrung erwarten; welches 
ihnen alsdann einen beschaulichen, genialen, erhabenen 
Anstrich giebt. — Man kann in diesem Sinne auch sagen, 
es gehe uns wie den Alchemisten, welche, indem sie nur 
Gold suchten, Schießpulver, Porzellan, Arzeneien, ja 
Naturgesetze entdeckten. 

B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend. 
4) Wie der Arbeiter, welcher ein Gebäude aufführen hilft, 
den Plan des Ganzen entweder nicht kennt, oder doch 
nicht immer gegenwärtig hat; so verhält der Mensch, in- 
dem er die einzelnen Tage und Stunden seines Lebens 
abspinnt, sich zum Ganzen seines Lebenslaufes und des 
Charakters desselben. Je würdiger, bedeutender, plan- 
voller und individueller dieser ist; desto mehr ist es nöthig 
und wohlthätig, daß der verkleinerte Grundriß desselben, 
der Plan, ihm bisweilen vor die Augen komme. Freilich 
gehört auch dazu, daß er einen kleinen Anfang in dem 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 2 7 

Yva)^i oauTov gemacht habe, also wisse, was er eigent- 
lich, hauptsächlich und vor allem Andern will, was also 
für sein Glück das Wesentlichste ist, sodann was die 
zweite und dritte Stelle nach diesem einnimmt; wie auch, 
daß er erkenne, welches, im Ganzen, sein Beruf, seine 
Rolle und sein Verhältniß zur Welt sei. Ist nun dieses 
bedeutender und grandioser Art; so wird der Anblick des 
Planes seines Lebens, im verjüngten Maaßstabe, ihn, 
mehr als irgend etwas, stärken, aufrichten, erheben, zur 
Thätigkeit ermuntern und von Abwegen zurückhalten. 
Wie der Wanderer erst, wenn er auf einer Höhe ange- 
kommen ist, den zurückgelegten Weg, mit allen seinen 
Wendungen und Krümmungen, im Zusammenhange über- 
blickt und erkennt; so erkennen wir erst am Ende einer 
Periode unsers Lebens, oder gar des ganzen, den wahren 
Zusammenhang unserer Thaten, Leistungen und Werke, 
die genaue Konsequenz und Verkettung, ja, auch den 
Werth derselben. Denn, so lange wir darin begriffen sind, 
handeln wir nur immer nach den feststehenden Eigen- 
schaften unsers Charakters, unter dem Einfluß der Motive, 
und nach dem Maaße unserer Fähigkeiten, also durchweg 
mit Nothwendigkeit, indem wir in jedem Augenblicke 
bloß thun, was uns jetzt eben das Rechte und Angemes- 
sene dünkt Erst der Erfolg zeigt was dabei herausge- 
kommen, und der Rückblick auf den ganzen Zusammen- 
hang das Wie und Wodurch. Daher eben auch sind wir, 
während wir die größten Thaten vollbringen, oder un- 
sterbliche Werke schaffen, uns derselben nicht als solcher 
bewußt, sondern bloß als des unsem gegenwärtigen 
Zwecken Angemessenen, unsem dermaligen Absichten 
Entsprechenden, also jetzt gerade Rechten: aber erst aus 
dem Ganzen in seinem Zusammenhang leuchtet nachher 
unser Charakter und unsere Fähigkeiten hervor: und im 
Einzelnen sehn wir dann, wie wir, als wäre es durch In- 
spiration geschehn, den einzig richtigen Weg, unter tau- 
send Abwegen, eingeschlagen haben, — von unserm Ge.iius 
geleitet. Dies Alles gilt vom Theoretischen, wie vom 
Praktischen, und im umgekehrten Sinne vom Schlechten 
und Verfehlten. 



1 2 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

5) Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem 
richtigen Verhältniß, in welchem wir unsere Aufmerk- 
samkeit theils der Gegenwart, theils der Zukunft widmen, 
damit nicht die eine uns die andere verderbe. Viele le- 
ben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; — 
Andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Be- 
sorglichen. Selten wird Einer genau das rechte Maaß 
halten. Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur 
in der Zukunft leben, immer vorwärts sehn und mit Un- 
geduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche 
allererst das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber 
die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehn 
lassen, sind, trotz ihren altklugen Mienen, jenen Eseln in 
Italien zu vergleichen, deren Schritt dadurch beschleunigt 
wird, daß an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock ein 
Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich 
sehn und zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst 
um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim 
leben, — bis sie todt sind. — Statt also mit den Plänen und 
Sorgen für die Zukunft ausschließlich und immerdar be- 
schäftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht nach der 
Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, daß 
die Gegenwart allein real und allein gewiß ist; hingegen 
die Zukunft fast immer anders ausfällt, als wir sie den- 
ken; ja, auch die Vergangenheit anders war; und zwar so, 
daß es mit Beiden, im Ganzen, weniger auf sich hat, als 
es uns scheint. Denn die Feme, welche dem Auge die 
Gegenstände verkleinert, vergrößert sie dem Gedanken. 
Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: sie ist die 
real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser 
Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern Auf- 
nahme würdigen, folglich jede erträgliche und von unmittel- 
baren Widerwärtigkeiten, oder Schmerzen, freie Stunde 
mit Bewußtsein als solche genießen, d. h. sie nicht trüben 
durch verdrießliche Gesichter über verfehlte Hoffnungen 
in der Vergangenheit, oder Besorgnisse für die Zukunft. 
Denn es ist durchaus thöricht, eine gute gegenwärtige Stun- 
devon sich zu stoßen, oder sie sich muthwillig zu verderben, 
aus Verdruß über das Vergangene, oder Besorgniß wegen 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 2 9 

des Kommenden. Der Sorge, ja, selbst der Reue, sei ihre 
bestimmte Zeit gewidmet: danach aber soll man über 
das Geschehene denken: 

AXXa xa {xev TcpoteTuy^at eaoo{Jiev ayvy|xevoi iiep, 
6'j[xov evt OTYj^eoot cpiXov Sa(J!.aaavte!; ava^xig, 

und Über das Künftige: 

Hxoi Ta'jxa östüv £v YO'J'^aot xeixat, 

hingegen über die Gegenwart: singulas dies singulas vitas 
puta (Sen.) und diese allein reale Zeit sich so angenehm 
wie möglich machen. 

Uns zu beunruhigen sind bloß solche künftige Übel be- 
rechtigt, welche gewiß sind und deren Eintrittszeit eben- 
falls gewiß ist. Dies werden aber sehr wenige sein: denn 
die Übel sind entweder bloß möglich, allenfalls wahrschein- 
lich; oder sie sind zwar gewiß; allein ihre Eintrittszeit ist 
völlig ungewiß. Läßt man nun auf diese beiden Arten 
sich ein; so hat man keinen ruhigen Augenblick mehr. Um 
also nicht der Ruhe unsers Lebens durch ungewisse, oder 
unbestimmte Übel verlustig zu werden, müssen wir uns 
gewöhnen, jene anzusehn, als kämen sie nie; diese, als 
kämen sie gewiß nicht sobald. 

Je mehr nun aber Einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr 
beunruhigen ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprü- 
che. Goethe' s so beliebtes Lied, ''ich hab' mein' Sach auf 
nichts gestellt," besagt eigentlich, daß erst nachdem der 
Mensch aus allen möglichen Ansprüchen herausgetrieben 
und auf das nackte, kahle Dasein zurückgewiesen ist, er 
derjenigen Geistesruhe theilhaft wird, welche die Grundlage 
des menschlichen Glückes ausmacht, indem sie nöthig ist 
um die Gegenwart, und somit das ganze Leben, genießbar zu 
finden. Zu eben diesem Zwecke sollten wir stets einge- 
denk sein, daß der heutige Tag nur Ein Mal kommt und 
nimmer wieder. Aber wir wähnen, er komme morgen 
wieder: morgen ist jedoch ein anderer Tag, der auch nur 
Ein Mal kommt. Wir aber vergessen, daß jeder Tag ein 
integrirender und daher unersetzlicher Theil des Lebens 
ist, und betrachten ihn vielmehr als unter demselben so ent- 
halten, wie die Individuen unter dem Gemeinbegriff. — - 



1 30 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Ebenfalls würden wir die Gegenwart besser würdigen und 
genießen, wenn wir, in guten und gesunden Tagen, uns 
stets bewußt wären, wie, in Krankheiten, oder Betrübnissen, 
die Erinnerung uns jede schmerz- und entbehrungslose 
Stunde als unendlich beneidenswerth, als ein verlorenes 
Paradies, als einen verkannten Freund vorhält. Aber wir 
verleben unsre schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst 
wann die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück. 
Tausend heitere, angenehme Stunden lassen wir, mit ver- 
drießlichem Gesicht, ungenossen an uns vorüberziehn, um 
nachher, zur trüben Zeit, mit vergeblicher Sehnsucht ihnen 
nachzuseufzen. Statt dessen sollten wir jede erträgliche 
Gegenwart, auch die alltägliche, welche wir jetzt so gleich- 
gültig vorüberziehn lassen, und wohl gar noch ungeduldig 
nachschieben, — in Ehren halten, stets eingedenk, daß sie 
eben jetzt hinüberwallt in jene Apotheose der Vergangen- 
heit, woselbst sie fortan, vom Lichte der Unvergänglich- 
keit umstrahlt, vom Gedächtnisse aufbewahrt wird, um, 
wann dieses einst, besonders zur schlimmen Stunde, den 
Vorhang lüftet, als ein Gegenstand unsrer innigen Sehn- 
sucht sich darzustellen. 

6) Alle Beschränkung beglückt. Je enger unser Gesichts-, 
Wirkungs- und Berührungskreis, desto glücklicher sind 
wir: je weiter, desto öfter fühlen wir uns gequält, oder 
geängstigt. Denn mit ihm vermehren und vergrößern sich 
die Sorgen, Wünsche und Schrecknisse. Darum sind sogar 
Blinde nicht so unglücklich, wie es uns a priori scheinen 
muß: dies bezeugt die sanfte, fast heitere Ruhe in ihren 
Gesichtszügen. Auch beruht es zumTheil auf dieser Regel, 
daß die zweite Hälfte des Lebens trauriger ausfällt, als 
die erste. Denn im Laufe des Lebens wird der Horizont 
unsrer Zwecke und Beziehungen immer weiter. In der 
Kindheit ist er auf die nächste Umgebung und die engsten 
Verhältnisse beschränkt; im Jünglingsalter reicht er schon 
bedeutend weiter; im Mannesalter umfaßt er unsem ganzen 
Lebenslauf, ja, erstreckt sich oft auf die entferntesten Ver- 
hältnisse, auf Staaten und Völker; im Greisenalter umfaßt 
er die Nachkommen. — Jede Beschränkung hingegen, so- 
gar die geistige, ist unserm Glücke förderlich. Denn je 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 3 1 

weniger Erregung des Willens, desto weniger Leiden: und 
wir wissen, daß das Leiden das Positive, das Glück bloß 
negativ ist. Beschränktheit des Wirkungskreises benimmt 
dem Willen die äußeren Veranlassungen zur Erregung; 
Beschränktheit des Geistes die innem. Nur hat Letztere 
den Nachtheil, daß sie der Langenweile die Thür öffnet, 
welche mittelbar die Quelle unzähliger Leiden wird, in- 
dem man, um nur sie zu bannen, nach Allem greift, also 
Zerstreuung, Gesellschaft, Luxus, Spiel, Trunk u. s. w. 
versucht, welche jedoch Schaden, Ruin und Unglück jeder 
Art herbeiziehn. Difficilis in otio quies. Wie sehr hin- 
gegen die äußere Beschränkung dem menschlichen Glücke, 
so weit es gehen kann, förderlich, ja, nothwendig sei, ist 
daran ersichtlich, daß die einzige Dichtungsart, welche 
glückliche Menschen zu schildern unternimmt, das Idyll, 
sie stets und wesentlich in höchst beschränkter Lage und 
Umgebung darstellt. Das Gefühl der Sache liegt auch 
unserm Wohlgefallen an den sogenannten Genre-Bildern 
zum Grunde. — Demgemäß wird die möglichste Einfach- 
heit unserer Verhältnisse und sogar die Einförmigkeit der 
Lebensweise, so lange sie nicht Langeweile erzeugt, be- 
glücken; weil sie das Leben selbst, folglich auch die ihm 
wesentliche Last, am wenigsten spüren läßt: es fließt dahin, 
wie ein Bach, ohne Wellen und Strudel. 
7) In Hinsicht auf unser Wohl und Wehe kommt es in 
letzter Instanz darauf an, womit das Bewußtsein erfüllt 
und beschäftigt sei. Hier wird nun im Ganzen jede rein 
intellektuelle Beschäftigung dem ihrer fähigen Geiste viel 
mehr leisten, als das wirkliche Leben, mit seinem bestän- 
digen Wechsel des Gelingens und Mißlingens, nebst seinen 
Erschütterungen und Plagen. Nur sind dazu freilich schon 
überwiegende geistige Anlagen erfordert. Sodann ist hiebei 
zu bemerken, daß, wie das nach außen thätige Leben uns 
von den Studien zerstreut und ablenkt, auch dem Geiste 
die dazu erforderliche Ruhe und Sammlung benimmt; 
ebenso andrerseits die anhaltende Geistesbeschäftigung 
zum Treiben und Tummeln des wirkHchen Lebens, mehr 
oder weniger, untüchtig macht: daher ist es rathsam, die- 
selbe auf eine Weile ganz einzustellen, wann Umstände 



1 3 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

eintreten, die irgendwie eine energische praktische Thä- 
tigkeit erfordern. 

8) Um mit vollkommener Besonnenheit zu leben und aus 
der eigenen Erfahrung alle Belehrung, die sie enthält, 
herauszuziehn, ist erfordert, daß man oft zurückdenke 
und was man erlebt, gethan, erfahren und dabei empfun- 
den hat rekapitulire, auch sein ehemaliges Urtheil mit 
seinem gegenwärtigen, seinen Vorsatz und Streben mit 
dem Erfolg und der Befriedigung durch denselben ver- 
gleiche. Dies ist die Repetition des Privatissimums, wel- 
ches Jedem die Erfahrung liest. Auch läßt die eigene Er- 
fahnmg sich ansehn als der Text; Nachdenken und Kennt- 
nisse als der Kommentar dazu. Viel Nachdenken und 
Kenntnisse, bei wenig Erfahrung, gleicht den Ausgaben, 
deren Seiten zwei Zeilen Text und vierzig Zeilen Kom- 
mentar darbieten. Viel Erfahrung, bei wenig Nachdenken 
und geringen Kenntnissen, gleicht den bipontinischen Aus- 
gaben, ohne Noten, welche Vieles unverstanden lassen. 
Auf die hier gegebene Anempfehlung zielt auch die Regel 
des Pythagoras, daß man Abends, vor dem Einschlafen, 
durchmustern solle, was man den Tag über gethan hat. 
Wer im Getümmel der Geschäfte, oder Vergnügungen, 
dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zuruminiren, viel- 
mehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die 
klare Besonnenheit verloren: sein Gemüth wird ein Chaos, 
und eine gewisse Verworrenheit kommt in seine Gedan- 
ken, von welcher alsbald das Abrupte, Fragmentarische, 
gleichsam Kleingehackte seiner Konversation zeugt. Dies 
ist um so mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, 
die Menge der Eindrücke, und je geringer die innere Thä- 
tigkeit seines Geistes ist. 

Hieher gehört die Bemerkung, daß, nach längerer Zeit 
und nachdem die Verhältnisse und Umgebungen, welche 
auf uns einwirkten, vorübergegangen sind, wir nicht ver- 
mögen, unsere damals durch sie erregte Stimmung und 
Empfindung uns zurückzurufen und zu erneuern: wohl aber 
können wir unserer eigenen, damals von ihnen hervorge- 
rufenen Äußerungen uns erinnern. Diese nun sind das Re- 
sultat, der Ausdruck und der Maaßstab jener. Daher sollte 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 133 

das Gedächtniß, oder das Papier, dergleichen, aus denk- 
würdigen Zeitpunkten, sorgfältig aufbewahren. Hiezu sind 
Tagebücher sehr nützlich. 

9) Sich selber genügen, sich selber Alles in Allem sein, 
und sagen können omnia mea mecum porto, ist gewiß für 
unser Glück die förderlichste Eigenschaft: daher der Aus- 
spruch des Aristoteles i^ £ü8ai[xovia xtüv aoTapxtuv sort 
(felicitas sibi sufficientium est. Eth. Eud. 7, 2) nicht zu 
oft wiederholt werden kann. (Auch ist es im Wesentlichen 
der selbe Gedanke, den, in einer überaus artigen Wen- 
dung, die Sentenz Chamforts ausdrückt, welche ich dieser 
Abhandlung als Motto vorgesetzt habe.) Denn theils darf 
man, mit einiger Sicherheit, auf niemand zählen, als auf 
sich selbst, und theils sind die Beschwerden und Nach- 
theile, die Gefahr und der Verdruß, welche die Gesell- 
schaft mit sich führt, unzählig und unausweichbar. 
Kein verkehrterer Weg zum Glück, als das Leben in der 
großen Welt, in Saus und Braus (high life): denn es be- 
zweckt, unser elendes Dasein in eine Succession von 
Freude, Genuß, Vergnügen zu verwandeln, wobei die 
Enttäuschung nicht ausbleiben kann; so wenig, wie bei 
der obligaten Begleitung dazu, dem gegenseitigen einan- 
der Belügenf ). 

Zunächst erfordert jede Gesellschaft nothwendig eine ge- 
genseitige Ackommodation und Temperatur: daher wird 
sie, je größer, desto fader. Ganz er selbst sein darf Jeder 
nur so lange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit 
liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wann 
man allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrenn- 
liche Gefährte jeder Gesellschaft, und jede fordert Opfer, 
die um so schwerer fallen, je bedeutender die eigene In- 
dividualität ist. Demgemäß wird Jeder in genauer Pro- 
portion zum Werthe seines eigenen Selbst die Einsamkeit 
fliehen, ertragen, oder lieben. Denn in ihr fühlt der Jäm- 

f) Wie unser Leib in die Gewänder, so ist unser Geist in Lügen 
verhüllt. Unser Reden, Thun, unser ganzes Wesen, ist lügenhaft: 
und erst durch diese Hülle hindurch kann man bisweilen unsere 
wahre Gesinnung errathen, wie durch die Gewänder hindurch die 
Gestalt des Leibes. 



1 3 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

merliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist 
seine ganze Größe, kurz, Jeder sich als was er ist. Fer- 
ner, je höher Einer auf der Rangliste der Natur steht, 
desto einsamer steht er, und zwar wesentlich und unver- 
meidlich. Dann aber ist es eine Wohlthat für ihn, wenn 
die physische Einsamkeit der geistigen entspricht: widri- 
genfalls dringt die häufige Umgebung heterogener Wesen 
störend, ja, feindlich auf ihn ein, raubt ihm sein Selbst 
und hat nichts als Ersatz dafür zu geben. Sodann, wäh- 
rend die Natur zwischen Menschen die weiteste Verschie- 
denheit, im Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat, 
stellt die Gesellschaft, diese für nichts achtend, sie alle 
gleich, oder vielmehr sie setzt an ihre Stelle die künst- 
lichen Unterschiede und Stufen des Standes und Ranges, 
welche der Rangliste der Natur sehr oft diametral ent- 
gegen laufen. Bei dieser Anordnung stehen sich Die, 
welche die Natur niedrig gestellt hat, sehr gut; die We- 
nigen aber, welche sie hoch stellte, kommen dabei zu 
kurz; daher diese sich der Gesellschaft zu entziehn pfle- 
gen und in jeder, sobald sie zahlreich ist, das Gemeine 
vorherrscht. Was den großen Geistern die Gesellschaft 
verleidet, ist die Gleichheit der Rechte, folglich der An- 
sprüche, bei der Ungleichheit der Fähigkeiten, folglich 
der (gesellschaftlichen) Leistungen, der Andern. Die so- 
genannte gute Societät läßt Vorzüge aller Art gelten, nur 
nicht die geistigen, diese sind sogar Kontrebande. Sie 
verpflichtet uns, gegen jede Thorheit, Narrheit, Verkehrt- 
heit, Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; per- 
sönliche Vorzüge hingegen sollen sich Verzeihung erbet- 
teln, oder sich verbergen; denn die geistige Überlegen- 
heit verletzt durch ihre bloße Existenz, ohne alles Zuthun 
des Willens. Demnach hat die Gesellschaft, welche man 
die gute nennt, nicht nur den Nachtheil, daß sie uns 
Menschen darbietet, die wir nicht loben und lieben kön- 
nen, sondern sie läßt auch nicht zu, daß wir selbst seien, 
wie es unsrer Natur angemessen ist; vielmehr nöthigt 
sie uns, des Einklanges mit den Anderen wegen, einzu- 
schrumpfen, oder gar uns selbst zu verunstalten. Geist- 
reiche Reden oder Einfalle gehören nur vor geistreiche 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 3 5 

Gesellschaft: in der gewöhnlichen sind sie geradezu ver- 
haßt; denn um in dieser zu gefallen, ist durchaus noth- 
wendig, daß man platt und bomirt sei. In solcher Ge- 
sellschaft müssen wir daher, mit schwerer Selbstverleug- 
nung, ^1^ unsrer selbst aufgeben, um uns den Andern zu 
verähnlichen. Dafür haben wir dann freilich die Andern: 
aber je mehr eigenen Werth Einer hat, desto mehr wird 
er finden, daß hier der Gewinn den Verlust nicht deckt 
und das Geschäft zu seinem Nachtheil ausschlägt; weil 
die Leute, in der Regel, insolvent sind, d. h. in ihrem 
Umgang nichts haben, das für die Langweiligkeit, die 
Beschwerden und Unannehmlichkeiten desselben und für 
die Selbstverleugnung, die er auflegt, schadlos hielte: dem- 
nach ist die allermeiste Gesellschaft so beschafifen, daß 
wer sie gegen die Einsamkeit vertauscht einen guten Han- 
del macht. Dazu kommt noch, daß die Gesellschaft, um 
die ächte, d. i. die geistige Überlegenheit, welche sie 
nicht verträgt und die auch schwer zu finden ist, zu er- 
setzen, eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen 
Satzungen beruhende und traditionell unter den höhern 
Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, ver- 
änderliche Überlegenheit beliebig angenommen hat: diese 
ist, was der gute Ton, bon ton, fashionableness genannt 
wird. Wann sie jedoch ein Mal mit der ächten in Kol- 
lision geräth, zeigt sich ihre Schwäche. — ^Zudem, quand le 
bon ton arrive, le bon sens se retire. 
Überhaupt aber kann Jeder zm vollkommensten Einklänge 
nur mit sich selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht 
mit seiner Geliebten: denn die Unterschiede der Indivi- 
dualität und Stimmung fuhren allemal eine, wenn auch 
geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe 
Friede des Herzens und die vollkommene Gemüthsruhe, 
dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut, allein 
in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung 
nur in der tiefsten Zurückgezogenheit. Ist dann das eigene 
Selbst groß und reich; so genießt man den glücklichsten 
Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag. 
Ja, es sei heraus gesagt: so eng auch Freundschaft, Liebe 
und Ehe Menschen verbinden; ganz ehrlich meint Jeder 



1 3 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

es am Ende doch nur mit sich selbst und höchstens noch 
mit seinem Kinde. — ^Je weniger Einer, in Folge objektiver 
oder subjektiver Bedingungen, nöthig hat, mit den Men- 
schen in Berührung zu kommen, desto besser ist er daran. 
Die Einsamkeit und Öde läßt alle ihre Übel auf ein Mal, 
wenn auch nicht empfinden, doch übersehn: hingegen die 
Gesellschaft ist insidiös: sie verbirgt hinter dem Scheine 
der Kurzweil, der Mittheilung, des geselligen Genusses 
u. s. f. große, oft unheilbare Übel. Ein Hauptstudium der 
Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen; weil 
sie eine Quelle des Glückes, der Gemüthsruhe ist. — Aus 
diesem Allen nun folgt, daß Der am besten daran ist, der 
nur auf sich selbst gerechnet hat und sich selber Alles in 
Allem sein kann; sogar sagt Cicero: Nemo potest non 
beatissimus esse, qui est totus aptus ex sese, quique in 
se uno ponit omnia. (Paradox. II.) Zudem, je mehr Einer 
an sich selber hat, desto weniger können Andere ihm 
sein. Ein gewisses Gefühl von Allgenugsamkeit ist es, 
welches die Leute von innerm Werth und Reichthum 
abhält, der Gemeinschaft mit Andern die bedeutenden 
Opfer, welche sie verlangt, zu bringen, geschweige die- 
selbe, mit merklicher Selbstverleugnung, zu suchen. Das 
Gegentheil hievon macht die gewöhnlichen Leute so ge- 
sellig und ackommodant: es wird ihnen nämlich leichter, 
Andere zu ertragen, als sich selbst. Noch kommt hinzu, 
daß was wirklichen Werth hat in der Welt nicht geachtet 
wird, und was geachtet wird keinen Werth hat. Hievon 
ist die Zurückgezogenheit jedes Würdigen und Ausge- 
zeichneten der Beweis und die Folge. Diesem Allen nach 
wird es in Dem, der etwas Rechtes an sich selber hat, 
ächte Lebensweisheit sein, wenn er, erforderlichen Falls, 
seine Bedürfnisse einschränkt, um nur seine Freiheit zu 
wahren, oder zu erweitern, und demnach mit seiner Per- 
son, da sie unvermeidliche Verhältnisse zur Menschen- 
welt hat, so kurz wie möglich sich abfindet. 
Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht ist ihre 
Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu 
ertragen. Innere Leere und Überdruß sind es, von denen 
sie sowohl in die Gesellschaft, wie in die Fremde und auf 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 3 7 

Reisen getrieben werden. Ihrem Geiste mangelt es an 
Federkraft, sich eigene Bewegung zu ertheilen: daher 
suchen sie Erhöhung derselben durch Wein und werden 
Viele auf diesem Wege zu Trunkenbolden. Eben daher 
bedürfen sie der steten Erregung von außen und zwar der 
Stärkesten, d. i. der durch Wesen ihres Gleichen. Ohne 
diese sinkt ihr Geist, unter seiner eigenen Schwere, zu- 
sammen und verfällt in eine drückende Lethargie f). Im- 
gleichen ließe sich sagen, daß Jeder von ihnen nur ein 
kleiner Bruch der Idee der Menschheit sei, daher er vieler 
Ergänzung durch Andere bedarf, damit einigermaaßen ein 
volles menschliches Bewußtsein herauskomme: hingegen 
wer ein ganzer Mensch ist, ein Mensch par excellence, 
der stellt eine Einheit und keinen Bruch dar, hat daher 
an sich selbst genug. Man kann, in diesem Sinne, die 
gewöhnliche Gesellschaft jener russischen Hornmusik ver- 
gleichen, bei der jedes Hörn nur Einen Ton hat und bloß 
durch das pünktliche Zusammentreffen aller eine Musik 
herauskommt. Denn monoton, wie ein solches eintöniges 
Hom, ist der Sinn und Geist der allermeisten Menschen: 
sehn doch viele von ihnen schon aus, als hätten sie im- 



■{•) Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, daß man sie ge- 
meinschaftlich erträgt: zu diesen scheinen die Leute die Lange- 
weile zu zählen; daher sie sich zusammensetzen, um sich gemein- 
schaftlich zu langweilen. Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur 
Furcht vor dem Tode ist, so ist auch der Geselligkeitstrieb der 
Menschen im Grunde kein direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe 
zur Gesellschaft, sondern auf Furcht vor der Einsamkeit, indem 
es nicht sowohl die holdselige Gegenwart der Andern ist, die gesucht, 
als vielmehr die Öde und Beklommenheit des Alleinseins, nebst 
der Monotonie des eigenen Bewußtseins, die geflohen wird; wel- 
cher zu entgehn man daher auch mit schlechter Gesellschaft vorlieb 
nimmt, imgleichen das Lästige und den Zwang, den eine jede noth- 
wendig mit sich bringt, sich gefallen läßt. — Hat hingegen der 
Widerwille gegen dieses Alles gesiegt und ist, in Folge davon, die 
Gewohnheit der Einsamkeit und die Abhärtung gegen ihren un- 
mittelbaren Eindruck eingetreten, so daß sie die oben bezeichneten 
Wirkungen nicht mehr hervorbringt; dann kann man mit größter 
Behaglichkeit immerfort allein sein, ohne sich nach Gesellschaft zu 
sehnen; eben weil das Bedürfniß derselben kein direktes ist und 
man andrerseits sich jetzt an die wohlthätigen Eigenschaften der 
Einsamkeit gewöhnt hat. 



1 3 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

merfort nur Einen und denselben Gedanken, unfähig irgend 
einen andern zu denken. Hieraus also erklärt sich nicht 
nur, warum sie so langweilig, sondern auch warum sie so 
gesellig sind und am liebsten heerdenweise einhergehn; 
the gregariousness of mankind. Die Monotonie seines 
eigenen Wesens ist es, die jedem von ihnen unerträglich 
wird: — omnis stultitia laborat fastidio sui: — nur zusammen 
und durch die Vereinigung sind sie irgend etwas; — wie 
jene Hornbläser. Dagegen ist der geistvolle Mensch einem 
Virtuosen zu vergleichen, der sein Konzert allein ausführt; 
oder auch dem Klavier. Wie nämlich dieses, für sich 
allein, ein kleines Orchester, so ist er eine kleine Welt, 
und was jene Alle erst durch das Zusammenwirken sind, 
stellt er dar in der Einheit Eines Bewußtseins. Wie das 
Klavier, ist er kein Theil der Symphonie, sondern für das 
Solo und die Einsamkeit geeignet: soll er mit ihnen zu- 
sammenwirken; so kann er es nur sein als Principalstimme 
mit Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, 
bei Vokalmusik, wie das Klavier. — Wer inzwischen Ge- 
sellschaft liebt kann sich aus diesem Gleichniß die Regel 
abstrahiren, daß was den Personen seines Umgangs an 
Qualität abgeht durch die Quantität einigermaaßen er- 
setzt werden muß. An einem einzigen geistvollen Men- 
schen kann er Umgang genug haben: ist aber nichts als 
die gewöhnliche Sorte zu finden; so ist es gut, von dieser 
recht viele zu haben, damit durch die Mannigfaltigkeit 
und das Zusammenwirken etwas herauskomme, — nach 
Analogie der besagten Hommusik: — und der Himmel 
schenke ihm dazu Geduld. 

Jener innem Leere aber und Dürftigkeit der Menschen 
ist auch Dieses zuzuschreiben, daß, wenn ein Mal, irgend 
einen edelen, idealen Zweck beabsichtigend, Menschen 
besserer Art zu einem Verein zusammentreten, alsdann 
der Ausgang fast immer dieser ist, daß aus jenem plebs 
der Menschheit, welcher, in zahlloser Menge, wie Unge- 
ziefer, überall Alles erfüllt und bedeckt, und stets bereit 
ist, Jedes, ohne Unterschied, zu ergreifen, um damit sei- 
ner Langenweile, wie unter andern Umständen seinem 
Mangel, zu Hülfe zu kommen, — auch dort Einige sich 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 3 9 

einschleichen, oder eindrängen und dann bald entweder 
die ganze Sache zerstören, oder sie so verändern, daß sie 
ziemlich das Gegentheil der ersten Absicht wird. — 
Übrigens kann man die Geselligkeit auch betrachten als 
ein geistiges Erwärmen der Menschen an einander, gleich 
jenem körperlichen, welches sie, bei großer Kälte, durch 
Zusammendrängen hervorbringen. Allein wer selbst viel 
geistige Wärme hat, bedarf solcher Gruppirung nicht. 
Eine in diesem Sinne von mir erdachte Fabel wird man 
im 2. Bande dieses Werkes finden, im letzten Kapitel. 
Diesem Allen zufolge steht die Geselligkeit eines Jeden 
ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seines intellektuel- 
len Werthes; und ''er ist sehr ungesellig" sagt beinahe 
schon "er ist ein Mann von großen Eigenschaften." 
Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt näm- 
lich die Einsamkeit einen zwiefachen Vortheil: erstlich 
den, mit sich selber zu sein, und zweitens den, nicht mit 
Andern zu sein. Diesenletzterenwird man hoch anschla- 
gen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beschwerde und 
selbst Gefahr jeder Umgang mit sich bringt. Tout notre 
mal vient de ne pouvoir etre seul, sagt Labruylre. Ge- 
selligkeit gehört zu den gefährlichen, ja, verderblichen Nei- 
gungen, da sie uns in Kontakt bringt mit Wesen, deren 
große Mehrzahl moralisch schlecht und intellektuell stumpf 
oder verkehrt ist. Der Ungesellige ist Einer, der ihrer 
nicht bedarf. An sich selber so viel zu haben, daß man 
der Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein großes 
Glück, weil fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft 
entpringen, und die Geistesruhe, welche, nächst der Ge- 
sundheit, das wesentlichste Element unseres Glückes aus- 
macht, durch jede Gesellschaft gefährdet wird und daher 
ohne ein bedeutendes Maaß von Einsamkeit nicht beste- 
hen kann. Um des Glückes der Geistesruhe theilhaft zu 
werden, entsagten die Kyniker jedem Besitz: wer in glei- 
cher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat das weiseste 
Mittel erwählt. Denn so treffend, wie schön, ist was 
Bemardin de St. Pierre sagt: la di^te des alimens nous 
rend la sante du corps, et celle des hommes la tranquil- 
lit^ de Päme. Sonach hat wer sich zeitig mit der Ein- 



I40 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

samkeit befreundet, ja, sie lieb gewinnt, eine Goldmine 
erworben. Aber keineswegs vermag dies Jeder. Denn, 
wie ursprünglich die Noth, so treibt, nach Beseitigung 
dieser, die Langeweile die Menschen zusammen. Ohne 
Beide bliebe wohl Jeder allein; schon weil nur in der Ein- 
samkeit die Umgebung der ausschließlichen Wichtigkeit, 
ja, Einzigkeit entspricht, die Jeder in seinen eigenen Augen 
hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts verkleinert 
wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches de- 
menti erhält. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar 
der natürliche Zustand eines Jeden: sie setzt ihn wieder 
ein, als ersten Adam, in das ursprüngliche, seiner Natur 
angemessene Glück. 

Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! 
Daher wieder ist, in einem andern Sinne, die Einsamkeit 
dem Menschen nicht natürlich; sofern nämlich er, bei 
seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein, sondern 
zwischen Eltern und Geschwistern, also in Gemeinschaft, 
gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur Einsam- 
keit nicht als mrsprünglicher Hang dasein, sondern erst 
in Folge der Erfahrung und des Nachdenkens entstehn: 
und Dies wird Statt haben, nach Maaßgabe der Entwik- 
kelung eigener geistiger Kraft, zugleich aber auch mit der 
Zunahme der Lebensjahre; wonach denn, im Ganzen ge- 
nommen, der Geselligkeitstrieb eines Jeden im umge- 
kehrten Verhältnisse seines Alters stehn wird. Das kleine 
Kind erhebt ein Angst- und Jammergeschrei, sobald es 
nur einige Minuten allein gelassen wird. Dem Knaben 
ist das Alleinsein eine große Pönitenz. Jünglinge gesellen 
sich leicht zu einander: nur die edleren und hochgesinn- 
ten unter ihnen suchen schon bisweilen die Einsamkeit: 
jedoch einen ganzen Tag allein zuzubringen wird ihnen 
noch schwer. Dem Manne hingegen ist Dies leicht: er 
kann schon viel allein sein, und desto mehr, je älter er 
wird. Der Greis, welcher aus verschwundenen Genera- 
tionen allein übrig geblieben und dazu den Lebensge- 
nüssen theils entwachsen, theils abgestorben ist, findet an 
der Einsamkeit sein eigentliches Element. Immer aber 
wird hiebei, in den Einzelnen, die Zunahme der Neigung 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 4 1 

zur Absonderung und Einsamkeit nach Maaßgabe ihres 
intellektuellen Werthes erfolgen. Denn dieselbe ist, wie 
gesagt, keine rein natürliche, direkt durch die Bedürfnisse 
hervorgerufene, vielmehr bloß eine Wirkung gemachter 
Erfahrung und der Reflexion über solche, namentlich der 
erlangten Einsicht in die moralisch und intellektuell elende 
Beschaffenheit der allermeisten Menschen, bei welcher 
das Schlimmste ist, daß, im Individuo, die moralischen 
und die intellektuellen UnvoUkommenheiten desselben 
konspiriren und sich gegenseitig in die Hände arbeiten, 
woraus dann allerlei höchst widerwärtige Phänomene 
hervorgehn, welche den Umgang der meisten Menschen 
ungenießbar, ja, unerträglich machen. So kommt es denn, 
daß, obwohl in dieser Welt gar Vieles recht schlecht ist, 
doch das Schlechteste darin die Gesellschaft bleibt; so 
daß selbst Voltaire, der gesellige Franzose, hat sagen müs- 
sen: la terre est couverte de gens qui ne mdritent pas 
qu'on leur parle. Den selben Grund giebt auch der die 
Einsamkeit so stark und beharrlich liebende, sanftmüthige 
Petrarka für diese Neigung an: 

Cercato ho sempre solitaria vita 

(Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi), 

Per fuggir quest' ingegni storti e loschi. 
Che la strada del cid' hanno smarita. 

In gleichem Sinne führt er die Sache aus, in seinem schö- 
nen Buche de vita solitaria, welches Zimmermannes Vor- 
bild zu seinem berühmten Werke über die Einsamkeit 
gewesen zu sein scheint. Eben diesen bloß sekundären 
und mittelbaren Ursprung der Ungeselligkeit drückt, in 
seiner sarkastischen Weise, Chamfort aus, wenn er sagt: 
on dit quelquefois d'un homme qui vit seul, il n'aime pas 
la soci^td. C'est souvent comme si on disait d'un homme, 
qu'il n'aime pas la promenade, sous le prdtexte qu'il ne 
se prom^ne pas volontiers le soir dans la foret de Bon- 
dyf ). Aber auch der sanfte und christliche Angelus Sile- 

i) Im selben Sinne sagt Sadi, im Gulistan (S. die Übers, v. Graf p. 
65): "Seit dieser Zeit haben wir von der Gesellschaft Abschied ge- 
nommen und uns den Weg der Absonderung vorgenommen: denn 
die Sicherheit ist in der Einsamkeit." 



1 4 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

sius sagt, in seiner Weise und mythischen Sprache, ganz 
das Selbe: 

"Herodes ist ein Feind; der Joseph der Verstand, 
Dem macht Gott die Gefahr im Traum (im Geist) bekannt. 
Die Welt ist Bethlehem, Ägypten Einsamkeit: 
Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid." 

In gleichem Sinne läßt sich Jordanus Brunus vernehmen: 
tanti uomini, che in terra hanno voluto gustare vita Ce- 
leste, dissero con una voce: "ecce elongavi fugiens, et 
mansi in solitudine". In gleichem Sinne berichtet Sadi^ 
der Perser, im Gulistan, von sich selbst: * 'meiner Freunde 
in Damaskus überdrüssig zog ich mich in die Wüste bei 
Jerusalem zurück, die Gesellschaft der Thiere aufzusu- 
chen." Kurz, in gleichem Sinne haben alle geredet, die 
Prometheus aus besserem Thone geformet hatte. Wel- 
chen Genuß kann ihnen der Umgang mit Wesen gewäh- 
ren, zu denen sie nur vermittelst des Niedrigsten und Un- 
edelsten in ihrer eigenen Natur, nämlich des Alltäglichen, 
Trivialen und Gemeinen darin, irgend Beziehungen haben, 
die eine Gemeinschaft begründen, und denen, weil sie 
nicht zu ihrem niveau sich erheben können, nichts übrig 
bleibt, als sie zu dem ihrigen herabzuziehn, was demnach 
ihr Trachten wird? Sonach ist es ein aristokratisches Ge- 
fühl, welches den Hang zur Absonderung und Einsamkeit 
nährt. Alle Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: daß hin- 
gegen ein Mensch edlerer Art sei, zeigt sich zunächst 
daran, daß er kein Wohlgefallen an den Übrigen hat, son- 
dern mehr und mehr die Einsamkeit ihrer Gesellschaft 
vorzieht und dann allmälig, mit den Jahren, zu der Ein- 
sicht gelangt, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet, 
in der Welt nur die Wahl giebt zwischen Einsamkeit und 
Gemeinheit. Sogar auch Dieses, so hart es klingt, hat 
selbst Angelus Silesius, seiner christlichen Milde und Liebe 
ungeachtet, nicht ungesagt lassen können: 

"Die Einsamkeit ist noth: doch sei nur nicht gemein: 
So kannst du überall in einer Wüste sein." 

Was nun aber gar die großen Geister betrifft, so ist es 
wohl natürlich, daß diese eigentlichen Erzieher des gan- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN - 143 

zen Menschengeschlechtes zu häufiger Gemeinschaft mit 
den Übrigen so wenig Neigung fühlen, als den Pädago- 
gen anwandelt, sich in das Spiel der ihn umlärmenden 
Kinderheerde zu mischen. Denn sie, die auf die Welt 
gekommen sind, um sie auf dem Meer ihrer Irrthümer 
der Wahrheit zuzulenken und aus dem finstem Abgrund 
ihrer Rohheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, 
der Bildung und Veredlung entgegen zu ziehn, — sie müs- 
sen zwar unter ihnen leben, ohne jedoch eigentlich zu 
ihnen zu gehören, fühlen sich daher, von Jugend auf, als 
merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen 
aber erst allmälig, mit den Jahren zur deutlichen Er- 
kenntniß der Sache, wonach sie dann Sorge tragen, daß 
zu ihrer geistigen Entfernung von den Andern auch die 
physische komme, und Keiner ihnen nahe rücken darf, 
er sei denn schon selbst ein mehr oder weniger Eximirter 
von der allgemeinen Gemeinheit. 

Aus diesem Allen ergiebt sich also, daß die Liebe zur 
Einsamkeit nicht direkt und als ursprünglicher Trieb auf- 
tritt, sondern sich indirekt, vorzüglich bei edleren Gei- 
stern und erst nach imd nach entwickelt, nicht ohne 
Überwindung des natürlichen Geselligkeitstriebes, ja, 
unter gelegentlicher Opposition mephistophelischer Ein- 
flüsterung: 

"Hör' auf, mit deinem Gram zu spielen, 
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt: 
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen, 
Daß da ein Mensch mit Menschen bist." 

Einsamkeit ist das Loos aller hervorragenden Geister: sie 
werden solche bisweilen beseufzen; aber stets sie als das 
kleinere von zwei Übeln erwählen. Mit zunehmendem 
Alter wird jedoch das sapere aude in diesem Stücke im- 
mer leichter und natürlicher, und in den sechsziger Jahren 
ist der Trieb zur Einsamkeit ein wirklich naturgemäßer, 
ja instinktartiger. Denn jetzt vereinigt sich Alles, ihn zu 
befördern. Der stärkste Zug zur Geselligkeit, Weiberliebe 
und Geschlechtstrieb, wirkt nicht mehr; ja, die Geschlechts- 
losigkeit des Alters legt den Grund zu einer gewissen 
Selbstgenügsamkeit, die allmälig den Geselligkeitstrieb 



1 44 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

überhaupt absorbirt. Von tausend Täuschungen und 
Thorheiten ist man zurückgekommen; das aktive Leben 
ist meistens abgethan, man hat nichts mehr zu erwarten, 
hat keine Pläne und Absichten mehr; die Generation, der 
man eigentlich angehört, lebt nicht mehr; von einem frem- 
den Geschlecht umgeben, steht man schon objektiv und 
wesentlich allein. Dabei hat der Flug der Zeit sich be- 
schleunigt, und geistig möchte man sie noch benutzen. 
Denn, wenn nur der Kopf seine Kraft behalten hat; so 
machen jetzt die vielen erlangten Kenntnisse und Erfah- 
rungen, die allmälig vollendete Durcharbeitung aller Ge- 
danken und die große Übungsfertigkeit aller Kräfte das 
Studium jeder Art interessanter und leichter, als jemals. 
Man sieht klar in tausend Dingen, die früher noch wie 
im Nebel lagen: man gelangt zu Resultaten und fühlt seine 
ganze Überlegenheit. In Folge langer Erfahrung hat man 
aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten; da sie, 
im Ganzen genommen, nicht zu den Leuten gehören, wel- 
che bei näherer Bekanntschaft gewinnen: vielmehr weiß 
man, daß, von seltenen Glücksfällen abgesehn, man nichts 
antreffen wird, als sehr defekte Exemplare der mensch- 
lichen Natur, welche es besser ist, unberührt zu lassen. 
Man ist daher den gewöhnlichen Täuschungen nicht mehr 
ausgesetzt, merkt Jedem bald an was er ist und wird sel- 
ten den Wunsch fühlen, nähere Verbindung mit ihm ein- 
zugehn. Endlich ist auch, zumal wenn man an der Ein- 
samkeit eine Jugendfreundin erkennt, die Gewohnheit der 
Isolation und des Umgangs mit sich selbst hinzugekom- 
men und zur zweiten Natur geworden. Demnach ist jetzt 
die Liebe zur Einsamkeit, welche früher dem Gesellig- 
keitstriebe erst abgerungen werden mußte, eine ganz na- 
türliche und einfache: man ist in der Einsamkeit, wie der 
Fisch im Wasser. Daher fühlt jede vorzügliche, folglich 
den übrigen unähnliche, mithin allein stehende Indivi- 
dualität sich, durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar 
in der Jugend gedrückt, aber im Alter erleichtert. 
Denn freilich wird dieses wirklichen Vorzugs des Alters 
Jeder immer nur nach Maaßgabe seiner intellektuellen 
Kräfte theilhaft, also der eminente Kopf vor Allen; je- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 145 

doch in geringerem Grade wohl Jeder. Nur höchst dürf- 
tige und gemeine Naturen werden im Alter noch so ge- 
sellig sein, wie ehedem: sie sind der Gesellschaft, zu der 
sie nicht mehr passen, beschwerlich, und bringen es höch- 
stens dahin, tolerirt zu werden; während sie ehemals ge- 
sucht wurden. 

An dem dargelegten, entgegengesetzten Verhältnisse zwi- 
schen der Zahl unsrer Lebensjahre und dem Grade uns- 
rer Geselligkeit läßt sich auch noch eine teleologische 
Seite herausfinden. Je jünger der Mensch ist, desto mehr 
hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn 
die Natur auf den wechselseitigen Unterricht verwiesen, 
welchen Jeder im Umgange mit seines Gleichen empfängt 
und in Hinsicht auf welchen die menschliche Gesellschaft 
eine große Bell-Lancaster'sche Erziehungsanstalt genannt 
werden kann; da Bücher und Schulen künstliche, weil vom 
Plane der Natur abliegende Anstalten sind. Sehr zweck- 
mäßig also besucht er die natürliche Unterrichtsanstalt 
desto fleißiger, je jünger er ist. 

Nihil est ab omni parte beatum sagt Horaz, und "Kein 
Lotus ohne Stengel" lautet ein indisches Sprichwort: so 
hat denn auch die Einsamkeit, neben so vielen Vorthei- 
len, ihre kleinen Nachtheile und Beschwerden, die jedoch, 
im Vergleich mit denen der Gesellschaft, gering sind; da- 
her wer etwas Rechtes an sich selber hat es immer leich- 
ter finden wird, ohne die Menschen auszukommen, als 
mit ihnen. — ^Unter jenen Nachtheilen ist übrigens einer, 
der nicht so leicht, wie die übrigen, zum Bewußtsein ge- 
bracht wird, nämlich dieser: wie durch anhaltend fortge- 
setztes Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen 
äußere Einflüsse wird, daß jedes kühle Lüftchen ihn krank- 
haft affizirt; so wird, durch anhaltende Zurückgezogenheit 
und Einsamkeit, unser Gemüth so empfindlich, daß wir 
durch die unbedeutendesten Vorfälle, Worte, wohl gar 
durch bloße Mienen, uns beunruhigt, oder gekränkt, oder 
verletzt fühlen; während Der, welcher stets im Getümmel 
bleibt. Dergleichen gar nicht beachtet. 
Wer nun aber, zumal in Jüngern Jahren, so oft ihn auch 
schon gerechtes Mißfallen an den Menschen in die Ein- 



146 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

samkeit zurückgescheucht hat, doch die Öde derselben, 
auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rathe ich, 
daß er sich gewöhne, einen Theil seiner Einsamkeit in 
die Gesellschaft mitzunehmen, also daß er lerne, auch in 
der Gesellschaft, in gewissem Grade, allein zu sein, dem- 
nach was er denkt nicht sofort den Andern mitzutheilen, 
und andrerseits mit Dem, was sie sagen, es nicht genau 
zu nehmen, vielmehr, moralisch wie intellektuell, nicht 
viel davon zu erwarten und daher, hinsichtlich ihrer Mei- 
nungen, diejenige Gleichgültigkeit in sich zu befestigen, 
die das sicherste Mittel ist, um stets eine lobenswerthe 
Toleranz zu üben. Er wird alsdann, obwohl mitten unter 
ihnen, doch nicht so ganz in ihrer Gesellschaft sein, son- 
dern hinsichtlich ihrer sich mehr rein objektiv verhalten: 
Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der Gesell- 
schaft, und dadurch vor jeder Besudelung, oder gar Ver- 
letzung, schützen. Sogar eine lesenswerthe dramatische 
Schilderung dieser restringirten, oder verschanzten Ge- 
selligkeit besitzen wir am Lustspiel "el Cafd o sea la co- 
media nueva'' von Moratin^ und zwar im Charakter des 
D. Pedro daselbst, zumal in der zweiten und dritten Scene 
des ersten Akts. In diesem Sinne kann man auch die 
Gesellschaft einem Feuer vergleichen, an welchem der 
Kluge sich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber hin- 
eingreift, wie der Thor, der dann, nachdem er sich ver- 
brannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, 
daß das Feuer brennt. 

ig) Neid ist dem Menschen natürlich: dennoch ist er ein 
Laster und ein Unglück zugleich f). Wir sollen daher ihn 
als den Feind unsers Glückes betrachten und als einen 
bösen Dämon zu ersticken suchen. Hiezu leitet uns 
Seneka an, mit den schönen Worten: nostra nos sine com- 
paratione delectent: nunquam erit felix quem torquebit 
felicior (de ira III, 30), und wiederum: quum adspexeris 
quot te antecedant, cogita quot sequantur (ep. 15): also 
wir sollen öfter Die betrachten, welche schlimmer daran 

•f) Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich 
filhlen; ihre beständige A ufmerksamkeit auf fremdes Thnn und 
Lassen, wie sehr sie sieh langweilen. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 4 7 

sind, als wir, denn Die, welche besser daran zu sein 
scheinen. Sogar wird, bei eingetretenen, wirklichen Übeln, 
uns den wirksamsten, wiewohl aus der selben Quelle mit 
dem Neide fließenden Trost die Betrachtung größerer 
Leiden, als die unsrigen sind, gewähren, und nächstdem 
der Umgang mit Solchen, die mit uns im selben Falle sich 
befinden, mit den sociis malorum. 

Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der pas- 
siven ist zu erwägen, daß kein Haß so unversöhnlich ist, 
wie der Neid; daher wir nicht unablässig und eifrig be- 
müht sein sollten, ihn zu erregen; vielmehr besser thäten, 
diesen Genuß, wie manchen andern, der gefährlichen Fol- 
gen wegen, uns zu versagen. — Es giebt drei Aristokratien: 
i) die der Geburt und des Ranges, 2) die Geldaristokra- 
tie, 3) die geistige Aristokratie. Letztere ist eigentlich 
die vornehmste, wird auch dafür anerkannt, wenn man 
ihr nur Zeit läßt: hat doch schon Friedrich der Große ge- 
sagt: les ämes privil^gides rangent ä l'dgal des souverains, 
und zwar zu seinem Hofmarschall, der Anstoß daran nahm, 
daß, während Minister und Generäle an der Marschalls- 
tafel aßen, Voltaire an einer Tafel Platz nehmen sollte, 
an welcher bloß regierende Herren und ihre Prinzen 
saßen. — ^Jede dieser Aristokratien ist umgeben von einem 
Heer ihrer Neider, welche gegen Jeden ihr Angehörigen 
heimlich erbittert und, wenn sie ihn nicht zu fürchten 
haben, bemüht sind, ihm auf mannigfaltige Weise zu ver- 
stehn zu geben, "du bist nichts mehr, als wirl" Aber ge- 
rade diese Bemühungen verrathen ihre Überzeugung vom 
Gegentheil. Das von den Beneideten dagegen anzuwen- 
dende Verfahren besteht im Fernhalten Aller dieser Schaar 
Angehörigen und im möglichsten Vermeiden jeder Be- 
rührung mit ihnen, so daß sie durch eine weite Klluft ab- 
getrennt bleiben; wo aber dies nicht angeht, im höchst 
gelassenen Ertragen ihrer Bemühungen, deren Quelle sie 
ja neutralisirt: — auch sehn wir dasselbe durchgängig an- 
gewandt. Hingegen werden die der Einen Aristokratie 
Angehörigen sich mit denen einer der beiden andern mei- 
stens gut und ohne Neid vertragen; weil Jeder seinen Vor- 
zug gegen den der Andern in die Waage legt. 



148 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

1 1) Man überlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, 
ehe man dasselbe ins Werk setzt, und selbst nachdem man 
Alles auf das Gründlichste durchdacht hat, räume man 
noch der Unzulänglichkeit aller menschlichen Erkennt- 
niß etwas ein, in Folge welcher es immer noch Umstände 
geben kann, die zu erforschen oder vorherzusehn unmög- 
lich ist und welche die ganze Berechnung unrichtig ma- 
chen könnten. Dieses Bedenken wird stets ein Gewicht 
auf die negative Schaale legen und uns anrathen, in wich- 
tigen Dingen, ohne Noth, nichts zu rühren: quieta non 
movere. Ist man aber ein Mal zum Entschluß gekommen 
und hat Hand ans Werk gelegt, so daß jetzt Alles seinen 
Verlauf zu nehmen hat und nur noch der Ausgang abzu- 
warten steht; dann ängstige man sich nicht durch stets 
erneuerte Überlegung des bereits Vollzogenen und durch 
wiederholtes Bedenken der möglichen Gefahr; vielmehr 
entschlage man der Sache sich jetzt gänzlich, halte das 
ganze Gedankenfach derselben verschlossen, sich mit der 
Überzeugung beruhigend, daß man Alles zu seiner Zeit 
reiflich erwogen habe. Diesen Rath ertheilt auch das ita- 
liänische Sprichwort legala bene, e poi lascia la andare, 
welches Goethe übersetzt ''Du, sattle gut und reite ge- 
trost"; — wie denn, beiläufig gesagt, ein großer Theil sei- 
ner unter der Rubrik "Sprichwörtlich" gegebenen Gno- 
men übersetzte italiänische Sprichwörter sind. — Kommt 
dennoch ein schlimmer Ausgang; so ist es weil alle mensch- 
lichen Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrthum un- 
terliegen. Daß Sokrates, der Weiseste der Menschen, um 
nur in seinen eigenen, persönlichen Angelegenheiten das 
Richtige zu treffen, oder wenigstens Fehltritte zu ver- 
meiden, eines warnenden Dämonions bedurfte, beweist, 
daß hiezu kein menschlicher Verstand ausreicht. Daher 
ist jener, angeblich von einem Papste herrührende Aus- 
spruch, daß von jedem Unglück, das uns trifft, wir selbst, 
wenigstens in irgend etwas, die Schuld tragen, nicht un- 
bedingt und in allen Fällen wahr: wiewohl bei Weitem 
in den meisten. Sogar scheint das Gefühl hievon viel 
Antheil daran zu haben, daß die Leute ihr Unglück mög- 
lichst zu verbergen suchen und, so weit es gelingen wiU, 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 49 

eine zufriedene Miene aufsetzen. Sie besorgen, daß man 
vom Leiden auf die Schuld schließen werde. 

1 2) Bei einem unglücklichen Ereigniß, welches bereits 
eingetreten, also nicht mehr zu ändern ist, soll man sich 
nicht ein Mal den Gedanken, daß dem anders sein könnte, 
noch weniger den, wodurch es hätte abgewendet werden 
können, erlauben: denn gerade er steigert den Schmerz 
ins Unerträgliche; so daß man damit zum eautovTtfiopoo- 
fisvo? wird. Vielmehr mache man es wie der König 
David, der, so lange sein Sohn krank daniederlag, den 
Jehova unablässig mit Bitten und Flehen bestürmte; als 
er aber gestorben war, ein Schnippchen schlug und nicht 
weiter daran dachte. Wer aber dazu nicht leichtsinnig 
genug ist flüchte sich auf den fatalistischen Standpunkt, 
indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht, daß 
Alles, was geschieht, nothwendig eintritt, also unabwend- 
bar ist. 

Bei allem Dem ist diese Regel einseitig. Sie taugt zwar 
zu unserer unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung 
bei Unglücksfällen: allein wenn an diesen, wie doch mei- 
stens, unsere eigene Nachlässigkeit, oder Verwegenheit, 
wenigstens zum Theil, Schuld ist; so ist die wiederholte, 
schmerzliche Überlegung, wie Dem hätte vorgebeugt 
werden können, zu unserer Witzigung und Bessenmg, 
also für die Zukunft, eine heilsame Selbstzüchtigung. Und 
gar offenbar begangene Fehler sollen wir nicht, wie wir 
doch pflegen, vor uns selber zu entschuldigen, oder zu 
beschönigen, oder zu verkleinern suchen, sondern sie uns 
eingestehn und in ihrer ganzen Größe deutlich uns vor 
Augen bringen, um den Vorsatz sie künftig zu vermeiden 
fest fassen zu können. Freilich hat man sich dabei den 
großen Schmerz der Unzufriedenheit mit sich selbst an- 
zuthun: aber 6 [xtj oapei? avöpcoTro? ou Tcaiosuerat. 

13) In Allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen 
wir die Phantasie im Zügel halten: also zuvörderst keine 
Luftschlösser bauen; weil diese zu kostspielig sind, indem 
wir, gleich darauf, sie, unter Seufzern, wieder einzureißen 
haben. Aber noch mehr sollen wir uns hüten, durch das 
Ausmalen bloß möglicher Unglücksfälle unser Herz zu 



1 5 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

ängstigen. Wenn nämlich diese ganz aus der Luft ge- 
grififen, oder doch sehr weit hergeholt wären; so würden 
wir, beim Erwachen aus einem solchen Traume, gleich 
wissen, daß Alles nur Gaukelei gewesen, daher uns der 
bessern Wirklichkeit um so mehr freuen und allenfalls 
eine Warnung gegen ganz entfernte, wiewohl mögliche 
Unglücksfälle daraus entnehmen. Allein mit dergleichen 
spielt unsere Phantasie nicht leicht: ganz müßigerweise 
baut sie höchstens heitere Luftschlösser. Der Stoff zu 
ihren finstern Träumen sind Unglücksfälle, die uns, wenn 
auch aus der Ferne, doch einigermaaßen wirklich be- 
drohen: diese vergrößert sie, bringt ihre Möglichkeit viel 
näher, als sie in Wahrheit ist, und malt sie auf das Fürch- 
terlichste aus. Einen solchen Traum können wir, beim 
Erwachen, nicht sogleich abschütteln, wie den heitern: 
denn diesen widerlegt alsbald die Wirklichkeit und läßt 
höchstens eine schwache Hoffnung im Schooße der Mög- 
lichkeit übrig. Aber haben wir uns den schwarzen Phan- 
tasien (blue devils) überlassen; so haben sie uns Bilder 
nahe gebracht, die nicht so leicht wieder weichen: denn 
die Möglichkeit der Sache, im Allgemeinen, steht fest, 
und den Maaßstab des Grades derselben vermögen wir 
nicht jederzeit anzulegen: sie wird nun leicht zur Wahr- 
scheinlichkeit, und wir haben uns der Angst in die Hände 
geliefert. Daher also sollen wir die Dinge, welche unser 
Wohl und Wehe betreffen, bloß mit dem Auge der Vernunft 
und der Urtheilskraft betrachten, folglich trockener und 
kalter Überlegung, mit bloßen Begriffen und in abstracto 
operiren. Die Phantasie soll dabei aus dem Spiele blei- 
ben: denn urtheilen kann sie nicht; sondern bringt bloße 
Bilder vor die Augen, welche das Gemüth unnützer und 
oft sehr peinlicher Weise bewegen. Am strengsten sollte 
diese Regel Abends beobachtet werden. Denn wie die 
Dunkelheit uns furchtsam macht und uns überall Schrek- 
kensgestalten erblicken läßt, so wirkt, ihr analog, die Un- 
deutlichkeit der Gedanken; weil jede Ungewißheit Un- 
sicherheit gebiert: deshalb nehmen des Abends, wann die 
Abspannung Verstand und Urtheilskraft mit einer sub- 
jektiven Dunkelheit überzogen hat, der Intellekt müde 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 5 1 

und0opoßoo|x£vo? ist und den Dingen nicht auf den Grund 
zu kommen vermag, die Gegenstände unserer Meditation, 
wenn sie unsere persönlichen Verhältnisse betreffen, leicht 
ein gefährliches Ansehn an und werden zu Schreckbildem. 
Am meisten ist dies der Fall Nachts, im Bette, als wo der 
Geist völlig abgespannt und daher die Urtheilskraft ihrem 
Geschäfte gar nicht mehr gewachsen, die Phantasie aber 
noch rege ist. Da giebt die Nacht Allem und Jedem ih- 
ren schwarzen Anstrich. Daher sind unsere Gedanken 
vor dem Einschlafen, oder gar beim nächtlichen Erwa- 
chen, meistens fast eben so arge Verzerrungen und Ver- 
kehrungen der Dinge, wie die Träume es sind, und dazu, 
wenn sie persönliche Angelegenheiten betreffen, gewöhn- 
lich pechschwarz, ja, entsetzlich. Am Morgen sind dann 
alle solche Schreckbilder, so gut wie die Träume, ver- 
schwunden: dies bedeutet das Spanische Sprichwort: noche 
tinta, blanco el dia (die Nacht ist gefärbt, weiß ist der 
Tag). Aber auch schon Abends, sobald das Licht brennt, 
sieht der Verstand, wie das Auge, nicht so klar, wie bei 
Tage: daher diese Zeit nicht zur Meditation ernster, zu- 
mal unangenehmer Angelegenheiten geeignet ist. Hiezu 
ist der Morgen die rechte Zeit; wie er es denn überhaupt 
zu allen Leistungen, ohne Ausnahme, sowohl den geisti- 
gen, wie den körperlichen, ist. Denn der Morgen ist die 
Jugend des Tages: Alles ist heiter, frisch und leicht: wir 
fühlen uns kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten zu 
völliger Disposition. Man soll ihn nicht durch spätes 
Aufstehn verkürzen, noch auch an unwürdige Beschäfti- 
gungen, oder Gespräche verschwenden, sondern ihn als 
die Quintessenz des Lebens betrachten und gewisser- 
maaßen heilig halten. Hingegen ist der Abend das Alter 
des Tages: wir sind Abends matt, geschwätzig und leicht- 
sinnig. — ^Jeder Tag ist ein kleines Leben, — jedes Erwachen 
und Aufstehn eine kleine Geburt, jeder frische Morgen 
eine kleine Jugend, und jedes zu Bette gehn und Ein- 
schlafen ein kleiner Tod. 

Überhaupt aber hat Gesundheitszustand, Schlaf, Nahrung, 
Temperatur, Wetter, Umgebung und noch viel anderes 
Äußerliches auf unsere Stimmung, und diese auf unsere 



1 5 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Gedanken, einen mächtigen Einfluß. Daher ist, wie un- 
sere Ansicht einer Angelegenheit, so auch unsere Fähig- 
keit zu einer Leistung so sehr der Zeit und selbst dem 
Orte unterworfen. Darum also 

"Nehmt die gute Stimmung wahr, 
Denn sie kommt so selten." 

G. 

Nicht etwan bloß objektive Konceptionen und Original- 
gedanken muß man abwarten, ob und wann es ihnen zu 
kommen beliebt; sondern selbst die gründliche Über- 
legung einer persönlichen Angelegenheit gelingt nicht 
immer zu der Zeit, die man zum voraus für sie bestinamt 
und wann man sich dazu zurechtgesetzt hat; sondern auch 
sie wählt sich ihre Zeit selbst; wo alsdann der ihr ange- 
messene Gedankengang unaufgefordert rege wird und wir 
mit vollem Antheil ihn verfolgen. 

Zur anempfohlenen Zügelung der Phantasie gehört auch 
noch, daß wir ihr nicht gestatten, ehemals erlittenes Un- 
recht, Schaden, Verlust, Beleidigungen, Zurücksetzungen, 
Kränkungen u. dgl. uns wieder zu vergegenwärtigen und 
auszumalen; weil wir dadurch den längst schlummernden 
Unwillen, Zorn und alle gehässigen Leidenschaften wieder 
aufregen, wodurch unser Gemüth verunreinigt wird. Denn, 
nach einem schönen, vom Neuplatoniker Proklos beige- 
brachten Gleichniß, ist, wie in jeder Stadt, neben den 
Edelen und Ausgezeichneten, auch der Pöbel jeder Art 
(o5(Xo?) wohnt, so in jedem, auch dem edelsten und er- 
habensten Menschen das ganz Niedrige und Gemeine der 
menschlichen, ja thierischen Natur, der Anlage nach, vor- 
handen. Dieser Pöbel darf nicht zum Tumult aufgeregt 
werden, noch darf er aus den Fenstern schauen; da er 
sich häßlich ausnimmt: die bezeichneten Phantasiestücke 
sind aber die Demagogen desselben. Hieher gehört auch, 
daß die kleinste Widerwärtigkeit, sei sie von Menschen 
oder Dingen ausgegangen, durch fortgesetztes Brüten 
darüber und Ausmalen mit grellen Farben und nach ver- 
größertem Maaßstabe, zu einem Ungeheuer anschwellen 
kann, darüber man außer sich geräth. Alles Unangenehme 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 5 3 

soll man vielmehr höchst prosaisch mid nüchtern auffas- 
sen, damit man es möglichst leicht nehmen könne. 
Wie kleine Gegenstände, dem Auge nahe gehalten, unser 
Gesichtsfeld beschränkend, die Welt verdecken, — so wer- 
den oft die Menschen und Dinge unserer nächsten Um- 
gebung^ so höchst unbedeutend und gleichgültig sie auch 
seien, unsere Aufmerksamkeit und Gedanken über die 
Gebühr beschäftigen, dazu noch auf unerfreuliche Weise, 
und werden wichtige Gedanken und Angelegenheiten ver- 
drängen. Dem soll man entgegenarbeiten. 
14) Beim Anblick Dessen, was wir nicht besitzen, steigt 
gar leicht in uns der Gedanke auf: ''wie, wenn Das mein 
wäre?" und er macht uns die Entbehrung fühlbar. Statt 
Dessen sollten wir öfter fragen: ''wie, wenn Das nicht mein 
wäre?" ich meine, wir sollten Das, was wir besitzen, bis- 
weilen so anzusehn uns bemühen, wie es uns vorschweben 
würde, nachdem wir es verloren hätten; und zwar Jedes, 
was es auch sei: Eigenthum, Gesundheit, Freunde, Geliebte, 
Weib, Kind, Pferd und Hund: denn meistens belehrt erst 
der Verlust uns über den Werth der Dinge. Hingegen in 
Folge der anempfohlenen Betrachtungsweise derselben 
wird erstlich ihr Besitz uns unmittelbar mehr, als zuvor, 
beglücken, und zweitens werden wir auf alle Weise dem 
Verlust vorbeugen, also das Eigenthum nicht in Gefahr 
bringen, die Freunde nicht erzürnen, die Treue des Weibes 
nicht der Versuchung aussetzen, die Gesundheit der Kinder 
bewachen u.s. f. — Oft suchen wir das Trübe der Gegen- 
wart aufzuhellen durch Spekulation auf günstige Möglich- 
keiten und ersinnen vielerlei chimärische Hoffnungen, 
von denen jede mit einer Enttäuschung schwanger ist, 
die nicht ausbleibt, wann jene an der harten Wirklichkeit 
zerschellt. Besser wäre es die vielen schlimmen Möglich- 
keiten zum Gegenstand unserer Spekulation zu machen, 
als welches theils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr, theils an- 
genehme Überraschungen, wenn sie sich nicht verwirk- 
lichen, veranlassen würde. Sind wir doch, nach etwas 
ausgestandener Angst, stets merklich heiter. Ja, es ist so- 
gar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweise tref- 
fen könnten, uns bisweilen zu vergegenwärtigen; um näm- 



1 5 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

lieh die uns nachher wirklich treffenden viel kleineren 
leichter zu ertragen, indem wir dann durch den Rückblick 
auf jene großen, nicht eingetroffenen, uns trösten. Über 
diese Regel ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht zu 
vernachlässigen. 

15) Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Be- 
gebenheiten ganz vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Be- 
ziehung auf einander, im grellsten Kontrast und ohne ir- 
gend etwas Gemeinsames, als eben daß sie unsere An- 
gelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; 
so muß unser Denken und Sorgen um sie eben so abrupt 
sein, damit es ihnen entspreche. — Sonach müssen wir, 
wenn wir Eines vornehmen, von allem Andern abstra- 
hiren und uns der Sache entschlagen, um Jedes zu seiner 
Zeit zu besorgen, zu genießen, zu erdulden, ganz unbe- 
kümmert um das Übrige: wir müssen also gleichsam 
Schiebfächer unserer Gedanken haben, von denen wir ei- 
nes öffnen, derweilen alle andern geschlossen bleiben. 
Dadurch erlangen wir, daß nicht eine schwer lastende 
Sorge jeden kleinen Genuß der Gegenwart verkümmere 
und uns alle Ruhe raube; daß nicht eine Überlegung die 
andere verdränge; daß nicht die Sorge für eine wichtige 
Angelegenheit die Vernachlässigung vieler geringen her- 
beiführe u. s. f. Zumal aber soll wer hoher und edeler Be- 
trachtungen fähig ist seinen Geist durch persönliche An- 
gelegenheiten und niedrige Sorgen nie so ganz einnehmen 
und erfüllen lassen, daß sie jenen den Zugang versperren: 
denn das wäre recht eigentlich propter vitam vivendi per- 
dere causas. — Freilich ist zu dieser Lenkung und Ablen- 
kung unsrer selbst, wie zu so viel Anderm, Selbstzwang 
erfordert: zu diesem aber sollte uns die Überlegung stär- 
ken, daß jeder Mensch gar vielen und großen Zwang von 
außen zu erdulden hat, ohne welchen es in keinem Leben 
abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der rechten Stelle an- 
gebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von 
außen vorbeugt; wie ein kleiner Abschnitt des Kreises 
zunächst dem Centro einem oft hundert Mal größern an 
der Peripherie entspricht. Durch nichts entziehn wir uns 
so sehr dem Zwange von außen, wie durch Selbstzwang: 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 5 5 

das besagt Seneka's Ausspruch: si tibi vis omnia subjicere, 
te subjice rationi (ep. 37). Auch haben wir den Selbst- 
zwang noch immer in der Gewalt, und können, im äußer- 
sten Fall, oder wo er unsere empfindlichste Stelle trifift, 
etwas nachlassen: hingegen der Zwang von außen ist ohne 
Rücksicht, ohne Schonimg und unbarmherzig. Daher ist 
es weise, diesem durch jenen zuvorzukommen. 

16) Unsern Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden 
im Zaume halten, unsern Zorn bändigen, stets eingedenk, 
daß dem Einzelnen nur ein unendlich kleiner Theil alles 
Wünschenswerthen erreichbar ist, hingegen viele Übel 
Jeden treffen müssen, also, mit einem Worte airs^^stv xai 
avexetv, abstinere et sustinere, — ist eineRegel, ohne deren 
Beobachtung weder Reichthum, noch Macht verhindern 
können, daß wir uns armselig fühlen. Dahin zielt Horaz: 

Inter cuncta leges, et percontabere doctos 
Qua ratione queas traducere leniter aevum; 
Ne te semper inops agitet vexetque cupido, 
Ne pavor, et rerum mediocriter utilium spes. 

1 7) ' ßto? h TTf) xtVTTjost loTi (vita motu constat) sagt 
Aristoteles, mit offenbarem Recht: und wie demnach unser 
physisches Leben nur in und durch eine unaufhörliche 
Bewegung besteht; so verlangt auch unser inneres, gei- 
stiges Leben fortwährend Beschäftigung, Beschäftigung 
mit irgend etwas, durch Thun oder Denken; einen Beweis 
hievon giebt schon das Trommeln mit den Händen oder 
irgend einem Geräth, zu welchem unbeschäftigte und ge- 
dankenlose Menschen sogleich greifen. Unser Dasein 
nämlich ist ein wesentlich rastloses: daher wird die gänz- 
liche Unthätigkeit uns bald unerträglich, indem sie die ent- 
setzlichste Langeweile herbeiführt. Diesen Trieb nun 
soll man regeln, um ihn methodisch und dadurch besser 
zu befriedigen. Daher also ist Thätigkeit, etwas treiben, 
wo möglich etwas machen, wenigstens aber etwas lernen, 
— zum Glück des Menschen unerläßlich: seine KLräfte ver- 
langen nach ihrem Gebrauch und er möchte den Erfolg 
desselben irgendwie wahrnehmen. Die größte Befriedi- 
gung jedoch, in dieser Hinsicht, gewährt es etwas zumac/ien, 
zu verfertigen, sei es ein Korb, sei es ein Buch; aber daß 



1 5 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

man ein Werk unter seinen Händen täglich wachsen und 
endlich seine Vollendung erreichen sehe, beglückt un- 
mittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja 
selbst eine bloße Handarbeit; freilich, je edlerer Art das 
Werk, desto höher der Genuß. Am glücklichsten sind, 
in diesem Betracht, die Hochbegabten, welche sich der 
Fähigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, großer und 
zusammenhängender Werke bewußt sind. Denn dadurch 
verbreitet ein Interesse höherer Art sich über ihr ganzes 
Dasein und ertheilt ihm eine Würze, welche dem der Übri- 
gen abgeht, welches demnach, mit jenem verglichen, gar 
schaal ist. Für sie nämlich hat das Leben und die Welt, 
neben dem Allen gemeinsamen, materiellen, noch ein 
zweites und höheres, ein formelles Interesse, indem es 
den Stoff zu ihren Werken enthält, mit dessen Einsamm- 
lung sie, ihr Leben hindurch, emsig beschäftigt sind, so- 
bald nur die persönliche Noth sie irgend athmen läßt. Auch 
ist ihr Intellekt gewissermaaßen ein doppelter: theils einer 
für die gewöhnlichen Beziehungen (Angelegenheiten des 
Willens), gleich dem aller Andern: theils einer für die 
rein objektive Auffassung der Dinge. So leben sie zwie- 
fach, sind Zuschauer und Schauspieler zugleich, während 
die Übrigen letzteres allein sind. — Inzwischen treibe Je- 
der etwas, nach Maaßgabe seiner Fähigkeiten. Denn wie 
nachtheilig der Mangel an planmäßiger Thätigkeit, an ir- 
gend einer Arbeit, auf uns wirke, merkt man auf langen 
Vergnügungsreisen, als wo man, dann und wann, sich 
recht unglücklich fühlt; weil man, ohne eigentliche Be- 
schäftigung, gleichsam aus seinem natürlichen Elemente 
gerissen ist. Sich zu mühen und mit dem Widerstände 
zu kämpfen ist dem Menschen Bedürfniß, wie dem Maul- 
wurf das Graben. Der Stillstand, den die Allgenugsam- 
keit eines bleibenden Genusses herbeiführte, wäre ihm 
unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuß 
seines Daseins; sie mögen materieller Art sein, wie beim 
Handeln und Treiben, oder geistiger Art, wie beim Ler- 
nen und Forschen: der Kampf mit ihnen und der Sieg 
beglückt. Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er 
sie sich, wie er kann: je nachdem seine Individualität es 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 5 7 

mit sich bringt, wird er jagen, oder Bilboquet spielen, 
oder, vom unbewußten Zuge seiner Natur geleitet, Hän- 
del suchen, oder Intriguen anspinnen, oder sich auf Be- 
trügereien und allerlei Schlechtigkeiten einlassen, um nur 
dem ihm unerträglichen Zustande der Ruhe ein Ende zu 
machen. Difficilis in otio quies. 

18) Zum Leitstern seiner Bestrebungen soll man nicht 
Bilder der Phantasie nehmen, sondern deutlich gedachte 
Begriffe, Meistens aber geschieht das Umgekehrte. Man 
wird nämlich, bei genauerer Untersuchung, finden, daß 
was bei unsern Entschließungen, in letzter Instanz, den 
Ausschlag giebt, meistens nicht die Begriffe und Urtheile 
sind, sondern ein Phantasiebild, welches die eine der 
Alternativen repräsentirt und vertritt. Ich weiß nicht 
mehr, in welchem Romane von Voltaire, oder Diderot, 
dem Helden, als er ein Jüngling und Herkules am Scheide- 
wege war, die Tugend sich stets darstellte in Gestalt sei- 
nes alten Hofmeisters, in der Linken die Tabaksdose, in 
der Rechten eine Prise haltend und so moralisirend; das 
Laster hingegen in Gestalt der Kammerjungfer seiner 
Mutter. — Besonders in der Jugend fixirt sich das Ziel 
unsers Glückes in Gestalt einiger Bilder, die uns vor- 
schweben und oft das halbe, ja das ganze Leben hindurch 
verharren. Sie sind eigentlich neckende Gespenster: denn, 
haben wir sie erreicht, so zerrinnen sie in nichts, indem 
wir die Erfahrung machen, daß sie gar nichts, von dem 
was sie verhießen, leisten. Dieser Art sind einzelne Sce- 
nen des häuslichen, bürgerlichen, gesellschafthchen, länd- 
lichen Lebens, Bilder der Wohnung, Umgebung, der Ehren- 
zeichen, Respektsbezeugungen u. s. w. u. s. w. chaque fou 
a sa marotte: auch das Bild der Geliebten gehört oft dahin. 
Daß es uns so ergehe ist wohl natürlich: denn das An- 
schauliche wirkt, weil es das Unmittelbare ist, auch un- 
mittelbarer auf unsern Willen, als der Begrifif, der ab- 
strakte Gedanke, der bloß das Allgemeine giebt, ohne das 
Einzelne, welches doch gerade die Realität enthält: er 
kann daher nur mittelbar auf unsern Willen wirken. Und 
doch ist es nur der Begrifif, der Wort hält: daher ist es 
Bildung, nur ihm zu trauen. Freilich wird er wohl mit- 



1 5 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

unter der Erläuterung und Paraphrase durch einige Bilder 
bedürfen: nur cum grano salis. 

19) Die vorhergegangene Regel läßt sich der allgemei- 
neren subsumiren, daß man überall Herr werden soll 
über den Eindruck des Gegenwärtigen und Anschaulichen 
überhaupt. Dieser ist gegen das bloß Gedachte und Ge- 
wußte unverhältnißmäßig stark, nicht vermöge seiner Ma- 
terie und Gehalt, die oft sehr gering sind; sondern ver- 
möge seiner Form, der Anschaulichkeit und Unmittelbar- 
keit, als welche auf dasGemüth eindringt und dessen Ruhe 
stört, oder seine Vorsätze erschüttert. Denn das Vor- 
handene, das Anschauliche, wirkt, als leicht übersehbar, 
stets mit seiner ganzen Gewalt auf ein Mal: hingegen Ge- 
danken und Gründe verlangen Zeit und Ruhe, um stück- 
weise durchdacht zu werden; daher man sie nicht jeden 
Augenblick ganz gegenwärtig haben kann. Demzufolge 
reizt das Angenehme, welchem wir, in Folge der Über- 
legung, entsagt haben, uns doch bei seinem Anblick: 
eben so kränkt uns ein Urtheil, dessen gänzliche Inkompe- 
tenz wir kennen; erzürnt uns eine Beleidigung, deren 
Verächtlichkeit wir einsehen; eben so werden zehn Gründe 
gegen das Vorhandensein einer Gefahr überwogen vom 
falschen Schein ihrer wirklichen Gegenwart, u.s. f. In 
allem Diesen macht sich die ursprüngliche Unvemünftig- 
keit unsers Wesens geltend. Auch werden einem der- 
artigen Eindruck die Weiber oft erliegen, und wenige 
Männer haben ein solches Übergewicht der Vernunft, daß 
sie von dessen Wirkungen nicht zu leiden hätten. Wo 
wir nun denselben nicht ganz überwältigen können, mit- 
telst bloßer Gedanken, da ist das Beste einen Eindruck 
durch den entgegengesetzten zu neutralisiren, z. B. den 
Eindruck einer Beleidigung durch Aufsuchen Derer, die 
uns hochschätzen; den Eindruck einer drohenden Gefahr 
durch wirkliches Betrachten des ihr Entgegenwirkenden. 
Konnte doch jener Italiäner, von dem Leibniz (in den 
nouveaux essais, Liv. I, c. 2, § 11) erzählt, sogar den 
Schmerzen der Folter dadurch widerstehn, daß er, wäh- 
rend derselben, wie er sich vorgesetzt, das Bild des Gal- 
gens, an welchen sein Geständniß ihn gebracht haben 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 5 9 

würde, nicht einen Augenblick aus der Phantasie ent- 
weichen ließ; weshalb er von Zeit zu Zeit io ti vedo rief; 
welche Worte er später dahin erklärt hat. — Eben aus dem 
hier betrachteten Grunde ist es ein schweres Ding, wenn 
Alle, die uns umgeben, anderer Meinung sind, als wir, 
und danach sich benehmen, selbst wenn wir von ihrem 
Irrthum überzeugt sind, nicht durch sie wankend gemacht 
zu werden. Einem flüchtigen, verfolgten, ernstlich in- 
cognito reisenden Könige muß das unter vier Augen be- 
obachtete Unterwürfigkeitsceremoniell seines vertrauten 
Begleiters eine fast nothwendige Herzensstärkung sein, da- 
mit er nicht am Ende sich selbst bezweifle. 
20) Nachdem ich schon im zweiten Kapitel den hohen 
Werth der Gesundheit, als welche für unser Glück das Erste 
und Wichtigste ist, hervorgehoben habe, will ich hier ein 
Paar ganz allgemeiner Verhaltungsregeln zu ihrer Befesti- 
gung und Bewahrung angeben. 

Man härte sich dadurch ab, daß man dem Körper, sowohl 
im Ganzen, wie in jedem Theile, so lange man gesund ist, 
recht viel Anstrengung und Beschwerde auflege und sich 
gewöhne, widrigen Einflüssen jeder Art zu widerstehn. 
Sobald hingegen ein krankhafter Zustand, sei es des Gan- 
zen, oder eines Theiles, sich kund giebt, ist sogleich das 
entgegengesetzte Verfahren zu ergreifen und der kranke 
Leib, oder Theil desselben, auf alle Weise zu schonen und 
zu pflegen: denn das Leidende und Geschwächte ist 
keiner Abhärtung fähig. 

Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestärkt; der 
Nerv hingegen dadurch geschwächt. Also übe man seine 
Muskeln durch jede angemessene Anstrengung, hüte hin- 
gegen die Nerven vor jeder; also die Augen vor zu hel- 
lem, besonders reflektirtem Lichte, vor jeder Anstren- 
gung in der Dämmerung, wie auch vor anhaltendem Be- 
trachten zu kleiner Gegenstände; ebenso die Ohren vor 
zu starkem Geräusch; vorzüglich aber das Gehirn vor ge- 
zwungener, zu anhaltender, oder unzeitiger Anstrengung: 
demnach lasse man es ruhen, während der Verdauung; 
weil dann eben dieselbe Lebenskraft, welche im Gehirn 
Gedanken bildet, im Magen und den Eingeweiden ange- 



1 6o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

strengt arbeitet, Chymus und Chylus zu bereiten; eben- 
falls während, oder auch nach, bedeutender Muskelan- 
strengung. Denn, es verhält sich mit den motorischen, 
wie mit den sensibeln Nerven, und wie der Schmerz, den 
wir in verletzten Gliedern empfinden, seinen wahren Sitz 
im Gehirn hat; so sind es auch eigentlich nicht die Beine 
und Arme, welche gehn und arbeiten; sondern das Ge- 
hirn, nämlich der Theil desselben, welcher, mittelst des 
verlängerten und des Rückenmarks, die Nerven jener 
Glieder erregt und dadurch diese in Bewegung setzt. Dem- 
gemäß hat auch die Ermüdung, welche wir in den Beinen 
oder Armen fühlen, ihren wahren Sitz im Gehirn; wes- 
halb eben bloß die Muskeln ermüden, deren Bewegung 
willkürlich ist, d. h. vom Gehirn ausgeht, hingegen nicht 
die ohne Willkür arbeitenden, wie das Herz. Offenbar 
also wird das Gehirn beeinträchtigt, wenn man ihm starke 
Muskelthätigkeit und geistige Anspannung zugleich, oder 
auch nur dicht hinter einander abzwingt. Hiemit streitet 
es nicht, daß man im Anfang eines Spaziergangs, oder 
überhaupt auf kurzen Gängen, oft erhöhte Geistesthätig- 
keit spürt: denn da ist noch kein Ermüden besagter Ge- 
hirntheile eingetreten, und andrerseits befördert eine solche 
leichte Muskelthätigkeit und die durch sie vermehrte Re- 
spiration das Aufsteigen des arteriellen, nunmehr auch 
besser oxydirten Blutes zum Gehirn. — Besonders aber 
gebe man dem Gehirn das zu seiner Refektion nöthige, 
volle Maaß des Schlafes; denn der Schlaf ist für den gan- 
zen Menschen was das Aufziehn für die Uhr. (Vergl. Welt 
als Wille und Vorstellung II, 217. — Inselausg. II, 942.) 
Dieses Maaß wird um so größer sein, je entwickelter und 
thätiger das Gehirn ist; es jedoch zu überschreiten wäre 
bloßer Zeitverlust, weil dann der Schlaf an Intension ver- 
liert was er an Extension gewinnt. (Vergl. Welt als Wille 
und Vorstellung II, 247.— Inselausg. II, 97 9.) t) Über- 

+) Der Schlaf ist ein Stück Torf, welches wir anticipando borgen 
und dafür das durch einen Tag erschöpfte Leben wieder erhalten 
und erneuern. Le sommeil est un emprunt fait ^ la mort. Der 
Schlaf borgt vom Tode zur Aufrechthaltung des Lebens. Oder: er 
ist der einstweilige Zins des Todes, welcher selbst die Kapital- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN i6i 

haupt begreife man wohl, daß unser Denken nichts An- 
deres ist, als die organische Funktion des Gehirns, und 
sonach jeder andern organischen Thätigkeit, in Hinsicht 
auf Anstrengung und Ruhe, sich analog verhält. Wie über- 
mäßige Anstrengung die Augen verdirbt, ebenso das Ge- 
hirn. Mit Recht ist gesagt worden: das Gehirn denkt, 
wie der Magen verdaut. Der Wahn von einer immateri- 
ellen, einfachen, wesentlich und immer denkenden, folg- 
lich unermüdlichen Seele, die da im Gehirn bloß logirte, 
und nichts auf der Welt bedürfte, hat gewiß Manchen zu 
unsinnigem Verfahren und Abstumpfung seiner Geistes- 
kräfte verleitet; wie denn z. B. Friedrich der Große ein 
Mal versucht hat, sich das Schlafen ganz abzugewöhnen. 
Die Philosophieprofessoren würden wohl thun, einen sol- 
chen, sogar praktisch verderblichen Wahn nicht durch 
ihre katechismusgerechtseinwoUende Rocken-Philosophie 
zu befördern. — Man soll sich gewöhnen, seine Geistes- 
kräfte durchaus als physiologische Funktionen zu be- 
trachten, um danach sie zu behandehi, zu schonen, an- 
zustrengen u. s. w., und zu bedenken, daß jedes körper- 
liche Leiden, Beschwerde, Unordnung, in welchem Theil 
es auch sei, den Geist afficirt. Am besten befähigt 
hiezu Cabanis, des Rapports du physique et du moral de 
l'homme. 

Die Vernachlässigung des hier gegebenen Raths ist die 
Ursache, aus welcher manche große Geister, wie auch 
große Gelehrte, im Alter schwachsinnig, kindisch und 
selbst wahnsinnig geworden sind. Daß z. B. die gefeier- 
ten Englischen Dichter dieses Jahrhunderts, wie Walter 
Scottj Wordsworth, Southey u. a. m. im Alter, ja, schon 
in den sechziger Jahren, geistig stumpf und unfähig ge- 
worden, ja, zur Imbecillität herabgesunken sind, ist ohne 
Zweifel daraus zu erklären, daß sie sämmtlich, vom hohen 
Honorar verlockt, die Schriftstellerei als Gewerbe ge- 
trieben, also des Geldes wegen geschrieben haben. Dies 
verführt zu widernatürlicher Anstrengung, und wer seinen 
Pegasus ins Joch spannt und seine Muse mit der Peitsche 

abzahlung ist. Diese wird um so später eingefordert, je reichlichere 
Zinsen und je regelmäßiger sie gezahlt werden. 

s 



1 6 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

antreibt, wird es auf analoge Weise büßen, wie Der, wel- 
cher der Venus Zwangsdienste geleistet hat. Ich arg- 
wöhne, daß auch Kant^ in seinen späten Jahren, nachdem 
er endlich berühmt geworden war, sich überarbeitet und 
dadurch die zweite Kindheit seiner vier letzten Jahre ver- 
anlaßt hat. — 

Jeder Monat des Jahres hat einen eigenthümlichen und 
unmittelbaren, d. h. vom Wetter unabhängigen, Einfluß 
auf unsere Gesundheit, unsere körperlichen Zustände über- 
haupt, ja, auch auf die geistigen. 

C. Unser Verhalten gegen Andere betreffend. 
2 i)Umdurchdie Welt zu kommen, ist es zweckmäßig, einen 
großen Vorrath von Vorsicht VivA Nachsicht mitzunehmen: 
durch erstere wird man vor Schaden und Verlust, durch 
letztere vor Streit und Händel geschützt. 
Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individua- 
lität, sofern sie doch ein Mal von der Natur gesetzt und 
gegeben ist, unbedingt verwerfen; auch nicht die schlech- 
teste, erbärmlichste, oder lächerlichste. Er hat sie viel- 
mehr zu nehmen, als ein Unabänderliches, welches, in 
Folge eines ewigen und metaphysischen Princips, so sein 
muß, wie es ist, und in den argen Fällen soll er denken: 
"es muß auch solche Käutze geben." Hält er es anders; 
so thut er Unrecht und fordert den Andern heraus, zum 
Kriege auf Tod und Leben. Denn seine eigentliche In- 
dividualität, d. h. seinen moralischen Charakter, seine 
Erkenntnißkräfte, sein Temperament, seine Physiognomie 
U.S.W, kann Keiner ändern. Verdammen wir nun sein 
Wesen ganz und gar; so bleibt ihm nichts übrig, als in 
uns einen Todfeind zu bekämpfen: denn wir wollen ihm 
das Recht zu existiren nur unter der Bedingung zugestehn, 
daß er ein Anderer werde, als er unabänderlich ist. Darum 
also müssen wir, um unter Menschen leben zu können. 
Jeden, mit seiner gegebenen Individualität, wie immer 
sie auch ausgefallen sein mag, bestehn und gelten lassen, 
und dürfen bloß darauf bedacht sein, sie so, wie ihre Art 
und Beschaffenheit es zuläßt, zu benutzen; aber weder 
auf ihre Änderung hoffen, noch sie, so wie sie ist, schlecht- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 63 

hin verdammen*!*). Dies ist der wahre Sinn des Spruches: 
''leben und leben lassen." Die Aufgabe ist indessen nicht 
so leicht, wie sie gerecht ist; und glücklich ist zu schätzen, 
wer gar manche Individualitäten auf immer meiden darf. — 
Inzwischen übe man, um Menschen ertragen zu lernen, 
seine Geduld an leblosen Gegenständen, welche, ver- 
möge mechanischer, oder sonst physischer Nothwendig- 
keit, unserm Thun sich hartnäckig widersetzen; wozu täg- 
lich Gelegenheit ist. Die dadurch erlangte Geduld lernt 
man nachher auf Menschen übertragen, indem man sich 
gewöhnt, zu denken, daß auch sie, wo immer sie uns 
hinderlich sind, Dies vermöge einer eben so strengen, 
aus ihrer Natur hervorgehenden Nothwendigkeit sein 
müssen, wie Die, mit welcher die leblosen Dinge wirken; 
daher es eben so thöricht ist, über ihr Thun sich zu ent- 
rüsten, wie über einen Stein, der uns in den Weg rollt. 
22) Es ist zum Erstaunen, wie leicht und schnell Homo- 
geneität, oder Heterogeneität des Geistes und Gemüths 
zwischen Menschen sich im Gespräche kund giebt: an 
jeder Kleinigkeit wird sie fühlbar. Betreffe das Gespräch 
auch die fremdartigsten, gleichgültigsten Dinge; so wird, 
zwischen wesentlich Heterogenen, fast jeder Satz des 
Einen dem Andern mehr oder minder mißfallen, mancher 
gar ihm ärgerlich sein. Homogene hingegen fühlen so- 
gleich und in Allem eine gewisse Übereinstimmung, die, 
bei großer Homogeneität, bald zur vollkommenen Har- 
monie, ja, zum Unisono zusammenfließt. Hieraus erklärt 
sich zuvörderst, warum die ganz Gewöhnlichen so gesellig 
sind und überall so leicht recht gute Gesellschaft finden, 
— so rechte, liebe, wackere Leute. Bei den Ungewöhn- 
lichen fällt es umgekehrt aus, und desto mehr, je ausge- 
zeichneter sie sind; so daß sie, in ihrer Abgesondertheit, 
zu Zeiten, sich ordentlich freuen können, in einem An- 
dern nur irgend eine ihnen selbst homogene Fiber heraus- 
gefunden zu haben, und wäre sie noch so klein! Denn 
Jeder kann dem Andern nur so viel sein, wie dieser ihm 
ist. Die eigentlichen großen Geister horsten, wie die 

f) Bei Manchem ist am klügsten zu denken: "ändern werde ich 
ihn nicht: also will ich ihn benutzen." 



i64 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Adler, in der Höhe, allein. — Zweitens aber wird hieraus 
verständlich, wie die Gleichgesinnten sich so schnell zu- 
sammenfinden, gleich als ob sie magnetisch zu einander 
gezogen würden: — verwandte Seelen grüßen sich von 
ferne. Am häufigsten freilich wird man Dies an niedrig 
Gesinnten, oder schlecht Begabten, zu beobachten Ge- 
legenheit haben; aber nur weil diese legionenweise exi- 
stiren, die besseren und vorzüglichen Naturen hingegen 
die seltenen sind und heißen. Demnach nun werden z. B. in 
einer großen, auf praktische Zwecke gerichteten Gemein- 
schaft zwei rechte Schurken sich so schnell erkennen, als 
trügen sie ein Feldzeichen, und werden alsbald zusammen- 
treten, um Mißbrauch, oder Verrath zu schmieden. Des- 
gleichen, wenn man sich, per impossibile, eine große Ge- 
sellschaft von lauter sehr verständigen und geistreichen 
Leuten denkt, bis auf zwei Dummköpfe, die auch dabei 
wären; so werden diese sich sympathetisch zu einander 
gezogen fühlen und bald wird jeder von beiden sich in 
seinem Herzen freuen, doch wenigstens Einen vernünfti- 
gen Mann angetroffen zu haben. Wirklich merkwürdig 
ist es, Zeuge davon zu sein, wie Zwei, besonders von den 
moralisch und intellektuell Zurückstehenden, beim ersten 
Anblick einander erkennen, sich eifrig einander zu nähern 
streben, freundlich und freudig sich begrüßend, einander 
entgegeneilen, als wären sie alte Bekannte; — so aufifallend 
ist es, daß man versucht wird, der Buddhaistischen Me- 
tempsychosenlehre gemäß, anzunehmen, sie wären schon 
in einem frühern Leben befreundet gewesen. 
Was jedoch, selbst bei vieler Übereinstimmung, Men- 
schen auseinanderhält, auch wohl vorübergehende Dis- 
harmonie zwischen ihnen erzeugt, ist die Verschiedenheit 
der gegenwärtigen Stimmung, als welche fast immer für 
Jeden eine andere ist, nach Maaßgabe seiner gegenwär- 
tigen Lage, Beschäftigung, Umgebung, körperlichen Zu- 
standes, augenblicklichen Gedankenganges u. s. w. Dar- 
aus entstehn zwischen den harmonirendesten Persönlich- 
keiten Dissonanzen. Die zur Aufhebung dieser Störung 
erforderliche Korrektion stets vornehmen und eine gleich- 
schwebende Temperatur einführen zu können, wäre eine 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 6 5 

Leistung der höchsten Bildung. Wie viel die Gleichheit 
der Stimmung für die gesellige Gemeinschaft leiste, läßt 
sich daran ermessen, daß sogar eine zahlreiche Gesell- 
schaft zu lebhafter gegenseitiger Mittheilung und aufrich- 
tiger Theilnahme, unter allgemeinem Behagen, erregt 
wird, sobald irgend etwas Objektives, sei es eine Gefahr, 
oder eine Hoffnung, oder eine Nachricht, oder ein sel- 
tener Anblick, ein Schauspiel, eine Musik, oder was sonst, 
auf Alle zugleich und gleichartig einwirkt. Denn Der- 
gleichen, indem es alle Privatinteressen überwältigt, er- 
zeugt universelle Einheit der Stimmung. In Ermangelung 
einer solchen objektiven Einwirkung wird in der Regel 
eine subjektive ergriffen und sind demnach die Flaschen 
das gewöhnliche Mittel, eine gemeinschaftliche Stimmung 
in die Gesellschaft zu bringen. Sogar Thee und Kaffee 
dienen dieser Absicht. 

Eben aber aus jener Disharmonie, welche die Verschie- 
denheit der momentanen Stimmung so leicht in alle Ge- 
meinschaft bringt, ist es zum Theil erklärlich, daß in der 
von dieser und allen ähnlichen, störenden, wenn auch 
vorübergehenden, Einflüssen befreiten Erinnerung sich 
Jeder idealisirt, ja, bisweilen fast verklärt darstellt. Die 
Erinnerung wirkt, wie das Sammlungsglas in der Kamera 
obskura: sie zieht Alles zusammen und bringt dadurch 
ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist. Den 
Vortheil, so gesehn zu werden, erlangen wir zum Theil 
schon durch jede Abwesenheit. Denn obgleich die ideali- 
sirende Erinnerung, bis zur Vollendung ihres Werkes, ge- 
raumer Zeit bedarf: so wird der Anfang desselben doch 
sogleich gemacht. Dieserwegen ist es sogar klug, sich 
seinen Bekannten und guten Freunden nur nach bedeu- 
tenden Zwischenräumen zu zeigen; indem man alsdann, 
beim Wiedersehn, merken wird, daß die Erinnerung schon 
bei der Arbeit gewesen ist. 

23) Keiner kann übersieh sehn. Hiemit will ich sagen: Jeder 
sieht am Andern nur so viel, als er selbst auch ist: denn 
er kann ihn nur nach Maaßgabe seiner eigenen Intelligenz 
fassen und verstehn. Ist nun diese von der niedrigsten 
Art; so werden alle Geistesgaben, auch die größten, ihre 



1 6 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Wirkung auf ihn verfehlen und er an dem Besitzer der- 
selben nichts wahrnehmen, als bloß das Niedrigste in 
dessen Individualität, also nur dessen sämmtliche Schwä- 
chen, Temperaments- und Charakterfehler. Daraus wird 
er für ihn zusammengesetzt sein. Die höheren geistigen 
Fähigkeiten desselben sind für ihn so wenig vorhanden, 
wie die Farbe für den Blinden. Denn alle Geister sind 
Dem unsichtbar, der keinen hat: und jede Werthschätzung 
ist ein Produkt aus dem Werthe des Geschätzten mit der 
Erkenntniß Sphäre des Schätzers. Hieraus folgt, daß man 
sich mit Jedem, mit dem man spricht, nivellirt, indem 
Alles, was man vor ihm voraus haben kann, verschwindet 
und sogar die dazu erforderte Selbstverleugnung völlig 
unerkannt bleibt. Erwägt man nun, wie durchaus niedrig 
gesinnt und niedrig begabt, also wie durchaus gemein die 
meisten Menschen sind; so wird man einsehn, daß es 
nicht möglich ist, mit ihnen zu reden, ohne, auf solche 
Zeit, (nach Analogie der elektrischen Vertheilung) selbst 
gemein zu werden, und dann wird man den eigentlichen Sinn 
und das Trefifende des Ausdrucks ''sich gemein machen" 
gründlich verstehn, jedoch auch gern jede Gesellschaft 
meiden, mit welcher man nur mittelst der partie honteuse 
seiner Natur kommuniziren kann. Auch wird man einsehn, 
daß, Dummköpfen imd Narren gegenüber, es nur einen 
Weg giebt, seinen Verstand an den Tag zu legen, imd 
der ist, daß man mit ihnen nicht redet. Aber freilich wird 
alsdann in der Gesellschaft Manchem bisweilen zu Muthe 
sein, wie einem Tänzer, der auf einen Ball gekommen 
wäre, wo er lauter Lahme anträfe: mit wem soll er tan- 
zen? 

24) Der Mensch gewinnt meine Hochachtung, als ein 
unter hundert Auserlesener, welcher, wann er auf irgend 
etwas zu warten hat, also unbeschäftigt dasitzt, nicht so- 
fort mit Dem, was ihm gerade in die Hände kommt, etwan 
seinem Stock, oder Messer und Gabel, oder was sonst, 
taktmäßig hämmert, oder klappert. Wahrscheinlich denkt 
er an etwas. Vielen Leuten hingegen sieht man an, daß 
bei ihnen das Sehn die Stelle des Denkens ganz einge- 
nommen hat: sie suchen sich durch klappern ihrer Exi- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 167 

stenz bewußt zu werden; wenn nämlich kein Cigarro bei 
der Hand ist, der eben diesem Zwecke dient. Aus dem 
selben Grunde sind sie auch beständig ganz Auge und 
Ohr für Alles, was um sie vorgeht. 

25) Rochefoucauld hat treffend bemerkt, daß es schwer 
ist, Jemanden zugleich hoch zu verehren und sehr zu lie- 
ben. Demnach hätten wir die Wahl, ob wir uns um die 
Liebe, oder um die Verehrung der Menschen bewerben 
wollen. Ihre Liebe ist stets eigennützig, wenn auch auf 
höchst verschiedene Weise. Zudem ist Das, wodurch man 
sie erwirbt, nicht immer geeignet, uns darauf stolz zu 
machen. Hauptsächlich wird einer in dem Maaße be- 
liebt sein, als er seine Ansprüche an Geist und Herz der 
Andern niedrig stellt, und zwar im Ernst und ohne Ver- 
stellung, auch nicht bloß aus derjenigen Nachsicht, die 
in der Verachtung wurzelt. Ruft man sich nun hiebei 
den sehr wahren Ausspruch des Helvetius zurück: le degrd 
d'esprit ndcessaire pour nous plaire, est une mesure assez 
exacte du degre d'esprit que nous avons; — so folgt aus 
diesen Prämissen die Konklusion. — Hingegen mit der 
Verehrung der Menschen steht es umgekehrt: sie wird 
ihnen nur wider ihren Willen abgezwungen, auch, eben- 
deshalb, meistens verhehlt. Daher giebt sie uns, im In- 
nern, eine viel größere Befriedigung: sie hängt mit unserm 
Werthe zusammen; welches von der Liebe der Menschen 
nicht unmittelbar gilt: denn diese ist subjektiv, die Ver- 
ehrung objektiv. Nützlich ist uns die Liebe freilich mehr. 

26) Die meisten Menschen sind so subjektiv, daß im 
Grunde nichts Interesse für sie hat, als ganz allein sie 
selbst. Daher kommt es, daß sie bei Allem, was gesagt 
wird, sogleich an sich denken und jede zufällige, noch 
so entfernte Beziehung auf irgend etwas ihnen Persönli- 
ches ihre ganze Aufmerksamkeit an sich reißt und in Be- 
sitz nimmt; so daß sie für den objektiven Gegenstand der 
Rede keine Fassungskraft übrig behalten; wie auch, daß 
keine Gründe etwas bei ihnen gelten, sobald ihr Interesse 
oder ihre Eitelkeit denselben entgegensteht. Daher sind 
sie so leicht zerstreut, so leicht verletzt, beleidigt oder 
gekränkt, daß man, von was es auch sei, objektiv mit 



i68 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEH^ 

ih^en redend, nicht genug sich in Acht nehmen kann vor 
irgend welchen möglichen, vielleicht nachtheiligen Bezie- 
hungen des Gesagten zu dem werthen und zarten Selbst, 
das man da vor sich hat: denn ganz allein an diesem ist 
ihnen gelegen, sonst an nichts, und während sie für das 
Wahre und Treffende, oder Schöne, Feine, Witzige der 
fremden Rede ohne Sinn und Gefühl sind, haben sie die 
zarteste Empfindlichkeit gegen Jedes, was auch nur auf 
die entfernteste und indirekteste Weise ihre kleinliche 
Eitelkeit verletzen, oder irgend wie nachtheilig auf ihr 
höchst pretioses Selbst refiektiren könnte; so daß sie in 
ihrer Verletzbarkeit den kleinen Hunden gleichen, denen 
man, ohne sich dessen zu versehen, so leicht auf die Pfo- 
ten tritt und nun das Gequieke anzuhören hat; oder auch 
einem mit Wunden und Beulen bedeckten Kjranken ver- 
glichen werden können, bei dem man auf das Behutsam- 
ste jede mögliche Berührung zu vermeiden hat. Bei Man- 
chen geht nun aber die Sache so weit, daß sie Geist und 
Verstand, im Gespräch mit ihnen an den Tag gelegt, oder 
doch nicht genugsam versteckt, geradezu als eine Belei- 
digung empfinden, wenngleich sie solche vor der Hand 
noch verhehlen; wonach dann aber nachher der Uner- 
fahrene vergeblich darüber nachsinnt und grübelt, wo- 
durch in aller Welt er sich ihren Groll und Haß zuge- 
zogen haben könne. — Eben so leicht sind sie aber auch 
geschmeichelt und gewonnen. Daher ist ihr Urtheil mei- 
stens bestochen und bloß ein Ausspruch zu Gunsten ihrer 
Partei, oder Klasse; nicht aber ein objektives und ge- 
rechtes. Dies Alles beruht darauf, daß in ihnen der Wille 
bei Weitem die Erkenntniß überwiegt und ihr geringer 
Intellekt ganz im Dienste des Willens steht, von wel- 
chem er auch nicht auf einen Augenblick sich losmachen 
kann. 

Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjek- 
tivität der Menschen, in Folge welcher sie Alles auf sich 
beziehn und von jedem Gedanken sogleich in gerader 
Linie auf sich zurückgehn, liefert die Astrologie^ welche 
den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich 
bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbin- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 6 9 

düng bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien. 
Dies aber ist zu allen und schon in den ältesten Zeiten 
geschehen. (S. z. B. Stob. Eclog. L. I, c. 22, 9, pag. 
478.) 

27) Bei jeder Verkehrtheit, die im Publike, oder in der 
Gesellschaft, gesagt, oder in der Litteratur geschrieben 
und wohlaufgenommen, wenigstens nicht widerlegt wird, 
soll man nicht verzweifeln und meinen, daß es nun da- 
bei sein Bewenden haben werde; sondern wissen und sich 
getrösten, daß die Sache hinterher und allmälig ruminirt, 
beleuchtet, bedacht, erwogen, besprochen und meistens 
zuletzt richtig beurtheilt wird; so daß, nach einer, der 
Schwierigkeit derselben angemessenen Frist, endlich fast 
Alle begreifen, was der klare Kopf sogleich sah. Unter- 
dessen freilich muß man sich gedulden. Denn ein Mann 
von richtiger Einsicht unter den Bethörten gleicht Dem, 
dessen Uhr richtig geht, in einer Stadt, deren Thurm- 
uhren alle falsch gestellt sind. Er allein weiß die wahre 
Zeit: aber was hilft es ihm? alle Welt richtet sich nach 
den falsch zeigenden Stadtuhren; sogar auch Die, welche 
wissen, daß seine Uhr allein die wahre Zeit angiebt. 

28) Die Menschen gleichen darin den Kindern, daß sie 
unartig werden, wenn man sie verzieht; daher man gegen 
keinen zu nachgiebig und liebreich sein darf. Wie man, 
in der Regel, keinen Freund dadurch verlieren wird, daß 
man ihm ein Darlehn abschlägt, aber sehr leicht dadurch, 
daß man es ihm giebt; eben so, nicht leicht einen durch 
stolzes und etwas vernachlässigendes Betragen; aber oft 
in Folge zu vieler Freundlichkeit und Zuvorkoramens, als 
welche ihn arrogant und unerträglich machen, wodurch 
der Bruch herbeigeführt wird. Besonders aber den Ge- 
danken, daß man ihrer benöthigt sei, können die Men- 
schen schlechterdings nicht vertragen; Übermuth und 
Anmaaßung sind sein unzertrennliches Gefolge. Bei 
einigen entsteht er, in gewissem Grade, schon dadurch, 
daß man sich mit ihnen abgiebt, etwan oft, oder auf eine 
vertrauliche Weise mit ihnen spricht: alsbald werden sie 
meinen, man müsse sich von ihnen auch etwas gefallen 
lassen, und werden versuchen, die Schranken der Höf- 



1 7 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

lichkeit zu erweitern. Daher taugen so Wenige zum ir- 
gend vertrauteren Umgang, und soll man sich besonders 
hüten, sich nicht mit niedrigen Naturen gemein zu ma- 
chen. Faßt nun aber gar Einer den Gedanken, er sei mir 
viel ööthiger, als ich ihm; da ist es ihm sogleich, als 
hätte ich ihm etwas gestohlen: er wird suchen, sich zu 
rächen und es wiederzuerlangen. Überlegenheit im Um- 
gang erwächst allein daraus, daß man der Andern in kei- 
ner Art und Weise bedarf, und dies sehn läßt. Dieser- 
wegen ist es rathsam. Jedem, es sei Mann oder Weib, von 
Zeit zu Zeit fühlbar zu machen, daß man seiner sehr wohl 
entrathen könne: das befestigt die Freundschaft; ja, bei 
den meisten Leuten kann es nicht schaden, wenn man 
ein Gran Geringschätzung gegen sie, dann und wann, mit 
einfließen läßt: sie legen desto mehr Werth auf unsere 
Freundschaft: chi non istima vien stimato (wer nicht 
achtet wird geachtet) sagt ein feines italiänisches Sprich- 
wort. Ist aber Einer uns wirklich sehr viel werth; so 
müssen wir dies vor ihm verhehlen, als wäre es ein Ver- 
brechen. Das ist nun eben nicht erfreulich; dafür aber 
wahr. Kaum daß Hunde die große Freundlichkeit ver- 
tragen; geschweige Menschen. 

2 9) Daß Leute edlerer Art und höherer Begabung so oft, 
zumal in der Jugend, auffallenden Mangel an Menschen- 
kenntniß und Weltklugheit verrathen, daher leicht be- 
trogen oder sonst irre geführt werden, während die nie- 
drigen Naturen sich viel schneller und besser in die Welt 
zu finden wissen, liegt daran, daß man, beim Mangel der 
Erfahrung,, a priori zu urtheilen hat, und daß überhaupt 
keine Erfahrung es dem a priori gleichthut. Dies a priori 
nämlich giebt Denen vom gewöhnlichen Schlage das 
eigene Selbst an die Hand, den Edelen und Vorzüglichen 
aber nicht: denn eben als solche sind sie von den An- 
dern weit verschieden. Indem sie daher deren Denken 
und Thun nach dem ihrigen berechnen, triff"t die Rech- 
nung nicht zu. 

Wenn nun aber auch ein Solcher a posteriori, also aus 
fremder Belehrung und eigener Erfahrung, endlich ge- 
lernt hat, was von den Menschen, im Ganzen genommen. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 7 1 

zu erwarten steht, daß nämlich etwan ^/e derselben, in 
moralischer, oder intellektueller Hinsicht, so beschaffen 
sind, daß wer nicht durch die Umstände in Verbindung 
mit ihnen gesetzt ist besser thut, sie vorweg zu meiden 
und, so weit es angeht, außer allem Kontakt mit ihnen 
zu bleiben; — so wird er dennoch von ihrer Kleinlichkeit 
und Erbärmlichkeit kaum jemals einen ausreichenden Be- 
griff erlangen, sondern immerfort, so lange er lebt, den- 
selben noch zu erweitern und zu vervollständigen haben, 
unterdessen aber sich gar oft zu seinem Schaden ver- 
rechnen. Und dann wieder, nachdem er die erhaltene 
Belehrung wirklich beherzigt hat, wird es ihm dennoch zu 
Zeiten begegnen, daß er, in eine Gesellschaft ihm noch 
unbekannter Menschen gerathend, sich zu wundern hat, 
wie sie doch sämmtlich, ihren Reden und Mienen nach, 
ganz vernünftig, redlich, aufrichtig, ehrenfest und tugend- 
sam, dabei auch wohl noch gescheut und geistreich er- 
scheinen. Dies sollte ihn jedoch nicht irren: denn es 
kommt bloß daher, daß die Natur es nicht macht, wie 
die schlechten Poeten, welche, wann sie Schurken oder 
Narren darstellen, so plump und absichtsvoll dabei zu 
Werke gehn, daß man gleichsam hinter jeder solcher 
Person den Dichter stehn sieht, der ihre Gesinnung und 
Rede fortwährend desavouirt und mit warnender Stimme 
ruft: ''dies ist ein Schurke, dies ist ein Narr; gebt nichts 
auf Das, was er sagt." Die Natur hingegen macht es wie 
Shakespeare und Goethe, in deren Werken jede Person, 
und wäre sie der Teufel selbst, während sie dasteht und 
redet. Recht behält; weil sie so objektiv aufgefaßt ist, 
daß wir in ihr Interesse gezogen und zur Theilnahme an 
ihr gezwungen werden: denn sie ist, eben wie die Werke 
der Natur, aus einem Innern Princip entwickelt, vermöge 
dessen ihr Sagen und Thun als natürlich, mithin als noth- 
wendig auftritt. — Also, wer erwartet, daß in der Welt die 
Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einher- 
gehn, wird stets ihre Beute, oder ihr Spiel sein. Hiezu 
kommt aber noch, daß im Umgange die Leute es machen, 
wie der Mond und die Pucklichten, nämlich stets nur 
eine Seite zeigen, und sogar Jeder ein angeborenes Ta- 



1 7 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

lent hat, auf mimischem Wege seine Physiognomie zu 
einer Maske umzuarbeiten, welche genau darstellt, was 
er eigentlich sein sollte^ und die, weil sie ausschließlich 
auf seine Individualität berechnet ist, ihm so genau an- 
liegt und anpaßt, daß die Wirkung überaus täuschend 
ausfällt. Er legt sie an, so oft es darauf ankommt, sich 
einzuschmeicheln. Man soll auf dieselbe so viel geben, 
als wäre sie aus Wachstuch, eingedenk des vortreölichen 
italiänischen Sprichworts: non h si tristo cane, che non 
meni la coda (so böse ist kein Hund, daß er nicht mit 
dem Schwänze wedelte). 

Jedenfalls soll man sich sorgfältig hüten, von irgend einem 
Menschen neuer Bekanntschaft eine sehr günstige Mei- 
nung zu fassen; sonst wird man, in den allermeisten Fäl- 
len, zu eigener Beschämung, oder gar Schaden, enttäuscht 
werden. — Hiebei verdient auch Dies berücksichtigt zu 
werden: Gerade in Kleinigkeiten, als bei welchen der 
Mensch sich nicht zusammennimmt, zeigt er seinen Cha- 
rakter, und da kann man oft, an geringfügigen Handlun- 
gen, an bloßen Manieren, den grenzenlosen, nicht die 
mindeste Rücksicht auf Andere kennenden Egoismus be- 
quem beobachten, der sich nachher im Großen nicht 
verleugnet, wiewohl verlarvt. Und man versäume solche 
Gelegenheit nicht. Wenn Einer in den kleinen täglichen 
Vorgängen und Verhältnissen des Lebens, in den Dingen, 
von welchen das de minimis lex non curat gilt, rücksichts- 
los verfährt, bloß seinen Vortheil oder seine Bequem- 
lichkeit, zum Nachtheil Anderer, sucht; wenn er sich an- 
eignet was für Alle da ist u. s. w.; da sei man überzeugt, 
daß in seinem Herzen keine Gerechtigkeit wohnt, sondern 
er auch im Großen ein Schuft sein wird, sobald das Ge- 
setz und die Gewalt ihm nicht die Hände binden, und 
traue ihm nicht über die Schwelle. Ja, wer ohne Scheu 
die Gesetze seines Klubs bricht, wird auch die des Staates 
brechen, sobald er es ohne Gefahr kannf ). 



•f) Wenn in den Menschen, wie sie meistentheils sind, das Gute das 
Schlechte überwöge; so wäre es gerathener, sich auf ihre Gerech- 
tigkeit, Billigkeit, Dankbarkeit, Treue, Liebe oder Mitleid zu ver- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 7 3 

Hat nun Einer, mit dem wir in Verbindung, oder Umgang 
stehn, uns etwas Unangenehmes, oder Ärgerliches erzeigt; 
so haben wir uns nur zu fragen, ob er uns so viel werth 
sei, daß wir das Nämliche, auch noch etwas verstärkt, 
uns nochmals und öfter von ihm wollen gefallen lassen; 
— oder nicht. (Vergeben und Vergessen heißt gemachte 
kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.) Im be- 
jahenden Fall wird nicht viel darüber zu sagen sein, weil 
das Reden wenig hilft: wir müssen also die Sache, mit 
oder ohne Ermahnung, hingehn lassen, sollen jedoch wis- 
sen, daß wir hiedurch sie uns nochmals ausgebeten ha- 
ben. Im verneinenden Falle hingegen haben wir sogleich 
und auf immer mit dem werthen Freunde zu brechen, 
oder, wenn es ein Diener ist, ihn abzuschaffen. Denn 
unausbleiblich wird er, vorkommenden Falls, ganz das 
Selbe, oder das völlig Analoge, wieder thun, auch wenn 
er uns jetzt das Gegentheil hoch und aufrichtig betheuert. 
Alles, Alles kann einer vergessen, nur nicht sich selbst, 
sein eigenes Wesen. Denn der Charakter ist schlechthin 
inkorrigibel; weil alle Handlungen des Menschen aus ei- 
nem innem Princip fließen, vermöge dessen er, unter 
gleichen Umständen, stets das Gleiche thun muß und nicht 
anders kann. Man lese meine Preisschrift über die so- 
genannte Freiheit des Willens und befreie sich vom Wahn. 
Daher auch ist, sich mit einem Freunde, mit dem man 
gebrochen hatte, wieder auszusöhnen, eine Schwäche, die 
man abbüßt, wann derselbe, bei erster Gelegenheit, ge- 
rade und genau das Selbe wieder thut, was den Bruch 
herbeigeführt hatte; ja, mit noch mehr Dreistigkeit, im 
stillen Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit. Das Gleiche 
gilt von abgeschafiten Dienern, die man wiedernimmt. 
Eben so wenig, und aus dem selben Grunde, dürfen wir 
erwarten, daß Einer, unter veränderten Umständen, das 
Gleiche, wie vorher, thun werde. Vielmehr ändern die 
Menschen Gesinnung und Betragen eben so schnell, wie 
ihr Interesse sich ändert; ja, ihre Absichtlichkeit zieht ihre 



lassen, als auf ihre Furcht: weil es aber mit ihnen umgekehrt steht; 
so ist das Umgekehrte gerathener. 



1 7 4 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Wechsel auf so kurze Sicht, daß man selbst noch kurz- 
sichtiger sein müßte, um sie nicht protestiren zu lassen. 
Gesetzt demnach wir wollten etwan wissen, wie Einer, in 
einer Lage, in die wir ihn zu versetzen gedenken, handeln 
wird; so dürfen wir hierüber nicht auf seine Verspre- 
chungen und Betheuerungen bauen. Denn, gesetzt auch, 
er spräche aufrichtig; so spricht er von einer Sache, die 
er nicht kennt. Wir müssen also allein aus der Erwä- 
gung der Umstände, in die er zu treten hat, und des Kon- 
fliktes derselben mit seinem Charakter, sein Handeln be- 
rechnen. 

Um überhaupt von der wahren und sehr traurigen Be- 
schaffenheit der Menschen, wie sie meistens sind, das so 
nöthige, deutliche und gründliche Verständniß zu erlangen, 
ist es überaus lehrreich, das Treiben und Benehmen der- 
selben in der Litteratur als Kommentar ihres Treibens 
undBenehmens im praktischen Leben zu gebrauchen, und 
vice versa. Dies ist sehr dienlich, um weder an sich, 
noch an ihnen irre zu werden. Dabei aber darf kein Zug 
von besonderer Niederträchtigkeit oder Dummheit, der 
uns im Leben oder in der Litteratur aufstößt, uns je ein 
Stoff zum Verdruß und Ärger, sondern bloß zur Erkennt- 
niß werden, indem wir in ihm einen neuen Beitrag zur 
Charakteristik des Menschengeschlechts sehn und dem- 
nach ihn uns merken. Alsdann werden wir ihn ungefähr 
so betrachten, wie der Mineralog ein ihm aufgestoßenes, 
sehr charakteristisches Specimen eines Minerals. — Aus- 
nahmen giebt es, ja, unbegreiflich große, und die Unter- 
schiede der Individualitäten sind enorm: aber, im Gan- 
zen genommen, liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im 
Argen: die Wilden fressen einander und die Zahmen be- 
trügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt. 
Was sind denn die Staaten, mit aller ihrer künstlichen, 
nach außen und nach innen gerichteten Maschinerie und 
ihren Gewaltmitteln Anderes, als Vorkehrungen, der gren- 
zenlosen Ungerechtigkeit der Menschen Schranken zu 
setzen? Sehn wir nicht, in der ganzen Geschichte, jeden 
König, sobald er fest steht, und sein Land einiger Pros- 
perität genießt, diese benutzen, um mit seinem Heer, wie 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 7 5 

mit einer Räuberschaar, über die Nachbarstaaten herzu- 
fallen? sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge? 
Im frühen Alterthum, wie auch zum Theil im Mittelalter, 
wurden die Besiegten Sklaven der Sieger, d. h. im Grunde, 
sie mußten für diese arbeiten: das Selbe müssen aber Die, 
welche Kriegskontributionen zahlen: sie geben nämlich 
den Ertrag früherer Arbeit hin. Dans toutes les guerres 
il ne s'agit que de voler, sagt Voltaire, und die Deutschen 
sollen es sich gesagt sein lassen. 

30) Kein Charakter ist so, daß er sich selbst überlassen 
bleiben und sich ganz und gar gehn lassen dürfte; sondern 
jeder bedarf der Lenkung durch Begriffe und Maximen. 
Will man nun aber es hierin weit bringen, nämlich bis zu 
einem nicht aus unsrer angeborenen Natur, sondern bloß 
aus vernünftiger Überlegung hervorgegangenen, ganz ei- 
gentlich erworbenen und künstlichen Charakter; so wird 
man gar bald das 

Naturam expelles furca, tarnen usque recurret 
bestätigt finden. Man kann nämlich eine Regel für das 
Betragen gegen Andere sehr wohl einsehn, ja, sie selbst 
auffinden und treffend ausdrücken, und wird dennoch, im 
wirklichen Leben, gleich darauf, gegen sie verstoßen. Je- 
doch soll man nicht sich dadurch entmuthigen lassen und 
denken, es sei unmöglich, im Weltleben sein Benehmen 
nach abstrakten Regeln und Maximen zu leiten, und da- 
her am besten, sich eben nur gehn zu lassen. Sondern 
es ist damit, wie mit allen theoretischen Vorschriften und 
Anweisungen für das Praktische: die Regel verstehn ist 
das Erste, sie ausüben lernen ist das Zweite. Jenes wird 
durch Vernunft auf ein Mal, Dieses durch Übung allmä- 
lig gewonnen. Man zeigt dem Schüler die Griffe auf 
dem Instrument, die Paraden und Stöße mit dem Rapier: 
er fehlt sogleich, trotz dem besten Vorsatze, dagegen, 
und meint nun, sie in der Schnelle des Notenlesens und 
der Hitze des Kampfes zu beobachten sei schier unmög- 
lich. Dennoch lernt er es allmälig, durch Übung, unter 
Straucheln, Fallen und Aufstehn. Eben so geht es mit 
den Regeln der Grammatik im lateinisch Schreiben und 
Sprechen. Nicht anders also wird der Tölpel zum Hof- 



1 7 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

mann, der Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene 
verschlossen, der Edle ironisch. Jedoch wird eine solche, 
durch lange Gewohnheit erlangte Selbstdressur stets als 
ein von außen gekommener Zwang wirken, welchem zu 
widerstreben die Natur nie ganz aufhört und bisweilen 
unerwartet ihn durchbricht. Denn alles Handeln nach 
abstrakten Maximen verhält sich zum Handeln aus ur- 
sprünglicher, angeborener Neigung, wie ein menschliches 
Kunstwerk, etwan eine Uhr, wo Form und Bewegung dem 
ihnen fremden Stoffe aufgezwungen sind, zum lebenden Or- 
ganismus, bei welchem Form und Stoff von einander durch- 
drungen und Eins sind. An diesem Verhältniß des er- 
worbenen zum angeborenen Charakter bestätigt sich dem- 
nach ein Ausspruch des Kaisers Napoleon: tout ce qui 
n'est pas naturel est imparfait; welcher überhaupt eine 
Regel ist, die von Allem und Jedem, sei es physisch, 
oder moralisch, gilt, und von der die einzige mir ein- 
fallende Ausnahme das, den Mineralogen bekannte, na- 
türliche Aventurino ist, welches dem künstlichen nicht 
gleich kommt. 

Darum sei hier auch vor aller und jeder Affektation ge- 
warnt. Sie erweckt allemal Geringschätzung: erstlich als 
Betrug, der als solcher feige ist, weil er auf Furcht be- 
ruht; zweitens alsVerdammungsurtheil seiner selbst durch 
sich selbst, indem man scheinen will was man nicht ist 
und was man folglich für besser hält, als was man ist. Das 
Affektiren irgend einer Eigenschaft, das Sich-Brüsten da- 
mit, ist ein Selbstgeständniß, daß man sie nicht hat. Sei 
es Muth, oder Gelehrsamkeit, oder Geist, oder Witz, oder 
Glück bei Weibern, oder Reichthum, oder vornehmer Stand, 
oder was sonst, womit Einer groß thut; so kann man dar- 
aus schließen, daß es ihm gerade daran in etwas gebricht: 
denn wer wirklich eine Eigenschaft vollkommen besitzt, 
dem fällt es nicht ein, sie herauszulegen und zu affektiren, 
sondern er ist darüber ganz beruhigt. Dies ist auch der 
Sinn des spanischen Sprichworts: herradura que chaco- 
lotea clavo le falta (dem klappernden Hufeisen fehlt ein 
Nagel). Allerdings darf, wie Anfangs gesagt. Keiner sich 
unbedingt den Zügel schießen lassen und sich ganz zeigen. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 7 7 

wie er ist; weil das viele Schlechte und Bestialische un- 
serer Natur der Verhüllung bedarf: aber dies rechtfertigt 
bloß das Negative, die Dissimulation, nicht das Positive, 
die Simulation. — ^Auch soll man wissen, daß das Affekti- 
ren erkannt wird, selbst ehe klar geworden, was eigent- 
lich Einer afifektirt. Und endlich hält es auf die Länge 
nicht Stich, sondern die Maske fallt ein Mal ab. Nemo 
potest personam diu ferre fictam. Ficta cito in naturam 
suam recidunt. (Seneca de dementia, L. I, c. i.) 
31) Wie man das Gewicht seines eigenen Körpers trägt, 
ohne es, wie doch das jedes fremden, den man bewegen 
will, zu fühlen; so bemerkt man nicht die eigenen Fehler 
und Laster, sondern nur die der Andern. — Dafür aber hat 
jeder am Andern einen Spiegel, in welchem er seine eige- 
nen Laster, Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder 
Art deutlich erblickt. Allein meistens verhält er sich da- 
bei wie der Hund, welcher gegen den Spiegel bellt, weil 
er nicht weiß, daß er sich selbst sieht, sondern meint, es 
sei ein anderer Hund. Wer Andre bekrittelt arbeitet an 
seiner Selbstbesserung. Also Die, welche die Neigung und 
Gewohnheit haben, das äußerliche Benehmen, überhaupt 
das Thun und Lassen der Andern im Stillen, bei sich 
selbst, einer aufmerksamen und scharfen Kritik zu unter- 
werfen, arbeiten dadurch an ihrer eigenen Besserung und 
Vervollkommnung: denn sie werden entweder Gerechtig- 
keit, oder doch Stolz und Eitelkeit genug besitzen, selbst 
zu vermeiden, was sie so oft strenge tadeln. Von den 
Toleranten gilt das Umgekehrte: nämlich hanc veniam 
damus petimusque vicissim. Das Evangelium moralisirt 
recht schön über den Splitter im fremden, den Balken im 
eigenen Auge: aber die Natur des Auges bringt es mit sich, 
daß es nach außen und nicht sich selbst sieht: daher ist, 
zum Innewerden der eigenen Fehler, das Bemerken und 
Tadeln derselben an Andern ein sehr geeignetes Mittel. 
Zu unserer Besserung bedürfen wir eines Spiegels. 
Auch hinsichtlich auf Stil und Schreibart gilt diese Regel: 
wer eine neue Narrheit in diesen bewundert, statt sie zu 
tadeln, wird sie nachahmen. Daher greift in Deutschland 
jede so schnell um sich. Die Deutschen sind sehr tole- 



1 7 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

rant: man merkt's. Hanc veniam damus petimusque vi- 
cissim ist ihr Wahlspruch. 

32) Der Mensch edlerer Art glaubt, in seiner Jugend, die 
wesentlichen und entscheidenden Verhältnisse und daraus 
entstehenden Verbindungen zwischen Menschen seien die 
ideellen^ d. h. die auf Ähnlichkeit der Gesinnung, der Den- 
kungsart, des Geschmacks, der Geisteskräfte u. s. w. be- 
ruhenden: allein er wird später inne, daß es die reellen 
sind, d. h. die, welche sich auf irgend ein materielles 
Interesse stützen. Diese liegen fast allen Verbindungen 
zum Grunde: sogar hat die Mehrzahl der Menschen kei- 
nen Begriff von andern Verhältnissen. Demzufolge wird 
Jeder genommen nach seinem Amt, oder Geschäft, oder 
Nation, oder Familie, also überhaupt nach der Stellung 
und Rolle, welche die Konvention ihm ertheilt hat: die- 
ser gemäß wird er sortirt und fabrikmäßig behandelt. 
Hingegen was er an und für sich, also als Mensch, ver- 
möge seiner persönlichen Eigenschaften sei, kommt nur 
beliebig und daher nur ausnahmsweise zur Sprache, und 
wird von Jedem, sobald es ihm bequem ist, also meisten- 
theils, bei Seite gesetzt und ignorirt. Je mehr nun aber 
es mit Diesem auf sich hat, desto weniger wird ihm jene 
Anordnung gefallen, er also sich ihrem Bereich zu ent- 
ziehn suchen. Sie beruht jedoch darauf, daß, in dieser 
Welt der Noth und des Bedürfnisses, die Mittel, diesen 
zu begegnen, überall das Wesentliche, mithin Vorherr- 
schende sind. 

33) Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursiren in der 
Welt, statt der wahren Achtung und der wahren Freund- 
schaft, die äußerlichen Demonstrationen und möglichst 
natürlich mimisirten Gebärden derselben. Indessen läßt 
sich andrerseits auch fragen, ob es denn Leute gebe, 
welche Jene wirklich verdienten. Jedenfalls gebe ich 
mehr auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes^ 
als auf hundert solche Demonstrationen und Gebärden. 5^ 
Wahre, ächte Freundschaft setzt eine starke, rein objek- 
tive und völlig uninteressirte Theilnahme am Wohl und 
Wehe des Andern voraus, und diese wieder ein wirkli- 
ches Sich mit dem Freunde identifiziren. Dem steht der 



PARANESEN UND MAXIMEN 1 7 9 

Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, daß 
wahre Freundschaft zu den Dingen gehört, von denen 
man, wie von den kolossalen Seeschlangen, nicht weiß, 
ob sie fabelhaft sind, oder irgendwo existiren. Indessen 
giebt es mancherlei, in der Hauptsache freilich auf ver- 
steckten egoistischen Motiven der mannigfaltigsten Art 
beruhende Verbindungen zwischen Menschen, welche 
dennoch mit einem Gran jener wahren und ächten Freund- 
schaft versetzt sind, wodurch sie so veredelt werden, daß 
sie, in dieser Welt der Unvollkommenheiten, mit einigem 
Fug den Namen der Freundschaft führen dürfen. Sie 
stehn hoch über den alltäglichen Liaisons, welche viel- 
mehr so sind, daß wir mit den meisten unserer guten 
Bekannten kein Wort mehr reden würden, wenn wir 
hörten, wie sie in unsrer Abwesenheit von uns reden. 
Die Ächtheit eines Freundes zu erproben, hat man, nächst 
den Fällen wo man ernstlicher Hülfe und bedeutender 
Opfer bedarf, die beste Gelegenheit in dem Augenblick, 
da man ihm ein Unglück, davon man soeben getroffen 
worden, berichtet. Alsdann nämlich malt sich, in seinen 
Zügen, entweder wahre, innige, unvermischteBetrübniß; 
oder aber sie bestätigen, durch ihre gefaßte Ruhe, oder 
einen flüchtigen Nebenzug, den bekannten Ausspruch des 
Rochefoucauld: dans 1' ad versitz de nos meilleurs amis, 
nous trouvons toujours quelque chose qui ne nous ddplait 
pas. Die gewöhnlichen sogenannten Freunde vermögen, 
bei solchen Gelegenheiten, oft kaum das Zucken zu einem 
leisen, wohlgefälligen Lächeln zu unterdrücken. — Es giebt 
wenig Dinge, welche so sicher die Leute in gute Laune 
versetzen, wie wenn man ihnen ein beträchtliches Un- 
glück, davon man kürzlich getroffen worden, erzählt, oder 
auch irgend eine persönliche Schwäche ihnen unverholen 
offenbart. — Charakteristisch ! — 

Entfernung und lange Abwesenheit thun jeder Freund- 
schaft Eintrag; so ungern man es gesteht. Denn Men- 
schen, die wir nicht sehn, wären sie auch unsere gelieb- 
testen Freunde, trocknen, im Laufe der Jahre, allmälig 
zu abstrakten Begriffen auf, wodurch unsere Theilnahme 
an ihnen mehr und mehr eine bloß vernünftige, ja tra- 



i8o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

ditionelle wird: die lebhafte und tiefgefühlte bleibt Denen 
vorbehalten, die wir vor Augen haben, und wären es 
auch nur geliebte Thiere. So sinnlich ist die mensch- 
liche Natur. Also bewährt sich auch hier Goethe's Aus- 
spruch: 

"Die Gegenwart ist eine mächfge Göttin." 

(Tasso, Aufzug 4, Auftr.4.) 

Die Hausfreunde heißen meistens mit Recht so, indem 
sie mehr die Freunde des Hauses, als des Herrn, also den 
Katzen ähnlicher, als den Hunden sind. 
Die Freunde nennen sich aufrichtig; die Feinde sind es: 
daher man ihren Tadel zur Selbsterkenntniß benutzen 
sollte, als eine bittre Arznei. — 

Freunde in der Noth wären selten? — Im Gegentheil! 
Kaum hat man mit Einem Freundschaft gemacht; so ist 
er auch schon in der Noth und will Geld geliehen ha- 
ben. — 

34) Was für ein Neuling ist doch Der, welcher wähnt, 
Geist und Verstand zu zeigen wäre ein Mittel, sich in 
Gesellschaft beliebt zu machen! Vielmehr erregen sie, 
bei der unberechenbar überwiegenden Mehrzahl, einen 
Haß und Groll, der um so bitterer ist, als der ihn Füh- 
lende die Ursache desselben anzuklagen nicht berechtigt 
ist, ja sie vor sich selbst verhehlet. Der nähere Her- 
gang ist dieser: merkt und empfindet Einer große geistige 
Überlegenheit an dem, mit welchem er redet, so macht 
er, im Stillen und ohne deutliches Bewußtsein, den 
Schluß, daß in gleichem Maaße der Andere seine In- 
feriorität und Beschränktheit merkt und empfindet. Die- 
ses Enthymem erregt seinen bittersten Haß, Groll und 
Ingrinmi. (Vergl. Welt als Wille imd Vorstell., Inselausg., 
Bd. II, 960 die angeführten Worte des Dr. Johnson' s 
und Merck^s^ des Jugendfireundes Goethe's.) Mit Recht 
sagt daher Gracian: ^'para ser bien quisto, el unico me- 
dio vestirse la piel del mas simple de los brutos." (S. 
Oraculo manual, y arte de prudencia, 240. [Obras, Am- 
beres 1702, P. 11, p. 287.]) Ist doch Geist und Verstand 
an den Tag legen, nur eine indirekte Art, allen Andern 
ihre Unfähigkeit und Stumpfsinn vorzuwerfen. Zudem 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 8 1 

geräth die gemeine Natur in Aufruhr, wenn sie ihr Ge- 
gentheil ansichtig wird, und der geheime Anstifter des 
Aufruhrs ist der Neid. Denn die Befriedigung ihrer Ei- 
telkeit ist, wie man täglich sehn kann, ein Genuß, der 
den Leuten über Alles geht, der jedoch allein mittelst 
der Vergleichung ihrer selbst mit Andern möglich ist. 
Auf keine Vorzüge aber ist der Mensch so stolz, wie auf 
die geistigen: beruht doch nur auf ihnen sein Vorrang vor 
den Thierenf ). Ihm entschiedene Überlegenheit in dieser 
Hinsicht vorzuhalten, und noch dazu vor Zeugen, ist da- 
her die größte Verwegenheit. Er fühlt sich dadurch zur 
Rache aufgefordert und wird meistens Gelegenheit su- 
chen, diese auf dem Wege der Beleidigung auszuführen, 
als wodurch er vom Gebiete der Intelligenz auf das des 
Willens tritt, auf welchem wir, in dieser Hinsicht Alle 
gleich sind. Während daher in der Gesellschaft Stand 
und Reichthum stets auf Hochachtung rechnen dürfen, 
haben geistige Vorzüge solche keineswegs zu erwarten: 
im günstigsten Fall werden sie ignorirt; sonst aber an- 
gesehn als eine Art Impertinenz, oder als etwas, wozu 
ihr Besitzer unerlaubter Weise gekommen ist und nun 
sich untersteht damit zu stolziren; wofür ihm also irgend 
eine anderweitige Demüthigung angedeihen zu lassen 
Jeder im Stillen beabsichtigt und nur auf die Gelegen- 
heit dazu paßt. Kaum wird es dem demüthigsten Be- 
tragen gelingen Verzeihung für geistige Überlegenheit zu 
erbetteln. Sadi sagt im Gulistan (S. 146 der Überset- 
zung von Graf): ^'Man wisse, daß sich bei dem Unver- 
ständigen hundert Mal mehr Widerwillen gegen den Ver- 
ständigen findet, als der Verständige Abneigung gegen 
den Unverständigen empfindet." — Hingegen gereicht gei- 
stige Inferiorität zur wahren Empfehlung. Denn was für 
den Leib die Wärme, das ist für den Geist das wohlthu- 
ende Gefühl der Überlegenheit; daher Jeder, so instinkt- 

f) Den Willen^ kann man sagen hat der Mensch sich selbst ge- 
geben, denn der ist er selbst: aber der Intellekt ist eine Ausstattung, 
die er vom Himmel erhalten hat, — d. h. vom ewigen, geheimniß- 
voUen Schicksal und dessen Nothwendigkeit, deren bloßes Werk- 
zeug seine Mutter war. 



1 8 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

mäßig wie dem Ofen, oder dem Sonnenschein, sich dem 
Gegenstande nähert, der es ihm verheißt. Ein solcher 
nun ist allein der entschieden tiefer Stehende, an Eigen- 
schaften des Geistes, bei Männern, an Schönheit, bei 
Weibern. Manchen Leuten gegenüber freilich unver- 
stellte Inferiorität zu beweisen — da gehört etwas dazu. 
Dagegen sehe man, mit welcher herzlichen Freundlichkeit 
ein erträgliches Mädchen einem grundhäßlichen entge- 
genkommt. Körperliche Vorzüge kommen bei Männern 
nicht sehr in Betracht; wiewohl man sich doch behag- 
licher neben einem kleineren, als neben einem größeren 
fühlt. Demzufolge also sind, unter Männern, die dum- 
men und unwissenden, unter Weibern die häßlichen all- 
gemein beliebt und gesucht: sie erlangen leicht den Ruf 
eines überaus guten Herzens; weil Jedes für seine Zu- 
neigung, vor sich selbst und vor Andern, eines Vorwan- 
des bedarf. Eben deshalb ist Geistesüberlegenheit jeder 
Art eine sehr isolirende Eigenschaft: sie wird geflohen 
und gehaßt, und als Vorwand hiezu werden ihrem Be- 
sitzer allerhand Fehler angedichtetf). Gerade so wirkt 
unter Weibern die Schönheit: sehr schöne Mädchen fin- 
den keine Freundin, ja, keine Begleiterin. Zu Stellen als 
Gesellschafterinnen thun sie besser sich gar nicht zu mel- 
den: denn schon bei ihrem Vortritt verfinstert sich das 
Gesicht der gehofiften neuen Gebieterin, als welche, sei 
es für sich, oder für ihre Töchter, einer solchen Folie 
keineswegs bedarf. — Hingegen verhält es sich umgekehrt 
mit den Vorzügen des Ranges; weil diese nicht, wie die 

f) Zum Vorwärtskommen in der Welt sind Freundschaften und 
Kamaraderien bei Weitem das Hauptmittel. Nun aber große Fähig- 
keiten machen allemal stolz und dadurch wenig geeigTiet, Denen 
zu schmeicheln, die nur geringe haben, ja, vor Denen man deshalb 
die großen verhehlen und verleugnen soll. Entgegengesetzt wirkt 
das Bewußtsein nur geringer Fähigkeiten: es verträgt sich vortreff- 
lich mit der Demuth, Leutseligkeit, Gefälligkeit und Respekt vor 
dem Schlechten, verschafft also Freunde und Gönner. 
Das Gesagte gilt nicht bloß vom Staatsdienst, sondern auch von 
den Ehrenstellen, Würden, ja, dem Ruhm in der gelehrten Welt; 
so daß z. B. in den Akademien die liebe Mediokrität stets oben auf 
ist, Leute von Verdienst spät oder nie hineinkommen, und so bei 
Allem. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 83 

persönlichen, durch den Kontrast und Abstand, sondern, 
wie die Farben der Umgebung auf das Gesicht, durch den 
Reflex wirken. 

35) An unserm Zutrauen zu Andern haben sehr oft Träg- 
heit, Selbstsucht und Eitelkeit den größten Antheil: Träg- 
heit, wenn wir, um nicht selbst zu untersuchen, zu wa- 
chen, zu thun, lieber einem Andern trauen; Selbstsucht, 
wenn das Bedürfniß von unsern Angelegenheiten zu reden 
uns verleitet, ihm etwas anzuvertrauen; Eitelkeit, wenn 
es zu Dem gehört, worauf wir uns etwas zu Gute thun. 
Nichtsdestoweniger verlangen wir, daß man unser Zu- 
trauen ehre. 

Über Mißtrauen hingegen sollten wir uns nicht erzürnen: 
denn in demselben liegt ein Kompliment für die Red- 
lichkeit, nämlich das aufrichtige Bekenntniß ihrer großen 
Seltenheit, in Folge welcher sie zu den Dingen gehört, 
an deren Existenz man zweifelt. 

36) Von der Höflichkeit^ dieser chinesischen Kardinal- 
tugend, habe ich den einen Grund angegeben in meiner 
Ethik S. 201 (Inselausg. III, 591): der andere liegt in 
Folgendem. Sie ist eine stillschweigende Übereinkunft, 
gegenseitig die moralisch und intellektuell elende Be- 
schaffenheit von einander zu ignoriren und sie sich nicht 
vorzurücken; — wodurch diese, zu beiderseitigem Vortheil, 
etwas weniger leicht zu Tage kommt. 

Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dumm- 
heit: sich mittelst ihrer unnöthiger und muthwilliger Weise 
Feinde machen ist Raserei, wie wenn man sein Haus in 
Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die Rechen- 
pfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer sol- 
chen sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen 
Freigebigkeit mit ihr Verstand. AUe Nationen schließen 
den Brief mit votre tr^s-humble serviteur, — your most 
obedientservant, — suo devotissimo servo:bloß die Deut- 
schen halten mit dem ''Diener" zurück, — weil es ja doch 
nicht wahr sei — ! Wer hingegen die Höflichkeit bis zum 
Opfern realer Interessen treibt gleicht Dem, der ächte 
Goldstücke statt Rechenpfennige gäbe. — Wie das Wachs, 
von Natur hart und spröde, durch ein wenig Wärme so 



1 84 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

geschmeidig wird, daß es jede beliebige Gestalt annimmt; 
so kann man selbst störrische und feindselige Menschen, 
durch etwas Höflichkeit und Freundlichkeit, biegsam und 
gefällig machen. Sonach ist die Höflichkeit dem Men- 
schen, was die Wärme dem Wachs. 
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit inso- 
fern, als sie verlangt, daß wir allen Leuten die größte 
Achtung bezeugen, während die allermeisten keine ver- 
dienen; sodann, daß wir den lebhaftesten Antheil an ihnen 
simuliren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen 
zu haben. — Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein 
Meisterstück. — 

Wir würden bei Beleidigungen, als welche eigentlich im- 
mer in Äußerungen der Nichtachtung bestehn, viel we- 
niger aus der Fassung gerathen, wenn wir nicht einerseits 
eine ganz übertriebene Vorstellung von unserm hohen 
Werth und Würde, also einen ungemessenen Hochmuth 
hegten, und andrerseits uns deutlich gemacht hätten, 
was, in der Regel, Jeder vom Andern, in seinem Her- 
zen, hält und denkt. Welch ein greller Kontrast ist doch 
zwischen der Empfindlichkeit der meisten Leute über die 
leiseste Andeutung eines sie treffenden Tadels und Dem, 
was sie hören würden, wenn sie die Gespräche ihrer Be- 
kannten über sie belauschten! — Wir sollten vielmehr uns 
gegenwärtig erhalten, daß die gewöhnliche Höflichkeit 
nur eine grinzende Maske ist: dann würden wir nicht 
Zeter schieien, wenn sie ein Mal sich etwas verschiebt, 
oder auf einen Augenblick abgenommen wird. Wann 
aber gar Einer geradezu grob wird, da ist es, als hätte 
er die Kleider abgeworfen und stände in puris natura- 
libus da. Freilich nimmt er sich dann, wie die meisten 
Menschen in diesem Zustande, schlecht aus. 
37) Für sein Thun und Lassen darf man keinen Andern 
zum Muster nehmen; weil Lage, Umstände, Verhältnisse 
nie die gleichen sind, und weil die Verschiedenheit des 
Charakters auch der Handlung einen verschiedenen An- 
strich giebt, daher duo cum faciunt idem, non est idera. 
Man muß, nach reiflicher Überlegung und scharfem Nach- 
denken, seinem eigenen Charakter gemäß handeln. Also 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 8 5 

auch im Praktischen ist Originalität unerläßlich: sonst 
paßt was man thut nicht zu Dem, was man ist. 

38) Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern 
bedenke, daß wenn man alle Absurditäten, die er glaubt, 
ihm ausreden wollte, man Methusalems Alter erreichen 
könnte, ohne damit fertig zu werden. 

Auch aller, selbst noch so wohlgemeinter, korrektioneller 
Bemerkungen soll man, im Gespräche, sich enthalten: 
denn die Leute zu kränken ist leicht, sie zu bessern schwer, 
wo nicht unmöglich. 

Wenn die Absurditäten eines Gesprächs, welches wir an- 
zuhören im Falle sind, anfangen uns zu ärgern, müssen 
wir uns denken, es wäre eine Komödienscene zwischen 
zwei Narren. Probatum est. — Wer auf die Welt gekom- 
men ist, sie ernstlich und in den wichtigsten Dingen zu 
belehren^ der kann von Glück sagen, wenn er mit heiler 
Haut davon kommt. 

39) Wer da will, daß sein Urtheil Glauben finde, spreche 
es kalt und ohne Leidenschaftlichkeit aus. Denn alle 
Heftigkeit entspringt aus dem Willen: daher wird man 
diesem und nicht der Erkenntniß, die ihrer Natur nach 
kalt ist, das Urtheil zuschreiben. Weil nämlich das Ra- 
dikale im Menschen der Wille, die Erkenntniß aber bloß 
sekundär und hinzugekommen ist; so wird man eher glau- 
ben, daß das Urtheil aus dem erregten Willen, als daß 
die Erregung des Willens bloß aus dem Urtheil entsprun- 
gen sei. 

40) Auch beim besten Rechte dazu, lasse man sich nicht 
zum Selbstlobe verführen. Denn die Eitelkeit ist eine 
so gewöhnliche, das Verdienst aber eine so ungewöhn- 
liche Sache, daß, so oft wir, wenn auch nur indirekt, uns 
selbst zu loben scheinen. Jeder Hundert gegen Eins wet- 
tet, daß was aus uns redet die Eitelkeit sei, der es am 
Verstände gebricht, das Lächerliche der Sache einzu- 
sehn. — ^Jedoch mag, bei allem Dem, Bako von Verulam 
nicht ganz Unrecht haben, wenn er sagt, daß das sem- 
per aliquid haeret, wie von der Verleumdung, so auch 
vom Selbstlobe gelte, und daher Dieses, in mäßigen Dosen, 
empfiehlt. 



1 8 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

41) Wenn man argwöhnt, daß Einer lüge, stelle man sich 
gläubig: da wird er dreist, lügt stärker und ist entlarvt. 
Merkt man hingegen, daß eine Wahrheit, die er ver- 
hehlen möchte, ihm zum Theil entschlüpft; so stelle man 
sich darüber ungläubig, damit er, durch den Widerspruch 
provocirt, die Arriergarde der ganzen Wahrheit nachrük- 
ken lasse. 

42) Unsere sämmtlichen persönlichen Angelegenheiten 
haben wir als Geheimnisse zu betrachten, und unsern 
guten Bekannten müssen wir, über Das hinaus, was sie 
mit eigenen Augen sehn, völlig fremd bleiben. Denn ihr 
Wissen um die unschuldigsten Dinge kann, durch Zeit 
und Umstände, uns Nachtheil bringen. — Überhaupt ist 
es gerathener seinen Verstand durch Das, was man ver- 
schweigt, an den Tag zu legen, als durch Das, was man 
sagt. Ersteres ist Sache der Klugheit, Letzteres der Ei- 
telkeit. Die Gelegenheit zu Beiden kommt gleich oft: 
aber wir ziehn häufig die flüchtige Befriedigung, welche 
das Letztere gewährt, dem dauernden Nutzen vor, wel- 
chen das Erstere bringt. Sogar die Herzenserleichterung, 
ein Mal ein Wort mit sich selbst laut zu reden, was leb- 
haften Personen wohl begegnet, sollte man sich versagen, 
damit sie nicht zur Gewohnheit werde; weil dadurch der 
Gedanke mit dem Worte so befreundet und verbrüdert 
wird, daß allmälig auch das Sprechen mit Andern ins 
laute Denken übergeht; während die Klugheit gebeut, daß 
zwischen unserm Denken und unserm Reden eine weite 
Kluft ofien gehalten werde. 

Bisweilen meinen wir, daß Andere etwas uns Betreffen- 
des durchaus nicht glauben können; während ihnen gar 
nicht einfällt, es zu bezweifeln: machen wir jedoch, daß 
ihnen Dies einfällt, dann können sie es auch nicht mehr 
glauben. Aber wir verrathen uns oft bloß, weil wir wäh- 
nen, es sei unmöglich, daß man das nicht merke; — 
wie wir uns von einer Höhe hinabstürzen, aus Schwin- 
del, d. h. durch den Gedanken, es sei unmöglich, hier 
fest zu stehn, die Quaal aber, hier zu stehn, sei so groß, 
daß es besser sei, sie abzukürzen: dieser Wahn heißt 
Schwindel. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 8 7 

Andrerseits wieder soll man wissen, daß die Leute, selbst 
die, welche sonst keinen besondem Scharfsinn verrathen, 
vortreffliche Algebristen in den persönlichen Angelegen- 
heiten Anderer sind, woselbst sie, mittelst einer einzigen 
gegebenen Größe, die verwickeltesten Aufgaben lösen. 
Wenn man z. B. ihnen eine ehemalige Begebenheit, un- 
ter Weglassung aller Namen und sonstiger Bezeichnung 
der Personen erzählt; so soll man sich hüten, dabei ja 
nicht irgend einen ganz positiven und individuellen Um- 
stand, sei er auch noch so gering, mit einzuführen, wie 
etwan einen Ort, oder Zeitpunkt, oder den Namen einer 
Nebenperson, oder sonst etwas auch nur unmittelbar da- 
mit Zusammenhängendes: denn daran haben sie sogleich 
eine positiv gegebene Größe, mittelst deren ihr algebra- 
ischer Scharfsinn alles Übrige herausbringt. Die Begei- 
sterung der Neugier nämlich ist hier so groß, daß, kraft 
derselben, der Wille dem Intellekt die Sporen in die 
Seite setzt, welcher nun dadurch bis zur Erreichung der 
entlegensten Resultate getrieben wird. Denn so unemp- 
fänglich und gleichgültig die Leute gegen allgemeine Wahr- 
heiten sind, so erpicht sind sie auf individuelle. 
Dem Allen gemäß ist denn auch die Schweigsamkeit von 
sämmtlichen Lehrern der Weltklugheit auf das Dringende- 
ste und mit den mannigfaltigsten Argumenten anempfoh- 
len worden; daher ich es bei dem Gesagten bewenden 
lassen kann. Bloß ein Paar Arabischer Maximen, welche 
besonders eindringlich und wenig bekannt sind, will ich 
noch hersetzen. ''Was dein Feind nicht wissen soll, das 
sage deinem Freunde nicht." — ''Wenn ich mein Geheim- 
niß verschweige, ist es mein Gefangener: lasse ich es 
entschlüpfen, bin ich sein Gefangener." — "Am Baume 
des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede." 

43) Kein Geld ist vortheilhafter angewandt, als das, um 
welches wir uns haben prellen lassen: denn wir haben 
dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt. 

44) Man soll, wo möglich, gegen Niemanden Animosität 
hegen, jedoch die procdd^s eines Jeden sich wohl mer- 
ken und im Gedächtniß behalten, um danach den Werth 
desselben, wenigstens hinsichtlich unserer, festzustellen 



1 88 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

und demgemäß unser Verhalten und Betragen gegen ihn 
zu regeln, — stets überzeugt von der Unveränderlichkeit 
des Charakters: einen schlechten Zug eines Menschen 
jemals vergessen, ist wie wenn man schwer erworbenes 
Geld wegwürfe. — So aber schützt man sich vor thörich- 
ter Vertraulichkeit und thörichter Freundschaft. — 
''Weder lieben, noch hassen" enthält die Hälfte aller 
Weltklugheit: ''nichts sagen und nichts glauben" die an- 
dere Hälfte. Freilich aber wird man einer Welt, welche 
Regeln, wie diese und die nächstfolgenden nöthig macht, 
gern den Rücken kehren. 

45) Zorn, oder Haß in Worten, oder Mienen blicken zu 
lassen ist unnütz, ist gefährlich, ist unklug, ist lächerlich, 
ist gemein. Man darf also Zorn, oder Haß, nie anders 
zeigen, als in Thaten. Letzteres wird man um so voll- 
kommener können, als man Ersteres vollkommener ver- 
mieden hat. — Die kaltblütigen Thiere allein sind die 
giftigen. 

46) Parier sans accent: diese alte Regel der Weltleute 
bezweckt, daß man dem Verstände der Andern überlasse, 
herauszufinden, was man gesagt hat: der ist langsam, und 
ehe er fertig geworden, ist man davon. Hingegen parier 
avec accent heißt zum Gefühle reden; wo denn Alles um- 
gekehrt ausfällt. Manchem kann man, mit höflicher Ge- 
bärde und freundlichem Ton, sogar wirkliche Sottisen 
sagen, ohne unmittelbare Gefahr. 

D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal 
betreffend. 

47) Welche Form auch das menschliche Leben annehme; 
es sind immer die selben Elemente, und daher ist es im 
Wesentlichen überall das selbe, es mag in der Hütte, 
oder bei Hofe, im Kloster, oder bei der Armee geführt 
werden. Mögen seine Begebenheiten, Abenteuer, Glücks- 
und Unglücksfälle noch so mannigfaltig sein; so ist es 
doch damit, wie mit der Zuckerbäcker waare. Es sind 
viele und vielerlei gar krause und bunte Figuren: aber 
Alles ist aus Einem Teig geknetet; und was dem Einen 
begegnet, ist Dem, was dem Andern widerfuhr, viel ahn- 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 189 

lieber, als dieser beim Erzählenhören denkt. Auch glei- 
chen die Vorgänge unsers Lebens den Bildern im Ka- 
leidoskop, in welchem wir bei jeder Drehung etwas An- 
deres sehn, eigentlich aber immer das Selbe vor Augen 
haben. 

48) Drei Weltmächte giebt es, sagt, sehr treffend, ein 
Alter: oovsot;, xpaio?, xat toj^tj, Klugheit, Stärke und 
Glück. Ich glaube, daß die zuletzt genannte am meisten 
vermag. Denn unser Lebensweg ist dem Lauf eines 
Schiffes zu vergleichen. Das Schicksal, die tu^^tj, die 
secunda aut adversa fortuna, spielt die Rolle des Win- 
des, indem sie uns schnell weit fördert, oder weit zu- 
rückwirft; wogegen unser eigenes Mühen und Treiben nur 
wenig vermag. Dieses nämlich spielt dabei die Rolle 
der Ruder: wenn solche, durch viele Stunden langes Ar- 
beiten, uns eine Strecke vorwärts gebracht haben, wirft 
ein plötzlicher Windstoß uns eben so weit zurück. Ist 
er hingegen günstig, so fördert er uns dermaaßen, daß 
wir der Ruder nicht bedürfen. Diese Macht des Glückes 
drückt unübertrefflich ein spanisches Sprichwort aus: da 
Ventura a tu hijo, y echa lo en el mar (gieb deinem Sohne 
Glück und wirf ihn ins Meer). 

Wohl ist der Zufall eine böse Macht, der man so wenig 
wie möglich anheimstellen soll. Jedoch wer ist, unter 
allen Gebern, der einzige, welcher, indem er giebt, uns 
zugleich aufs deutlichste zeigt, daß wir gar keine An- 
sprüche auf seine Gaben haben, daß wir solche durch- 
aus nicht unserer Würdigkeit, sondern ganz allein seiner 
Güte und Gnade zu danken haben und daß wir eben 
hieraus die freudige Hoffnung schöpfen dürfen, noch 
ferner manche unverdiente Gabe demuthsvoU zu emp- 
fangen? — Es ist der Zufall: er, der die königliche Kunst 
versteht, einleuchtend zu machen, daß gegen seine Gunst 
und Gnade alles Verdienst ohnmächtig ist und nichts 
gilt.— 

Wenn man auf seinen Lebensweg zurücksieht, den "la- 
byrinthisch irren Lauf" desselben überschaut und nun so 
manches verfehlte Glück, so manches herbeigezogene Un- 
glück sehen muß; so kann man in Vorwürfen gegen sich 



1 90 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

selbst leicht zu weit gehn. Denn unser Lebenslauf ist 
keineswegs schlechthin unser eigenes Werk; sondern das 
Produkt zweier Faktoren, nämlich der Reihe der Bege- 
benheiten und der Reihe unserer Entschlüsse, welche 
stets in einander greifen und sich gegenseitig modifiziren. 
Hiezu kommt noch, daß in Beiden unser Horizont immer 
sehr beschränkt ist, indem wir unsere Entschlüsse nicht 
schon von Weitem vorhersagen und noch weniger die 
Begebenheiten voraussehen können, sondern von Beiden 
uns eigentlich nur die gegenwärtigen recht bekannt sind. 
Deshalb können wir, so lange unser Ziel noch fern liegt, 
nicht ein Mal gerade darauf hinsteuern; sondern nur ap- 
proximativ und nach Muthmaaßungen unsere Richtung 
dahin lenken, müssen also oft lawiren. Alles nämlich, 
was wir vermögen, ist, unsere Entschlüsse allezeit nach 
Maaßgabe der gegenwärtigen Umstände zu fassen, in der 
Hoffnung, es so zu treffen, daß es uns dem Hauptziel 
näher bringe. So sind denn meistens die Begebenheiten 
und unsere Grundabsichten zweien, nach verschiedenen 
Seiten ziehenden Kräften zu vergleichen und die daraus 
entstehende Diagonale ist unser Lebenslauf. — Terenz hat 
gesagt: in vita est hominum quasi cum ludas tesseris: si 
illud, quod maxime opus est jactu, non cadit, illud quod 
cecidit forte, id arte ut corrigas; wobei er eine Art Trik- 
trak vor Augen gehabt haben muß. Kürzer können wir 
sagen: das Schicksal mischt die Karten und wir spielen. 
Meine gegenwärtige Betrachtung auszudrücken, wäre aber 
folgendes Gleichniß am geeignetesten. Es ist im Leben 
wie im Schachspiel: wir entwerfen einen Plan: dieser 
bleibt jedoch bedingt durch Das, was im Schachspiel 
dem Gegner, im Leben dem Schicksal, zu thun belieben 
wird. Die Modifikationen, welche hierdurch unser Plan 
erleidet, sind meistens so groß, daß er in der Ausführung 
kaum noch an einigen Grundzügen zu erkennen ist. 
Übrigens giebt es in unserm Lebenslaufe noch etwas, wel- 
ches überdas Alles hinausliegt. Es ist nämlich eine triviale 
und nur zu häufig bestätigte Wahrheit, daß wir oft thörich- 
ter sind, als wir glauben: hingegen ist, daß wir oft weiser 
sind, als wir selbst vermeinen, eine Entdeckung, welche 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 1 9 1 

nur Die, so in dem Fall gewesen, und selbst dann erst 
spät, machen. Es giebt etwas Weiseres in uns, als der 
Kopf ist. Wir handeln nämlich, bei den großen Zügen, den 
Hauptschritten unsers Lebenslaufes, nicht sowohl nach 
deutlicher Erkenntniß des Rechten, als nach einem Innern 
Impuls, man möchte sagen Instinkt, der aus dem tiefsten 
Grunde unsers Wesens kommt, und bemäkeln nachher 
unser Thun nach deutlichen, aber auch dürftigen, erwor- 
benen, ja, erborgten Begrififen, nach allgemeinen Regeln, 
fremdem Beispiele u. s. w., ohne das ''Eines schickt sich 
nicht für Alle" genugsam zu erwägen; da werden wir leicht 
ungerecht gegen uns selbst. Aber am Ende zeigt es sich, 
wer Recht gehabt hat; und nur das glücklich erreichte 
Alter ist, subjektiv und objektiv, befähigt, die Sache zu 
beurtheilen. 

Vielleicht steht jener innere Impuls unter uns unbewuß- 
ter Leitung prophetischer, beim Erwachen vergessener 
Träume, die eben dadurch unserm Leben die Gleichmä- 
ßigkeit des Tones und die dramatische Einheit ertheilen, 
die das so oft schwankende und irrende, so leicht umge- 
stimmte Gehirnbewußtsein ihm zu geben nicht vermöchte, 
und in Folge welcher z. B. der zu großen Leistungen einer 
bestimmten Art Berufene Dies von Jugend auf innerlich 
und heimlich spürt und darauf hinarbeitet, wie die Bienen 
am Bau ihres Stocks. Für Jeden aber ist es Das, was Bai- 
tasar Gracian la gran sinderesis nennt: die instinktive 
große Obhut seiner selbst, ohne welche er zu Grunde 
geht. — Nach abstrakten Grundsätzen handeln ist schwer 
und gelingt erst nach vieler Übung, und selbst da nicht 
jedes Mal: auch sind sie oft nicht ausreichend. Hingegen 
hat Jeder gewisse angeborene konkrete Grundsätze^ die ihm 
in Blut und Saft stecken, indem sie das Resultat alles seines 
Denkens, Fühlens und Wollens sind. Er kennt sie mei- 
stens nicht in abstracto, sondern wird erst beim Rückblick 
auf sein Leben gewahr, daß er sie stets befolgt hat und 
von ihnen, wie von einem unsichtbaren Faden, ist gezogen 
worden. Je nachdem sie sind, werden sie ihn zu seinem 
Glück oder Unglück leiten. 
49) Man sollte beständig die Wirkung der Zeit und die 



1 9 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Wandelbarkeit der Dinge vor Augen haben und daher bei 
Allem, was jetzt Statt findet, sofort das Gegentheil davon 
imaginiren; also im Glücke das Unglück, in der Freund- 
schaft die Feindschaft, im schönen Wetter das schlechte, 
in der Liebe den Haß, im Zutrauen und Eröfi&ien den Ver- 
rath und die Reue, und so auch umgekehrt, sich lebhaft 
vergegenwärtigen. Dies würde eine bleibende Quelle wah- 
rerWeltklugheit abgeben, indem wir stets besonnen bleiben 
und nicht so leicht getäuscht werden würden. Meistens 
würden wir dadurch nur die Wirkung der Zeit anticipirt 
haben. — Aber vielleicht ist zu keiner Erkenntniß die Er- 
fahrung so unerläßlich, wie zur richtigen Schätzung des 
Unbestandes und Wechsels der Dinge. Weil eben jeder 
Zustand, für die Zeit seiner Dauer, nothwendig und daher 
mit vollstem Rechte vorhanden ist; so sieht jedes Jahr, 
jeder Monat, jeder Tag aus, als ob nun endlich er Recht 
behalten wollte, für alle Ewigkeit. Aber keiner behält es, 
und der Wechsel allein ist das Beständige. Der Kluge ist 
Der, welchen die scheinbare Stabilität nicht täuscht und 
der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel zunächst 
nehmen wird, vorhersieht f ). Daß hingegen die Menschen 
den einstweiligen Zustand der Dinge, oder die Richtung 
ihres Laufes, in der Regel für bleibend halten, kommt da- 
her, daß sie die Wirkungen vor Augen haben, aber die 
Ursachen nicht verstehn, diese es jedoch sind, welche den 
Keim der künftigen Veränderungen in sich tragen; wäh- 
rend die Wirkung, welche für Jene allein da ist, hievon 
nichts enthält. An diese halten sie sich und setzen vor- 
aus, daß die ihnen unbekannten Ursachen, welche solche 

f) Der Zufall hat bei allen menschlichen Dingen so großen Spiel- 
raum, daß wenn wir einer von ferne drohenden Gefahr gleich 
durch Aufopferungen vorzubeugen suchen, diese Gefahr oft durch 
einen unvorhergesehenen Stand, den die Dinge annehmen, ver- 
schwindet, und jetzt nicht nur die gebrachten Opfer verloren sind, 
sondern die durch sie herbeigeführte Veränderung nunmehr, beim 
veränderten Stande der Dinge, gerade ein Nachtheil ist. Wir 
müssen daher in unsem Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft 
greifen, sondern auch auf den Zufall rechnen und mancher Gefahr 
kühn entgegen sehn, hoffend, daß sie, wie so manche schwarze 
Gewitterwolke, vorüberzieht. 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 193 

hervorzubringen vermochten, auch im Stande sein wer- 
den, sie zu erhalten. Sie haben dabei den Vortheil, daß 
wenn sie irren, es immer unisono geschieht; daher denn 
die Kalamität, welche in Folge davon sie trifft, stets eine 
allgemeine ist, während der denkende Kopf, wenn er ge- 
irrt hat, noch dazu allein steht. — Beiläufig haben wir daran 
eine Bestätigung meines Satzes, daß der Irrthum stets aus 
dem Schluß von der Folge auf den Grund entsteht. Siehe 
^'Welt als W. u. V.'' Bd. i, S. 90. (Inselausg. I, 128.) 
Jedoch nur theoretisch und durch Vorhersehn ihrer Wir- 
kung soll man die Zeit anticipiren, nicht praktisch, nämlich 
nicht so, daß man ihr vorgreife, indem man vor der Zeit 
verlangt was erst die Zeit bringen kann. Denn wer Dies 
thut wird erfahren, daß es keinen schlimmeren, unnach- 
lassendem Wucherer giebt, als eben die Zeit, und daß sie, 
wenn zu Vorschüssen gezwungen, schwerere Zinsen nimmt, 
als irgend ein Jude. Z. B. man kann durch ungelöschten 
Kalk und Hitze einen Baum dermaaßen treiben, daß er 
binnen weniger Tage Blätter, Blüthen und Früchte treibt: 
dann aber stirbt er ab. — Will der Jüngling die Zeugungs- 
kraft des Mannes schon jetzt, wenn auch nur auf etliche 
Wochen ausüben, und im neunzehnten Jahre leisten was 
er im dreißigsten sehr wohl könnte; so wird allenfalls die 
Zeit den Vorschuß leisten, aber ein Theil der Kraft seiner 
künftigen Jahre, ja, ein Theil seines Lebens selbst, ist der 
Zins. — Es giebt Krankheiten, von denen man gehörig und 
gründlich nur dadurch genest, daß man ihnen ihren na- 
türlichen Verlauf läßt, nach welchem sie von selbst ver- 
schwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Verlangt man 
aber sogleich und jetzt, nur gerade jetzt, gesund zu sein; 
so muß auch hier die Zeit Vorschuß leisten: die Krankheit 
wird vertrieben: aber der Zins ist Schwäche und chroni- 
sche Übel, Zeit Lebens. — Wenn man in Zeiten des Krie- 
ges, oder der Unruhen, Geld gebraucht und zwar sogleich, 
gerade jetzt; so ist man genöthigt liegende Gründe, oder 
Staatspapiere, für 1/3 und noch weniger ihres Werthes zu 
verkaufen, den man zum Vollen erhalten würde, wenn man 
der Zeit ihr Recht widerfahren lassen, also einige Jahre 
warten wollte: aber man zwingt sie, Vorschuß zu leisten. — 
s 



1 94 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Oder auch man bedarf einer Summe zu einer weiten 
Reise: binnen eines oder zweier Jahre könnte man sie von 
seinem Einkommen zurückgelegt haben. Aber man will 
nicht warten; sie wird also geborgt, oder einstweilen vom 
Kapital genommen: d. h. die Zeit muß vorschießen. Da 
ist ihr Zins eingerissene Unordnung in der Kasse, ein blei- 
bendes und wachsendes Deficit, welches man nie mehr 
los wird. — Dies also ist der Wucher der Zeit: seine Opfer 
werden Alle, die nicht warten können. Den Gang der ge- 
messen ablaufenden Zeit beschleunigen zu wollen, ist das 
kostspieligste Unternehmen. Also hüte man sich, der Zeit 
Zinsen schuldig zu werden. 

50) Ein charakteristischer und im gemeinen Leben sehr 
oft sich hervorthuender Unterschied zwischen den ge- 
wöhnlichen und den gescheuten Köpfen ist, daß Jene, bei 
ihrer Überlegung und Schätzung möglicher Gefahren, immer 
nur fragen und berücksichtigen, was der Art bereits ge- 
schehn sei; Diese hingegen selbst überlegen, was mög- 
licherweise geschehn könne; wobei sie bedenken, daß, wie 
ein spanisches Sprichwort sagt, lo que no acaece en un 
ano, acaece en un rato (was binnen eines Jahres nicht ge- 
schieht, geschieht binnen weniger Minuten). Der in Rede 
stehende Unterschied ist freilich natürlich: denn was ge- 
schehn kann zu überblicken erfordert Verstand, was ge- 
schehn ist, bloß Sinne. 

Unsere Maxime aber sei: opfere den bösen Dämonen! 
D. h. man soll einen gewissen Aufwand von Mühe, Zeit, 
Unbequemlichkeit, Weitläuftigkeit, Geld, oder Entbehrung 
nicht scheuen, um der Möglichkeit eines Unglücks die 
Thüre zu verschließen: und je größer dieses wäre, desto 
kleiner, entfernter, unwahrscheinlicher mag jene sein. Die 
deutlichste Exemplifikation dieser Regelist die Assekuranz- 
prämie. Sie ist ein öffentlich imd von Allen auf den Altar 
der bösen Dämonen gebrachtes Opfer. 

51) Über keinen Vorfall sollte man in großen Jubel, oder 
große Wehklage ausbrechen; theils wegen der Veränder- 
lichkeit aller Dinge, die ihn jeden Augenblick umge- 
stalten kann; theils wegen der TrügHchkeit unsers Urtheils 
über das uns GedeihHche, oder Nachtheilige; in Folge 



PARÄNESEN UND MAXIMEN 195 

welcher fast Jeder ein Mal gewehklagt hat über Das, was 
nachher sich als sein wahres Bestes auswies, oder gejubelt 
über Das, was die Quelle seiner größten Leiden geworden 
ist. Die hier dagegen empfohlene Gesinnung hat Shake- 
speare schön ausgedrückt: 

I have feit so many quirks of joy and grief, 
That the first face of neither, on the start, 
Can woman me unto it.*) 

(AU's well, A. 3. sc. 2.) 

Überhaupt aber zeigt Der, welcher bei allen Unfällen ge- 
lassen bleibt, daß er weiß, wie kolossal und tausendfältig 
die möglichen Übel des Lebens sind; weshalb er das jetzt 
eingetretene ansieht als einen sehr kleinen Theil dessen, 
was kommen könnte: Dies ist die stoische Gesinnung, in 
Gemäßheit welcher man niemals conditionis humanae ob- 
litus, sondern stets eingedenk sein, soll, welch ein trau- 
riges und jämmerliches Loos das menschliche Dasein über- 
haupt ist, und wie unzählig die Übel sind, denen es aus- 
gesetzt ist. Diese Einsicht aufzufrischen, braucht man 
überall nur einen Blick um sich zu werfen: wo man auch 
sei, wird man es bald vor Augen haben, dieses Ringen 
und Zappeln und Quälen, um die elende, kahle, nichts ab- 
werfende Existenz. Man wird danach seine Ansprüche 
herabstimmen, in die UnvoUkommenheit aller Dinge und 
Zustände sich finden lernen und Unfällen stets entgegen- 
sehn, um ihnen auszuweichen, oder sie zu ertragen. Denn 
Unfälle, große und kleine, sind das eigentliche Element 
unsers Lebens: Dies sollte man also stets gegenwärtig 
haben; darum jedoch nicht, als ein SuoxoXo?, mit Beres- 
ford, über die stündlichen miseries of human life lamen- 
tiren und Gesichter schneiden, noch weniger in pulicis 
morsu Deum invocare; sondern, als ein euXaßvjc;, die Be- 
hutsamkeit im Zuvorkommen und Verhüten der Unfälle, 
sie mögen von Menschen, oder von Dingen ausgehn, so 
weit treiben und so sehr darin raffiniren, daß man, wie ein 

*) So viele Anfälle von Freude und Gram habe ich schon emp- 
funden, daß ich nie mehr vom ersten Anblicke des Anlasses zu 
einem von Beiden sogleich mich weibisch hinreißen lasse. 



196 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

kluger Fuchs, jedem großen oder kleinen Mißgeschick 
(welches meistens nur ein verkapptes Ungeschick ist) säu- 
berlich aus dem Wege geht. 

Daß ein Unglücksfall uns weniger schwer zu tragen fällt, 
wenn wir zum voraus ihn als möglich betrachtet und, wie 
man sagt, uns darauf gefaßt gemacht haben, mag haupt- 
sächlich daher kommen, daß wenn wir den Fall, ehe er 
eingetreten, als eine bloße Möglichkeit, mit Ruhe über- 
denken, wir die Ausdehnung des Unglücks deutlich und 
nach allen Seiten übersehn und so es wenigstens als ein 
endliches und überschaubares erkennen; in Folge wovon 
es, wenn es nun wirklich trifft, doch mit nicht mehr, als 
seiner wahren Schwere wirken kann. Haben wir hingegen 
Jenes nicht gethan, sondern werden unvorbereitet ge- 
troffen; so kann der erschrockene Geist, im ersten Augen- 
blick, die Größe des Unglücks nicht genau ermessen: es 
ist jetzt für ihn unübersehbar, stellt sich daher leicht als 
unermeßlich, wenigstens viel größer dar, als es wirklich 
ist. Auf gleiche Art läßt Dunkelheit und Ungewißheit jede 
Gefahr größer erscheinen. Freilich kommt noch hinzu, 
daß wir für das als möglich anticipirte Unglück zugleich 
auch die Trostgründe und Abhülfen überdacht, oder wenig- 
stens uns an die Vorstellung desselben gewöhnt haben. 
Nichts aber wird uns zum gelassenen Ertragen der ims 
treffenden Unglücksfälle besser befähigen, als die Über- 
zeugung von der Wahrheit, welche ich in meiner Preis- 
schrift über die Freiheit des Willens aus ihren letzten 
Gründen abgeleitet und festgestellt habe, nämlich, wie es 
daselbst, S. 62 (Inselausg.), heißt: "Alles was geschieht, 
vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht nothwendigy 
Denn in das unvermeidlich Nothwendige weiß der Mensch 
sich bald zu finden, und jene Erkenntniß läßt ihn Alles, 
selbst das durch die fremdartigsten Zufälle Herbeigeführte, 
als eben so noth wendig ansehn, wie das nach den be- 
kanntesten Regeln und unter vollkommener Voraussicht 
Erfolgende. Ich verweise hier auf Das, was ich (Welt als 
W. u. V. Bd. I, S. 345 u. 46 [Inselausg.]) über die be- 
ruhigende Wirkung der Erkenntniß des Unvermeidlichen 
und Nothwendigen gesagt habe. Wer davon durchdrungen 



PAR ANESEN UND MAXIMEN 1 9 7 

ist wird zuvörderst thun was er kann, dann aber willig 
leiden was er muß. 

Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexiren, kann man 
betrachten als bestimmt, uns in Übung zu erhalten, damit 
die Kraft, die großen zu ertragen, im Glück nicht ganz er- 
schlaffe. Gegen die täglichen Hudeleien, kleinlichen Rei- 
bungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende Anstöße, 
Ungebührlichkeiten Anderer, Klatschereien u. dgl. m. muß 
man ein gehörnter Siegfried sein, d. h. sie gar nicht emp- 
finden, weit weniger sich zu Herzen nehmen und darüber 
brüten; sondern von dem Allen nichts an sich kommen 
lassen, es von sich stoßen, wie Steinchen, die im Wege 
liegen, und keineswegs es aufnehmen in das Innere seiner 
Überlegung und Rumination. 

52) Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen 
sind meistens nur ihre eigenen dummen Streiche. Man 
kann daher nicht genugsam die schöne Stelle im Homer 
(JL. XXIII, 313 sqq.) beherzigen, wo er die (i-irjTi?, d. i. 
die kluge Überlegung, empfiehlt. Denn wenn auch die 
schlechten Streiche erst in jener Welt gebüßt werden; so 
doch die dummen schon in dieser; — wiewohl hin und wieder 
ein Mal Gnade für Recht ergehen mag. 

Nicht wer grimmig, sondern wer klug dareinschaut sieht 
furchtbar und gefährlich aus: — so gewiß des Menschen 
Gehirn eine furchtbarere Waffe ist, als die Klaue des 
Löwen. — 

Der vollkommene Weltmann wäre der, welcher nie in Un- 
schlüssigkeit stockte und nie in Übereilung geriethe. 

53) Nächst der Klugheit aber ist Muth eine für unser 
Glück sehr wesentliche Eigenschaft. Freilich kann man 
weder die eine noch die andere sich geben, sondern er- 
erbt jene von der Mutter und diesen vom Vater: jedoch 
läßt sich durch Vorsatz und Übung dem davon Vorhan- 
denen nachhelfen. Zu dieser Welt wo ''die Würfel eisern 
fallen", gehört ein eiserner Sinn, gepanzert gegen das 
Schicksal und gewaffnet gegen die Menschen. Denn das 
ganze Leben ist ein Kampf, jeder Schritt wird uns strei- 
tig gemacht, und Voltaire sagt mit Recht: on ne reussit 
dans ce monde, qu'ä la pointe de l'dpde, et on raeurt les 



1 98 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

armes ä la main. Daher ist es eine feige Seele, die, sobald 
Wolken sich zusammenziehn oder wohl gar nur am Hori- 
zont sich zeigen, zusammenschrumpft, verzagen will und 
jammert. Vielmehr sei unser Wahlspruch: 

Tu ne cede malis, sed contra audentior ito. 
So lange der Ausgang einer gefährlichen Sache nur noch 
zweifelhaft ist, so lange nur noch die Möglichkeit, daß er 
ein glücklicher werde, vorhanden ist, darf an kein Zagen 
gedacht werden, sondern bloß an Widerstand; wie man 
am Wetter nicht verzweifeln darf, so lange noch ein blauer 
Fleck am Himmel ist. Ja, man bringe es dahin zu sagen: 

Si fractus illabatur orbis, 
Impavidum ferient ruinae. 

Das ganze Leben selbst, geschweige seine Güter, sind noch 
nicht so ein feiges Beben und Einschrumpfen des Herzens 
werth: 

Quocirca vivite fortes, 
Fortiaque adversis opponite pectora rebus. 

Und doch ist auch hier ein Exceß möglich: denn der Muth 
kann in Verwegenheit ausarten. Sogar ist ein gewisses 
Maaß von Furchtsamkeit zu unserm Bestände in der Welt 
nothwendig: die Feigheit ist bloß das Überschreiten des- 
selben. Dies hat Bako von Verulam gar treffend ausge- 
drückt, in seiner etymologischen Erklärung des terror 
Panicus, welche die ältere, vom Plutarch (de Iside et Osir. 
c. 1 4) uns erhaltene, weit hinter sich läßt. Er leitet näm- 
lich denselben ab vom Pan^ als der personifizirten Natur 
und sagt: Natura enim rerum omnibus viventibus indidit 
metum, ac formidinem, vitae atque essentiae suae con- 
servatricem, ac mala ingruentia vitantem et depellentem. 
Verumtamen eadem natura modum tenere nescia est: sed 
timoribus salutaribus semper vanos et inanes admiscet; 
adeo ut omnia (si intus conspici darentur) Panicis terro- 
ribus plenissima sint, praesertim humana. (De sapientia 
veterum VI.) Übrigens ist das Charakteristische des Pa- 
nischen Schreckens, daß er seiner Gründe sich nicht deut- 
lich bewußt ist, sondern sie mehr voraussetzt, als kennt, 
ja, zur Noth geradezu die Furcht selbst als Grund der 
Furcht geltend macht. 



199 

KAPITEL VI. 

VOM UNTERSCfflEDE DER LEBENSALTER. 

f TBERAUS schön hat Voltaire gesagt: 

^^-^ Qui n'a pas l'esprit de son äge, 

De son age a tout le malheur. 

Daher wird es angemessen sein, daß wir, am Schlüsse 
dieser eudämonologischen Betrachtungen, einen Blick auf 
die Veränderungen werfen, welche die Lebensalter an uns 
hervorbringen. 

Unser ganzes Leben hindurch haben wir immer nur die 
Gegenwart inne, und nie mehr. Was dieselbe unterscheidet 
ist bloß, daß wir am Anfang eine lange Zukunft vor uns, 
gegen das Ende aber eine lange Vergangenheit hinter uns 
sehn; sodann, daß unser Temperament, wiewohl nicht 
unser Charakter, einige bekannte Veränderungen durch- 
geht, wodurch jedes Mal eine andere Färbung der Gegen- 
wart entsteht. — 

In meinem Hauptwerke, Bd. 2 , Kap. 3 1 , S. 3 94 ff. (Inselausg. 
II 60), habe ich auseinandergesetzt, daß mid warum wir 
in der Kindheit uns viel mehr erkennend^ als wollend ver- 
halten. Gerade hierauf beruht jene Glückseligkeit des er- 
sten Viertels unsers Lebens, in Folge welcher es nachher 
wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben 
in der Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Be- 
dürfnisse, also wenig Anregung des Willens: der größere 
Theil unsers Wesens geht demnach im Erkennen auf. — 
Der Intellekt ist, wie das Gehirn, welches schon im 7. Jahre 
seine volle Größe erreicht, früh entwickelt, wenn auch 
nicht reif, und sucht unaufhörlich Nahrung in einer gan- 
zen Welt des noch neuen Daseins, wo Alles, Alles, mit 
dem Reize der Neuheit überfirnißt ist. Hieraus entspringt 
es, daß unsre Kinderjahre eine fortwährende Poesie sind. 
Nämlich das Wesen der Poesie, wie aller Kunst, besteht 
im Auffassen der Platonischen Idee, d.h. des Wesentlichen 
und daher der ganzen Art Gemeinsamen, in jedem Ein- 
zelnen; wodurch je des Ding als Repräsentant seiner Gattung 
auftritt, und ein Fall für tausend gilt. Obgleich nun es 
scheint, daß wir in den Scenen unsrer Kinderjahre stets 



2 00 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

nur mit dem jedesmaligen individuellen Gegenstande, oder 
Vorgange, beschäftigt seien, und zwar nur sofern er unser 
momentanes Wollen interessirt; so ist dem doch im Grunde 
anders. Nämlich das Leben, in seiner ganzen Bedeutsam- 
keit, steht noch so neu, frisch und ohne Abstumpfung 
seiner Eindrücke durch Wiederholung, vor uns, daß wir, 
mitten unter unserm kindischen Treiben, stets im Stillen 
und ohne deutliche Absicht beschäftigt sind, an den ein- 
zelnen Scenen und Vorgängen das Wesen des Lebens 
selbst, die Grundtypen seiner Gestalten und Darstellungen, 
aufzufassen. Wir sehn, wie Spinoza es ausdrückt, alle Dinge 
und Personen sub specie aeternitatis. Je jünger wir sind, 
desto mehr vertritt jedes Einzelne seine ganze Gattung. 
Dies nimmt immer mehr ab, von Jahr zu Jahr: und hierauf 
beruht der so große Unterschied des Eindrucks, den die 
Dinge in der Jugend und im Alter auf uns machen. Da- 
her werden die Erfahrungen und Bekanntschaften der 
Kindheit und frühen Jugend nachmals die stehenden Typen 
und Rubriken aller spätem Erkenntniß und Erfahrung, 
gleichsam die Kategorien derselben, denen wir alles Spä- 
tere subsumiren, wenn auch nicht stets mit deutlichem 
Bewußtsein. So bildet sich demnach schon in den Kin- 
derjahren die feste Grundlage unserer Weltansicht, mithin 
auch das Flache, oder Tiefe, derselben: sie wird später 
ausgeführt und vollendet; jedoch nicht im Wesentlichen 
verändert. Also in Folge dieser rein objektiven und da- 
durch poetischen Ansicht, die dem Kindesalter wesentlich 
ist und davon unterstützt wird, daß der Wille noch lange 
nicht mit seiner vollen Energie auftritt, verhalten wir uns, 
als Kinder, bei Weitem mehr rein erkennend als wollend. 
Daher der ernste, schauende Blick mancher Kinder, wel- 
chen Raphael zu seinen Engeln, zumal denen der Sistini- 
schen Madonna, so glücklich benutzt hat. Eben dieserhalb 
sind denn auch die Kinderjahre so selig, daß die Erinne- 
rung an sie stets von Sehnsucht begleitet ist. — Während 
wir nun, mit solchem Ernst, dem ersten anschaulichen^ ^x- 
ständniß der Dinge obliegen, ist andrerseits die Erziehung 
bemüht, uns Begriffe beizubringen. Allein Begriffe liefern 
nicht das eigentlich- Wesentliche: vielmehr liegt dieses, 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 201 

also der Fonds und ächte Gehalt aller unserer Erkenntnisse, 
in der anschaulichen Auffassung der Welt. Diese aber kann 
nur von uns selbst gewonnen, nicht auf irgend eine Weise 
uns beigebracht werden. Daher kommt, wie unser mora- 
lischer, so auch unser intellektueller Werth nicht von außen 
in uns, sondern geht aus der Tiefe unsers eigenen Wesens 
hervor, und können keine Pestalozzische Erziehungskünste 
aus einem geborenen Tropf einen denkenden Menschen 
bilden: nie! er ist als Tropf geboren und muß als Tropf 
sterben. — Aus der beschriebenen, tiefinnigen Auffassung 
der ersten anschaulichen Außenwelt erklärt sich denn auch, 
warum die Umgebungen und Erfahrungen unserer Kind- 
heit sich so fest dem Gedächtniß einprägen. Wir sind näm- 
lich ihnen ungetheilt hingegeben gewesen, nichts hat uns 
dabei zerstreut und wir haben die Dinge, welche vor uns 
standen, angesehn, als wären sie die einzigen ihrer Art, 
ja, überhaupt allein vorhanden. Später nimmt uns die dann 
bekannte Menge der Gegenstände Muth und Geduld. — 
Wenn man nun hier sich zurückrufen will, was ich S. 3 7 2 ff. 
(Inselausg. 1132) des oben erwähnten Bandes meines 
Hauptwerkes dargethan habe, daß nämlich das objektive Da- 
sein aller Dinge, d. h. ihr Dasein in der bloßen Vorstellung^ 
ein durchweg erfreuliches, hingegen ihr subjektives Dasein, 
als welches im Wollen besteht, mit Schmerz und Trübsal 
stark versetzt ist; so wird man als kurzen Ausdruck der Sache 
auch wohl den Satz gelten lassen: alle Dinge sind herrlich 
zu sehfi^ aber schrecklich zu sein. Dem Obigen nun zufolge 
sind, in der Kindheit, die Dinge uns viel mehr von der 
Seite des Sehns^ also der Vorstellung, der Objektivität, 
bekannt, als von der Seite des Seins, welche die des Wil- 
lens ist. Weil nun jene die erfreuliche Seite der Dinge 
ist, die subjektive und schreckliche uns aber noch unbe- 
kannt bleibt; so hält der junge Intellekt alle jene Gestalten, 
welche Wirklichkeit und Kunst ihm vorführen, für eben 
so viele glückselige Wesen: er meint, so schön sie zu sehn 
sind, und noch viel schöner, wären sie zu sein. Demnach 
liegt die Welt vor ihm, wie ein Eden: dies ist das Arka- 
dien, in welchem wir Alle geboren sind. Daraus entsteht 
etwas später der Durst nach dem wirklichen Leben, der 



2 02 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Drang nach Thaten und Leiden, welcher uns ins Weltge- 
tümmel treibt. In diesem lernen wir dann die andere Seite 
der Dinge kennen, die des Seins, d. i. des WoUens, wel- 
ches bei jedem Schritte durchkreuzt wird. Dann kommt 
allmälig die große Enttäuschung heran, nach deren Ein- 
tritt heißt es l'äge des illusions est pass^: und doch geht 
sie noch immer weiter, wird immer vollständiger. Dem- 
zufolge kann man sagen, daß in der Kindheit das Leben 
sich uns darstellt wie eine Theaterdekoration von Weitem 
gesehn; im Alter, wie dieselbe in der größten Nähe. 
Zum Glücke der Kindheit trägt endlich noch Folgendes 
bei. Wie im Anfange des Frühlings alles Laub die gleiche 
Farbe und fast die gleiche Gestalt hat; so sind auch wir, 
in früher Kindheit, alle einander ähnlich, harmoniren da- 
her vortreflflich. Aber mit der Pubertät fängt die Diver- 
genz an und wird, wie die der Radien eines Cirkels, immer 
größer. 

Was nun den Rest der ersten Lebenshälfte, die so viele 
Vorzüge vor der zweiten hat, also das jugendliche Alter, 
trübt, ja unglücklich macht, ist das Jagen nach Glück, in 
der festen Voraussetzung, es näüsse im Leben anzutreffen 
sein. Daraus entspringt die fortwährend getäuschte Hoff- 
nung und aus dieser die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bil- 
der eines geträumten, unbestimmten Glückes schweben, 
unter kapriziös gewählten Gestalten, uns vor, und wir 
suchen vergebens ihr Urbild. Daher sind wir in unsern 
Jünglingsjahren mit unserer Lage und Umgebung, welche 
sie auch sei, meistens unzufrieden; weil wir ihr zuschrei- 
ben, was der Leerheit und Armseligkeit des menschlichen 
Lebens überall zukommt, und mit der wir jetzt die erste 
Bekanntschaft machen, nachdem wir ganz andere Dinge 
erwartet hatten. — Man hätte viel gewonnen, wenn man, 
durch zeitige Belehrung, den Wahn, daß in der Welt Viel 
zu holen sei, in den Jünglingen ausrotten könnte. Aber 
das Umgekehrte geschieht dadurch, daß meistens uns das 
Leben früher durch die Dichtung, als durch die Wirklich- 
keit bekannt wird. Die von jener geschilderten Scenen 
prangen, im Morgenroth unserer eigenen Jugend, vor un- 
serm Blick, und nun peinigt uns die Sehnsucht, sie ver- 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 203 

wirklicht zu sehn, — den Regenbogen zu fassen. Der Jüng- 
ling erwartet seinen Lebenslauf in Form eines interessan- 
ten Romans. So entsteht die Täuschung, welche ich S. 374 
(Inselausg. 1 136) des schon erwähnten zweiten Bandes, be- 
reits geschildert habe. Denn was allen jenen Bildern ihren 
Reiz verleiht, ist gerade Dies, daß sie bloße Bilder und 
nicht wirklich sind, und wir daher, bei ihrem Anschauen, 
uns in der Ruhe und Allgenugsamkeit des reinen Erken- 
nens befinden. Verwirklicht werden heißt mit dem Wollen 
ausgefüllt werden, welchesWollen unausweichbare Schmer- 
zen herbeiführt. Auch noch auf die Stelle S. 427 (Insel- 
ausg. II 98) des erwähnten Bandes sei der theilnehmende 
Leser hier hingewiesen. 

Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbe- 
friedigte Sehnsucht nach Glück; so ist der der zweiten 
Besorgniß vor Unglück. Denn mit ihr ist, mehr oder we- 
niger deutlich, die Erkenntniß eingetreten, daß alles Glück 
chimärisch, hingegen das Leiden real sei. Jetzt wird da- 
her, wenigstens von den vernünftigeren Charakteren, mehr 
bloße Schmerzlosigkeit und ein unangefochtener Zustand, 
als Genuß angestrebt f). — Wenn, in meinen Jünglings- 
jahren, es an meiner Thür schellte, wurde ich vergnügt: 
denn ich dachte, nun käme es. Aber in spätem Jahren 
hatte meine Empfindung, bei demselben Anlaß, vielmehr et- 
was dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: ''da kommt's.'^ 
— Hinsichtlich der Menschenwelt giebt es, für ausgezeich- 
nete und begabte Individuen, die, eben als solche, nicht 
so ganz eigentlich zu ihr gehören und demnach, mehr oder 
weniger, je nach dem Grad ihrer Vorzüge, allein stehn, 
ebenfalls zwei entgegengesetzte Empfindungen: in der 
Jugend hat man häufig die, von ihr verlassen zu sein; in 
spätem Jahren hingegen die, ihr entronnen zu sein. Die 
erstere, eine unangenehme, beruht auf Unbekanntschaft, 
die zweite, eine angenehme, auf Bekanntschaft mit ihr. — 
In Folge davon enthält die zweite Hälfte des Lebens, wie 
die zweite Hälfte einer musikalischen Periode, weniger 



•{•) Im Alter verstellt man besser die Unglücksfälle zu verhüten; in 
der Jugend, sie zu ertragen. 



2 04 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Strebsamkeit, aber mehr Beruhigung, als die erste, wel- 
ches überhaupt darauf beruht, daß man in der Jugend 
denkt, in der Welt sei Wunder was für Glück und Genuß 
anzutreffen, nur schwer dazu zu gelangen; während man 
im Alter weiß, daß da nichts zu holen ist, also, vollkom- 
men darüber beruhigt, eine erträgliche Gegenwart genießt, 
und sogar an Kleinigkeiten Freude hat. — 
Was der gereifte Mann durch die Erfahrung seines Lebens 
erlangt hat und wodurch er die Welt anders sieht, als der 
Jüngling und Knabe, ist zunächst Unbefangenheit. Er aller- 
erst sieht die Dinge ganz einfach und nimmt sie für Das, 
was sie sind; während dem Knaben und Jüngling ein Trug- 
bild, zusammengesetzt aus selbstgeschaffenen Grillen, über- 
kommenen Vorurtheilen und seltsamen Phantasien, die 
wahre Welt bedeckte,' oder verzerrte. Denn das Erste, was 
die Erfahrung zu thun vorfindet, ist uns von den Hirnge- 
spinnsten und falschen Begriffen zu befreien, welche sich 
in der Jugend angesetzt haben. Vor diesen das jugend- 
liche Alter zu bewahren, wäre allerdings die beste Er- 
ziehung, wenn gleich nur eine negative; ist aber sehr schwer. 
Man müßte, zu diesem Zwecke, den Gesichtskreis des Kin- 
des Anfangs möglichst enge halten, innerhalb desselben 
jedoch ihm lauter deutliche und richtige Begriffe beibringen, 
und erst nachdem es alles darin Gelegene richtig erkannt 
hätte, denselben allmälig erweitern, stets dafür sorgend, 
daß nichts Dunkeles, auch nichts halb oder schief Verstan- 
denes, zurück bliebe. In Folge hievon würden seine Be- 
griffe von Dingen und menschlichen Verhältnissen, immer 
noch beschränkt und sehr einfach, dafür aber deutlich und 
richtig sein, so daß sie stets nur der Erweiterung, nicht 
der Berichtigimg bedürften; und so fort bis ins Jünglings- 
alter hinein. Diese Methode erfordert insbesondere, daß 
man keine Romane zu lesen erlaube, sondern sie durch 
angemessene Biographien ersetze, wie z.B. diQFranklin's^ 
den Anton Reiser von Moritz u. dgl. — 
Wann wir jung sind, vermeinen wir, daß die in unserm 
Lebenslauf wichtigen und folgenreichen Begebenheiten 
und Personen mit Pauken und Trompeten auftreten wer- 
den: im Alter zeigt jedoch die retrospektive Betrachtung, 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 205 

daß sie alle ganz still, durch die Hinterthür und fast un- 
beachtet hereingeschlichen sind. 

Man kann ferner, in der bis hieher betrachteten Hinsicht, 
das Leben mit einem gestickten Stoflfe vergleichen, von 
welchem Jeder, in der ersten Hälfte seinerzeit, die rechte^ 
in der zweiten aber die Kehrseite zu sehn bekäme: letz- 
tere ist nicht so schön, aber lehrreicher; weil sie den Zu- 
sammenhang der Fäden erkennen läßt. — 
Die geistige Überlegenheit, sogar die größte, wird, in der 
Konversation, ihr entschiedenes Übergewicht erst nach 
dem vierzigsten Jahre geltend machen. Denn die Reife 
der Jahre und die Frucht der Erfahrung kann durch jene 
wohl vielfach übertroffen, jedoch nie ersetzt werden: sie 
aber giebt auch dem gewöhnlichsten Menschen ein ge- 
wisses Gegengewicht gegen die Kräfte des größten Geistes, 
so lange dieser jung ist. Ich meine hier bloß das Persön- 
liche, nicht die Werke. — 

Jeder irgend vorzügliche Mensch, jeder, der nur nicht zu 
den von der Natur so traurig dotirten «/g der Menschheit 
gehört, wird, nach dem vierzigsten Jahre, von einem ge- 
wissen Anfluge von Misanthropie schwerlich frei bleiben. 
Denn er hatte, wie es natürlich ist, von sich auf Andere 
geschlossen und ist allmälig enttäuscht worden, hat ein- 
gesehn, daß sie entweder von der Seite des Kopfes, oder 
des Herzens, meistens sogar Beider, ihm im Rückstand 
bleiben und nicht quitt mit ihm werden; weshalb er sich 
mit ihnen einzulassen gern vermeidet; wie denn über- 
haupt Jeder nach Maaßgabe seines inneren Werthes 
die Einsamkeit, d. h. seine eigene Gesellschaft, lieben 
oder hassen wird. Von dieser Art der Misanthropie han- 
delt auch Kant^ in der Krit. d. Urtheilskraft, gegen das 
Ende der allgemeinen Anmerkung zum § 29 des ersten 
Theils. 

An einem jungen Menschen ist es, in intellektueller und 
auch in moralischer Hinsicht, ein schlechtes Zeichen, wenn 
er im Thun und Treiben der Menschen sich recht früh zu- 
rechtezufinden weiß, sogleich darin zu Hause ist, und, wie 
vorbereitet, in dasselbe eintritt: es kündigt Gemeinheit an. 
Hingegen deutet, in solcher Beziehung, ein befremdetes, 



2o6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

stutziges, ungeschicktes und verkehrtes Benehmep auf eine 
Natur edlerer Art. 

Die Heiterkeit und der Lebensmuth unserer Jugend be- 
ruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod 
nicht sehn; weil er am Fuß der andern Seite des Berges 
liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann wer- 
den wir den Tod, welchen wir bis dahin nur von Hören- 
sagen kannten, wirklich ansichtig, wodurch, da zu der- 
selben Zeit die Lebenskraft zu ebben beginnt, auch der 
Lebensmuth sinkt; so daß jetzt ein trüber Ernst den ju- 
gendlichen Übermuth verdrängt und auch dem Gesichte 
sich aufdrückt. So lange wir jung sind, man mag uns sagen, 
was man will, halten wir das Leben für endlos und gehn 
danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr 
Ökonomisiren wir unsere Zeit. Denn im spätem Alter er- 
regt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der ver- 
wandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht ge- 
führter Delinquent hat. 

Vom Standpunkte der Jugend aus gesehn^ ist das Leben 
eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters 
aus, eine sehr kurze Vergangenheit; so daß es Anfangs sich 
uns darstellt wie die Dinge, wann wir das Objektivglas 
des Opemkuckers ans Auge legen, zuletzt aber wie wann 
das Okular. Man muß alt geworden sein, also lange ge- 
lebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist. — 
Je älter man wird, desto kleiner erscheinen die mensch- 
lichen Dinge sammt und sonders: das Leben, welches in 
der Jugend als fest und stabil vor uns stand, zeigt sich uns 
jetzt als die rasche Flucht ephemerer Erscheinungen: die 
Nichtigkeit des Ganzen tritt hervor. — Die Zeit selbst hat 
in unserer Jugend einen viel langsameren Schritt; daher 
das erste Viertel unsers Lebens nicht nur das glücklichste, 
sondern auch das längste ist, so daß es viel mehr Erin- 
nerungen zurückläßt, und Jeder, wenn es darauf ankäme, 
aus demselben mehr zu erzählen wissen würde, als aus 
zweien der folgenden. Sogar werden, wie im Frühling des 
Jahres, so auch in dem des Lebens, die Tage zuletzt von 
einer lästigen Länge. Im Herbste Beider werden sie kurz, 
aber heiterer und beständiger. 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 207 

Warum nun aber erblickt man, im Alter, das Leben, wel- 
ches man hinter* sich hat, so kurz? Weil man es für so kurz 
hält, wie die Erinnerung desselben ist. Aus dieser näm- 
lich ist alles Unbedeutende und vielUnangenehmes heraus- 
gefallen, daher wenig übrig geblieben. Denn, wie unser 
Intellekt überhaupt sehr unvollkommen ist, so auch das 
Gedächtniß: das Erlernte muß geübt, das Vergangene ru- 
minirt werden, wenn nicht Beides allmälig in den Abgrund 
der Vergessenheit versinken soll. Nun aber pflegen wir 
nicht das Unbedeutende, auch meistens nicht das Unan- 
genehme zu ruminiren; was doch nöthig wäre, um es im 
Gedächtniß aufzubewahren. Des Unbedeutenden wird aber 
immer mehr: denn durch die öftere und endlich zahllose 
Wiederkehr wird Vielerlei, das Anfangs uns bedeutend er- 
schien, allmälig unbedeutend; daher wir uns der früheren 
Jahre besser, als der späteren erinnern. Je länger wir nun 
leben, desto weniger Vorgänge scheinen uns wichtig, oder 
bedeutend genug, um hinterher noch ruminirt zu werden, 
wodurch allein sie im Gedächtniß sich fixiren könnten: 
sie werden also vergessen, sobald sie vorüber sind. So 
läuft denn die Zeit immer spurloser ab. — Nun ferner das 
Unangenehme ruminiren wir nicht gern, am wenigsten aber 
dann, wann es unsere Eitelkeit verwundet, welches sogar 
meistens der Fall ist; weil wenige Leiden uns ganz ohne 
unsere Schuld getroffen haben. Daher also wird ebenfalls 
viel Unangenehmes vergessen. Beide Ausfälle nun sind 
es, die unsere Erinnerung so kurz machen, und verhält- 
nißmäßig immer kürzer, je länger ihr Stofif wird. Wie die 
Gegenstände auf dem Ufer, von welchem man zu Schifte 
sich entfernt, immer kleiner, unkenntlicher und schwerer 
zu unterscheiden werden; so unsere vergangenen Jahre, 
mit ihren Erlebnissen und ihrem Thun. Hiezu kommt, daß 
bisweilen Erinnerung und Phantasie uns eine längst ver- 
gangene Scene unseres Lebens so lebhaft vergegenwär- 
tigen, wie den gestrigen Tag; wodurch sie dann ganz nahe 
an uns herantritt; dies entsteht dadurch, daß es unmög- 
lich ist, die lange zwischen jetzt und damals verstrichene 
Zeit uns ebenso zu vergegenwärtigen, indem sie sich nicht 
so in Einem Bilde überschauen läßt, und überdies auch 



2o8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

die Vorgänge in derselben größtentheils vergessen sind, 
und bloß eine allgemeine Erkenntniß in abstracto von ihr 
übrig geblieben ist, ein bloßer Begriff, keine Anschauung. 
Daher nun also erscheint das längst Vergangene im Ein- 
zelnen uns so nahe, als wäre es erst gestern gewesen, die 
dazwischen liegende Zeit aber verschwindet und das ganze 
Leben stellt sich als unbegreiflich kurz dar. Sogar kann 
bisweilen im Alter die lange Vergangenheit, die wir hinter 
uns haben, und damit unser eigenes Alter, im Augenblick 
uns beinahe fabelhaft vorkommen; welches hauptsächlich 
dadurch entsteht, daß wir zunächst noch immer dieselbe, 
stehende Gegenwart vor uns sehn. Dergleichen innere 
Vorgänge beruhen aber zuletzt darauf, daß nicht unser 
Wesen an sich selbst, sondern nur die Erscheinung des- 
selben in der Zeit liegt, und daß die Gegenwart der Be- 
rührungspunkt zwischen Objekt und Subjekt ist. — Und 
warum nun wieder erblickt man in der Jugend das Leben, 
welches man noch vor sich hat, so unabsehbar lang? Weil 
man Platz haben muß für die grenzenlosen Hoffnungen, 
mit denen man es bevölkert, und zu deren Verwirklichung 
Methusalem zu jung stürbe; sodann weil man zum Maaß- 
stabe desselben die wenigen Jahre nimmt, welche man 
schon hinter sich hat, und deren Erinnerung stets stoflf- 
reich, folglich lang ist, indem die Neuheit Alles bedeutend 
erscheinen ließ, weshalb es hinterher noch ruminirt, also 
oft in der Erinnerung wiederholt und dadurch ihr einge- 
prägt wurde. 

Bisweilen glauben wir, uns nach einem fernen Orte zu- 
rückzusehnen, während wir eigentlich uns nur nach der 
Zeit zurücksehnen, die wir dort verlebt haben, da wir 
jünger und frischer waren. So täuscht uns alsdann die 
Zeit unter der Maske des Raumes. Reisen wir hin, so 
werden wir der Täuschung inne. — 
Ein hohes Alter zu erreichen, giebt es, bei fehlerfreier 
Konstitution, als conditio sine qua non, zwei Wege, die 
man am Brennen zweier Lampen erläutern kann: die 
eine brennt lange, weil sie, bei wenigem Öl, einen sehr 
dünnen Docht hat; die andere, weil sie, zu einem star- 
ken Docht, auch viel Öl hat: das Öl ist die Lebenskraft, 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 209 

der Docht der Verbrauch derselben, auf jede Art und 
Weise. 

Hinsichtlich der Lebenskraft sind wir, bis zum 3 Osten 
Jahre, Denen zu vergleichen, welche von ihren Zinsen 
leben: was heute ausgegeben wird ist morgen wieder da. 
Aber von jenem Zeitpunkt an ist unser Analogon der Ren- 
tenier, welcher anfängt, sein Kapital anzugreifen. Im An- 
fang ist die Sache gar nicht merklich: der größte Theil 
der Ausgabe stellt sich immer noch von selbst wieder her: 
ein geringes Deficit dabei wird nicht beachtet. Dieses 
aber wächst allmälig, wird merklich, seine Zunahme selbst 
nimmt mit jedem Tage zu: sie reißt immer mehr ein, jedes 
Heute ist ärmer, als das Gestern, ohne Hofifnung auf Still- 
stand. So beschleunigt sich, wie der Fall der Körper, 
die Abnahme immer mehr, — bis zuletzt nichts mehr übrig 
ist. Ein gar trauriger Fall ist es, wenn beide hier Ver- 
glichene, Lebenskraft und Eigenthum, wirklich zusammen 
im Wegschmelzen begrififen sind: daher eben wächst mit 
dem Alter die Liebe zum Besitze. — Hingegen Anfangs, 
bis zur Volljährigkeit und noch etwas darüber hinaus, 
gleichen wir, hinsichtlich der Lebenskraft, Denen, welche 
von den Zinsen noch etwas zum Kapitale legen: nicht nur 
das Ausgegebene stellt sich von selbst wieder ein, son- 
dern das Kapital wächst. Und wieder ist auch Dieses 
bisweilen, durch die Fürsorge eines redlichen Vormundes, 
zugleich mit dem Gelde der Fall. O glückliche Jugend! o 
trauriges Alter! — Nichtsdestoweniger soll man die Jugend- 
kräfte schonen. Aristoteles bemerkt (Polit. L. ult. c. 5), 
daß von den Olympischen Siegern nur zwei oder drei ein 
Mal als Knaben und dann wieder als Männer gesiegt 
hätten; weil durch die frühe Anstrengung, welche die Vor- 
übung erfordert, die Kräfte so erschöpft werden, daß sie 
nachmals, im Mannesalter, fehlen. Wie Dies von der 
Muskelkraft gilt, so noch mehr von der Nervenkraft, deren 
Äußerung alle intellektuelle Leistungen sind: daher wer- 
den die ingenia praecocia, die Wunderkinder, die Früchte 
der Treibhauserziehung, welche als Knaben Erstaunen 
erregen, nachmals sehr gewöhnliche Köpfe. Sogar mag 
die frühe, erzwungene Anstrengung zur Erlernung der al- 



2 1 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

ten Sprachen Schuld haben an der nachmaligen Lahmheit 
und Urtheilslosigkeit so vieler gelehrter Köpfe. — 
Ich habe die Bemerkung gemacht, daß der Charakter fast 
jedes Menschen Einem Lebensalter vorzugsweise ange- 
messen zu sein scheint; so daß er in diesem sich vortheil- 
hafter ausnimmt. Einige sind liebenswürdige Jünglinge, 
und dann ist's vorbei; Andere kräftige, thätige Männer, 
denen das Alter allen Werth raubt; Manche stellen sich 
am vortheilhaftesten im Alter dar, als wo sie milder, weil 
erfahrener und gelassener sind: Dies ist oft bei Franzosen 
der Fall. Die Sache muß darauf beruhen, daß der Cha- 
rakterselbst etwas Jugendliches, Männliches, oder Ältliches 
an sich hat, womit das jedesmalige Lebensalter überein- 
stimmt, oder als Korrektiv entgegenwirkt. 
Wie man, auf einem Schiffe befindlich, sein Vorwärts- 
kommen nur am Zurückweichen und demnach Kleiner- 
werden der Gegenstände auf dem Ufer bemerkt; so wird 
man sein Alt- und älter-werden daran inne, daß Leute 
von immer hohem Jahren Einem jung vorkommen. 
Schon oben ist erörtert worden, wie und warum Alles, 
was man sieht, thut und erlebt, je älter man wird, desto 
wenigere Spuren im Geiste zurückläßt. In diesem Sinne 
ließe sich behaupten, daß man allein in der Jugend mit 
vollem Bewußtsein lebte; im Alter nur noch mit halbem. 
Je älter man wird, mit desto wenigerem Bewußtsein lebt 
man: die Dinge eilen vorüber, ohne Eindruck zu machen; 
wie das Kunstwerk, welches man tausend Mal gesehn hat, 
keinen macht: man thut was man zu thun hat, und weiß 
hinterher nicht, ob man es gethan. Indem nun also das 
Leben immer unbewußter wird, je mehr es der gänzlichen 
Bewußtlosigkeit zueilt, so wird eben dadurch der Lauf 
der Zeit auch immer schleuniger. In der Kindheit bringt 
die Neuheit aller Gegenstände und Begebenheiten Jeg- 
liches zum Bewußtsein: daher ist der Tag unabsehbar 
lang. Das Selbe widerfährt uns auf Reisen, wo deshalb 
ein Monat länger erscheint, als vier zu Hause. Diese 
Neuheit der Dinge verhindert jedoch nicht, daß die, in 
beiden Fällen, länger scheinende Zeit uns auch in beiden 
oft wirklich "lang wird", mehr als im Alter, oder mehr 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 211 

als zu Hause. AUmälig aber wird, durch die lange Ge- 
wohnheit derselben Wahrnehmungen, der Intellekt so ab- 
geschliffen, daß immer mehr Alles wirkungslos darüber 
hingleitet; wodurch dann die Tage immer unbedeutender 
und dadurch kürzer werden: die Stunden des Knaben sind 
länger, als die Tage des Alten. Demnach hat die Zeit 
unsers Lebens eine beschleunigte Bewegung, wie die einer 
herabrollenden Kugel; und wie auf einer sich drehenden 
Scheibe jeder Punkt um so schneller läuft, als er weiter 
vom Centro abliegt; so verfließt Jedem, nach Maaßgabe 
seiner Entfernung vom Lebensanfange, die Zeit schneller 
und immer schneller. Man kann demzufolge annehmen, 
daß, in der unmittelbaren Schätzung unsers Gemüthes, 
die Länge eines Jahres im umgekehrten Verhältnisse des 
Quotienten desselben in unser Alter steht: wann z. B. das 
Jahr ^ unsers Alters beträgt, erscheint es uns i o Mal so 
lang, als wann es nur -^^ desselben ausmacht. Diese Ver- 
schiedenheit in der Geschwindigkeit der Zeit -hat auf die 
ganze Art unsers Daseins in jedem Lebensalter den ent- 
schiedensten Einfluß. Zunächst bewirkt sie, daß das Kin- 
desalter, wenn auch nur etwan 1 5 Jahre umfassend, doch 
die längste Zeit des Lebens, und daher die reichste an 
Erinnerungen ist; sodann daß wir durchweg der Langen- 
weile im umgekehrten Verhältniß unsers Alters unter- 
worfen sind: Kinder bedürfen beständig des Zeitvertreibs, 
sei er Spiel oder Arbeit; stockt er, so ergreift sie augen- 
blicklich entsetzliche Langeweile. Auch Jünglinge sind 
ihr noch sehr unterworfen und sehn mit Besorgniß auf 
unausgefüllte Stunden. Im männlichen Alter schwindet 
die Langeweile mehr und mehr: Greisen wird die Zeit 
stets zu kurz und die Tage fliegen pfeilschnell vorüber. 
Versteht sich, daß ich von Menschen, nicht von altge- 
wordenem Vieh rede. Durch diese Beschleunigung des 
Laufes der Zeit, fallt also in spätem Jahren meistens die 
Langeweile weg, und da andrerseits auch die Leiden- 
schaften, mit ihrer Quaal, verstummen; so ist, wenn nur 
die Gesundheit sich erhalten hat, im Ganzen genommen, 
die Last des Lebens wirklich geringer, als in der Jugend: 
daher nennt man den Zeitraum, welcher dem Eintritt der 



2 1 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Schwäche und der Beschwerden des hohem Alters vor- 
hergeht, "die besten Jahre." In Hinsicht auf unser Wohl- 
behagen mögen sie es wirklich sein: hingegen bleibt den 
Jugendjahren, als wo Alles Eindruck macht und Jedes 
lebhaft ins Bewußtsein tritt, der Vorzug, die befruchtende 
Zeit für den Geist, der Bliithen-ansetzende Frühling des- 
selben zu sein. Tiefe Wahrheiten nämlich lassen sich 
nur erschauen, nicht errechnen, d. h. ihre erste Erkennt- 
niß ist eine unmittelbare und wird durch den momen- 
tanen Eindruck hervorgerufen: sie kann folglich nur ein- 
treten, so lange dieser stark, lebhaft und tief ist. Dem- 
nach hängt, in dieser Hinsicht, Alles von der Benutzung 
der Jugendjahre ab. In den späteren können wir mehr 
auf Andere, ja, auf die Welt einwirken: weil wir selbst 
vollendet und abgeschlossen sind und nicht mehr dem 
Eindruck angehören: aber die Welt wirkt weniger auf 
uns. Diese Jahre sind daher die Zeit des Thuns und 
Leistens; jene aber die des ursprünglichen Auffassens und 
Erkennens. 

In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das 
Denken vor: daher ist jene die Zeit für Poesie; dieses 
mehr für Philosophie. Auch praktisch läßt man sich in der 
Jugend durch das Angeschaute und dessen Eindruck, im 
Alter nur durch das Denken bestimmen. Zum Theil beruht 
dies darauf, daß erst im Alter anschauliche Fälle in hin- 
länglicher Anzahl dagewesen und den Begriffen subsumirt 
worden sind, um diesen volle Bedeutung, Gehalt und 
Kredit zu verschaffen und zugleich den Eindruck der An- 
schauung, durch die Gewohnheit, zu mäßigen. Hingegen 
ist in der Jugend, besonders auf lebhafte und phantasie- 
reiche Köpfe, der Eindruck des Anschaulichen, mithin 
auch der Außenseite der Dinge, so überwiegend, daß sie 
die Welt ansehn als ein Bild; daher ihnen hauptsächlich 
angelegen ist, wie sie darauf figuriren und sich ausnehmen, 
— mehr, als wie ihnen innerlich dabei zu Muthe sei. Dies 
zeigt sich schon in der persönlichen Eitelkeit und Putz- 
sucht der Jünglinge. 

Die größte Energie und höchste Spannung der Geistes- 
kräfte findet, ohne Zweifel, in der Jugend Statt, spätestens 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 213 

bis ins 35ste Jahr: von dem an nimmt sie, wiewohl sehr 
langsam, ab. Jedoch sind die späteren Jahre, selbst das 
Alter, nicht ohne geistige Kompensation dafür. Erfah- 
rung und Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich 
geworden: man hat Zeit und Gelegenheit gehabt, die Dinge 
von allen Seiten zu betrachten und zu bedenken, hat jedes 
mit jedem zusammengehalten und ihre Berührungspunkte 
und Verbindungsglieder herausgefunden; wodurch man 
sie allererst jetzt so recht im Zusammenhange versteht. 
Alles hat sich abgeklärt. Deshalb weiß man selbst Das, 
was man schon in der Jugend wußte, jetzt viel gründlicher; 
da man zu jedem Begriffe viel mehr Belege hat. Was man 
in der Jugend zu wissen glaubte. Das weiß man im Alter 
wirklich, überdies weiß man auch wirklich viel mehr und 
hat eine nach allen Seiten durchdachte und dadurch ganz 
eigentlich zusammenhängende Erkenntniß; während in der 
Jugend unser Wissen stets lückenhaft und fragmentarisch 
ist. Nur wer alt wird erhält eine vollständige und ange- 
messene Vorstellung vom Leben, indem er es in seiner 
Ganzheit und seinem natürlichen Verlauf, besonders aber 
nicht bloß, wie die Übrigen, von der Eingangs-, sondern 
auch von der Ausgangsseite übersieht, wodurch er dann 
besonders die Nichtigkeit desselben vollkommen erkennt; 
während die Übrigen stets noch in dem Wahne befangen 
sind, das Rechte werde noch erst kommen. Dagegen ist 
in der Jugend mehr Konception; daher man alsdann aus 
dem Wenigen, was man kennt, mehr zu machen im Stande 
ist: aber im Alter ist mehr Urtheil, Penetration und Gründ- 
lichkeit. Den Stoff seiner selbsteigenen Erkenntnisse, sei- 
ner originalen Grundansichten, also Das, was ein bevor- 
zugter Geist der Welt zu schenken bestimmt ist, sammelt 
er schon in der Jugend ein: aber seines Stoffes Meister 
wird er erst in späten Jahren. Demgemäß wird man 
meistentheils finden, daß die großen Schriftsteller ihre 
Meisterwerke um das fünfzigste Jahr herum gehefert ha- 
ben. Dennoch bleibt die Jugend die Wurzel des Baumes 
der Erkenntniß; wenn gleich erst die Krone die Früchte 
trägt. Wie aber jedes Zeitalter, auch das erbärmlichste, 
sich für viel weiser hält, als das ihm zunächst vorhergegan- 



214 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

gene, nebst früheren; eben so jedes Lebensalter des Men- 
schen: doch irren Beide sich oft. In den Jahren des leib- 
lichen Wachsthums, wo wir auch an Geisteskräften und 
Erkenntnissen täglich zunehmen, gewöhnt sich das Heute 
mit Geringschätzung auf das Gestern herabzusehn. Diese 
Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch dann, wann das 
Sinken der Geisteskräfte eingetreten ist und das Heute 
vielmehr mit Verehrung auf das Gestern blicken sollte; 
daher wir dann sowohl die Leistungen, wie die Urtheile, 
unserer jungen Jahre oft zu gering anschlagen. 
Überhaupt ist hier zu bemerken, daß, ob zwar, wie der 
Charakter, oder das Herz des Menschen, so auch der In- 
tellekt, der Kopf, seinen Grundeigenschaften nach, ange- 
boren ist, dennoch dieser keineswegs so unveränderlich 
bleibt, wie jener, sondern gar manchen Umwandelungen 
unterworfen ist, die sogar, im Ganzen, regelmäßig ein- 
treten; weil sie theils darauf beruhen, daß er eine phy- 
sische Grundlage, theils darauf, daß er einen empirischen 
Stoff hat. So hat seine eigene Kraft ihr allmäliges Wachs- 
thum, bis zur Akme, und dann ihre allmälige Dekadenz, 
bis zur Imbecillität. Dabei nun aber ist andrerseits der 
Stoff, der alle diese Kräfte beschäftigt und in Thätigkeit 
erhält, also der Inhalt des Denkens und Wissens, die Er- 
fahrung, die Kenntnisse, die Übung und dadurch die Voll- 
kommenheit der Einsicht, eine stets wachsende Größe, 
bis etwan zum Eintritt entschiedener Schwäche, die Alles 
fallen läßt. Dies Bestehn des Menschen aus einem schlecht- 
hin Unveränderlichen und einem regelmäßig, auf zwei- 
fache und entgegengesetzte Weise, Veränderlichen erklärt 
die Verschiedenheit seiner Erscheinung und Geltung in 
verschiedenen Lebensaltern. 

Im weitern Sinne kann man auch sagen: die ersten vier- 
zig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden 
dreißig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn 
und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen 
Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt. 
Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen 
das Ende eines Maskenballs, wann die Larven abgenom- 
men werden. Man sieht jetzt, wer Diejenigen, mit denen 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 215 

man, während seines Lebenslaufes, in Berührung gekom- 
men war, eigentHch gewesen sind. Denn die Charaktere 
haben sich an den Tag gelegt, die Thaten haben ihre 
Früchte getragen, die Leistungen ihre gerechte Würdigung 
erhalten und alle Trugbilder sind zerfallen. Zu diesem 
Allen nämlich war Zeit erfordert. — Das Seltsamste aber 
ist, daß man sogar sich selbst, sein eigenes Ziel und Zwecke, 
erst gegen das Ende des Lebens eigentlich erkennt und 
versteht, zumal in seinem Verhältniß zur Welt, zu den 
Andern. Zwar oft, aber nicht immer, wird man dabei sich 
eine niedrigere Stelle anzuweisen haben, als man früher 
vermeint hatte; sondern bisweilen auch eine höhere, wel- 
ches dann daher kommt, daß man von der Niedrigkeit 
der Welt keine ausreichende Vorstellung gehabt hatte 
und demnach sein Ziel höher steckte, als sie. Man erfährt 
beiläufig was an Einem ist. — 

Man pflegt die Jugend die glückliche Zeit des Lebens zu 
nennen, und das Alter die traurige. Das wäre wahr, wenn 
die Leidenschaften glücklich machten. Von diesen wird 
die Jugend hin und her gerissen, mit wenig Freude und 
vieler Pein. Dem kühlen Alter lassen sie Ruhe, und als- 
bald erhält es einen kontemplativen Anstrich: denn die 
Erkenntniß wird frei und erhält die Oberhand. Weil nun 
diese, an sich selbst, schmerzlos ist, so wird das Bewußt- 
sein, je mehr sie darin vorherrscht, desto glücklicher. 
Man braucht nur zu erwägen, daß aller Genuß negativer, 
der Schmerz positiver Natur ist, um zu begreifen, daß die 
Leidenschaften nicht beglücken können und daß das Al- 
ter deshalb, daß manche Genüsse ihm versagt sind, nicht 
zu beklagen ist. Denn jeder Genuß ist immer nur die 
Stillung eines Bedürfnisses: daß nun mit diesem auch 
jener wegfällt, ist so wenig beklagenswerth, wie daß Einer 
nach Tische nicht mehr essen kann und nach ausgeschla- 
fener Nacht wach bleiben muß. Viel richtiger schätzt 
Plato (im Eingang zur Republik) das Greisenalter glück- 
lich, sofern es den bis dahin uns unablässig beunruhigen- 
den Geschlechtstrieb endlich los ist. Sogar ließe sich 
behaupten, daß die mannigfaltigen und endlosen Grillen, 
welche der Geschlechtstrieb erzeugt, und die aus ihnen 



2 1 6 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

entstehenden Affekte, einen beständigen, gelinden Wahn- 
sinn im Menschen unterhalten, so lange er unter dem 
Einfluß jenes Triebes oder jenes Teufels, von dem er stets 
besessen ist, steht; so daß er erst nach Erlöschen des- 
selben ganz vernünftig würde. Gewiß aber ist, daß, im 
Allgemeinen und abgesehn von allen individuellen Um- 
ständen und Zuständen, der Jugend eine gewisse Melan- 
cholie und Traurigkeit, dem Alter eine gewisse Heiterkeit 
eigen ist: und der Grund hievon ist kein anderer, als daß 
die Jugend noch unter der Herrschaft, ja dem Frohndienst 
jenes Dämons steht, der ihr nicht leicht eine freie Stunde 
gönnt und zugleich der unmittelbare oder mittelbare Ur- 
heber fast alles und jedes Unheils ist, das den Menschen 
trifft oder bedroht: das Alter aber hat die Heiterkeit 
Dessen, der eine lange getragene Fessel los ist und sich 
nun frei bewegt. — Andrerseits jedoch ließe sich sagen, 
daß nach erloschenem Geschlechtstrieb der eigentliche 
Kern des Lebens verzehrt und nur noch die Schaale des- 
selben vorhanden sei, ja, daß es einer Komödie gliche, 
die von Menschen angefangen, nachher von Automaten, 
in deren Kleidern, zu Ende gespielt werde. 
Wie dem auch sei, die Jugend ist die Zeit der Unruhe; 
das Alter die der Ruhe: schon hieraus ließe sich auf ihr 
beiderseitiges Wohlbehagen schließen. Das Kind streckt 
seine Hände begehrlich aus, ins Weite, nach Allem, was 
es da so bunt und vielgestaltet vor sich sieht: denn es 
wird dadurch gereizt; weil sein Sensorium noch so frisch 
und jung ist. Das Selbe tritt, mit größerer Energie, beim 
Jüngling ein. Auch er wird gereizt von der bunten Welt 
und ihren vielfältigen Gestalten: sofort macht seine Phan- 
tasie mehr daraus, als die Welt je verleihen kann. Da- 
her ist er voll Begehrlichkeit und Sehnsucht ins Unbe- 
stimmte: diese nehmen ihm die Ruhe, ohne welche kein 
Glück ist. Im Alter hingegen hat sich das Alles gelegt; 
theils weil das Blut kühler und die Reizbarkeit des Sen- 
soriums minder geworden ist; theils weil Erfahrung über 
den Werth der Dinge und den Gehalt der Genüsse auf- 
geklärt hat, wodurch man die Illusionen, Chimären und 
Vorurtheile, welche früher die freie und reine Ansicht 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 217 

der Dinge verdeckten und entstellten, allmälig losge- 
worden ist; so daß man jetzt Alles richtiger und klärer 
erkennt und es nimmt für Das, was es ist, auch, mehr 
oder weniger, zur Einsicht in die Nichtigkeit aller irdi- 
schen Dinge gekommen ist. Dies eben ist es, was fast 
jedem Alten, selbst dem von sehr gewöhnlichen Fähig- 
keiten, einen gewissen Anstrich von Weisheit giebt, der 
ihn vor den Jüngern auszeichnet. Hauptsächlich aber 
ist durch dies Alles Geistes-Ruhe herbeigeführt worden: 
diese aber ist ein großer Bestandtheil des Glücks; eigent- 
lich sogar die Bedingung und das Wesentliche desselben. 
Während demnach der Jüngling meint, daß Wunder was 
in der Welt zu holen sei, wenn er nur erfahren könnte, 
wo; ist der Alte vom Kohelethischen "es ist Alles eitel" 
durchdrungen und weiß, daß alle Nüsse hohl sind, wie 
sehr sie auch vergoldet sein mögen. 
Erst im spätem Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich 
das horazische nil admirari, d. h. die unmittelbare, auf- 
richtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller 
Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: 
die Chimären sind verschwunden. Er wähnt nicht mehr, 
daß irgendwo, sei es im Palast oder der Hütte, eine be- 
sondere Glückseligkeit wohne, eine größere, als im We- 
sentlichen auch er überall genießt, wenn er von leiblichen 
oder geistigen Schmerzen eben frei ist. Das Große und 
das Kleine, das Vornehme und Geringe, nach dem Maaß- 
stab der Welt, sind für nicht mehr unterschieden. Dies 
giebt dem Alten eine besondere Gemüthsruhe, in welcher 
er lächelnd auf die Gaukeleien der Welt herabsieht. Er 
ist vollkommen enttäuscht und weiß, daß das mensch- 
liche Leben, was man auch thun mag es herauszuputzen 
und zu behängen, doch bald durch allen solchen Jahr- 
marktsflitter, in seiner Dürftigkeit durchscheint und, wie 
man es auch färbe und schmücke, doch überall im We- 
sentlichen das selbe ist, ein Dasein, dessen wahrer Werth 
jedesmal nur nach der Abwesenheit der Schmerzen, nicht 
nach der Anwesenheit der Genüsse, noch weniger des 
Prunkes, zu schätzen ist. (Hör. epist. L. I, 12, v. i — 4.) 
Der Grundcharakterzug des höhern Alters ist das Ent- 



2 1 8 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

täuschtsein: die Illusionen sind verschwunden, welche bis 
dahin dem Leben seinen Reiz und der Thätigkeit ihren 
Sporn verliehen; man hat das Nichtige und Leere aller 
Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und 
Hoheitsscheins erkannt; man hat erfahren, daß hinter den 
meisten gewünschten Dingen und ersehnten Genüssen gar 
wenig steckt, und ist so allmälig zu der Einsicht in die 
große Armuth und Leere unsers ganzen Daseins gelangt. 
Erst im 70. Jahre versteht man ganz den ersten Vers des 
Koheleth. Dies ist es aber auch, was dem Alter einen 
gewissen grämlichen Anstrich giebt. — 
Gewöhnlich meint man, das Loos des Alters sei Krank- 
heit und Langeweile. Erstere ist dem Alter gar nicht 
wesentlich, zumal nicht, wenn dasselbe hoch gebracht 
werden soll: denn crescente vita, crescit sanitas et mor- 
bus. Und was die Langeweile betrifift, so habe ich oben 
gezeigt, warum das Alter ihr sogar weniger, als die Ju- 
gend, ausgesetzt ist: auch ist dieselbe durchaus keine 
nothwendige Begleiterin der Einsamkeit, welcher, aus 
leicht abzusehenden Ursachen, das Alter uns allerdings 
entgegenführt; sondern sie ist es nur für Diejenigen, wel- 
che keine anderen, als sinnliche und gesellschaftliche Ge- 
nüsse gekannt, ihren Geist unbereichert und ihre Kräfte 
unentwickelt gelassen haben. Zwar nehmen, im höheren 
Alter, auch die Geisteskräfte ab: aber wo viel war, wird 
zur Bekämpfung der Langenweile immer noch genug übrig 
bleiben. Sodann nimmt, wie oben gezeigt worden, durch 
Erfahrung, Kenntniß, Übung und Nachdenken, die rich- 
tige Einsicht immer noch zu, das Urtheil schärft sich und 
der Zusammenhang wird klar; man gewinnt, in allen Din- 
gen, mehr und mehr eine zusammenfassende Übersicht 
des Ganzen: so hat dann, durch immer neue Kombina- 
tionen der aufgehäuften Erkenntnisse und gelegentliche 
Bereicherung derselben, die eigene innerste Selbstbil- 
dung, in allen Stücken, noch immer ihren Fortgang, be- 
schäftigt, befriedigt und belohnt den Geist. Durch dieses 
Alles wird die erwähnte Abnahme in gewissem Grade 
kompensirt. Zudem läuft, wie gesagt, im Alter die Zeit 
viel schneller; was der Langenweile entgegenwirkt. Die 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 219 

Abnahme der Körperkräfte schadet wenig, wenn man 
ihrer nicht zum Erwerbe bedarf. Armuth im Alter ist ein 
großes Unglück. Ist diese gebannt und die Gesundheit 
geblieben; so kann das Alter ein sehr erträglicher Theil 
des Lebens sein. Bequemlichkeit und Sicherheit sind 
seine Hauptbedürfnisse: daher liebt man im Alter, noch 
mehr als früher, das Geld; weil es den Ersatz für die 
fehlenden Kräfte giebt. Von der Venus entlassen, wird 
man gern eine Aufheiterung beim Bakchus suchen. An 
die Stelle des Bedürfnisses zu sehn, zu reisen und zu 
lernen ist das Bedürfnis zu lehren und zu sprechen ge- 
treten. Ein Glück aber ist es, wenn dem Greise noch die 
Liebe zu seinem Studium, auch zur Musik, zum Schau- 
spiele und überhaupt eine gewisse Empfänglichkeit für 
das Äußere geblieben ist; wie diese allerdings bei Einigen 
bis ins späteste Alter fortdauert. Was Einer "an sich 
selbst hat," kommt ihm nie mehr zu Gute, als im Alter. 
Die Meisten freilich, als welche stets stumpf waren, wer- 
den im höhern Alter mehr und mehr zu Automaten: sie 
denken, sagen und thun immer das Selbe, und kein äu- 
ßerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern, oder 
etwas Neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Grei- 
sen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: der Ein- 
druck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein Greisenthum 
dieser Art ist denn freilich nur das caput mortuum des 
Lebens. — Den Eintritt der zweiten Kindheit im hohen 
Alter scheint die Natur durch das, in seltenen Fällen, 
alsdann sich einstellende dritte Zahnen symbolisiren zu 
wollen. 

Das Schwinden aller Kräfte im zunehmenden Alter, und 
immer mehr und mehr, ist allerdings sehr traurig: doch 
ist es nothwendig, ja wohlthätig: weil sonst der Tod zu 
schwer werden würde, dem es vorarbeitet. Daher ist der 
größte Gewinn, den das Erreichen eines sehr hohen Alters 
bringt, die Euthanasie, das überaus leichte, durch keine 
Krankheit eingeleitete, von keiner Zuckung begleitete 
und gar nicht gefühlte Sterben; von welchem man im 
zweiten Bande meines Hauptwerkes, Kap. 41, S. 470 
(Inselausg. 1248), eine Schilderung findet.— 



2 2 o APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

Im Upanischad des Veda (Vol. n, p. 53) wird die natür- 
liehe Lebensdauer auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube, 
mit Recht; weil ich bemerkt habe, daß nur Die, welche 
das 9 oste Jahr überschritten haben, ^tx Euthanasie \h€CL- 
haft werden, d. h. ohne alle Krankheit, auch ohne Apo- 
plexie, ohne Zuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne 
zu erblassen, meistens sitzend, und zwar nach dem Essen, 
sterben, oder vielmehr gar nicht sterben, sondern nur zu 
leben aufhören. In jedem früheren Alter stirbt man bloß 
an Krankheiten, also vorzeitig. — f ) 
Das menschliche Leben ist eigentlich weder lang, noch 
kurz zu nennenff ); weil es im Grunde das Maaß ist, wo- 
nach wir alle anderen Zeitlängen abschätzen. — 
Der Grundunterschied zwischen Jugend und Alter bleibt 
immer, daß jene das Leben im Prospekt hat, dieses den 
Tod; daß also jene eine kurze Vergangenheit' und lange 
Zukunft besitzt; dieses umgekehrt. Allerdings hat man, 
wann man alt ist, nur noch den Tod vor sich; aber wann 
man jung ist, hat man das Leben vor sich; und es fragt 
sich, welches von Beiden bedenklicher sei, und ob nicht, 
im Ganzen genommen, das Leben eine Sache sei, die es 
besser ist hinter sich, als vor sich zu haben: sagt doch 
schon Koheleth (7, 2): ''der Tag des Todes ist besser 

f) [Variante:] ImA.T.wird (Psalm 90, 10) die menschliche Lebens- 
dauer auf 70 und, wenn es hoch kommt, 80 Jahre gesetzt, und, was 
mehr auf sich hat, Herodot (I, 32 und III, 22) sagt das Selbe. Es 
ist aber doch falsch und ist bloß das Resultat einer rohen und 
oberflächlichen Auffassung der täglichen Erfahrung. Denn, wenn 
die natürliche Lebensdauer 70 — 80 Jahre wäre; so müßten die 
Leute zwischen 70 und 80 Jahren vor Alter sterben: Dies aber ist 
gar nicht der Fall: sie sterben, wie die jüngeren, an Krankheiten; 
die Krankheit aber ist wesentlich eine Abnormität: also ist dies 
nicht das natürliche Ende. Erst zwischen 90 und 100 Jahren sterben 
die Menschen, dann aber in der Regel, vor Alter, ohne Krankheit, 
ohne Todeskampf, ohne Röcheln, ohne Zuckung, bisweilen ohne 
zu erblassen; welches die Euthanasie heißt. Daher hat auch hier 
der Upanischad Recht, als welcher die natürliche Lebensdauer auf 
100 Jahre setzt. 

ff) Denn, wenn man auch noch so lange lebt, hat man doch nie 
mehr inne, als die untheilbare Gegenwart: die Erinnerung aber 
verliert täglich mehr durch die Vergessenheit, als sie durch den 
Zuwachs gewinnt. 



VOM UNTERSCHIEDE DER LEBENSALTER 221 

denn der Tag der Geburt." Ein sehr langes Leben zu 
begehren, ist jedenfalls ein verwegener Wunsch. Denn 
quien larga vida vive mucho mal vive sagt das spanische 
Sprichwort. — 

Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebens- 
lauf der Einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl 
aber der Lebenslauf des Menschen überhaupt, sofern je- 
dem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach, 
entspricht und sein Leben demnach successive von allen 
Planeten beherrscht wird. — Im zehnten Lebensjahre re- 
giert Merkur. Wie dieser bewegt der Mensch sich schnell 
und leicht, im engsten Kreise: er ist durch Kleinigkeiten 
umzustimmen; aber er lernt viel und leicht, unter der 
Herrschaft des Gottes der Schlauheit und Beredsamkeit. 
— Mit dem zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der 
Venus ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze. 
Im dreißigsten Lebensjahre herrscht Mars: der Mensch 
ist jetzt heftig, stark, kühn, kriegerisch und trotzig. — Im 
vierzigsten regieren die 4 Planetoiden: sein Leben geht 
demnach in die Breite: er ist frugi, d. h. fröhnt dem 
Nützlichen, kraft der Ceres: er hat seinen eigenen Heerd, 
kraft der Vesta: er hat gelernt was er zu wissen braucht, 
kraft der Pallas: und dX^/uno regiert die Herrin des Hau- 
ses, seine Gattin*). — Im fünfzigsten Jahre aber herrscht 
Jupiter, Schon hat der Mensch die Meisten überlebt, und 
dem jetzigen Geschlechte fühlt er sich überlegen. Noch 
im vollen Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung 
und Kenntniß: er hat (nach Maaßgabe seiner Individua- 
lität und Lage) Auktorität über Alle, die ihn umgeben. 
Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern 
selbst befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in seiner 
Sphäre, ist er jetzt am geeignetesten. So kulminirt Jupiter 
und mit ihm der Fünfzigjährige. — -Dann aber folgt, im 
sechzigsten Jahre, Saturn und mit ihm die Schwere, Lang- 
samkeit und Zähigkeit des Bleies: 

♦) Die circa 60 seitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden sind 
eine Neuerung, von der ich nichts wissen will. Ich mache es da- 
her mit ihnen, wie mit mir die Philosophieprofessoren: ich ignorire 
sie; weil sie nicht in meinen Kram passen. 



2 2 2 APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

But old folks, many feign as they were dead; 
Unwieldy, slow, heavy and pale as lead.*) 

Rom. et Jul. A. 2. sc. 5. 

Zuletzt kommt Uranus: da geht man, wie es heißt, in den 
Himmel. Den Neptun (so hat ihn leider die Gedanken- 
losigkeit getauft) kann ich hier nicht in Rechnung ziehn; 
weil ich ihn nicht bei seinem wahren Namen nennen darf, 
der Ei'os ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das 
Ende der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem 
Tode in einem geheimen Zusammenhange steht, vermöge 
dessen der Orkus, oder Amenthes der Ägypter (nach 
Plutarch de Iside et Os. c. 29), der Xajißavoiv xai 8i8ou?, 
also nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende 
und der Tod das große rdservoir des Lebens ist. Daher 
also, daher, aus dem Orkus, kommt Alles, und dort ist 
schon Jedes gewesen, das jetzt Leben hat: — wären wir 
nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, ver- 
möge dessen Das geschieht; dann wäre Alles klar. 

*) Viel' Alte scheinen schon den Todten gleich: 
Wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich. 



ERLÄUTERUNGEN 

S, 13, Titelblatt: Das Glück ist ein schwierig Ding. In uns 
finden wir es nur sehr schwer und gar nicht außer uns. 
S. 15, Zeile 21. Das Kapitel 49 beginnt: ''Es giebt 
nur einen angeborenen Irrthum, und es ist der, daß 
wir dasind, um glücklich zu sein. Angeboren ist er 
uns, weil er mit unserm Dasein selbst zusammenfällt, 
und unser ganzes Wesen eben nur seine Paraphrase, ja 
unser Leib sein Monogramm ist: sind wir doch eben nur 
Wille zum Leben; die successive Befriedigung alles un- 
sers Wollens aber ist was man durch den Begriff des 
Glückes denkt. 

So lange wir in diesem angeborenen Irrthum verharren, 
auch wohl gar noch durch optimistische Dogmen in ihm 
bestärkt werden, erscheint uns die Welt voll Widersprüche. 
Denn bei jedem Schritt, im Großen wie im Kleinen, 
müssen wir erfahren, daß die Welt und das Leben durch- 
aus nicht darauf eingerichtet sind, ein glückliches Dasein 
zu enthalten." 

— , Zeile 3 V. u. Hieronymus Cardanus, ein Arzt aus Mai- 
land, war einer der ersten Begründer der neuen Natur- 
philosophie in Italien. 

S. 16, Zeile i. Aristoteles hat in seine Rhetorik eine 
Einteilung der Güter eingeflochten, die mit der weiterhin 
gegebenen in seiner Ethik völlig übereinstimmt. 
— , Zeile 1 2 . Bei unserm Ausgang aus der Welt werden 
wir sie ebenso dumm und erbärmlich zurücklassen, wie 
wir sie bei unserm Eintritt vorfanden. 
— , Zeile 16. Die Güter sind mm in drei Arten eingeteilt 
worden, nämlich in die äußeren, in die der Seele, und die 
des Leibes; davon gelten die der Seele für die vornehm- 
sten und besten. 

S. 17, Zeile 8. Es liegen viel tiefere Wurzeln unseres 
Glückes in uns, als in den Dingen. 

S. 21, Zeile 4. Gemmen, Marmor, Elfenbein, Thyrrhener- 
siegel, Gemälde, Silber, purpurgefärbte Gewänder haben 
so viele Menschen nicht, brauchen gar viele niemals. 
— , Zeile 12 V. u. Nach göttlichem Recht. , 
S. 23, Zeile 7 v. u. Jeder erfreut sich an seinesgleichen. 



2 2 4 ERLÄUTERUNGEN 

S. 24, Zeile 12 v. u. Hältst du etwas in Händen, so wirst 
du für etwas gehalten werden. 

S. 25, Zeile 14 v. u. Denn die Naturanlagen sind sicher, 
die Schätze nicht. 

— , Zeile 5 V. u. Ein gesunder Geist in gesundem Kör- 
per. 

S. 27, Zeile 12. Das Leben besteht in der Bewegung. 
— , Zeile 5 V. u. Alle Bewegung ist um so wirksamere 
Bewegimg, je schneller sie ist. 

S. 28, Zeile 6. Nicht die Dinge, sondern die Meinungen , 
über die Dinge erregen die Menschen. i 

— , Zeile I V. u. Alle, die Ausgezeichnetes leisten, sei es : 
in der Philosophie, der Politik, der Dichtkunst, den bil- 
denden Künsten, scheinen Melancholiker zu sein. 
S. 29, Zeile 5. Aristoteles sagt, alle Genies seien me- i 
lancholisch. ^ i 

— , Zeile 17. Die griechischen Worte Dyskolos und Eu- 
kolos lassen sich ins Deutsche nicht übersetzen. Erklärt | 
sind sie ja von Schopenhauer deutlich genug. Zur Grund- I 
läge einer umfassenden Charakterlehre hat sie ein Schüler 
Schopenhauers, Bahnsen, in seinen ''Beiträgen zur Cha- 
rakterologie" (Leipzig 1867) gemacht, besonders Bandl, i 

s. 45—50- I 

S. 31, Zeile 11. Unverwerflich ja sind der Unsterb- i 

liehen ehrende Gaben, | 

Welche sie selber verleihen und nach \ 
Willkür keiner empfange. 
S. 33, Zeile 12 v. u. Alle Dummheit leidet am Ekel vor 
sich selbst. 

S. 34, Zeile 13. Die langweilige Muße der Toren. 1 

S. 36, Zeile 8. Immer nur da, wo wir uns selbst über-J 
lassen sind, schaffen oder finden wir imser eignes' 
Glück. ! 

S. 37, Zeile 8. Descartes ist der glücklichste aller Men- I 
sehen, und seine Lebensweise erscheint mir beneidens- ' 
wert. 

S. 38, Zeile 7. Das Glück sei das Ausgeben von Energie 
nach dem Maße der Anlagen, in Handlungen, die Erfolg 
haben können. 



ERLÄUTERUNGEN 225 

S. 38, Zeile 17 v. u. Oft geht jener heraus aus den Pforten 

geräumiger Wohnung, 
Wenn verleidet ihm ist, zu Hause zu bleiben; doch 

gleich drauf 
Kehrt er zurück, denn er fühlt, es sei da draußen 

nicht besser; 
Jagt im gestreckten Galopp mit dem Rößlein fort 

auf das Landgut, 
Gleich, als hätt' er sein Haus aus der Flammenglut 

noch zu retten; 
Doch gleich gähnet er wieder, kaum hat er die 

Schwelle betreten. 
Sinkt in den schwersten Schlaf und sucht darin zu 

vergessen, 
Oder er eilt zurück nach der Stadt, sich dort zu 

vergnügen. 
S. 40, Zeile 5 v. u. Aller Geist, der in der Welt ist, ist 
dem nichts nutz, der keinen hat. 
S. 41, Zeile 11. Der leicht lebenden Götter. 
S. 42, Zeile 14. Es gibt kein wahres Vergnügen ohne 
das wahre Bedürfnis danach. 

S. 43, Zeile 11. Muße ohne geistige Ausfüllung ist Tod 
und lebender Menschen Grab. 

S. 45, Zeile 15. Reichtum des Geistes allein verdient 

als Reichtum zu gelten, 
Alles anderen Guts Schaden ist wahrlich zu groß. 
— , Zeile 8 v. u. Aristoteles sagt, die Glückseligkeit des 
Menschen scheine in seiner Muße zu liegen, und Diogenes 
Laertius berichtet, Sokrates habe die Muße als den schön- 
sten Besitz gepriesen. 

S. 46, Zeile 1 9. Die Ruhe der Muße ist schwer zu ertragen. 
S. 47, Zeile 21. Am ersprießlichsten ist, um glücklich 
zu sein, der besonnene Sinn. (Antigone 1305— 1306, 
nicht 1328). 

, Zeile 1 7 V. u. Gar nichts zu denken, ist des Lebens 
angenehmste Art. 

S. 48, Zeile 4. Der amusische Mann, d. h. der, dem die 
Musen fremd sind, und der daher mit seiner Muße nichts 
anzufangen weiß. 



2 2 6 ERLÄUTERUNGEN 

S. 50, Zeile 7. Bd. III, 668: "Das Vorwalten der einen 
oder der andern jener beiden Erkenntnißweisen zeigt sich 
nicht bloß in den einzelnen Handlungen, sondern in der 
ganzen Art des Bewußtseins und der Stimmung, welche 
daher beim guten Charakter eine von der des schlechten so 
wesentlich verschiedene ist. Dieser empfindet überall eine 
starke Scheidewand zwischen sich und allem Außer ihm. 
Die Welt ist ihm ein absolutes Nicht-Ich und sein Verhält- 
niß zu ihr ein ursprünglich feindliches: dadurch wird der 
Grundton seiner Stimmung Gehässigkeit, Argwohn, Neid, 
Schadenfreude. — Der gute Charakter hingegen lebt in einer 
seinem Wesen homogenen Außenwelt: die Andern sind 
ihm kein Nicht-Ich, sondern '^Ich noch ein Mal". Daher 
ist sein ursprüngliches Verhältniß zu Jedem ein befreun- 
detes: er fühlt sich allen Wesen im Innern verwandt, nimmt 
unmittelbar Theil an ihrem Wohl und Wehe, und setzt mit 
Zuversicht die selbe Theilnahme bei ihnen voraus. Hier- 
aus erwächst der tiefe Friede seines Innern und jene ge- 
troste, beruhigte, zufriedene Stimmung, vermöge welcher in 
seiner Nähe Jedem wohl wird.— Der böse Charakter ver- 
traut in der Noth nicht auf den Beistand Anderer: ruft er 
ihn an, so geschieht es ohne Zuversicht: erlangt er ihn, so 
empfängt er ihn ohne wahre Dankbarkeit: weil er ihn 
kaum anders denn als Wirkung der Thorheit Anderer be- 
greifen kann. Denn sein eigenes im fremden Wesen wieder 
zu erkennen, ist er selbst dann noch unfähig, nachdem es 
von dort aus sich durch unzweideutige Zeichen kund ge- 
geben hat. Hierauf beruht eigentlich das Empörende alles 
Undanks. Diese moralische Isolation, in der er sich we- 
sentlich und unausweichbar befindet, läßt ihn auch leicht 
in Verzweiflung gerathen.— Der gute Charakter wird mit 
eben so vieler Zuversicht den Beistand Anderer anrufen, 
als er sich der Bereitwilligkeit bewußt ist, ihnen den sei- 
nigen zu leisten. Denn, wie gesagt, dem Einen ist die 
Menschenwelt Nicht -Ich, dem Andern "Ich noch ein 
Mal".— Der Großmüthige, welcher dem Feinde verzeiht 
und das Böse mit Gutem erwidert, ist erhaben und erhält 
das höchste Lob; weil er sein selbsteigenes Wesen auch 
da noch erkannte, wo es sich entschieden verleugnete." 



ERLÄUTERUNGEN 227 

S. 50, Zeile 15. Ernährung und Kleidung. 
S. 51, Zeile 6 v. u. Nichts ist doch so eitel und unbe- 
ständig auf Erden, 
Als der Mensch, von allem was Leben haucht und 

sich reget. 
Niemals denket er ja, daß Böses ihm droh in der 

Zukunft, 
Während Heil ihm die Götter verleihn, und die 

Kniee noch streben. 
Doch wann Trauriges nun die seligen Götter ge- 
fertigt. 
Unmutsvoll dann trägt er sein Los, anringenden 

Geistes. 
Denn so ändert der Sinn der sterblichen Erde- 

bewohner, 
So wie die Tag' herführt der waltende Vater vom 
Himmel. 
S. 54, Zeile 4 v. u. Eine reiche Frau, die das Umgehen 
mit Geld gewöhnt ist, verwendet es auf kluge Weise; aber 
eine Frau, die nach ihrer Heirat zum ersten Mal die Herr- 
schaft über Geld bekommt, hat solche Lust am Ausgeben, 
daß sie es mit großer Verschwendung wegwirft. 
S. 57, Zeile 16. Unser Leben ist wie zwei Tage. Es 
lohnt nicht, sie damit zuzubringen, daß man vor verächt- 
lichen Spitzbuben kriecht. 

— , Zeile 2 2 . Nicht leicht heben sich empor, deren Fähig- 
keiten häuslicher Mangel im Wege steht. 
S. 58, Zeile 12 v. u. So leicht, so klein ist, was den, der 

Lobes ist gierig. 
Niederdrückt imd erhebt. 
S. 60, Zeile i v. u. All dein Wissen hilft nichts, wissen 
andre nichts von deinem Wissen. 

S. 64, Zeile 8. Auch bei den Weisen hört das Verlangen 
nach Ruhm zuletzt auf. 
— , Zeile 2 V. u. Das Schöne ist schwer. 
S. 66, Zeile 8. Ein Schwein stellt sich der Minerva gegen- 
über. 

— , Zeile II. Maße dir den Stolz an, zu dem du durch 
deine Verdienste berechtigt bist. 



2 38 ERLÄUTERUNGEN 

S. 66, Zeile 12 v. u. Mit Händen und Füßen. 
S. 68, Zeile 9 v. u. So viel ein Mann kann und muß. 
S. 70, Zeile 8. Die Schmähung ist, kurz gesagt, Ver- 
leumdung. 

S. 7 1, Zeile 4. Sie gehört zu den Dingen, die in uns selbst 
ruhen. 

S. 72, Zeile 3. Diogenes und Chrysippus sagen, der gute 
Ruf hat einen gewissen Nutzen für uns, sonst aber lohnte 
es nicht, für ihn auch nur den Finger zu rühren. Ich 
stimme ihnen vollkommen bei. 

— , Zeile 9. Wir lieben die Ehre nicht um der Ehre, son- 
dern einzig um der Vorteile willen, die sie verschaflft. 
S. 77, Zeile 5. Ein Tadel von geringem Gewicht. 
S. 79, Zeile 11. Je mehr einer verachtet und verspottet 
wird, um so mehr läßt er seiner Zunge freien Lauf. 
S. 82, Zeile 7. Wozu viele Worte.^ 
S. 85, Zeile 11. Wenn jemand sich erlauben würde, zu 
sagen, daß Demosthenes ein Ehrenmann war, würde man 
mitleidig lächeln. — Cicero war ebensowenig ein Ehren- 
mann. 

S. 86, Zeile 18. Das Buch über die Beständigkeit des 
Weisen; darin Kap. 14: ''Aber was wird der Weise tun, 
wenn er geschlagen wird? Das, was Cato tat, als ihm einer 
eine Ohrfeige versetzte. Er wurde nicht wütend, er rächte 
auch die Schmach nicht: statt sie zu erwidern, leugnete 
er einfach, daß sie ihm angetan sei." 
S. 88, Zeile 9 v. u. Um Kleinigkeiten schert sich das 
Gesetz nicht. 

S. 89, Zeile 23. Das ist die Erbschaft von Adam. 
S. 91, Zeile 17. Jede Beschimpfung trägt einen Stachel 
in sich, den gerade kluge und tüchtige Männer am schwer- 
sten ertragen können. 

S. 94, Zeile 5 v. u. Zwanzig oder dreißig Stockschläge 
hinten drauf ist, so zu sagen, das tägliche Brot der Chine- 
sen. Es ist eine väterliche Züchtigung des Mandarin, die 
nichts Entehrendes hat und die sie mit Ausdrücken des 
Dankes entgegennehmen. 

S. 99, Zeile 5. Dem Wollenden geschieht kein Unrecht. 
— , Zeile 23. Ein edles Brüderpaar! 



ERLÄUTERUNGEN 229 

S. 99, Zeile 24. Streit und Liebe. 

S. 104, Zeile 3. Wenn auch allen deinen Mitlebenden der 
Neid die Lippen zudrückt, so werden doch welche kom- 
men, die ohne Liebe und Haß dir gerecht werden. 
S. 110, Zeile 7. Alles Vergnügen des Geistes, alle reine 
Freude beruht darauf, daß er, wenn er sich mit andern 
vergleicht, Gelegenheit habe, über sich selbst recht hoch 
zu denken. 

— , Zeile 14. Ruhm (diese letzte Schwäche edler Geister) 
ist der Stachel, der die reine Seele die Freude verachten 
und mühevolle Tage leben läßt. 

— , Zeile 18. Wie schwer sind die Höhen zu erklimmen, 
von denen herab der Ruhmestempel fernhin leuchtet. 
S. III, Zeile 12. Es gehört zu jenen Dingen, die in uns- 
rer Gewalt sind, jenes zu denen, die nicht in unsrer Ge- 
walt sind. 

S. 115, Zeile 9 v. u. Himmel und Klima, nicht ihren 
Sinn, ändern die Menschen, flüchteten sie auch übers 
Meer. 

S. 117, Zeile 16. Bd.I, § 58 beginnt: ''Alle Befriedigung, 
oder was man gemeinhin Glück nennt, ist eigentlich und 
wesentlich immer nur negativ und durchaus nie positiv. 
Es ist nicht eine ursprünglich und von selbst auf uns kom- 
mende Beglückung; sondern muß immer die Befriedigung 
eines Wunsches sein. Denn Wunsch, d. h. Mangel, ist 
die vorhergehende Bedingung jedes Genusses. Mit der 
Befriedigung hört aber der Wunsch und folglich der Ge- 
nuß auf. Daher kann die Befriedigung oder Beglückung 
nie mehr sein, als die Befreiung von einem Schmerz, 
von einer Noth: denn dahin gehört nicht nur jedes wirk- 
liche, offenbare Leiden; sondern auch jeder Wunsch, des- 
sen Importunität unsere Ruhe stört, ja sogar auch die er- 
tödtende Langeweile, die uns das Dasein zur Last macht. 
— Nun aber ist so schwer, irgend etwas zu erreichen und 
durchzusetzen: jedem Vorhaben stehen Schwierigkeiten 
und Bemühungen ohne Ende entgegen, und bei jedem 
Schritt häufen sich die Hindernisse. Wann aber endlich 
Alles überwunden und erlangt ist; so kann doch nie etwas 
Anderes gewonnen sein, als daß man von irgend einem 



230 ERLÄUTERUNGEN 

Leiden, oder einem Wunsche, befreit ist, folglich nur sich 
so befindet, wie vor dessen Eintritt. — Unmittelbar gegeben 
ist uns immer nur der Mangel, d. h. der Schmerz. Die 
Befriedigung aber und den Genuß können wir nur mittel- 
bar erkennen, durch Erinnerung an das vorhergegangene 
Leiden und Entbehren, welches bei seinem Eintritt aufhörte. 
Daher kommt es, daß wir der Güter und Vortheile, die wir 
wirklich besitzen, gar nicht recht inne werden, noch sie 
schätzen, sondern nicht anders meinen, als eben es müsse 
so sein: denn sie beglücken immer nur negativ, Leiden ab- 
haltend. Erst nachdem wir sie verloren haben, wird uns 
ihr Werth fühlbar: denn der Mangel, das Entbehren, das 
Leiden ist das Positive, sich unmittelbar Ankündigende. 
Daher auch freut uns die Erinnerung überstandener Noth, 
Krankheit, Mangel u. dgl., weil solche das einzige Mittel 
die gegenwärtigen Güter zu genießen ist." 
S. II 8, Zeile 6. Das Glück ist nur ein Traum, doch der 
Schmerz wirklich. 

S. I20, Zeile i8 v. u. Das Bessere ist der Feind des 
Guten. 

S. 1 2 1 , Zeile 4 v. u. Wer den goldnen Mittelweg liebt, der 
meidet, um sicher zu sein, das schmutzigzerfallene Haus 
genau so wie den Palast, den neiderweckenden. — Häufiger 
peitschen die Winde die riesigen Tannen, die hohen Türme 
stürzen in wuchtigerm Fall, und gerade die höchsten Berge 
treffen die Blitze. 

S. 122, Zeile 12. Keins von den menschlichen Dingen ist 
großer Mühe wert. 

S. 123, Zeile 12 v. u. Die Gesellschaft, die Klubs, die 
Salons, kurz alles das, was man die große Welt nennt, 
ist ein elendes Stück, eine schlechte, uninteressante Oper, 
die sich durch ihre Maschinerien, Kostüme, Dekorationen 
notdürftig erhält. 

S. 125, Zeile 17. Was ermüdest du deinen ach so schwa- 
chen Geist mit Plänen für die Ewigkeit? 
S. 126, Zeile 18. Ein ander Vergnügen, als das zu lernen, 
laß ich nicht gelten. 
S 127, Zeile i. Erkenne dich selbst. 
S. 128, Zeile 18. Für den Moment. 



ERLÄUTERUNGEN 2 3 1 

S. 129, Zeile 4. Aber das wolln als geschehn betrübten 

Herzens wir lassen, 
Mit Gewalt dann bezähmen das liebe Herz in 
der Brust uns. 
— , Zeile 7. Das liegt nun im Schöße der Götter. 
— , Zeile 8. Glaube, daß deine Tage ebensoviele Leben 
sind. 

S. 131, Zeile 1 1 . Schwer bewahrt man in der Muße ruhi- 
ges Betragen. 

S. 133, Zeile 5. Alles Meinige trage ich mit mir. 
— , Zeile 7. Den Selbstgenügsamen gehört das Glück. 
S. 135, Zeile 15 v. u. Wo der gute Ton hereintritt, geht 
der gesunde Verstand hinaus. 

S. 136, Zeile 14. Jedermann muß ganz glückhch sein, der 
nur von sich abhängt und in sich sein Genügen findet. 
S. 138, Zeile 5. Der Herdentrieb der Menschheit. 
— , Zeile 7. Alle Dummheit leidet am Überdruß ihrer selbst. 
S. 139, Zeile 9. Die Fabel lautet: ''Eine Gesellschaft 
Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, 
recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, 
sich vor dem Erfirieren zu schützen. Jedoch bald empfanden 
sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder 
von einander entfernte. Wann nun das Bedürfniß der Er- 
wärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte 
sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden 
hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Ent- 
fernung von einander herausgefmiden hatten, in der sie 
es am besten aushalten konnten." 

— , Zeile 20. All unser Leiden kommt daher, daß wir nicht 
allein sein können. 

— , Zeile 3 V. u. Enthaltsamkeit im Essen macht unsem 
Körper gesund, Enthaltsamkeit im Menschenverkehr die 
Seele. 

S. 141, Zeile 17. Die Erde ist mit Menschen übersät, die 
nicht verdienen, daß man mit ihnen redet. 
— , Zeile 21. Immer sucht ich des Lebens Einsamkeit 
(davon wissen Bäche und Fluren imd Wälder zu erzählen), 
um den dummen törichten Geistern zu entgehen, die den 
Himmelsweg nicht gefunden haben. 



232 ERLÄUTERUNGEN 

S. 139, Zeile 9 v. u. Man sagt manchmal von einem 
Menschen, der allein lebt, daß er die Gesellschaft nicht 
liebt. Das ist oft so, als ob man von einem Menschen sagte, 
daß er Spaziergänge nicht liebt, mit der Begründung, daß 
er nicht gern am Abend in dem Wald von Bondy spazieren 
geht. 

S. 142, Zeile 8. Alle., die schon auf Erden ein Leben 
wie im Himmel führen wollten, rufen einstimmig uns zu: 
''Siehe, ich mußte fliehen und in der Einsamkeit bleiben." 
S. 143, Zeile 8 v. u. Wage, weise zu sein. 
S. 145, Zeile 20. Nichts ist in jeder Beziehung glücklich. 
S. 146, Zeile 19. Das Caf^haus oder die neue Komödie. 
— , Zeile 8 v. u. Unser Zustand ist uns recht, wenn wir 
ihn mit keinem andern vergleichen: wer es aber nicht ver- 
tragen kann, daß ein anderer glücklicher ist, wird niemals 
glücklich sein. — Wenn du siehst, wie vielen es besser geht 
als dir, denke auch an die, denen es schlechter geht. 
S. 147, Zeile 7. Genossen des Unglücks. 
— , Zeile 18. Geniale Menschen stehen so hoch wie Mon- 
archen. 

S. 148, Zeile 10. Das Ruhende nicht bewegen. 
S. 149, Zeile 8. Der sich selbst Peinigende (den Terenz 
in einem Lustspiel gleichen Titels darstellt). 
— , Zeile 7 V. u. Der Mensch wird nicht erzogen, ohne 
daß er gestraft wird. 
S. 151, Zeile i. Verwirrt. 

S. 154, Zeile 12 v.u. Um des Lebens Kleinigkeiten des 
Lebens Ziel verfehlen. 

S. 1 5 5 , Zeile i . Willst du alle Dinge deiner Gewalt imter- 
werfen, unterwirf dich deiner Vernunft. 
— , Zeile 12. Sich enthalten und sich zurückhalten. 
— , Zeile 16. Stets überlege dir und suche den Rat der 
Weisen, wie du dein Leben gemächlich zubringen kannst, 
damit dich nicht immer rastlose Habsucht plagt und pei- 
nigt, noch die Furcht, noch die Hoffnung auf Besitz mittel- 
mäßiger Dinge. 

— , Zeile 20. Das Leben besteht in der Bewegung. 
S. 1 57, Zeile 6. Schwer ist es, in der Muße ruhig zu leben. 
— , Zeile 10 V. u. Jedem Narren gefällt seine Kappe. 



ERLÄUTERUNGEN 233 

S. 158, Zeile 2, Mit einem Kömchen Salz. 
S. 159, Zeile 2. Ich sehe dich. 

S. 160, Zeile 11 v. u. Bd. II, 942: ''Damm erfordert jede 
anhaltende Geistesarbeit Pausen und Ruhe: sonst erfolgt 
Stumpfheit und Unfähigkeit; freilich zunächst nur einst- 
weilige. Wird aber diese Ruhe dem Intellekt anhaltend 
versagt, wird er übermäßig und unausgesetzt angespannt; 
so ist die Folge eine bleibende Abstumpfung desselben, 
welche im Alter übergehen kann in gänzliche Unfähigkeit, 
in Kindischwerden, in Blödsinn und Wahnsinn." 
— , Zeile 6 v.u. Bd. II, 979 — 80: ''Denn je vollkommener 
wach Einer ist, d. h. je klärer und aufgeweckter sein Be- 
wußtsein, desto größer ist für ihn die Nothwendigkeit des 
Schlafes, also desto tiefer und länger schläft er. Vieles 
Denken, oder angestrengte Kopfarbeit wird demnach das 
Bedürfniß des Schlafes vermehren Dies darf uns je- 
doch nicht verleiten, den Schlaf über die Gebühr zu ver- 
längem; weil er alsdann an Intension, d. h. Tiefe und 
Festigkeit, verliert, was er an Extension gewinnt; wodurch 
er zum bloßen Zeitverlust wird." 
— , Zeile 5 V. u. Durch Vorwegnahme. 
S. 161, Zeile 17 v. u. Über die Beziehungen zwischen 
Körper und Moral des Menschen. 
S. 164, Zeile 14. Was unmöglich ist. 
S. 167, Zeile 17. Der Grad von Geist, der nötig ist, um 
uns zu gefallen, ist ein ganz genaues Maß des Grades 
von Geist, den wir haben. 

S. 1 72, Zeile 13 v. u. Um Kleinigkeiten kümmert sich das 
Gesetz nicht. 

S. 175, Zeile 7. Alle Kriege sind nur Raubzüge. 
— , Zeile 18. Und wenn du die Natur auszuprügeln ver- 
suchst, sie wird doch immer wieder hervorbrechen. 
S. 176, Zeile 14. Alles Nichtnatürliche ist unvollkommen. 
S. 177, Zeile 7. Niemand kann lange eine angenommene 
Maske zur Schau tragen. Alles künstlich Angenommene 
wird leicht wieder von der Natur durchbrochen. 
— , Zeile 1 2 V. u. Diese Freiheit geben wir, verlangen sie 
aber auch für uns. 
S. 179, Zeile 16 v. u. In dem Unglück unsrer besten 



234 ERLÄUTERUNGEN 

Freunde finden wir immer etwas, was uns nicht imange- 
nehm ist. 

S. 1 80, Zeile 8 v, u. Bd. II, 960: Dr. Johnson sagt: "Durch 
nichts erbittert Einer die meisten Menschen mehr, als da- 
durch, daß er seine Überlegenheit in der Konversation zu 
glänzen an den Tag legt. Für den Augenblick scheinen 
sie Wohlgefallen daran zu haben: aber in ihrem Herzen 
verfluchen sie ihn, aus Neid." 

A. d. ErzählimgZz^^^r von Merck: "Er besaß Talente, die 
ihm die Natur gegeben und die er sich durch Kenntnisse 
erworben hatte, und diese brachten zuwege, daß er in den 
meisten Gesellschaften die werthen Anwesenden weit hinter 
sich ließ. Wenn das Publikum, in dem Moment von Augen- 
weide an einem außerordentlichen Menschen, diese Vor- 
züge auch hinunterschluckt, ohne sie gerade sogleich arg 
auszulegen; so bleibt doch ein gewisser Eindruck von 
dieser Erscheinung zurück, der, wenn er oft wiederholt 
wird, für Denjenigen, der daran Schuld ist, bei ernsthaften 
Gelegenheiten künftig unangenehme Folgen haben kann. 
Ohne daß sich es Jeder mit Bewußtsein hinters Ohr schreibt, 
daß er dies Mal beleidigt war, so stellt er sich doch, bei 
einer Beförderung dieses Menschen, nicht ungern stummer 
Weise in den Weg." 

— , Zeile 6 V. u. Schopenhauer übersetzt das in Balthasar 
Gracian's "Handorakel und Kunst der Weltklugheit": "Das 
einzige Mittel, beliebt zu sein, ist, daß man sich mit der 
Haut des einfältigsten der Thiere bekleide." 
S. 183, Zeile 20. Bd. III, 5 90 f.: "Weil, was sie verbirgt, 
der Egoismus, so garstig ist, daß man es nicht sehen will, 
obschon man weiß, daß es da ist: wie man widerliche 
Gegenstände wenigstens durch einen Vorhang bedeckt 
wissen will." 

S. 184, Zeile 3 v. u. Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht 
dasselbe. 

S. 185, Zeile 4 v. u. Etwas bleibt immer hängen. 
S. 190, Zeile 22. Im Leben der Menschen geht es zu 
wie bei gewissen Spielen. Wenn das, was man am liebsten 
werfen würde, nicht fällt, muß man das, was durch Zufall 
gerade fällt, durch Kunst verbessern. 



ERLÄUTERUNGEN 235 

S. 193, Zeile 9. Bd. I, 128: "Meine Meinung nämlich 
ist ... daß jeder Ir?'thum ein Schluß von der Folge auf 
den Grund ist^ welcher zwar gilt, wo man weiß, daß die 
Folge jenen und durchaus keinen andern Grund haben 
kann; außerdem aber nicht." 

S. 195, Zeile 15. Vergessen soll, wie es um das Men- 
schengeschlecht steht. 

— , Zeile 8 v. u. Bei dem Bisse eines Flohs nach Gottes 
Hülfe schreien. 

— , Zeile 7 V. u. Vorsichtiger. 

S. 196, Zeile 3 v. u. Bd. I, 407: "Denn es gilt von den 
inneren Umständen, was von den äußeren, daß es näm- 
lich für uns keinen wirksamem Trost giebt, als die volle 
Gewißheit der unabänderlichen Nothwendigkeit. Uns quält 
ein Übel, das uns betroffen, nicht so sehr, als der Gedanke 
an die Umstände, durch die es hätte abgewendet werden 
können; daher nichts wirksamer zu unserer Beruhigung ist, 
als das Betrachten des Geschehenen aus dem Gesichts- 
punkte der Nothwendigkeit, aus welchem alle Zufälle sich 
als Werkzeuge eines waltenden Schicksals darstellen und 
wir mithin das eingetretene Übel als durch den Konflikt 
innerer und äußerer Umstände unausweichbar herbeige- 
zogen erkennen, also der Fatalismus." 
S. 197, Zeile 18. Auf demnach mein Teurer, ins Herz 

dir fasse die Lehre 
Mancher Art, daß nicht die Belohnungen alle vorbei- 

gehn! 
Mehr ja vermögen durch Rat Holzhauende, minder durch 

Stärke; 
Auch durch Rat nur lenket im dunkeln Meere der Steurer 
Sein schnellwandelndes Schiff, das stürmender Winde Ge- 
walt wirft: 
So durch Rat auch besiegt ein Wagenlenker den andern. 
Wer allein dem Gespann' und dem rollenden Wagen ver- 
trauet. 
Ohne Bedacht in das Weite verliert er sich dorthin und 

dahin, 
Wild auch schweifen die Ross' und unbezähmt in der 

Rennbahn. 



2 3 6 ERLÄUTERUNGEN 

Doch wer den Vorteil kennt und schlechtere Rosse daher- 

treibt, 
Immer schaut er das Ziel und beugt kurzum und ver- 
gißt nie, 
Welchen Strich er zuerst sie gelenkt mit Seilen von Stier- 
haut; 
Nein fest hält er den Lauf und merkt auf den Vorderen 

achtsam. 
Deutlich muß ich das Ziel dir verkündigen, daß du nicht 

fehlest. 
S. 197, Zeile 2 v. u. Man erreicht nur diurch Gewalt etwas 
in der Welt, ujid man stirbt mit den Waffen in der Hand. 
S. 198, Zeile 5. Weiche nicht aus den Übeln, sondern 
gehe ihnen entgegen mit höherem Mut. 
— , Zeile 1 2 . Und wenn die Welt zusammenbricht, einen 
Unerschütterten werden die Trümmer treffen. 
— , Zeile 17. Deswegen lebet tapfer und stellt dem Miß- 
geschick kühn die Brust entgegen. 

— , Zeile 1 2 V. u. Die Natur der Dinge hat mit dem Leben 
Furcht und Entsetzen verknüpft, die Leben und Dasein 
erhalten, drohendes Übel aber vertreiben sollen. Jedoch 
diese selbe Natur vermag dabei das genaue Maß nicht ein- 
zuhalten: mit der heilsamen Furcht verbindet sie sinnlose 
und unbegründete; so daß, wenn man tief in alle Wesen 
hinein sehen könnte, zumal in die Menschen, man sie er- 
füllt von dauerndem panischen Schrecken fände. 
S. 199, Zeile 4. Wer nicht die Geistesart seines Alters 
hat, der hat all das Unglück seines Alters. 
— , Zeile 18. Bd. II, 11 60: "In der Kindheit nämlich ist, 
wie beim Genie, das Cerebral- und Nervensystem ent- 
schieden überwiegend: denn seine Entwickelung eilt der des 
übrigen Organismus weit voraus; so daß bereits mit dem 
siebenten Jahre das Gehirn seine volle Ausdehnung und 

Masse erlangt hat Am spätesten hingegen fängt die 

Entwickelung des Genitalsystems an, und erst beim Eintritt 
des Mannesalters sind Irritabilität, Reproduktion und Ge- 
nitalfunktion in voller Kraft, wo sie dann, in der Regel, 
das Übergewicht über die Gehirnfunktion haben. Hieraus 
ist es erklärlich, daß die Kinder, im Allgemeinen, so klug. 



ERLÄUTERUNGEN 237 

vernünftig, wißbegierig und gelehrig, ja, im Ganzen zu 
aller theoretischen Beschäftigung aufgelegter und taug- 
licher, als die Erwachsenen, sind: sie haben nämlich in 
Folge jenes Entwickelungsganges mehr Intellekt als Wil- 
len, d. h. als Neigung, Begierde, Leidenschaft. Denn In- 
tellekt und Gehirn sind Eins, und eben so ist das Genital - 
System Eins mit der heftigsten aller Begierden: daher ich 
dasselbe den Brennpunkt des Willens genannt habe." 
S. 200, Zeile 12. Im Lichte der Ewigkeit. 
S. 201, Zeile2o. Bd. II, 1132: ''In dem hier bezeichneten 
Sinne kann man Jedem ein zwiefaches Dasein beilegen. Als 
Wille, mid daher als Individuum, ist er nur Eines und dieses 
Eine ausschließlich, welches ihm vollauf zu thun und zu 
leiden giebt. Als rein objektiv Vorstellendes ist er das reine 
Subjekt der Erkenntniß, in dessen Bewußtsein allein die 
objektive Welt ihr Dasein hat: als solches ist er alle Dinge ^ 
sofern er sie anschaut, und in ihm ist ihr Dasein ohne 
Last und Beschwerde. Es ist nämHch sein Dasein, sofern 
es in seiner Vorstellung existirt: aber da ist es ohne Wille. 
Sofern es hingegen Wille ist, ist es nicht in ihm. Wohl 
ist Jedem in dem Zustande, wo er alle Dinge ist; wehe da, 
wo er ausschließlich Eines ist." 

S. 203, Zeile 4. Bd. II, 1 136: '''Hinter jenem vorspringen- 
den Felsen müßte die wohlberittene Schaar der Freunde 
meiner harren, — an jenem Wasserfall die Geliebte ruhen — 
dieses schön beleuchtete Gebäude ihre Wohnung und jenes 
umrankte Fenster das ihrige sein: — aber diese schöne Welt ist 
öde für mich!' usw. Dergleichen melancholische Jünglings- 
schwärmereien verlangen eigentlich etwas sich geradezu 
Widersprechendes. Denn die Schönheit, mit der jene Ge- 
genstände sich darstellen, beruht gerade auf der reinen 
Objektivität, d. i. Interessenlosigkeit, ihrer Anschauung, 
und würde daher durch die Beziehung auf den eigenen 
Willen, welche der Jüngling schmerzlich vermißt, sofort 
aufgehoben, mithin der ganze Zauber, der ihm jetzt einen, 
wenn auch mit einer schmerzlichen Beimischung versetz- 
ten Genuß gewährt, gar nicht vorhanden sein." 
— , Zeilen. Bd.II, 1198: "Durch jene poetische Tendenz 
der Jugend wird dann leicht der Sinn für die Wirklichkeit 



2 3 8 ERLÄUTERUNGEN 

verdorben. Denn von dieser unterscheidet die Poesie sich 
dadurch, daß in ihr das Leben interessant und doch schmerz- 
los an uns vorüberfließt; dasselbe hingegen in der Wirklich- 
keit, so lange es schmerzlos ist, uninteressant ist, sobald- es 
aber interessant wird, nicht ohne Schmerzen bleibt." 
S. 205, Zeile 9 v. u. "Gleichwohl gibt es eine (sehr un- 
eigentlich sogenannte) Misanthropie, wozu die Anlage sich 
mit dem Alter in vieler wohldenkenden Menschen Gemüt 
einzufinden pflegt, welche zwar, was das Wohlwollen betrifft, 
philanthropisch genug ist, aber vom Wohlgefallen an Men- 
schen durch eine lange traurige Erfahrung weit abgebracht 
ist . . . Falschheit, Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, das 
Kindische in den von uns selbst für wichtig und groß ge- 
haltenen Zwecken, in deren Verfolgimg sich Menschen 
selbst und untereinander alle erdenklichen Übel antun, 
stehen mit der Idee dessen, was sie sein könnten, wenn 
sie wollten, so im Widerspruch, und sind dem lebhaften 
Wunsche, sie besser zu sehen, so sehr entgegen, daß, inn 
sie nicht zu hassen, da man sie nicht lieben kann, die 
Verzichtung auf alle gesellschaftlichen Freuden nur ein 
kleines Opfer zu sein scheint. Diese Traurigkeit, nicht 
über die Übel, welche das Schicksal über andere Men- 
schen verhängt (wovon die Sympathie Ursache ist), son- 
dern die sie sich selbst antun (welche auf der Antipathie 
in Grundsätzen beruht) ist, weil sie auf Ideen beruht, er- 
haben, indessen daß die erstere allenfalls nur für schön 
gelten kann." 

S. 208, Zeile 5 v. u. Eine völlig notwendige Bedingung. 
S. 217, Zeile 2 v.u. Höre auf zu klagen: Arm ist der 
nicht, dem seines Besitzes Gebrauch genügt. 
S. 218, Zeile 15. Wenn das Leben wächst, wächst mit 
Gesundheit und Krankheit. 
S. 219, Zeile 15 v. u. Totengesicht. 
— , Zeile 2 V. u. Bd. II, 1248: "Und nun endlich gar der 
eigentlich naturgemäße Tod, der durch das Alter, die Eu- 
thanasie, ist ein allmähges Verschwinden und Verschweben 
aus dem Dasein, auf unmerkHche Weise. Nach und nach 
erlöschen im Alter die Leidenschaften und Begierden, mit 
der Empfänglichkeit für ihre Gegenstände; die Affekte fin- 



ERLÄUTERUNGEN 239 

den keine Anregung mehr: denn die vorstellende Kraft 
wird immer schwächer, ihre Bilder matter, die Eindrücke 
haften nicht mehr, gehen spurlos vorüber, die Tage rollen 
immer schneller, die Vorfälle verlieren ihre Bedeutsam- 
keit, Alles verblaßt. Der Hochbetagte wankt umher, oder 
ruht in einem Winkel, nur noch ein Schatten, ein Ge- 
spenst eines ehemaligen Wesens. Was bleibt da dem Tode 
noch zu zerstören? Eines Tages ist dann ein Schlummer 

der letzte, und seine Träume sind Es sind die, nach 

welchen schon Hamlet fragt, in dem berühmten Monolog. 
Ich glaube, wir träumen sie eben jetzt." 
S. 221, Zeile 3 . Wer lange lebt, hat viel Leid zu ertragen. 
S. 222, Zeile 12. Der Nehmende imd der Gebende. 



In seinem hinterlassenen, mit Papier durchschossenen 
Handexemplar der Ausgaben letzter Hand hat Schopen- 
hauer schriftliche Zusätze für die weiteren Auflagen ge- 
macht. Sie sind in dieser Ausgabe unter den Text gestellt 
und mit f bezeichnet, während die Anmerkimgen der 
Ausgabe letzter Hand ein * zeigen. 



INHALT 



VORWORT von Max Brahn 5 

APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT 

EINLEITUNG 15 

KAPITEL I. Gmndeintheilung 16 

KAPITEL II. Von dem, was einer ist 24 

KAPITEL m. Von dem, was einer hat 50 

KAPITEL IV. Von dem, was einer vorstellt 57 

KAPITEL V. Paränesen und Maximen 116 

KAPITEL VI. Vom Unterschiede der Lebensalter 199 

ERLÄUTERUNGEN von Max Brahn 223 



DRUCK VON BREITKOPF 
UND HÄRTEL IN LEIPZIG 



INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 



" Taschen-Ausgaben " 

im Format der Wilhelm-Ernst-Ausgabe 



GOETHES FAUST. Gesamt- 
ausgabe. Enthaltend den Ur- 
faust; Das Fragment (1790); Die 
Tragödie I. u.U. Teil; Paralipo- 
mena. Herausgegeben von H. G. 
Graf. ^6. bis 40> Tausend. In 
Lernen M. 3.50; in Leder M. 5. — . 

Pädagogisches Archiv: Diese 
prächtige Taschenausgabe des 
Faust wird jedem Goethefreund 
hellste Freude machen. Es ist die 
schönste und bequemste Hand- 
ausgabe, die wir haben, wie zum 
Genießen bestimmt, unbeschwert 
von Einleitungen. 



GOETHES WEST-ÖSTLI- 
CHER DIVAN. Gesamt- 
ausgabe mit dem arabischen 
Titel der Ausgabe von 1819. In 
Leinen M. 3. — ; in Leder M. 4.50. 

Hannoversches Tageblatt: Dnfch 
die mustergültige Anordnung und 
stilvolle Ausstattung ist dem 
köstlichen Weltbrevier der Rang 
angewiesen, der ihm im Werke 
Goethes gebührt. Wir zweifeln 
nicht, daß diese Ausgabe vielen 
Freude machen wird. 



GOETHES ITALIENISCHE 
REISE. Herausgegeben von 
Kurt jfahn. In Leinen M. 4. — ; 
in Leder M. 5. — . 



HEINRICH HEINE: BUCH 
DER LIEDER. Titel- und Ein- 
bandzeichnung von Walter Tie- 
mann. In Leinen M. 3. — ; in 
Leder M. 4.50. 



KÖRNERS WERKE, in einem 
Bande. Herausgegeben von Wer- 
ner Deetjen. In Leder M. 3.50« 

KarlHansStrobl: Die jugendliche 
Freude an Körner wieder aufzu- 
frischen ist dieses schöneBuch un- 
bedingt geeignet. Man wird sich 
gerne von ihm begleiten lassen 
und wird die unbefangene Art 
seines Dichtens von neuem lieb 
gewinnen. 



MORGENLÄNDISCHE ER- 
ZÄHLUNGEN FÜR DIE 
JUGEND (Palmblätter). Nach 
der von A. J. Liebeskind und 
J. G. Herder veranstalteten Aus- 
gabe neu herausgegeben von 
Hermann Hesse. In Leinen 
M. 4. — ; in Leder M. 5. — . 

Aus Hess es Nachwort: Die Palm- 
blätter atmen alle ohne Aus- 
nahme die edelkühle, reine Luft 
jener Menschlichkeitsideale, die 
das Fundament der Weimarer 
Geisteskultur waren und die wir 
alle aus Lessings Nathan kennen 
und verehren. Wir haben heute 
keine solche Moral mehr, doch 
sehe ich darin keinen Grund, die 
schöneGebärdezumißachten,mit 
der Liebeskind diese Geschichten 
erzählt hat. Meine Auswahl war 
freilich nur von dichterischen 
Grundsätzen geleitet,und ich habe 
nicht die edelmütigsten, weder 
die schönsten Geschichten ausge- 
sucht. Einige von ihnen halte 
ich heute noch für Meisterstücke 
einer kultivierten Erzählerkunst. 



Großherzog Wilhelm Ernst- 
Ausgabe deutscher Klassiker 

GOETHES SÄMTLICHE WERKE IN SECHZEHN 
BÄNDEN. Herausgeber: Hans Gerhard Gräf^ Max 
Hecker^ Kurt Jahn^ Carl Schüddekopf. 

Bisher sind erschienen: 

I. IL: ROMANE UND NOVELLEN. Zwei Bände. In Ledern M. 
— in.: DICHTUNG UND WAHRHEIT. In Leder 6 M. — 
IV.: ITALIENISCHE REISE; KAMPAGNE IN FRANKREICH 
1792; BELAGERUNG VON MAINZ 1793. In Leder 6 M. — 
V.: ANNALEN UND KLEINERE AUTOBIOGRAPHISCHE 
SCHRIFTEN. In Leder M. 5.50. — VI.-VIII.: DRAMEN. Drei 
Bände. In Leder M. 17.50. — IX. X.: KUNST-SCHRIFTEN. 
2 Bände. In Leder 12 M. — XL: ÜBERSETZUNGEN UND 
BEARBEITUNGEN. In Leder M. 6.50. — XIL XIIL: AUF- 
SÄTZE ZUR KULTUR-, THEATER- UND LITERATURGE- 
SCHICHTE. MAXIMEN. REFLEXIONEN. 2 Bände. In Leder 
12 M. — XIV. XV.: DIE LYRISCHEN UND EPISCHEN DICH- 
TUNGEN IN ZEITLICHER FOLGE. 2 Bände. In Leder 12 M. 

SCHILLERS SÄMTLICHE WERKE, in sechs 
Bänden. Herausgegeben von Albert Köster und Max 
Hecker. In Leinen 22 M.; in Leder 30 M. 

Die Bände sind einzeln zum Preise von je 4 M. in Leinen und 
5 M. in Leder erschienen : Dramen I. Teil. Dramen II. Teil. 
Gedichte und Erzählungen. Historische Schriften. Philosophische 
Schriften. Übersetzungen. 

SCHOPENHAUERS WERKE, in fünf Bänden. In 
Leinen 22 M. ; in Leder 28 M. 

Einzeln sind die Bände wie folgt zu beziehen: 
DIE WELT ALS WILLE UND VORSTELLUNG. Zwei Bände. 
Herausgegeben von Eduard Grisebach. In Leinen 9 M.; in Leder 
II M. — KLEINERE SCHRIFTEN. Herausgegeben von Max 
Brahn. In Leinen 5 M. ; in Leder 7 M. — PARERGA UND 
PARALIPOMENA. Zwei Bände. Herausgegeben von Hans 
Henning. In Leinen 9 M. ; in Leder 11 M. 

IMMANUEL KANTS WERKE. Sechs Bände. Heraus- 
gegeben von Felix Groß. Jeder Band in Leinen 6 M. ; 

in Leder 7.50 M. Bisher sind erschienen: 
I. VERMISCHTE SCHRIFTEN (Anthropologie, Streit der Fakul- 
täten). — n. NATURWISSENSCHAFTLICHE SCHRIFTEN. — 
m. KRITIK DEk REINEN VERNUNFT. — IV, KLEINERE 
PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN.